Bain und Chiad hatten darauf bestanden, sie zu begleiten. Die beiden hockten in der Nähe, die Shoufa um die Köpfe gewunden, und beobachteten sie mit verstimmten Mienen. Sulin hatte mit allen Töchtern des Speers mitkommen wollen, aber bei hundert überall in Umlauf befindlichen Geschichten von Aiel-Überfällen genügte der Anblick eines Aiel, damit die meisten Menschen in Amadicia davonliefen oder nach einem Schwert griffen. Es mußte etwas Wahres an diesen Geschichten sein, sonst würden nicht so viele Menschen einen Aiel erkennen, obwohl nur das Licht allein wußte, wer sie waren oder woher sie kamen.
Zwanzig von Alliandres Soldaten und ebenso viele mayenische Beflügelte Wächter bildeten so nahe an Abila gewiß eine ausreichende Eskorte. Die roten oder grünen Wimpel an ihren Lanzen hoben sich wie Bänder, wenn der Wind auffrischte. Der einzige Wermutstropfen war Berelains Anwesenheit, obwohl es belustigend war, die Frau in ihrem pelzbesetzten roten Umhang, der die Dicke zweier Decken hatte, zittern zu sehen, denn in Mayene gab es keinen richtigen Winter. Er entsprach allenfalls den letzten Herbsttagen. In Saldaea konnte der tiefste Winter entblößte Haut so hart wie Holz gefrieren. Faile atmete tief ein. Sie verspürte das Verlangen zu lachen.
Durch irgendein Wunder hatte ihr Ehemann, ihr geliebter Wolf, begonnen, sich so zu verhalten, wie er es sollte. Anstatt Berelain anzuschreien oder vor ihr davonzulaufen, tolerierte Perrin die Schmeicheleien des Weibsstücks jetzt, tolerierte sie eindeutig auf die Art, wie er ein um seine Knie spielendes Kind dulden würde. Und das beste von allem war, daß sie ihren Ärger nicht mehr unterdrücken mußte, wenn sie ihn herauslassen wollte. Wenn sie schrie, schrie er zurück. Sie wußte, daß er kein Saldaeaner war, aber das Gefühl, daß er sie für zu schwach gehalten hatte, sich gegen ihn zu behaupten, hatte sie schwer belastet. Sie hätte ihn vor wenigen Tagen beim Abendessen beinahe darauf aufmerksam gemacht, daß Berelain aus ihrem Gewand fallen würde, wenn sie sich noch weiter über den Tisch beugte. Nun, so weit würde sie nicht gehen, nicht bei Berelain. Die Hure glaubte noch immer, sie könnte ihn für sich gewinnen. Gerade heute morgen war er gebieterisch gewesen, hatte keinen Einwand gelten lassen, die Art Mann, bei dem eine Frau wußte, daß sie stark sein mußte, um ihn zu verdienen, um ihm gleichzukommen. Sie würde ihn deswegen natürlich noch zur Rechenschaft ziehen müssen. Ein gebieterischer Mann war wunderbar, solange er nicht zu glauben begann, er könne stets befehlen. Lachen? Sie hätte singen mögen!
»Maighdin, ich denke, ich werde nach allem...«
Maighdin stand sofort mit fragendem Lächeln an ihrer Seite, aber Falle brach beim Anblick von drei Reitern vor ihr ab, die so rasch, wie sie ihre Pferde antreiben konnten, durch den Schnee pflügten.
»Zumindest gibt es viele Hasen, meine Lady«, sagte Alliandre, während sie ihren großen weißen Wallach neben Schwalbe führte. »Aber ich hatte gehofft... Wer sind sie?« Ihr Falke regte sich auf ihrem dicken Handschuh, so daß die Glocken an seinen Fußriemen klangen. »Es sind anscheinend einige Eurer Leute, meine Lady.«
Falle nickte grimmig. Sie erkannte sie ebenfalls. Parelean, Arrela und Lacile. Aber was taten sie hier?
Die drei verhielten ihre Dampfwolken ausstoßenden Pferde vor Falle. Parelean wirkte ebenso verstört wie sein Schecke. Lacile, deren blasses Gesicht in der tiefen Kapuze ihres Umhangs fast verborgen war, schluckte ängstlich, und Arrelas dunkles Gesicht schien grau. »Meine Lady«, sagte Parelean hastig, »wir bringen schlechte Nachrichten! Der Prophet Masema hat sich mit den Seanchanern getroffen!«
»Mit den Seanchanern!« entfuhr es Alliandre. »Er kann doch wohl nicht glauben, sie würden sich dem Lord Drache anschließen!«
»Es ist vielleicht viel einfacher«, sagte Berelain und drängte ihre auffällige weiße Stute an Alliandres Seite. Da Perrin nicht da war, den es zu beeindrucken galt, trug sie ein dunkelblaues, recht sittsam geschnittenes Reitgewand, das bis zum Hals geschlossen war. Sie zitterte noch immer. »Masema mag die Aes Sedai nicht, und die Seanchaner halten Frauen, welche die Macht lenken können, als Gefangene.«
Falle schnalzte verärgert mit der Zunge. Das waren wirklich schlechte Nachrichten, wenn sie zutrafen. Sie konnte nur hoffen, daß Parelean und die übrigen sich noch genug Verstand bewahrt hatten, wenigstens vorzugeben, sie hätten nur zufällig darüber reden hören. Aber auch wenn dem so war, brauchte sie Gewiß-heit — und zwar rasch. Perrin könnte Masema bereits erreicht haben. »Welchen Beweis habt Ihr, Parelean?«
»Wir haben mit drei Bauern gesprochen, die vor vier Nächten ein großes Flugwesen landen sahen, meine Lady. Es brachte eine Frau heran, die zu Masema geführt wurde und drei Stunden bei ihm blieb.«
»Wir konnten ihrem Weg bis zu Masemas Aufenthaltsort in Abila folgen«, fügte Lacile hinzu.
»Die drei Männer hielten das Wesen für Schattengezücht«, warf Arrela ein, »aber sie schienen ziemlich zuverlässig.« Wenn sie sagte, daß irgend jemand, der nicht zur Cha Faile gehörte, ziemlich zuverlässig war, dann war das genauso, als wenn andere sagten, sie hielten ihn für grundehrlich.
»Ich muß unverzüglich nach Abila reiten«, sagte Faile und nahm Schwalbes Zügel auf. »Alliandre, nehmt Maighdin und Berelain mit Euch.« Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte es sie amüsiert, daß Berelain bei ihren Worten die Lippen zusammenpreßte. »Parelean, Arrela und Lacile werden mich begleiten ...« Ein Mann schrie, und alle zuckten zusammen.
Fünfzig Schritt entfernt stürzte einer von Alliandres mit grünen Jacken bekleideten Soldaten aus dem Sattel, und kurz darauf fiel auch ein Beflügelter Wächter, aus dessen Kehle ein Pfeil ragte. Aiel tauchten zwischen den Bäumen auf, verschleiert und im Lauf Bogen handhabend. Weitere Soldaten fielen. Bain und Chiad waren aufgesprungen, deren dunkle Schleier ihre Gesichter bis auf die Augen verbargen. Sie gingen geschickt mit ihren Bogen um, aber sie warfen Faile auch besorgte Blicke zu. Überall um sie herum waren Aiel, anscheinend Hunderte, eine große, sie umschließende Schlinge. Berittene Soldaten senkten ihre Lanzen und bildeten einen weiten Kreis um Faile und die übrigen, aber es entstanden sofort Lücken, als Aiel-Pfeile ihr Ziel trafen.
»Jemand muß diese Nachrichten über Masema Lord Perrin überbringen«, erklärte Faile Parelean und den beiden Frauen. »Jemand von Euch muß ihn erreichen! Reitet wie der Wind!« Ihr Blick schloß auch Alliandre und Maighdin ein. Und Berelain ebenfalls. »Ihr alle, reitet wie der Wind, oder sterbt hier!« Faile wartete kaum auf ihr bestätigendes Nicken, sondern ließ ihren Worten Taten folgen, indem sie Schwalbe die Fersen in die Flanken bohrte und den nutzlosen Kreis der Soldaten durchbrach. »Reitet!« schrie sie. Jemand mußte Perrin warnen. »Reitet!«
Sie beugte sich tief über Schwalbes Hals und trieb die schwarze Stute zu schnellem Lauf an. Flinke Hufe wirbelten Schnee auf, während Schwalbe leicht wie ihre Namensvetterin dahinschnellte. Hundert Schritt lang glaubte Faile, sie könnte entkommen. Doch dann schrie Schwalbe auf, stolperte und schlug mit dem scharfen Knacken eines gebrochenen Beins auf dem Boden auf. Faile flog durch die Luft und traf hart auf, wobei ihr der Atem aus den Lungen entwich, als sie mit dem Gesicht voran in den Schnee eintauchte. Sie rang nach Luft, kämpfte sich hoch und riß einen Dolch aus ihrem Gürtel. Schwalbe hatte geschrien, bevor sie gestolpert war, vor diesem schrecklichen Knacken.
Ein verschleierter Aiel ragte wie aus dem Nichts vor Faile auf und hieb mit starren Fingern auf ihr Handgelenk ein. Der Dolch entfiel ihren gefühllosen Fingern, und bevor sie mit der linken Hand einen weiteren Dolch zücken konnte, war der Mann schon über ihr.