»Das ist im Moment vielleicht noch nicht notwendig«, sagte Adeleas zu Aviendha, während sie sich im Sattel vorbeugte, »aber Ihr müßt Euch von uns anleiten lassen.« Der Tonfall der Braunen Schwester klang weitaus sanfter, als der Tonfall der anderen Frauen geklungen hatte, und dennoch waren ihre Worte nicht als Vorschlag gedacht.
Vor ungefähr einem Monat hätte Aviendha unter all der Mißbilligung der Aes Sedai vielleicht den Mut verloren, aber jetzt nicht mehr. Elayne zwängte sich hastig zwischen den Pferden hindurch, bevor ihre Freundin den Dolch zu ziehen beschloß, den sie liebkoste, oder etwas noch Schlimmeres tat. »Vielleicht sollte einmal jemand fragen, warum sie es für nötig gehalten hat«, sagte sie und legte schützend einen Arm um Aviendhas Schultern.
Aviendha schloß sie in den gereizten Blick nicht mit ein, den sie den anderen Schwestern zuwarf. »Nach dem, was ich getan habe, bleibt nichts von dem Wegetor übrig«, sagte sie geduldig. Zu geduldig. »Andernfalls könnten die Überreste eines solch großen Gewebes noch in zwei Tagen erkannt werden.«
Merilille schnaubte vernehmlich. »Es ist ein seltenes Talent, Mädchen. Weder Teslyn noch Joline besitzen es. Oder wird es Aiel-Wilden beigebracht?«
»Nur wenige besitzen dieses Talent«, räumte Aviendha gelassen ein. »Ich aber schon.« Nun wurde sie anders angesehen, auch von Elayne. Es war ein sehr seltenes Talent. Sie schien es nicht zu bemerken. »Wollt Ihr behaupten, daß keine der Schattenseelen es besitzt?« fuhr sie fort. Die Anspannung ihrer Schultern unter Elaynes Hand zeigte, daß sie nicht so gelassen war, wie sie vorgab. »Seid Ihr solche Narren, daß Ihr Spuren hinterlaßt, denen Eure Feinde folgen können?
Jedermann, der die Überreste erkennen kann, könnte ein Wegetor zu diesem Ort eröffnen.«
Das hätte normalerweise ihre Redegewandtheit, ihre sehr große Redegewandtheit, herausgefordert, aber die Behauptung genügte, Merilille nur schweigend blinzeln zu lassen. Adeleas öffnete den Mund und schloß ihn dann lautlos wieder, und Vandene runzelte nachdenklich die Stirn, während Sareitha einfach nur besorgt wirkte. Wer wußte schon, welche Talente die Verlorenen besaßen?
Seltsamerweise wich alle Wut aus Aviendha. Sie senkte den Blick und lockerte ihre Schultern. »Vielleicht hätte ich das Wagnis nicht auf mich nehmen sollen«, murrte sie. »Ich konnte nicht klar denken, weil mich dieser Mann beobachtet hat, und als er verschwand...« Ein kleiner Teil ihrer Entschlossenheit kehrte zurück. »Ich glaube nicht, daß ein Mann meine Gewebe erkennen könnte«, sagte sie zu Elayne, »aber wenn er eine der Schattenseelen war, oder sogar der Gholam... Die Schattenseelen wissen mehr als wir alle. Wenn ich mich geirrt habe, dann habe ich großes Toh. Aber ich glaube nicht, daß ich mich geirrt habe. Ich glaube es einfach nicht.«
»Welcher Mann?« fragte Nynaeve. Ihr Hut war verrutscht, als sie sich zwischen den Pferden hindurchgezwängt hatte, und diese Tatsache wie auch das angespannte Stirnrunzeln, mit dem sie jedermann gleichermaßen bedachte, ließ sie kampfbereit aussehen. Vielleicht war sie es auch. Careanes Wallach stieß sie versehentlich mit der Schulter an, und sie schlug dem Grauen auf die Nase.
»Ein Diener«, sagte Merilille beiläufig. »Welche Befehle Tylin auch immer erteilt hat — altarenische Diener sind unabhängige Leute, Oder vielleicht war es ihr Sohn. Dieser Junge ist viel zu neugierig.«
Die sie umgebenden Schwestern nickten, und Careane bemerkte: »Einer der Verlorenen wäre kaum dort stehengeblieben und hätte abgewartet. Das habt Ihr selbst gesagt.« Sie tätschelte den Hals ihres Wallachs und sah Nynaeve vorwurfsvoll an — Careane war eine derjenigen, die ihrem Pferd die Zuneigung zukommen ließen, welche die meisten Menschen ihren Kindern zugedachten.
»Vielleicht war es ein Diener, vielleicht war es auch Beslan. Vielleicht.« Nynaeves Schnauben verdeutlichte, daß sie es nicht glaubte — oder daß sie die übrigen glauben machen wollte, daß sie es nicht glaubte. Sie konnte jemandem ins Gesicht sagen, er sei ein Dummkopf, aber wenn irgend jemand sonst es sagte, würde sie denjenigen verteidigen, bis sie heiser wäre. Natürlich schien sie nicht bereit zu entscheiden, ob sie Aviendha mochte, aber die ältere Aes Sedai mochte sie unzweifelhaft nicht. Sie zog ihren Hut fast gerade, bedachte sie erneut mit ihrem finsteren Gesichtsausdruck und fuhr dann fort: »Gleichgültig, ob es Beslan oder der Dunkle König war — es ist kein Grund, den ganzen Tag hier herumzustehen. Wir müssen uns bereitmachen und zum Bauernhof weiterziehen. Nun? Auf geht's!« Sie klatschte laut in die Hände, und sogar Vandene zuckte leicht zusammen.
Es war nur noch wenig vorzubereiten, als die Schwestern ihre Pferde davonführten. Lan und die anderen Behüter hatten sich nicht ausgeruht, nachdem sie erkannt hatten, daß keine Gefahr bestand. Einige der Diener waren wieder durch das Wegetor zurückgekehrt, bevor Aviendha es losließ, aber die übrigen standen mit den ungefähr drei Dutzend Packpferden da und schauten gelegentlich zu den Aes Sedai, wobei sie sich offenbar fragten, welches Wunder sie als nächstes herbeizaubern würden. Die Windsucherinnen waren alle auf ihre Pferde gestiegen, wenn auch unbeholfen, und hielten die Zügel so fest, als erwarteten sie, daß ihre Pferde jeden Moment davongaloppieren oder vielleicht Schwingen ausbreiten und losfliegen würden. Das gleiche galt für den Zirkel, auch wenn die Frauen anmutiger wirkten, unbesorgt, daß ihre Röcke und Unterröcke über die Knie rutschten.
Ispan war noch immer mit verhülltem Kopf und wie ein Sack auf einen Sattel gebunden. Sie hätte auf einem Pferd wahrscheinlich auch nicht aufrecht sitzen können, aber selbst Sumekos Augen traten hervor, wann immer ihr Blick auf sie fiel.
Nynaeve sah sich um und schien bereit, jedermann mit Worten dazu anzutreiben, das zu tun, was bereits getan worden war, aber nur bis Lan ihr die Zügel ihrer rundlichen braunen Stute reichte. Sie hatte ein besseres Pferd als Geschenk von Tylin standhaft abgelehnt. Ihre Hand zitterte leicht, als sie Lans Hand berührte, und ihr Gesicht wechselte die Farbe, während sie den Zorn hinunterschluckte, den sie hatte entfesseln wollen. Als er ihr in den Sattel helfen wollte, sah sie ihn einen Moment an, als frage sie sich, was er vorhätte, aber dann errötete sie erneut, als er sie tatsächlich in den Sattel hob. Elayne konnte nur den Kopf schütteln. Sie hoffte, daß sie nicht einfältig wurde, wenn sie heiratete. Wenn sie heiratete.
Birgitte brachte Elaynes silbergraue Stute und den Graubraunen heran, den Aviendha ritt, aber sie verstand anscheinend, daß Elayne mit Aviendha unter vier Augen sprechen wollte. Sie nickte, fast als ob Elayne ihren Wunsch ausgesprochen hätte, schwang sich auf ihren mausgrauen Wallach und ritt zu den anderen Behütern. Sie begrüßten sie mit einem Nicken und besprachen dann leise etwas. Den Blicken nach zu urteilen, die sie den Schwestern zuwarfen, hatte dieses »Etwas« damit zu tun, sich vor den Aes Sedai in acht zu nehmen, ob die Aes Sedai dies wollten oder nicht. Einschließlich ihr selbst, bemerkte Elayne grimmig.
Aber jetzt war dafür keine Zeit. Aviendha stand da, spielte mit den Zügeln ihres Pferdes und betrachtete das Tier, wie eine Novizin eine Küche voller fettiger Töpfe betrachtet. Für Aviendha machte es höchstwahrscheinlich kaum einen Unterschied, Töpfe schrubben oder reiten zu müssen.
Elayne glättete ihre grünen Reithandschuhe, wendete ihre Stute Löwin leicht, um sie vor den Blicken der übrigen abzuschirmen, und berührte dann Aviendhas Arm. »Es wäre vielleicht hilfreich, mit Adeleas oder Vandene zu sprechen«, sagte sie sanft. Sie mußte hier sehr behutsam vorgehen, so vorsichtig wie bei jedem Ter'angreal. »Sie sind alt genug, um mehr zu wissen, als du vielleicht vermutest. Es muß einen Grund dafür geben, warum du ... Schwierigkeiten mit ... dem Schnellen Reisen hast.« Das war müde ausgedrückt. Aviendha konnte das Gewebe anfangs fast überhaupt nicht mehr gestalten. Vorsichtig. Aviendha war weitaus wichtiger, als jegliches Ter'angreal jemals sein konnte. »Sie könnten dir vielleicht helfen.«