Moghedien schlang die Arme um sich und warf der silberhaarigen Frau einen finsteren Blick zu, was so gut wie jede mündliche Bestätigung war. Plötzlich öffneten sich Cyndanes große Augen noch weiter, und sie keuchte unter Schaudern.
Moghediens Blick wurde hämisch. »Ihr habt gegenwärtig die Führung inne«, höhnte sie. »Ihr steht in seinen Augen nicht viel höher als ich.« Und dann erschauderte sie und zitterte und biß sich auf die Lippen.
Graendal fragte sich, ob man mit ihr spielte. Der unverhüllte gegenseitige Haß auf den Gesichtern der beiden Frauen schien nicht vorgetäuscht. Wie dem auch sei — sie würde erleben, wie es ihnen gefiele, wenn man mit ihnen spielte. Sie rieb sich unbewußt die Hände, strich über das Angreal an ihrem Finger und trat zu einem Stuhl, ohne das Paar aus den Augen zu lassen. Es tröstete sie, die Süße Saidars in sich strömen zu spüren. Nicht daß sie Trost gebraucht hätte, aber hier stimmte etwas nicht. Die hohe, gerade Rückenlehne, reich geschnitzt und vergoldet, ließ den Stuhl an einen Thron erinnern, obwohl er sich nicht von den anderen Stühlen im Raum unterschied. Solche Dinge beeinflußten auch die Erfahrensten auf Ebenen, deren sie sich niemals bewußt wurden.
Sie lehnte sich mit übereinandergeschlagenen Beinen zurück, ein Fuß wippte müßig — das Bild einer sich wohl fühlenden Frau —, und sie gab ihrer Stimme einen gelangweilten Unterton. »Da Ihr die Führung innehabt, Kind, sagt mir doch, wer ist dieser Mann, der sich der Tod nennt, wenn er in menschlicher Gestalt erscheint. Was ist er?«
»Moridin ist Nae'blis.« Die Stimme des Mädchens klang ruhig und kalt und überheblich. »Der Große Herr hat beschlossen, daß es an der Zeit ist, daß auch Ihr dem Nae'blis dient.«
Graendal richtete sich ruckartig auf. »Das ist lächerlich.« Sie konnte ihre Verärgerung nicht verbergen. »Ein Mann, von dem ich noch niemals auch nur gehört habe, wurde zum Regenten des Großen Herrn auf Erden ernannt?« Es kümmerte sie nicht, wenn andere sie zu manipulieren versuchten — sie fand stets eine Möglichkeit, solche Pläne gegen sie selbst zu kehren —, aber Moghedien mußte sie für eine Närrin halten! Sie hegte keinen Zweifel, daß dieses abscheuliche Mädchen an Moghediens Fäden hing, was auch immer sie behaupteten, welche Blicke auch immer sie sich zuwarfen. »Ich diene dem Großen Herrn und mir selbst, niemandem sonst! Ich denke, Ihr beide solltet jetzt gehen und Euer kleines Spiel woanders spielen. Demandred läßt sich möglicherweise davon zerstreuen. Oder vielleicht Semirhage? Seid beim Lenken der Macht vorsichtig, wenn Ihr geht. Ich habe einige schwebende Gewebe errichtet, und Ihr wollt doch keines auslösen.«
Das war eine Lüge, aber eine sehr glaubwürdige, so daß sie erschrak, als Moghedien plötzlich die Macht lenkte. Alle Lampen im Raum erloschen, und sie wurden in Dunkelheit getaucht. Graendal ließ sich sofort aus dem Stuhl fallen, damit sie nicht mehr dort wäre, wo die Frauen sie zuletzt gesehen hatten, und sie lenkte dabei ebenfalls die Macht, wob ein Gewebe aus Licht, das auf einer Seite des Raumes schwebte, eine Kugel aus reinem Weiß, die gespenstische Schatten in den Raum warf. Das Paar war jetzt deutlich zu sehen. Sie lenkte die Macht ohne Zögern, zog alle Kraft aus dem kleinen Ring. Sie brauchte nicht alle Kraft, oder nicht vollständig, aber sie wollte jeden Vorteil nutzen, der ihr zur Verfügung stand. Sie würden sie angreifen! Ein Netz aus Zwang schloß sich um die beiden Frauen, bevor sie sich regen konnten.
Sie hatte die Netze vor Zorn stark gewoben, fast ausreichend stark, daß sie schaden konnten, und die Frauen standen da und sahen sie bewundernd an, die Augen geweitet und den Mund zu einer Schmeichelei geöffnet, von Verehrung berauscht. Jetzt konnte sie ihnen Befehle erteilen. Wenn sie ihnen befahl, sich die eigenen Kehlen durchzuschneiden, würden sie es tun. Plötzlich erkannte Graendal, daß Moghedien die Quelle nicht mehr umarmte. Soviel Zwang hatte sie vielleicht genügend erschreckt, sie loszulassen. Die Diener an der Tür hatten sich natürlich nicht geregt.
»Nun«, sagte sie ein wenig atemlos, »werdet Ihr jetzt meine Fragen beantworten?« Sie hatte viele Fragen, einschließlich derjenigen, wer dieser Moridin war, wenn es einen solchen Mann gab, und wo Cyndane herkam, aber eine Frage reizte sie mehr als alle anderen. »Was habt Ihr hierdurch zu erreichen gehofft, Moghedien? Ich könnte mich entschließen, diese Gewebe um Euch zu verknoten. Ihr könntet für Euer Spiel bezahlen, indem Ihr mir dient.«
»Nein, bitte«, stöhnte Moghedien und rang die Hände. Sie begann tatsächlich zu weinen! »Ihr werdet uns alle töten! Bitte, Ihr müßt dem Nae'blis dienen! Wir sind nur gekommen, um Euch in Moridins Dienst zu überführen!« Das Gesicht der silberhaarigen kleinen Frau war in dem fahlen Licht eine umschattete Maske des Entsetzens, und ihr Busen hob und senkte sich schwer, während sie nach Atem rang.
Graendal, die sich jäh unbehaglich fühlte, öffnete den Mund. Diese Geschichte machte immer weniger Sinn. Sie öffnete den Mund, und die Wahre Quelle schwand. Die Eine Macht zog sich von ihr zurück, und der Raum wurde wieder dunkel. Die Vögel in den Käfigen brachen jäh in aufgeregtes Zwitschern aus und schlugen mit den Flügeln wild gegen die Bambusstäbe.
Hinter Graendal knirschte eine Stimme wie zu Staub zerriebener Fels. »Der Große Herr dachte, Ihr würdet vielleicht an ihren Worten zweifeln, Graendal. Die Zeit, in der Ihr Euren eigenen Weg gehen konntet, ist vorüber.« Eine Kugel von... Etwas ... erschien in der Luft, eine tiefschwarze Kugel, aber silbernes Licht durchströmte den Raum. Die Spiegel schimmerten nicht. Sie schienen in diesem Licht stumpf. Die Vögel wurden wieder still. Irgendwie wußte Graendal, daß sie vor Schreck wie versteinert waren.
Sie starrte den Myrddraal an, hell und augenlos und in noch tieferes Schwarz gekleidet, als die Kugel schwarz war, aber größer als alle anderen, die sie jemals gesehen hatte. Er mußte der Grund dafür sein, daß sie die Quelle nicht mehr spüren konnte, aber das war unmöglich! Außer... Wo war diese seltsame Kugel schwarzen Lichts hergekommen, wenn nicht von ihm? Sie hatte beim Anblick eines Myrddraals niemals dieselbe Angst verspürt wie andere, nicht in gleichem Maße, und doch hoben sich jetzt ihre Hände mechanisch, und sie mußte sie gewaltsam senken, um nicht ihr Gesicht zu bedecken. Sie schaute zu Moghedien und Cyndane und zuckte zusammen. Sie hatten die gleiche Pose wie ihre Diener eingenommen, kauerten auf den Knien, die Köpfe in Richtung des Myrddraal am Boden.
Sie spürte, wie ihr Mund trocken wurde. »Ihr seid ein Bote des Großen Herrn?« Ihre Stimme war fest, aber schwach. Sie hatte noch niemals davon gehört, daß der Große Herr eine Botschaft durch einen Myrddraal gesandt hätte, und doch... Moghedien hatte die Haltung eines Feiglings eingenommen, aber sie war dennoch eine der Auserwählten — und erniedrigte sich ebenso eifrig wie das Mädchen. Und da war das Licht. Graendal wünschte, ihr Gewand wäre nicht so tief ausgeschnitten. Das war natürlich lächerlich. Die Begierde der Myrddraals nach Frauen war wohlbekannt, aber sie war eine der... Ihr Blick schweifte erneut zu Moghedien.
Der Myrddraal schlängelte sich an ihr vorbei, ohne sie zu beachten. Sein langer schwarzer Umhang hing von seinen Bewegungen unberührt herab. Aginor hatte geglaubt, die Wesen wären nicht ganz auf dieselbe Art auf der Welt wie alles andere. »Leicht im Ungleichgewicht mit Zeit und Realität«, hatte er es genannt, was auch immer das bedeuten mochte.
»Ich bin Shaidar Haran.« Der Myrddraal blieb bei ihren Dienern stehen und packte sie mit jeweils einer Hand am Nacken. »Wenn ich spreche, könnt Ihr es so betrachten, als hörtet Ihr die Stimme des Großen Herrn der Dunkelheit.« Die Hände schlossen sich, bis das überraschend laute Knacken von Knochen zu hören war. Der junge Mann verkrampfte sich im Tod und trat um sich. Die junge Frau wurde einfach schlaff. Sie waren zwei ihrer hübschesten Diener gewesen. Der Myrddraal richtete sich von den leblosen Körpern auf. »Ich bin sein Helfer in dieser Welt, Graendal. Wenn Ihr vor mir steht, steht Ihr vor ihm.«