Graendal dachte sorgfältig, wenn auch rasch nach. Sie hatte Angst, eine Empfindung, die sie weitaus häufiger bei anderen hervorrief, aber sie wußte, wie sie ihre Angst beherrschen konnte. Obwohl sie niemals Heere befehligt hatte, waren ihr Gefahren durchaus nicht fremd, noch war sie ein Feigling, aber dies war mehr als nur eine einfache Gefahr. Moghedien und Cyndane knieten noch immer mit auf den Marmorboden gesenkten Köpfen, wobei Moghedien tatsächlich sichtbar zitterte. Graendal glaubte diesem Myrddraal. Oder was auch immer er in Wahrheit war. Der Große Herr griff tatsächlich unmittelbarer in die Ereignisse ein, als sie befürchtet hatte. Und wenn er von ihrem Plan mit Sammael erfahren hatte... Das hieß, wenn er zu handeln beschlösse. Es wäre zu diesem Zeitpunkt töricht anzunehmen, daß er es nicht wüßte.
Sie kniete sich anmutig vor den Myrddraal. »Was soll ich tun?« Ihre Stimme hatte ihre Kraft zurückgewonnen. Notwendige Fügsamkeit war keine Feigheit. Jene, die sich nicht vor dem Großen Herrn beugten, wurden gebeugt. Oder zerbrochen. »Soll ich Euch Großer Herr nennen, oder zieht Ihr einen anderen Titel vor? Ich würde mich auch bei der Hand des Großen Herrn nicht wohl fühlen, ihn so anzusprechen wie den Großen Herrn selbst.«
Der Myrddraal lachte erschreckenderweise. Es klang wie bröckelndes Eis. Myrddraals lachten niemals. »Ihr seid tapferer als die meisten, und klüger. Shaidar Haran wird für Euch genügen. Solange Ihr Euch daran erinnert, wer ich bin. Solange Ihr Eure Tapferkeit die Angst in Euch nicht allzusehr überwiegen laßt.«
Während er seine Befehle gab — ein Besuch bei Moridin war anscheinend der erste Befehl —, beschloß sie, den Brief, den sie Rodel Ituralde gesandt hatte, zu verschweigen. Sie würde Moghedien gegenüber wachsam sein müssen, und vielleicht auch Cyndane gegenüber, die Rache für ihre kurze Benutzung des Zwangs üben könnten, denn sie bezweifelte, daß das Mädchen versöhnlicher war als die Spinne. Nichts, was man ihr antrug, deutete an, daß ihr Handeln dem Großen Herrn mißfiel, und sie mußte erst noch über ihre Lage nachdenken. Moridin, wer auch immer er sein mochte, war vielleicht heute Nae'blis, aber es gab stets auch ein Morgen.
Cadsuane stützte sich in Arilyns schwankender Kutsche ab und zog einen der ledernen Fenstervorhänge so weit auf, daß sie hinaussehen konnte. Leichter Regen fiel aus einem grauen Himmel voller dahinstürmender Wolken und rauher, umherwirbelnder Winde auf Cairhien. Und nicht nur der Himmel war winderfüllt. Heulende Windstöße erschütterten auch die Kutsche. Winzige Tropfen trafen kalt wie Eis auf ihre Hand. Wenn die Luft noch weiter abkühlte, würde es schneien. Sie zog ihren wollenen Umhang fester um sich. Sie war froh gewesen, ihn zuunterst in ihren Satteltaschen zu finden. Die Luft würde abkühlen. Die steilen Schieferdächer der Stadt und die gepflasterten Straßen glänzten naß, und obwohl es nicht stark regnete, waren nur wenige Menschen bereit, dem heftigen Wind zu trotzen. Eine Frau, die mit leichten Schlägen ihres Stachelstocks einen Ochsenkarren lenkte, ging zwar ebenso geduldig voran wie ihr Ochse, aber die meisten Fußgänger hielten ihre Umhänge fest geschlossen, die Kapuzen hochgezogen, und traten schnell beiseite, wenn die Träger einer Sänfte, deren steifer Con flatterte, vorübereilten. Noch andere außer der Frau und ihrem Ochsen sahen jedoch keinen Grund zur Eile. Mitten auf der Straße stand ein großer Aiel und starrte mit offenem Mund ungläubig gen Himmel, während ihn der Regen durchnäßte; er war so davon gefangen, daß ein forscher Taschendieb seine Gürteltasche mit einem Schnitt abtrennte und von seinem Opfer unbemerkt davonrannte. Eine Frau, deren sorgfältig gelocktes und aufgestecktes Haar sie als Adlige auswies, ging langsam voran, während ihr Umhang und dessen Kapuze wild flatterten. Dies war vielleicht das erste Mal, daß sie tatsächlich zu Fuß auf einer Straße ging, aber sie lachte, als der Regen ihre Wangen benetzte. Die Besitzerin einer Parfümerie blickte freudlos aus dem Eingang ihres Ladens hervor. Sie würde heute wenig Umsatz machen. Die meisten Straßenhändler waren aus demselben Grund verschwunden, aber eine Handvoll rief von Karren unter Behelfsmarkisen aus noch immer hoffnungsvoll heißen Tee und Fleischpasteten aus.
Zwei halb verhungerte Hunde liefen aus einer Gasse heran, steifbeinig und mit erhobenen Schwänzen, und knurrten und bellten die Kutsche an. Cadsuane ließ den Vorhang fallen. Hunde schienen Frauen, welche die Macht lenken konnten, ebenso leicht zu erkennen, wie Katzen es vermochten, aber Hunde glaubten anscheinend, die Frauen wären Katzen, wenn auch unnatürlich große. Die beiden Frauen, die ihr gegenübersaßen, waren noch immer in ihre Unterhaltung vertieft.
»Verzeiht«, sagte Daigian gerade, »aber die Logik ist unentrinnbar.« Sie beugte entschuldigend den Kopf, wodurch der Mondstein, der an einer dünnen Silberkette von ihrem langen schwarzen Haar herabhing, über der Stirn hin und her schwang. Ihre Finger zupften an den weißen Schlitzen in ihren dunklen Röcken, und sie sprach hastig, als fürchte sie, unterbrochen zu werden. »Wenn man annimmt, daß die lang anhaltende Hitze das Werk des Dunklen Königs war, muß der Wandel durch eine andere Wirkung eingetreten sein. Er hätte nicht nachgegeben. Ihr könntet behaupten, daß er beschlossen habe, die Welt erfrieren oder ertrinken zu lassen, anstatt sie auszudörren, aber warum? Hätte die Hitze noch den Frühling über angehalten, hätten die Toten die Lebenden zahlenmäßig durchaus überwiegen können, nicht anders, als wenn bis in den Sommer hinein Schnee fällt. Daher ist unzweifelhaft eine andere Hand am Werk.« Die Schüchternheit der rundlichen Frau war manchmal anstrengend, aber Cadsuane fand ihre Logik wie immer einwandfrei. Sie wünschte nur, sie wüßte, wessen Hand im Spiel war.
»Friede!« murrte Kumira. »Mir wäre eine Unze knallharter Beweise lieber als ein Zentner Eurer Weißen Ajah-Logik.« Sie selbst war eine Braune, eine hübsche Frau mit kurzgeschnittenem Haar, die eine scharfe Beobachterin und niemals so tief in Gedanken versunken war, daß sie die Welt um sich herum vergaß. Kaum hatte Kumira gesprochen, als sie auch schon Daigians Knie geziemend tätschelte und lächelte, wodurch ihre blauen Augen herzlicher wirkten. Die Shienarer waren im großen und ganzen ein höfliches Volk, und Kumira achtete darauf, niemanden zu beleidigen, unabsichtlich zumindest.
»Denkt darüber nach, was wir mit den Schwestern tun können, die von den Aiel festgehalten werden. Ich weiß, daß. Ihr etwas ersinnen könnt, wenn überhaupt jemand es kann.«
Cadsuane schnaubte. »Sie verdienen, was immer mit ihnen geschieht« Sie selbst war nicht in die Nähe der Aielzelte gelassen worden noch jemand aus ihrer Begleitung, aber einige der Narren, die al'Thor die Treue geschworen hatten, hatten sich hinaus zu dem verstreuten Lager gewagt und waren mit bleichen Gesichtern und zwischen Zorn und Übelkeit schwankend zurückgekehrt. Normalerweise wäre sie über die Verletzung der Aes Sedai-Würde ebenfalls zornig gewesen, wie auch immer die Umstände waren. Aber jetzt nicht. Um ihr Ziel zu erreichen, hätte sie jede Aes Sedai der Weißen Burg nackt durch die Straßen gejagt. Wie konnte sie sich mit dem Unbehagen von Frauen belasten, die vielleicht alles verdorben hatten?
Kumira öffnete den Mund zum Protest, obwohl sie von ihren Gefühlen wußte, doch Cadsuane fuhr ruhig, aber schonungslos fort. »Vielleicht werden sie genügend Tränen vergießen, um für das von ihnen bewirkte Durcheinander zu büßen, aber ich bezweifle es. Wir haben sie nicht mehr unter Kontrolle, und wenn ich sie kontrollieren könnte, würde ich sie den Aiel vielleicht einfach übergeben. Vergeßt sie, Daigian, und verfolgt mit Eurem klugen Verstand die Spur, die ich Euch aufzeige.«
Die blassen Wangen der Cairhienerin erröteten bei dem Kompliment stark. Dank dem Licht war sie nur in Gegenwart anderer Schwestern so. Kumira saß schweigend da, mit ausdruckslosem Gesicht, die Hände im Schoß verschränkt. Sie war jetzt vielleicht bezwungen, aber nur weniges konnte Kumira auf lange Sicht bezwingen. Genau diese beiden wollte Cadsuane heute bei sich haben.