Die Kutsche neigte sich, als das Gespann die lange, zum Sonnenpalast hinaufführende Rampe erklomm. »Denkt an das, was ich Euch gesagt habe«, belehrte sie die beiden nachdrücklich. »Und seid vorsichtig!«
Sie murmelten, daß sie es beachten würden, so gut sie konnten, und Cadsuane nickte. Wenn nötig, würde sie beide als Mulch benutzen, und andere ebenfalls, aber sie beabsichtigte niemanden zu verlieren, nur weil er unvorsichtig war.
Die Kutsche durfte die Palasttore unverzüglich passieren. Die Wächter erkannten Arilyns Siegel an den Türen, und sie wußten, wer sich darin befand. Die Kutsche war in der vergangenen Woche nur allzu häufig im Palast gewesen. Sobald die Pferde stehenblieben, öffnete ein besorgt dreinblickender Bediensteter in ungeschmücktem Schwarz den Schlag, der einen breiten, flachen Schirm aus dunklem Öltuch hielt. Regen tropfte vom Rand auf seinen kahlen Kopf, aber der Schirm war auch nicht zu seinem Schutz gedacht.
Cadsuane überprüfte rasch den von ihrem Haarknoten herabhängenden Schmuck, um sich zu vergewissern, daß noch alles da war — sie hatte noch keines dieser Ornamente verloren, weil sie darauf aufpaßte —, dann ergriff sie ihren eckigen Weidennähkorb unter dem Sitz und stieg aus. Ein halbes Dutzend Bedienstete standen wartend mit Schirmen in Händen da. Ein halbes Dutzend Passagiere hätte die Kutsche unbequem werden lassen, aber die Bediensteten wollten nichts versäumen, und die Überzähligen eilten erst davon, als offenkundig war, daß sich nur drei Passagiere in der Kutsche befanden.
Die Ankunft der Kutsche war anscheinend beobachtet worden. Dunkel gekleidete Diener und Dienerinnen bildeten auf den tiefblauen und goldenen Fliesen der Eingangshalle mit ihrer eckig gewölbten hohen Decke eine korrekte Reihe. Sie sprangen vor, nahmen Umhänge ab, hielten kleine warme Leinentücher bereit, falls jemand sich Gesicht oder Hände abtrocknen wollte, und boten Becher aus MeervolkPorzellan mit scharf gewürztem, heißem Wein dar. Es war ein Wintergetränk, aber der plötzliche Temperaturabfall ließ es dennoch passend erscheinen. Und immerhin war es letztendlich Winter.
Drei Aes Sedai standen wartend zwischen wuchtigen Pfeilern aus dunklem Marmor vor hohen, hellen, für Cairhien zweifellos wichtige Schlachten zeigenden Friesen auf einer Seite der Halle, aber Cadsuane ignorierte die Frauen im Moment noch. Einer der jungen Diener trug eine rotgoldene Gestalt auf die linke Seite seiner Jacke gestickt, die gemeinhin ein Drache genannt wurde. Corgaide, die grauhaarige Frau mit dem ernsten Gesicht, welche die Diener im Sonnenpalast befehligte, stach lediglich durch einen großen, schweren Schlüsselring an der Taille hervor. Auch die Kleidung aller anderen war vollkommen schmucklos, und trotz des offensichtlichen Enthusiasmus des jungen Mannes war es Corgaide, die Hüterin der Schlüssel, welche den Ton unter den Dienern angab. Dennoch hatte sie dem jungen Mann die Stickerei gestattet. Was man in Erinnerung behalten sollte. Cadsuane sprach ruhig mit ihr und fragte nach einem Raum, wo sie ungestört an ihrem Stickrahmen arbeiten könnte. Die Frau nahm ihre Frage vollkommen gelassen auf. Andererseits hatte sie, da sie in diesem Palast diente, gewiß schon seltsamere Anliegen vorgetragen bekommen.
Als sich die Diener unter Verbeugungen und Hofknicksen mit den Umhängen und Tabletts zurückzogen, wandte sich Cadsuane schließlich den drei Schwestern zwischen den Säulen zu. Sie alle sahen sie an und mißachteten Kumira und Daigian. Corgaide blieb, aber sie hielt sich im Hintergrund und ließ die Aes Sedai ungestört. »Ich habe gewiß nicht erwartet.
Euch gemütlich umherspazieren zu sehen«, sagte Cadsuane. »Ich dachte, die Aiel ließen ihre Lehrlinge hart arbeiten.«
Faeldrin reagierte kaum, sie bewegte nur leicht den Kopf, so daß die farbigen Perlen in ihren dünnen Zöpfen klapperten, aber Merana errötete vor Verlegenheit und krampfte die Hände in ihre Röcke. Gewisse Ereignisse hatten Merana so stark erschüttert, daß sich Cadsuane nicht sicher war, ob sie sich jemals wieder davon erholen würde. Bera blieb natürlich nahezu unerschütterlich.
»Die meisten von uns haben wegen des Regens einen freien Tag zugestanden bekommen«, erwiderte Bera ruhig. Sie war eine kräftige Frau in einfachem Tuch — fein gewoben und gut geschnitten, aber entschieden einfach —, so daß sie eher auf einen Bauernhof als in einen Palast gepaßt hätte. Doch nur ein Narr hätte sich dadurch täuschen lassen. Bera besaß einen scharfen Verstand und einen starken Willen, und Cadsuane glaubte nicht, daß sie jemals den gleichen Fehler zweimal machte. Wie die meisten Schwestern hatte auch sie die Begegnung mit der leibhaftigen Cadsuane Melaidhrin noch nicht vollkommen überwunden, aber sie ließ sich nicht von Ehrfurcht leiten. Nach kaum wahrnehmbarem tiefem Einatmen fuhr sie fort. »Ich kann nicht verstehen, warum Ihr immer wieder zurückkommt, Cadsuane. Ihr wollt eindeutig etwas von uns, aber wenn Ihr uns nicht sagt, worum es sich handelt, können wir Euch nicht helfen. Wir wissen, was Ihr für den Lord Drachen getan habt...« — sie zögerte bei dem Titel ein wenig, denn sie waren sich noch immer nicht ganz sicher, wie sie den Jungen nennen sollten —, »aber es ist offensichtlich, daß Ihr seinetwegen nach Cairhien gekommen seid. Wenn Ihr uns jedoch nicht sagt, was Ihr vorhabt und aus welchen Gründen, müßt Ihr verstehen, daß Ihr von uns keine Hilfe erwarten könnt.« Faeldrin, eine weitere Grüne, zuckte bei Beras kühnem Tonfall zusammen, nickte aber zustimmend, noch bevor Bera geendet hatte.
»Ihr müßt auch Folgendes verstehen«, fügte Merana hinzu, die ihre Gelassenheit zurückgewonnen hatte. »Wenn wir beschließen, uns Euch entgegenstellen zu müssen, werden wir es tun.« Beras Miene änderte sich nicht, aber Faeldrin preßte kurz die Lippen zusammen. Vielleicht war sie anderer Meinung, und vielleicht wollte sie nicht zuviel preisgeben.
Cadsuane schenkte ihnen ein schwaches Lächeln. Ihnen sagen, was sie vorhatte und weshalb? Wenn sie beschlossen? Bisher hatten sie es nur geschafft, sich mit gefesselten Händen und Füßen in die Satteltaschen des jungen al'Thor stopfen zu lassen, selbst Bera. Das war kaum eine Empfehlung, sie über mehr entscheiden zu lassen als darüber, was sie morgens anziehen sollten! »Ich bin nicht gekommen, um Euch zu besuchen«, sagte sie. »Obwohl Kumira und Daigian einen Besuch vermutlich genießen würden, da Ihr einen freien Tag habt. Wenn Ihr mich jetzt entschuldigen wollt.«
Sie bedeutete Corgaide vorauszugehen und folgte dann der Frau durch die Eingangshalle. Sie schaute nur einmal zurück. Bera und die übrigen hatten Kumira und Daigian bereits in ihre Mitte genommen und drängten sie fort, aber kaum wie willkommene Gäste. Eher wie eine Gänseherde. Cadsuane lächelte. Die meisten Schwestern beurteilten Daigian kaum besser als eine Wilde und behandelten sie kaum freundlicher als eine Dienerin. Und Kumira stand in dieser Gesellschaft nicht höher. Selbst die Mißtrauischsten konnten sich nicht vorstellen, daß sie hier waren, um jemanden von etwas zu überzeugen. Daher würde Daigian Tee eingießen und still dasitzen, außer wenn sie angesprochen würde — und mit ihrem scharfen Verstand alles analysieren, was sie hörte. Kumira würde alle außer Daigian vor ihr sprechen lassen — und jedes Wort, jede Geste und jeden Gesichtsausdruck deuten und im Gedächtnis behalten. Bera und die übrigen würden ihre dem Jungen gegenüber geleisteten Eide natürlich halten — selbstverständlich —, aber wie eifrig sie es täten, war eine andere Frage. Selbst Merana wäre vielleicht abgeneigt, weit über bloßen Gehorsam hinauszugehen. Das war schlimm genug, ließ ihnen aber erheblichen Raum zu manipulieren. Oder manipuliert zu werden.
Dunkel livrierte Diener, die in Erledigung ihrer Aufgaben durch die mit Wandteppichen behangenen Gänge eilten, sprangen für Cadsuane und Corgaide beiseite, und die beiden schritten unter vielen Verbeugungen und Hofknicksen über Körben und Tabletts und Armen voller Handtücher voran. Aus der Art, wie Corgaide beobachtet wurde, schloß Cadsuane, daß die Hüterin der Schlüssel ebenso geachtet war wie die Aes Sedai. Es waren auch einige Aiel da, große Männer wie Löwen mit kalten Augen und Frauen wie Leoparden mit noch kälteren Augen. Einige sandten ihr ausreichend eisige Blicke nach, um den draußen vom Regen angedrohten Schnee herbeizubringen, aber andere Aiel nickten ihr ernst zu, und hier und da ging eine der Frauen mit den wilden Augen sogar soweit, ihr zuzulächeln. Sie hatte niemals behauptet, dafür verantwortlich zu sein, ihren Car'a'carn gerettet zu haben, aber Erzählungen wurden beim Wiedererzählen ausgeschmückt, und der Glaube gewährte ihr mehr Respekt als jeder anderen Schwester und gewiß mehr Bewegungsfreiheit im Bereich des Palasts. Sie fragte sich, wie sie sich fühlen würden, wenn sie wüßten, daß es ihr, wenn sie den Jungen gerade jetzt vor sich gehabt hätte, sehr schwergefallen wäre, ihn nicht zu verprügeln! Es war kaum mehr als eine Woche her, daß er fast getötet worden wäre, und er hatte es nicht nur geschafft, ihr vollkommen aus dem Weg zu gehen, sondern er hatte ihr ihre Aufgabe sogar noch erschwert, wenn auch nur die Hälfte von dem der Wahrheit entsprach, was sie hörte. Es war bedauerlich, daß er nicht in Far Madding aufgewachsen war. Aber das hätte vielleicht wiederum zu einer anderen Katastrophe geführt.