Der Raum, den Corgaide ihr zuwies, war behaglich warm, mit zu beiden Seiten des Raums in Marmorkaminen brennenden Feuern, entzündeten Lampen und in Glastürmen gespiegelten Flammen, welche die Düsternis des Tages vertrieben. Corgaide hatte offensichtlich befohlen, Vorbereitungen zu treffen, während sie in der Eingangshalle gewartet hatte. Eine Dienerin erschien fast gleichzeitig mit ihnen und brachte auf einem Tablett heißen Tee und gewürzten Wein sowie kleine honigglasierte Kuchen.
»Benötigt Ihr sonst noch etwas, Aes Sedai?« fragte Corgaide, während Cadsuane ihren Nähkorb neben das Tablett auf einen üppig vergoldeten Tisch stellte, der ebenso großartige Schnitzereien aufwies wie der ebenfalls mit Gold überzogene breite Sims. Cadsuane fühlte sich stets wie im Inneren einer goldenen Fischreuse, wenn sie Cairhien besuchte. Trotz des Lichts und der Wärme im Raum tropfte der Regen vor den hohen, schmalen Fenstern, und der graue Himmel verstärkte die unangenehme Empfindung noch.
»Der Tee genügt vollkommen«, sagte sie. »Ihr könnt Alanna Mosvani ausrichten, daß ich sie unverzüglich sehen möchte.«
Corgaides Schlüssel klangen, als sie einen Hofknicks vollführte und respektvoll murmelte, sie würde ›Alanna Aes Sedai‹ persönlich suchen. Ihre ernste Miene veränderte sich nicht, während sie sich zurückzog. Aber sie würde die Bitte höchstwahrscheinlich auf Spitzfindigkeiten überprüfen. Cadsuane zog es vor, wenn möglich direkt zu sein. Sie hatte bereits unzählige kluge Leute zu Fall gebracht, die nicht geglaubt hatten, daß sie genau das meinte, was sie sagte.
Sie Öffnete den Deckel ihres Nähkorbs und nahm ihren Stickrahmen mit einer darum gewickelten, nicht einmal zur Hälfte fertiggestellten Arbeit hervor. In den Korb waren Taschen für Gegenstände eingearbeitet, die nichts mit dem Sticken zu tun hatten: für ihren elfenbeinernen Handspiegel sowie Haarbürste und Kamm, ein Federkästchen und eine fest verschlossene Tintenflasche, eine Anzahl Dinge, bei denen es sich im Laufe der Jahre als nützlich erwiesen hatte, sie zur Hand zu haben, einschließlich einiger, über die jedermann überrascht gewesen wäre, der den Mut besessen hätte, den Korb zu durchsuchen. Nicht daß sie ihn oft aus den Augen ließ. Sie stellte die polierte silberne Garndose vorsichtig auf den Tisch, entnahm die benötigten Fäden und ließ sich mit dem Rücken zur Tür nieder. Das Hauptmotiv auf ihrer Stickarbeit war bereits vollendet, die Hand eines Mannes, die das uralte Symbol der Aes Sedai umschloß. Risse verliefen über die schwarzweiße Scheibe, und man konnte nicht sagen, ob die Hand sie zusammenzuhalten versuchte oder sie zerdrückte. Sie wußte, was sie beabsichtigte. Die Zeit würde die Wahrheit zutage fördern.
Sie fädelte einen Faden ein und setzte die Arbeit an einem der umgebenden Motive fort, einer hellroten Rose. Rosen, Sternenglanz und Sonnenräder, abwechselnd mit Gänseblümchen und Kolibris, alle von Borten starrer Nesseln und Sträuchern mit langen Dornen getrennt. Es würde ein verwirrendes Bild, wenn es fertiggestellt wäre.
Bevor sie auch nur ein halbes Blütenblatt der Rose gestickt hatte, erregte das auf dem flachen Deckel der Garndose widergespiegelte Aufblitzen einer Bewegung ihre Aufmerksamkeit. Sie hatte ihn sorgfältig so hingelegt, daß er den Eingang widerspiegeln mußte. Sie hob den Kopf nicht von ihrer Arbeit. Alanna stand da und starrte auf ihren Rücken. Cadsuane stickte gemächlich weiter, aber sie beobachtete das Spiegelbild aus den Augenwinkeln. Zweimal wandte sich Alanna halbwegs zum Gehen um, riß sich dann schließlich zusammen und stählte sich sichtbar.
»Kommt herein, Alanna.« Cadsuane hob noch immer nicht den Kopf, sondern deutete auf einen Punkt vor sich. »Stellt Euch dorthin.« Sie lächelte verhalten, als Alanna zusammenzuckte. Es hatte Vorteile, wenn man eine Legende war. Die Leute bemerkten selten das Offensichtliche, wenn sie es mit einer solchen zu tun hatten.
Alanna betrat mit rauschenden Seidenröcken stolz den Raum und nahm den von Cadsuane angewiesenen Platz ein, aber um ihren Mund lag ein mürrischer Zug. »Warum beharrt Ihr darauf, mich unaufhörlich zu behelligen?« fragte sie. »Ich kann Euch nicht mehr sagen, als ich Euch bereits mitgeteilt habe. Und wenn ich es könnte, würde ich es wohl dennoch nicht tun! Er gehört...!« Sie brach jäh ab und biß sich auf die Unterlippe, aber sie hätte den Satz ebensogut beenden können. Al'Thor gehörte ihr, war ihr Behüter. Sie besaß die Unverfrorenheit das zu glauben!
»Ich habe Euer Verbrechen für mich behalten«, sagte Cadsuane ruhig, »aber nur weil ich keinen Grund sah, die Dinge noch mehr zu verwirren.« Sie hob den Blick zu der anderen Frau und sprach weiterhin freundlich. »Wenn Ihr glaubt, das bedeutete, ich würde nicht alles von Euch erfahren, dann überdenkt das noch einmal.«
Alanna erstarrte. Plötzlich flammte das Licht Saidars um sie auf.
»Wenn Ihr Euch wirklich töricht verhalten wollt.« Cadsuane lächelte — ein kaltes Lächeln. Sie machte keinerlei Anstalten, selbst die Quelle zu umarmen. Ein Teil ihres Haarschmucks — verschlungene, goldene Halbmonde — lag kühl an ihrer Schläfe. »Im Moment seid Ihr noch unversehrt, aber meine Geduld währt nicht endlos. Tatsächlich hängt sie an einem seidenen Faden.«
Alanna kämpfte mit sich und strich unbewußt über ihr blaues Seidenkleid. Das Schimmern der Macht verblaßte jäh, und sie wandte den Kopf so rasch von Cadsuane ab, daß ihr langes schwarzes Haar schwang. »Ich weiß nicht mehr zu erzählen.« Die eigensinnig geäußerten Worte drangen gehaucht hervor »Er war verletzt, und auch wieder nicht, aber ich glaube nicht, daß eine Schwester ihn geheilt hat. Die Wunden, die niemand heilen konnte, sind noch immer vorhanden. Er eilt umher, reist unentwegt, aber er befindet sich noch immer im Süden. Ich glaube, er befindet sich irgendwo in Illian, aber auf diese Entfernung könnte ich ihn auch in Tear vermuten. Er ist voller Zorn und Schmerz und Mißtrauen. Mehr weiß ich nicht, Cadsuane. Mehr nicht!«
Cadsuane goß sich einen Becher Tee ein, wobei sie die Hitze des Silberkrugs beachtete und dann auch die von dem Becher aus dünnem grünem Porzellan abströmende Wärme überprüfte. Wie man es bei Silber vielleicht hätte erwarten können, war der Tee rasch abgekühlt. Sie lenkte kurz die Macht und erhitzte ihn wieder. Der dunkle Tee schmeckte zu sehr nach Minze. Cairhiener verwendeten die Minze ihrer Meinung nach entschieden zu großzügig. Sie bot Alanna keinen Becher an. Reisen. Wie konnte der Junge wiederentdeckt haben, was der Weißen Burg seit der Zerstörung verlorengegangen war? »Ihr werdet mir jedoch weiterhin umfassend Bericht erstatten, nicht wahr, Alanna.« Es war keine Frage. »Seht mich an, Frau! Ich will jede Einzelheit wissen, auch wenn Ihr nur von ihm träumt!«