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Unvergessene Tränen schimmerten in Alannas Augen. »Ihr hättet an meiner Stelle dasselbe getan!«

Cadsuane sah sie über ihren Becher hinweg stirnrunzelnd an. Vielleicht entsprach das der Wahrheit. Es gab keinen Unterschied zwischen dem, was Alanna getan hatte, und dem Vorgang, wenn sich ein Mann einer Frau gewaltsam aufdrängte, aber — das Licht helfe ihr! — sie hätte es vielleicht auch getan, wenn sie geglaubt hätte, es würde ihr zu ihrem Ziel verhelfen. Jetzt erwog sie nicht einmal mehr, Alanna dazu zu bringen, den Bund an sie weiterzugeben. Alanna hatte bewiesen, wie nutzlos diese Kontrolle über ihn war.

»Laßt mich nicht warten, Alanna«, sagte sie mit frostiger Stimme. Sie empfand kein Mitgefühl für die Frau. Alanna war eine weitere in einer Reihe von Schwestern, von Moiraine bis Elaida, die verpfuscht und verschlimmert hatten, was sie hätten in Ordnung bringen sollen, während sie selbst Logain Ablar und dann Mazrim Taim nachgejagt war. Was ihre Stimmung keineswegs milderte.

»Ich werde Euch weiterhin umfassend unterrichten«, seufzte Alanna und schmollte wie ein kleines Mädchen. Cadsuane juckte es in den Fingern, sie zu schlagen. Alanna trug die Stola bereits seit fast vierzig Jahren. Sie hätte erwachsener sein sollen. Natürlich war sie eine Arafellin. In Far Madding trotzten und schmollten nur wenige Mädchen von zwanzig so sehr, wie es einer greisen Arafellin noch auf dem Totenbett gelang.

Alannas Augen weiteten sich jäh vor Schrecken, und Cadsuane sah ein weiteres Gesicht im Deckel ihrer Garndose widergespiegelt. Sie stellte ihren Becher auf das Tablett zurück, legte den Stickrahmen auf den Tisch, stand auf und wandte sich zur Tür. Sie beeilte sich nicht, aber sie trödelte auch nicht und spielte keine Spiele, wie sie es mit Alanna getan hatte.

»Seid Ihr fertig mit ihr, Aes Sedai?« fragte Sorilea, während sie den Raum betrat. Die zähe, weißhaarige Weise Frau sprach zu Cadsuane, aber ihr Blick haftete auf Alanna. Elfenbein und Gold klapperten leise an ihren Handgelenken, als sie die Hände in die Hüften stemmte, und ihre dunkle Stola glitt zu ihren Ellbogen herab.

Als Cadsuane erwiderte, sie sei in der Tat fertig mit Alanna, gab Sorilea ihr kurz ein Zeichen, und Alanna schritt aus dem Raum. Stürzte aus dem Raum, hätte es vielleicht besser getroffen — mit plötzlich verärgerter Miene. Sorilea blickte ihr stirnrunzelnd nach. Cadsuane war der Frau schon zuvor begegnet, und es waren bemerkenswerte, wenn auch kurze Begegnungen gewesen. Sie hatte nicht viele Menschen getroffen, die sie als eindrucksvoll bezeichnet hätte, aber Sorilea gehörte dazu. Sie konnte vielleicht sogar ihr selbst auf einigen Gebieten das Wasser reichen. Sie vermutete auch, daß die Frau ebenso alt war wie sie, vielleicht älter, was zu finden sie niemals erwartet hatte.

Kaum war Alanna verschwunden, als Kiruna im Eingang erschien. In ihrer Eile verfing sie sich in ihren grauen Seidenröcken, und sie spähte den Gang in die Richtung hinab, in die Alanna gegangen war. Sie trug ein kunstvoll verziertes, goldenes Tablett mit einem noch kunstvoller gearbeiteten, goldenen Krug mit hohem Ausguß und, unpassenderweise, zwei kleinen, weiß glasierten Tonbechern. »Warum läuft Alanna davon?« fragte sie. »Ich wäre eher hier gewesen, Sorilea, aber...« Dann sah sie Cadsuane und errötete zuriefst. Verlegenheit wirkte an der statuenhaften Frau recht seltsam.

»Stellt das Tablett auf den Tisch, Mädchen«, sagte Sorilea, »und dann geht zu Chaelin. Sie wird bereits darauf warten, Euch Euren Unterricht erteilen zu können.«

Kiruna stellte ihre Last steif ab, wobei sie Cadsuanes Blick mied. Als sie sich zum Gehen wandte, ergriff Sorilea mit sehnigen Fingern ihr Kinn. »Ihr fangt an, Euch wirklich Mühe zu geben, Kind«, sagte die Weise Frau fest. »Wenn Ihr so weitermacht, werdet Ihr gut werden. Sehr gut sogar. Jetzt geht. Chaelin ist nicht so geduldig wie ich.«

Sorilea deutete zur Tür, aber Kiruna stand da und sah sie einen langen Moment mit seltsamem Ausdruck auf dem Gesicht an. Wenn Cadsuane gefragt worden wäre, hätte sie behauptet, daß Kiruna über das Lob erfreut und überrascht war, gelobt zu werden. Die weißhaarige Frau öffnete den Mund, doch Kiruna schüttelte sich kurz und eilte aus dem Raum. Eine bemerkenswerte Vorstellung.

»Glaubt Ihr wirklich, daß sie Eure Art, Saidar zu weben, erlernen wird?« fragte Cadsuane, ihre Zweifel verbergend. Kiruna und die anderen hatten ihr aus den Unterrichtsstunden berichtet, aber viele der Gewebe der Weisen Frauen unterschieden sich sehr von den in der Weißen Burg gelehrten. Für gewöhnlich prägte sich die erste Art, wie man das Gewebe für etwas Bestimmtes erlernte, jedermann fest ein. Eine zweite Art zu erlernen war fast unmöglich, und selbst wenn man es konnte, gelang das auf die zweite Art erlernte Gewebe fast niemals so gut wie das der ersten Art. Das war einer der Gründe, warum einige Schwestern Wilde in keinem Alter in der Burg willkommen hießen. Zu vieles konnte schon gelernt worden sein und nicht wieder verlernt werden.

Sorilea zuckte die Achseln. »Vielleicht. Eine zweite Art zu erlernen ist ohne all die Gestik von Euch Aes Sedai schwer genug. Das Wichtigste, was Kiruna Nachiman lernen muß, ist, daß sie Stolz besitzt und nicht, daß er sie besitzt. Sie wird eine sehr starke Frau sein, wenn sie das erst begreift.« Sie nahm sich einen Stuhl gegenüber demjenigen, auf dem Cadsuane gesessen hatte, betrachtete ihn nachdenklich und setzte sich dann hin. Sie wirkte fast so steif und unbehaglich, wie sich Kiruna gefühlt haben mußte, aber dann bedeutete sie Cadsuane gebieterisch, sich ebenfalls hinzusetzen. Sorilea war eine Frau von großer Willenskraft, die es gewohnt war zu befehlen.

Cadsuane unterdrückte ein klägliches Kichern, während sie der Aufforderung nachkam. Es war gut, daran erinnert zu werden, daß die Weisen Frauen, ob Wilde oder nicht, durchaus keine einfältigen Barbaren waren. Sie würden die Unterschiede natürlich kennen. Und was die Gestik betraf... Sie hatte nur wenige die Macht lenken sehen, aber sie hatte bemerkt, daß sie einige Gewebe ohne die Gesten schufen, welche die Schwestern gebrauchten. Die Handbewegungen waren nicht wirklich Teil des Gewebes, aber in gewisser Weise doch, weil sie Teil des Erlernens des Gewebes gewesen waren. Vielleicht hatte es einst Aes Sedai gegeben, die beispielsweise eine Feuerkugel schleudern konnten, ohne eine wie auch immer geartete Wurfbewegung auszuführen, aber wenn dem so war, waren sie schon lange tot — und ihr Wissen mit ihnen. Heutzutage konnten einige Dinge einfach nicht ohne die entsprechenden Gesten getan werden. Es gab Schwestern, die behaupteten, anhand der für bestimmte Gewebe verwendeten Bewegungen erkennen zu können, wer eine andere Schwester unterrichtet hatte.

»Es ist schwierig, jedem unserer Neulinge etwas beizubringen«, fuhr Sorilea fort. »Ich will niemanden beleidigen, aber Ihr Aes Sedai sprecht anscheinend einen Eid und versucht dann augenblicklich, eine Möglichkeit zu finden, ihn zu umgehen. Alanna Mosvani ist besonders schwierig.« Plötzlich richteten sich ihre klaren grünen Augen scharf auf Cadsuanes Gesicht. »Wie können wir sie für ihr bewußtes Versagen bestrafen, wenn das bedeutete, dem Car'acarn zu schaden?«

Cadsuane faltete die Hände im Schoß. Es fiel ihr nicht leicht, ihre Überraschung zu verbergen. Nur soviel zur Geheimhaltung von Alannas Verbrechen. Aber warum hatte die Frau ihr mitgeteilt daß sie davon wußte? Vielleicht eine Enthüllung, die eine weitere verlangte. »Der Bund wirkt nicht so«, sagte sie. »Wenn Ihr sie tötet, wird er bald darauf ebenfalls sterben. Bei allem anderen wird er sich dessen bewußt sein, was mit ihr geschieht, aber er wird es nicht wirklich spüren. Auf die jetzige Entfernung wird er sich dessen nur vage bewußt sein.«