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Narishma hatte jedoch keine Freude an Torvals Unbehagen und beachtete es auch nicht. Er sah Rand unverwandt an, als spüre er tiefliegende Strömungen, die den anderen entgingen. Die meisten Frauen und nicht wenige Männer hielten ihn einfach für einen hübschen Burschen, aber jene zu großen Augen schienen manchmal mehr zu erkennen als alle anderen.

Rand zog seine Hand von dem Drachenszepter zurück und strich den Brief glatt. Seine Hände zitterten kaum merklich. Torval lächelte schwach und verbittert und bemerkte nichts. Narishma machte es sich an der Zeltwand wieder bequem.

Dann wurden von einer Boreane folgenden würdigen Prozession der Dienerschaft, eine Reihe Illianer und Cairhiener und Tairener in ihren unterschiedlichen Livreen, die Erfrischungen gebracht. Ein Diener trug ein Silbertablett mit Krügen verschiedener Sorten Wein, und zwei weitere trugen Tabletts mit Silberkrügen heißen gewürzten Weins und edlen Glaspokalen. Ein Bursche mit rötlichem Gesicht in Grün und Gelb trug ein Tablett, auf dem eingegossen wurde, und einer dunklen Frau in Schwarz und Gold kam die Aufgabe zu, die Krüge tatsächlich zu handhaben. Es gab Nüsse und kandierte Früchte, verschiedene Käsesorten und Oliven, wobei für jede Sorte ein Diener oder eine Dienerin nötig war. Unter Boreanes Anleitung führten sie einen formellen Tanz auf, verbeugten sich, vollführten Hofknickse und machten sich gegenseitig Platz, während sie die Erfrischungen darboten.

Rand nahm seinen gewürzten Wein entgegen, setzte sich auf die Tischkante und stellte den dampfenden Becher unberührt neben sich, während er sich mit dem Brief beschäftigte. Es war weder eine Anrede vermerkt noch eine Einleitung irgendeiner Art. Taim haßte es, Rand mit einem Titel anzureden, obwohl er diese Tatsache zu verbergen versuchte.

Es ist mir eine Ehre zu berichten, daß inzwischen neunundzwanzig Asha'man, siebenundneunzig Geweihte und dreihundertzweiundzwanzig Soldaten für die Schwarze Burg ausgehoben wurden. Es gab leider eine Handvoll Deserteure, deren Namen getilgt wurden, aber die Verluste bei der Ausbildung halten sich in Grenzen.

Es sind jetzt ständig fünfzig Rekrutierungsgruppen unterwegs, mit dem Ergebnis, daß den Listen fast täglich drei oder vier neue Namen hinzugefügt werden. Die Schwarze Burg wird der Weißen Burg in wenigen Monaten ebenbürtig sein, wie ich es vorausgesagt habe. In einem Jahr wird Tar Valon vor unserer Anzahl erzittern. Ich habe diesen Brombeerbusch selbst abgeerntet. Ein kleiner, dorniger Busch, aber mit einer für seine Größe überraschenden Anzahl an Beeren.

Mazrim Taim M'Hael Rand verzog das Gesicht und verdrängte den Brombeerbusch aus seinen Gedanken. Was getan werden mußte, war unvermeidlich. Die ganze Welt bezahlte einen Preis für seine Existenz. Er würde dafür sterben, aber die ganze Welt bezahlte.

Es gab ohnehin auch noch andere Dinge, derentwegen man hadern mußte. Jeden Tag drei oder vier neue Namen? Taim war zuversichtlich. Bei dieser Rate gäbe es in einigen Monaten wahrhaftig mehr Männer, welche die Macht lenken konnten, als Aes Sedai, aber selbst die jüngste Schwester hatte bereits Jahre der Ausbildung hinter sich. Und ein Teil dieser Ausbildung beinhaltete, wie man mit einem Mann umging, der die Macht lenken konnte. Er wollte keinerlei Begegnung der Asha'man mit den Aes Sedai erwägen, die wußten, was ihnen bevorstand. Blut und Bedauern konnten das einzige Ergebnis sein, was auch immer geschah. Die Asha'man sollten jedoch nicht die Weiße Burg angreifen, ungeachtet dessen, was Taim glaubte, obwohl es ein zweckdienlicher Glaube war, wenn er bewirkte, daß Tar Valon auf der Hut war. Ein Ashaman mußte nur wissen, wie man tötete. Wenn es genügend gab, die dies am rechten Ort und zur rechten Zeit taten und wenn sie ausreichend lange lebten, war das alles, wofür sie geschaffen worden waren.

»Wie viele Männer sind desertiert, Torval?« fragte er ruhig. Er nahm den Weinbecher hoch und trank einen Schluck, als sei die Antwort unwichtig. Der Wein hätte ihn erwärmen sollen, aber er kam ihm nur bitter vor, »Und wie viele Verluste hat es bei der Ausbildung gegeben?«

Torval kostete gerade von den Erfrischungen, rieb sich die Hände und betrachtete mit gewölbten Augenbrauen das Angebot an Weinen, woraufhin er sich damit brüstete, den besten erkennen zu können. Dashiva hatte das zuerst Dargereichte angenommen und stand jetzt finster da, wobei er in seinen mit einem gedrehten Stiel versehenen Pokal starrte, als enthalte er Abwaschwasser. Torval deutete auf eines der Tabletts und neigte nachdenklich den Kopf, sprach aber dann. »Bisher neunzehn Deserteure. Der M'Hael hat angeordnet, daß man sie tötet, wann immer sie gefunden werden, und daß ihre Köpfe als abschreckendes Beispiel zurückgebracht werden sollen.« Er nahm geziert ein Stück kandierte Birne von dem dargebotenen Tablett, steckte es in den Mund und lächelte erfreut. »Im Moment hängen drei Köpfe wie Früchte am Verräterbaum.«

»Gut«, sagte Rand gleichmütig. Bei Männern, die jetzt davonliefen, durfte man nicht darauf vertrauen, daß sie nicht auch später davonlaufen würden, wenn Leben von ihrer Standhaftigkeit abhingen. Und man durfte diesen Männern nicht erlauben, ihren eigenen Weg zu gehen. Diese Burschen auf den Hügeln bedeuteten, selbst wenn sie gemeinsam entkamen, weniger Gefahr als auch nur ein in der Schwarzen Burg ausgebildeter Mann. Der Verräterbaum? Taim war gut darin, großartige Namen zu erfinden. Aber die Männer brauchten die Auszeichnungen, die Symbole und die Namen, die schwarzen Jacken und die Anstecknadeln, damit sie zusammenhielten. Bis es an der Zeit war zu sterben. »Wenn ich die Schwarze Burg das nächste Mal besuche, will ich die Köpfe aller Deserteure sehen.«

Ein zweites Stück kandierte Birne, auf halbem Wege zu Torvals Mund, entglitt seinen Fingern und befleckte seine edle Jacke. »Es könnte die Aushebungen behindern, wenn man sich darum bemühte«, sagte er zögerlich. »Die Deserteure halten sich verborgen.«

Rand bezwang den Blick des anderen Mannes. »Wie viele Verluste gab es bei der Ausbildung?« verlangte er zu wissen. Der Asha'man mit der scharf geschnittenen Nase zögerte. »Wie viele?« wiederholte Rand.

Narishma beugte sich vor und sah Torval angespannt an. Ebenso Hopwil. Die Diener führten ihren ruhigen, leisen Tanz weiterhin fort, boten ihre Tabletts jedoch Männern dar, die sie nicht mehr sahen. Boreane nutzte Narishmas Anspannung, um dafür zu sorgen, daß sein Silberbecher mehr heißes Wasser als gewürzten Wein enthielt.

Torval zuckte zu beiläufig die Achseln. »Insgesamt einundfünfzig. Dreizehn brannten aus, und achtundzwanzig starben am Fleck. Die übrigen... Der M'Hael gibt ihrem Wein etwas hinzu, und sie wachen nicht mehr auf.« Sein Tonfall wurde jäh gehässig. »Es kann jederzeit ganz plötzlich geschehen. Ein Mann schrie an seinem zweiten Tag, Spinnen kröchen unter seine Haut.« Er lächelte Narishma und Hopwil boshaft an, und beinahe auch Rand, aber er wandte sich mit seinen nächsten Worten an die beiden anderen. »Versteht Ihr? Man braucht sich nicht zu sorgen, ob man dem Wahnsinn verfällt. Man verletzt weder sich selbst noch jemand anderen. Man schläft ein ... für immer. Das ist gnädiger als das Dämpfen, selbst wenn man weiß, wie es gemacht wird. Es ist gütiger, als dem Wahnsinn überlassen zu bleiben und abgeschnitten zu werden.« Narishma erwiderte seinen Blick, angespannt wie eine Harfensaite, der Becher in seiner Hand vergessen. Hopwil runzelte erneut über etwas die Stirn, was nur er sehen konnte.

»Gütiger«, wiederholte Rand tonlos und stellte seinen Becher neben sich auf den Tisch. Etwas im Wein. Meine Seele ist schwarz vor Blut und verdammt. Es war kein schlimmer Gedanke, nicht durchdringend oder bohrend, sondern die einfache Feststellung einer Tatsache. »Eine Gnade, die sich vielleicht jedermann ersehnt, Torval.«