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Es hatte Amyrlins gegeben, die mit Stärke regiert hatten, Amyrlins, denen es gelungen war, Ausgewogenheit mit dem Saal zu erreichen, und Amyrlins, die so wenig Macht wie sie oder selten sogar noch weniger besessen hatten, was in den geheimen Aufzeichnungen der Weißen Burg wohlverborgen wurde. Mehrere Amyrlins hatten Macht und Einfluß vergeudet, waren von Stärke zu Schwäche verfallen, aber seit über dreitausend Jahren war es außerordentlich wenigen gelungen, sich in die andere Richtung zu bewegen. Egwene wünschte sich sehr, sie wüßte, wie Myriam Copan und den übrigen dieser kaum einer Handvoll solches gelungen war. Wenn jemand jemals daran gedacht hatte, es niederzuschreiben, waren diese Aufzeichnungen schon lange verloren.

Bryne verbeugte sich respektvoll und zeigte sich über ihre Vorsicht nicht überrascht. Er wußte, was sie riskierte, indem sie ihn heimlich traf. Sie vertraute diesem kräftigen, stark ergrauenden Mann mit dem offenen, wettergegerbten Gesicht weitgehend, und das nicht nur, weil sie ihm vertrauen mußte. Sein Umhang war aus dickem rotem Tuch, mit Marderpelz verbrämt und der Flamme von Tar Valon besetzt, einem Geschenk des Saals, und doch hatte er ein Dutzend Mal in den vergangenen Wochen deutlich gemacht, daß, was auch immer der Saal glaubte — und er war nicht blind genug, das nicht erkannt zu haben! —, sie die Amyrlin sei, und er folgte der Amyrlin. Oh, er hatte das niemals direkt ausgesprochen, aber mit vorsichtig formulierten Hinweisen vermittelt, die keinen Zweifel ließen. Mehr zu erwarten hätte bedeutet, zuviel zu erwarten. Es gab fast ebenso viele Unterströmungen im Lager, wie Aes Sedai dort waren, und einige davon waren ausreichend stark, ihn hinabziehen zu können. Mehrere waren stark genug, sie noch tiefer in Schwierigkeiten zu ziehen, als es jetzt der Fall war, wenn der Saal von diesem Treffen erführe. Sie vertraute ihm weiter als jedem anderen außer Siuan und Leane oder Elayne und Nynaeve, vielleicht sogar noch weiter als jeder der Schwestern, die ihr heimlich Treue geschworen hatten, und sie wünschte, sie hätte den Mut, ihm noch weiter zu vertrauen. Die Kugel weißen Lichts warf schwache, unregelmäßige Schatten.

»Ihr habt Neuigkeiten, Lord Bryne?« fragte sie und unterdrückte ihre Hoffnung. Sie konnte sich ein Dutzend mögliche Nachrichten vorstellen, die ihn in der Nacht hierher führen konnten, deren jede ihre eigenen Fallen barg. Hatte Rand beschlossen, der Krone Illians noch weitere hinzuzufügen, oder hatten die Seanchaner eine weitere Stadt eingenommen, oder verfolgte die Bande der Roten Hand plötzlich eigene Pläne, anstatt den Aes Sedai zu folgen, oder...

»Ein Heer liegt nördlich von uns, Mutter«, erwiderte er ruhig. Seine in Lederhandschuhen steckenden Hände ruhten leicht auf seinem langen Schwertheft.

Ein Heer im Norden, ein wenig mehr Schnee — alles dasselbe. »Hauptsächlich Andoraner, aber auch eine Anzahl Murandianer. Meine Kundschafter brachten die Nachricht vor weniger als einer Stunde. Pelivar führt sie an, und Arathelle ist bei ihm, die Hochsitze der beiden stärksten Häuser in Andor, und sie haben mindestens zwanzig weitere mitgebracht. Sie dringen anscheinend rasch nach Süden vor. Wenn Ihr Eure Richtung beibehaltet, wovon ich Euch abrate, sollten wir in zwei, höchstens drei Tagen unmittelbar auf sie stoßen.«

Egwene behielt eine ausdruckslose Miene bei und unterdrückte ihre Erleichterung. Dies war die Nachricht, auf die sie gehofft und inständig gewartet hatte. Sie hatte bereits befürchtet, daß es niemals eintreffen würde. Überraschenderweise war Siuan diejenige, die keuchte und zu spät eine Hand über den Mund legte.

Bryne sah sie mit gewölbten Augenbrauen an, aber sie erholte sich rasch und nahm so gekonnt die vollkommene Aes Sedai-Gelassenheit an, daß man ihr jugendliches Gesicht fast vergessen konnte.

»Habt Ihr Skrupel, Eure andoranischen Kameraden zu bekämpfen?« fragte sie. »Sprecht, Mann.« Nun, ein kleiner Riß in der Gelassenheit war erkennbar.

»Wie Ihr befehlt, Siuan Sedai.« Brynes Tonfall barg keinen Spott, und doch preßte Siuan die Lippen zusammen, während ihre äußere Kühle rasch schwand. Er verbeugte sich leicht vor ihr, ungelenk, aber annehmbar. »Ich werde natürlich bekämpfen, wen immer ich dem Wunsch der Mutter gemäß bekämpfen soll.« Er war selbst hier nicht entgegenkommender. Männer lernten, in Gegenwart von Aes Sedai vorsichtig zu sein. Wie auch Frauen. Egwene hatte das Gefühl, als sei ihr die Vorsicht zur zweiten Natur geworden.

»Und wenn wir nicht weiterziehen?« fragte sie. So viele Pläne waren geschmiedet worden, nur von ihr und Siuan und manchmal Leane, und jetzt mußte sie noch immer jeden Schritt so vorsichtig beginnen wie auf den vereisten Wegen draußen. »Wenn wir hier bleiben?«

Er zögerte nicht. »Wenn Ihr eine Möglichkeit hättet, mit Euren Leuten diese Gefahr zu umgehen, ohne kämpfen zu müssen, wäre das gut und schön, aber irgendwann am morgigen Tag erreicht das Heer eine ausgezeichnete Verteidigungsposition, eine Flanke vom Fluß Armahn und die andere von einem großen Torfsumpf geschützt und vor sich kleine Flüsse, die Angriffe aufhalten. Pelivar wird dort lagern, um abzuwarten. Er weiß, wie man das macht. Arathelle wird ihren Anteil daran haben, wenn es Verhandlungen gibt, aber sie wird die Langspieße und Schwerter ihm überlassen. Wir können diesen Platz nicht vor ihm erreichen, und das Gebiet dort wäre für uns ohnehin nicht von Nutzen, wenn er sich nördlich befindet. Wenn Ihr kämpfen wollt, rate ich dazu, abermals den Hügelkamm aufzusuchen, den wir vor zwei Tagen überquert haben. Ihn können wir leicht vor ihnen erreichen, wenn wir in der Dämmerung aufbrechen, und Pelivar würde es sich auch dann zweimal überlegen, uns dort anzugreifen, wenn er die dreifache Anzahl Leute hätte, über die er in Wirklichkeit verfügt.«

Egwene stampfte in ihren Strümpfen mit den fast erfrorenen Zehen auf und seufzte verärgert. Es war ein Unterschied, ob man sich von der Kälte nicht berühren ließ oder sie nicht spürte. Sie ging vorsichtig vor, ließ sich von der Kälte nicht ablenken und fragte: »Werden sie mit uns sprechen, wenn wir es ihnen anbieten?«

»Wahrscheinlich, Mutter. Die Murandianer zählen kaum. Sie sind nur dort, um jeden möglichen Vorteil aus der Situation zu ziehen, ebenso wie ihre mir unterstehenden Landsleute. Perival und Arathelle sind wichtig. Wenn ich wetten sollte, würde ich sagen, daß sie Euch nur von Andor fernhalten wollen.« Er schüttelte grimmig den Kopf. »Aber sie werden kämpfen, wenn es sein muß, vielleicht selbst wenn das bedeutet, Aes Sedai anstatt Soldaten gegenübertreten zu müssen. Wahrscheinlich haben sie dieselben Geschichten wie wir über jene Schlacht irgendwo im Osten gehört.«

»Unsinn!« grollte Siuan. Soweit zur Gelassenheit. »Wilde Gerüchte und bloßes Geschwätz sind kein Beweis dafür, daß es überhaupt eine Schlacht gegeben hat, Ihr Schafskopf, und wenn es eine Schlacht gegeben hätte, dann hätten sich Schwestern nicht hineinziehen lassen!« Der Mann bedeutete für sie wirklich ein Anlaß zur Sünde.

Bryne lächelte seltsamerweise. Das tat er häufig, wenn Siuan ihre Gereiztheit zeigte. Bei jedermann sonst hätte Egwene dieses Lächeln als zärtlich bezeichnet. »Es ist besser für uns, wenn sie es glauben«, belehrte er Siuan freundlich. Ihr Gesicht verfinsterte sich derart, daß man hätte denken können, er hätte sie verhöhnt.

Warum ließ sich eine ansonsten vernünftige Frau von einem Mann so in Rage versetzen? Was auch immer der Grund dafür war, Egwene hatte dafür heute nacht keine Zeit. »Siuan, ich sehe gerade, daß jemand vergessen hat, den gewürzten Wein fortzunehmen. Er kann bei dieser Kälte noch nicht versäuert sein. Wärmt ihn bitte für uns auf.« Sie wollte die Frau nicht vor Bryne maßregeln, aber sie mußte im Zaum gehalten werden, und dies schien die freundlichste Art, dies zu tun. Sie hätten den Silberkrug wirklich nicht auf dem Tisch stehenlassen sollen.