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Interessanterweise war der Hund der Erste von beiden, der das Bett verließ. Er kam mit den veränderten Bedingungen besser zurecht als Katrin. Da er schon einmal vor dem Badezimmer stand, konnte man ihn eigentlich unter die Dusche stellen, dachte sie. Dem Fußboden schadete es nicht und ihr selbst war es egal. Sie hatte ohnehin nichts Besseres vor. Es war halb acht, eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn. Die ersten Augenarztpatienten kreisten wahrscheinlich bereits blind um die Ordination. Doktor Harrlich war sicher schon anwesend und bereitete sich auf seine verbale Morgengabe vor: »Guten Morgen, schönes Fräulein. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Arbeitstag zu Beginn einer sehr intensiven Arbeitswoche. Wir erwarten heute dreißig Patienten. Falls Sie etwas brauchen - ich bin telefonisch jederzeit für Sie erreichbar ...«

Und sie duschte daheim einen grindigen Hund, mit dem sie gerade noch das Bett geteilt hatte. Mutter und Vater sollten sie so sehen! Er stand wie ein verfallenes Kriegerdenkmal in der Badewanne und hatte die Warnblinkanlage seiner Augen aktiviert, um den Anschein zu erwecken, die Wasserzufuhr jederzeit stoppen zu können. Beim Abtrocknen brummte er wie ein Waschbär, beim Bürsten röhrte er wie ein Hirsch. Er kam ihr ungewöhnlich rege vor, als hätte er eine Überdosis Antriebstabletten eingenommen.

Während sich Katrin anzog, ging er im Vorzimmer unruhig auf und ab. Einige Male stürzte er sich wie ein Berserker auf seine Leberkäsesemmel, biss herzhaft hinein und schleuderte sie gegen die Wand, wo ihr Wiehern mit einem Schlag verstummte.

Dann stand er wie versteinert davor, zählte im Geiste bis fünf (sofern er so weit zählen konnte) und besprang das wiehernde Plastik auf ein Neues. Hätte sie nicht gewusst, dass Kurt so etwas niemals tun würde, hätte sie den Eindruck gehabt, er spielte.

Im Übrigen war es an der Zeit sich einzugestehen, dass es bezüglich des Hundes Dinge gab, die es zu überlegen galt, dachte Katrin. Zum Beispieclass="underline" Wie kam es, dass er bei ihr ungestört übernachtete? Oder, noch viel interessanter: Was sollte jetzt mit ihm geschehen? War das eigentlich ihr Problem? - Nein. War es das Problem des Herren, dem küssen nicht gut tat? - Jawohl. Konnte sie Kurt allein daheim lassen? - Jawohl. Wollte sie ihn allein daheim lassen? - Nein. Es gefiel ihr, dass er bei ihr war. Er war bestimmt ein guter Ordinationshund. Er sollte sie begleiten. Er gehörte vorerst zu ihr. Das gab ihr ein gutes Gefühl, dabei verspürte sie eine Art liebevolle Rache. Damit hatte sie ihn irgendwie an der Leine, dachte sie, Kurts Herrl, den Herren, dem küssen nicht gut tat, diesem Schwein!

Max hatte eine schlaflose Nacht hinter sich. Abends nach dem Abgang bei Katrin fehlte ihm alles, was einen Menschen ausmachte. Am wenigsten fehlte ihm Kurt, deshalb ging ihm der Hund auch nicht ab. Erst als er seine Wohnung betrat und den Sessel sah, unter dem Kurt nicht lag und nicht schlief, wusste er, dass er ihn vergessen hatte, entweder im Park oder (ein schlimmer Gedanke in einem von schlimmen Gedanken bereits reich bestückten Kopf) am Ort seiner schwersten Niederlage in einer Liebesangelegenheit, dort, wohin es für ihn im Grunde kein Zurück mehr gab.

Die Polizei hatte keinen herumirrenden Hund gefunden, die Feuerwehr wollte keinen suchen. Die Rettung wäre nur im Fall eines Tollwutbisses interessiert gewesen. Fünf Abgängigkeits-E-Mails an Katrin verkümmerten im Netz. Ein Dutzend Telefonanrufe versickerten in der Leitung. Es gab kein Freizeichen, nicht einmal ein Besetztzeichen, gar kein Zeichen. Katrin und Hugo Boss junior wollten offensichtlich nicht gestört werden. Wahrscheinlich küsste er gut. Irgendetwas Anziehendes musste der geschleckte Mann ja haben.

So blieb Max nur noch der Canossagang durch den Esterhazypark, um einen am Rande der Liebestragödie auf der Strecke gebliebenen Hund zu suchen, der sich vermutlich irgendwo eingegraben und zur Ruhe gesetzt hatte, der jedenfalls bestimmt kein Problem damit hatte, verloren gegangen zu sein. Max fühlte sich auf erfrischend winternächtliche Weise von seinem Kuss-Eklat abgelenkt. Besser konnte seine Aus- oder Abgangssituation im Augenblick ohnehin nicht werden, also wurde sie eben noch schlechter. Es war ihm, als würde er die gerechte Strafe für sein stümperhaftes Versagen abbüßen. Und Buße in Form völlig sinnloser Busch- durchforstungen um drei Uhr nachts hatte etwas Selbstreinigendes.

Da sich im Park nichts rührte (Kurt also überall hätte sein können), näherte sich Max dem Ausgangspunkt des Gescheitertseins. Je fünfmal schlich er um Katrins Häuserblock, dreimal klingelte er an der Fernsprechanlage. Einige Male hob er den Kopf zum ersten Stockwerk und rief »Kurrrrrt«. Es klang wie ein Rülpser eines halb gefrorenen Graureihers. Aber selbst in hundertfacher Lautstärke hätte sich nichts gerührt: Eher weckte man Tote auf dem Friedhof als Kurt in einer Wohnung im ersten Stock, wenn man selbst auf der Straße stand.

Um fünf Uhr früh beschloss Max, die Suche abzubrechen. Mit dem unerfreulichen Resümee, an einem Abend Traumfrau und Hund verloren zu haben, legte er sich ins Bett und schlief noch in der gleichen Minute ein.

Als er zu Mittag erwachte, hatte er etwas zu erzählen. Er wusste auch sofort wem: Paula. Sie war die beste und engagierteste Traumdeuterin, die er kannte. »Und wie lief es?«, fragte sie am Telefon. »Nicht so ganz optimal«, erwiderte Max. Zum Glück hatte sie am Abend Zeit, ihn zu besuchen und sich Details anzuhören. »Paula, ich brauche ganz dringend deine Hilfe«, sagte Max. »Das freut mich«, erwiderte sie nüchtern. Es freute sie mehr, als sie es zugeben konnte.

So, und jetzt sofort zu Katrin: Die Telefonnummer von der Ordination hatte er. Was zu sagen war, wusste er. Er fühlte sich von seinem Traum befangen, er war nicht einmal aufgeregt, als er ihre Stimme hörte. »Hallo, ich bin es, Max«, sagte er. »Hast du zufällig Kurt gefunden? Kann es sein, dass ich ihn bei dir vergessen habe? Katrin, du musst mir glauben, ich habe die ganze Nacht versucht ...« Was war das? Da. Noch einmal das gleiche Geräusch. Und noch ein drittes und viertes Mal. Es wollte gar nicht mehr verstummen.

»Katrin?«, fragte Max. »Ich höre«, sagte sie amtlich. »Was ist das für ein Lärm?« - »Kurt«, erwiderte sie scharf. »Das ist doch Hundegebell«, widersprach Max. »Das ist Kurt!« Das klang leicht angespannt. »Ist er bei dir?«, fragte Max. »Kann man sagen. Aber nicht mehr lange!« Das klang ziemlich angespannt. »Seit wann kann Kurt bellen?«, fragte Max ungläubig. »Seit er meinen Patienten im Warteraum die in Schleim und Speichel gehüllte Plastikleberkässemmel auf die Schöße legt und wartet, bis sie sie durch den Raum schleudern. Und wehe, sie tun es nicht. Dann grollt er wie ein Abfangjäger. - Keiner traut sich mehr, es nicht zu tun.« Das klang gereizt. »Und wenn jetzt mein Chef hereinkommt und die Aktion im Warteraum sieht, dann kann ich mir einen neuen Job suchen!« Das klang sehr gereizt. »Nein, nichtich werde mir einen neuen Job suchen, ihr beide werdet mir einen neuen Job suchen! Und jetzt sei bitte so gnädig und hol dir deinen Hund ab, sonst sitzt hier bald kein Patient mehr!« Das klang bedrohlich. Max machte sich sofort auf den Weg.

Die Begegnung mit Katrin in der Mittagspause war kurz. Max fand sie wunderschön (weder die Begegnung noch die Mittagspause, sondern Katrin), aber das spielte leider überhaupt keine Rolle mehr. Kurt war nicht wieder zu erkennen. Max bemühte sich auch, ihn nicht wieder zu erkennen. Aber es half nichts, er war es und er erkannte seinen Besitzer wieder. Er sprang ihn an und schleckte seine Wangen. Dann zeigte er ihm seine Leberkäsesemmel und was man damit machen musste, damit er aufhörte zu bellen. Kurt auf den Beinen zu sehen, war wie eine optische Täuschung, wie ein leichtsinniger Irrtum der Natur. Ihn bellen zu hören, war einerseits irreal, andererseits real genug, um nicht länger als ein paar Sekunden erträglich zu sein. »Hast du ihm etwas gegeben?«, fragte er Katrin vorsichtig. »Nein«, sagte sie, »er ist derjenige, der gibt.«

»Katrin, wegen gestern ...«, begann Max. »Lassen wir gestern«, sagte sie und lächelte so, wie man lächelte, wenn man versuchte, so zu tun, als würde man tapfer lächeln. In der Kombination mit diesem Gesichtsausdruck klangen die Worte wie: »Wir können ja Freunde bleiben.« Vermutlich waren sie auch so gemeint.