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Am späten Nachmittag fehlte ihm nur noch die Hundekolumne. Kurt lag unter seinem Sessel und schlief, womit er zum Inhalt wie üblich nichts beitragen konnte. Max hatte keine Lust mehr, an etwas anderes als an Katrin zu denken. Er wollte mit ihr spontan sieben Kinder haben, lauter Mädchen, die alle so aussahen wie sie und die jetzt alle auf seinem Schoß saßen und siebenstimmig »Guter Mond, du gehst so stille« sangen - achtstimmig, er selbst sang den Kontrabass.

Als das Lied gedanklich ausgesungen war, begann er zu schreiben. Es entstand eine Geschichte, die von den Fingern und nicht vom Kopf verfasst wurde, in der nicht eine erlebte Episode nach geeigneten Worten der Vermittlung verlangt hatte, sondern zuerst die Worte gesetzt wurden; in ihnen begann die Fantasie zu blühen und daraus ergab sich schließlich eine Art Handlung. Für Leser, die an das Faktische, an das Naturwissenschaftliche von Tiergeschichten glaubten, waren Texte dieser Art boshaft und unzumutbar, wusste er. Zum Glück hatte »Leben auf vier Pfoten« keine Leser. Deshalb schrieb er die Legende für sich und Katrin. Auf diese Weise verbrachten sie einige innige Minuten miteinander.

treue Augenblicke, Teil 84

Titeclass="underline" Kurt erzählt eine Bettgeschichte

Text: Hallo liebe Tierfreunde, liebe Hundeliebhaber,

liebe Deutsch-Drahthaar-Verbündete. Heute muss ich Ihnen eine ganz erstaunliche Geschichte erzählen. Kurt hat eine Nacht in einem fremden Bett verbracht, und in was für einem Bett!

Die Vorgeschichte war diese: Wir waren bei einer wunderschönen Frau eingeladen, wahrscheinlich war es die schönste Frau, die es an diesem Abend auf der Welt gab. Bei ihrem Anblick wussten wir beide nicht, wie uns geschah. Kurt sah sie und war sofort verliebt. Bei mir dauerte es ein paar Sekunden länger. (Menschen haben komplexere Gehirnfunktionen als Hunde.) Wenn sie ihn streichelte, wurde Kurt rot im Gesicht (und dankte dem Hundegott, dass man das unter seinem braunen Fell nicht bemerkte) und die Drahthaare standen voll elektrisiert in alle Richtungen. Wenn sie mich streichelte ... so war das leider nur ein kühner Wunschgedanke. Ich hatte einen hundsmiserablen Tag erwischt und musste ihre Wohnung bald wieder verlassen. Kurt durfte länger bleiben. Er durfte neben ihr im Bett übernachten. Er war der glücklichste DeutschDrahthaar-Rüde der Welt.

Am nächsten Tag, als ich ihn wieder in Empfang nahm, war er verändert. Er war um mindestens drei Jahre jünger und agiler geworden. Er sprang und spielte und bellte und kläffte, dass es eine Freude war (und weit darüber hinaus). Ich durchschaute seinen seelischen Zustand bald: Seine kaffeebraunen Glaswürfelaugen waren mit einem sanften Schleier überzogen, in welchem kleine goldene Herzen auf und ab tanzten.

Nun wissen Sie, liebe Tierfreunde, liebe Hundeliebhaber, liebe Deutsch-Drahthaar-Verbündete, dass es Möglichkeiten gibt, mit unseren Lieblingen in Gesprächskontakt zu treten. Wir werfen ihnen Fragen hin und sie antworten uns, indem sie bellen, und in der Art, wie sie es tun.

Sie werden sich vorstellen können, dass mich an diesem Tag vor allem eine Frage brennend interessierte: Wie war es neben dieser wunderschönen Frau im Bett? Kurt ist zum Glück nicht der Typ Hund, der Geheimnisse für sich behalten kann, wenn sie einmal eine so hohe Stufe der Emotionalität erreicht haben. Ich lud ihn zu einem Kreuzverhör auf meine Sitzgarnitur ein. Er nahm an, wählte eine bequemschlampige Hockstellung, legte seinen Kopf auf meine Schulter und stand mir bereitwillig Rede und Antwort.

Konnte er neben dieser Frau überhaupt eine Minute schlafen? - Nein. (Lang gezogener hoher Laut.) Musste er sie die ganze Nacht beobachten und bewachen? - Ja, das musste er. (Kurzer, kräftiger, kehliger Laut.) Was hatte sie an? War es ein weißes Nachthemd? - Ja. Durchsichtig? - Wusste er nicht, war ihm auch egal. (Kein Geräusch.) Hatte es Verzierungen? - Ja. Kleine Kätzchen? - Nein. Gelbe Blumen, vielleicht Sonnenblumen? - Eher. (Kurzer, schwacher, kehliger Laut.)

Wie lag sie? Auf dem Rücken? - Nein. Auf dem Bauch? - Ja. Kopf zur Seite? - Ja. Zu seiner Seite? - Selbstverständlich. Was gefiel ihm besonders an ihr? Ihre langen Wimpern? - Ja, sehr! (Zwei kurze, kräftige, kehlige Laute.) Die Art, wie sie ihre Wange am Kopfpolster rieb? - Ja, sehr. Wie sie sich im Schlaf mit dem kleinen Finger auf der Nase kratzte? - Ja, sehr. Wie sie schluckte und atmete und seufzte? - Ja, sehr. Roch sie gut? - Ja, sehr. Wonach? - Konnte er nicht sagen, jedenfalls nicht nach Wildbeuschel. (Gähnen.)

Wie war es, als sie aufwachte? - Schööööön. (Kaffeebraune Glaswürfelaugen nehmen vorübergehend Herzformen an.) Hatte sie den wunderschönsten verschlafenen Blick, den Kurt jemals gesehen hatte? - Ja, ja, ja, den hatte sie, ohne Zweifel! (Drei kurze, kräftige, kehlige Laute.)

Kommen wir nun zu der allerwichtigsten Frage: »Kurt, wollen Sie diese Frau, die neben Ihnen in oben beschriebener beispiellos anmutiger Weise eine Nacht verbracht hat, zu Ihrem anvertrauten Frauerl nehmen, so sprechen Sie: Ja.« - Kurt antwortete mit einem schnellen, kurzen, kräftigen, kehligen Laut. »Verstehe ich Sie richtig? Wollen Sie auf die Dienste Ihres bisherigen, Ihnen treu verpflichteten Herrls, das Ihnen Hunderte liebevolle Zeilen gewidmet hat, zu Gunsten des neuen Frauerls verzichten?« - Extrem lang gezogener hoher Laut. Wollte er absolut nicht! »Kurt, wollen Sie alle beide haben?« - Drei kurze, kräftige, kehlige Laute. Das war eindeutig. »Wollt Ihr drei zusammen leben?« - JAAAAAAAAAAAAAAAA! Kurt richtete sich auf und balsamierte mir mit seiner fettflüssigen Zunge dankbar den Kehlkopf ein.

Liebe Tierfreunde, liebe Hundeliebhaber, liebe Deutsch-Drahthaar-Verbündete, damit sind wir am Ende unserer Geschichte. Schnauzbussi von Kurt. Weihnachtsgrüße von Herrl Max.

Katrin konnte nicht einschlafen. Sie hatte mit dem Mann, dem küssen nicht gut tat, noch eine Rechnung offen - eine Putzereirechnung. Warum rief er sie nicht an? Warum musste sie um Mitternacht selbst zum Telefon greifen? Musste sie ihn wirklich fragen, ob sie ihm die Putzereirechnung schicken sollte oder ob er sie sich holen würde? War das notwendig? Warum zwang er sie dazu? Warum rührte er sich nicht?

Sie legte den Hörer auf die Gabel zurück, warf ihren Computer an und sah sofort seine Mitteilung. Er schrieb ihr: »Liebe Katrin, diese Geschichte ist für dich. Ich gebe zu, sie ist doof.

Aber sie kommt von Herzen. Gute Nacht, Max.« Absatz. Dann: »Treue Augenblick, Teil 84. Kurt erzählt eine Bettgeschichte ...« Katrin las sie dreimal. Dann druckte sie sie aus und las sie noch zweimal. Dann legte sie das Papier neben sich aufs Bett, dorthin, wo jüngst die Leberkässemmel gelegen hatte. Nach etwa einer Stunde machte sie Licht und las die Geschichte noch einmal. Dann drehte sie das Licht ab und schlief ein. Nach etwa einer halben Stunde (oder nach einer Stunde oder nach zwei Stunden) wachte sie auf und machte Licht. Sie hatte den genauen Wortlaut der Passage mit dem »verschlafenen Blick« vergessen. Dann drehte sie das Licht ab und schlief ein. Zwei oder drei Stunden später wachte sie auf, machte Licht, ging zum Computer und schrieb Max eine kurze E-Mail. Sie lautete: »Ich will mit dir schlafen und neben dir einschlafen.« Dann ging sie ins Bett, drehte das Licht ab und schlief ein.

19. Dezember

Ihr »Ich will mit dir schlafen und neben dir einschlafen« erregte und irritierte Max. Die Erregung bezog sich auf den ersten Teil und war das kleinere Übel, nein, sie war kein Übel, sie war das Gegenteil eines Übels. Sie war so heftig wie der Föhnsturm, der sich seit Stunden in die Fensterscheiben kniete - aber etwa hundertdreißig Grad Celsius wärmer. Und diese Hitze kam in Wellen, stieg ganz plötzlich in ihm hoch, zog rasch wieder ab und schwoll neuerlich an.