Wie dieses? Endlich konnte sie von ihrer Recherche erzählen. Also: In der Volksschule nach dem früheren Direktor gefragt. Den Direktor nach alten Lehrern gefragt. Die Lehrer nach einem auffallend fettleibigen Mädchen des Jahrgangs gefragt. Ergebnis: Lisbeth »Sissi« Unger. Eine Dickere gab es nie wieder.
Fortsetzung: Auf einer Polizeiwachstube »den Charme spielen lassen« und Einsicht in die Meldelisten bekommen. Von Lisbeth Unger auf Lisbeth Willinger und die neue Anschrift gestoßen. Telefonnummer ausfindig gemacht. »Und einfach angerufen«, sagte sie. »Und was gesagt?«, fragte Max.
Nun, Paula war von der Lotteriegesellschaft und hatte eine erfreuliche Nachricht. Lisbeth Willinger bedauerte: Sie spielte nicht Lotto, auch nicht ihr Mann, und ihre Kinder waren noch zu klein. »Das wissen wir«, meinte Paula. »Darum würden wir Sie gerne mit einem schönen Werbegeschenk auf den Geschmack bringen.« Leider durfte Paula nicht verraten, was es war. Das Geschenk würde Frau Willinger mit Erlaub in den nächsten Tagen zugestellt werden. »Nur eine kleine Bitte«, sagte Paula: Intern wolle man eine Kartei der Beschenkten anlegen. »Und da brauchten wir ein Foto von Ihnen.« - »Darf es auch von meinem Mann sein?«, fragte Lisbeth. Nein, das ginge nicht. Männer hätte man schon zu viele in der Kartei. »Na schön. Aber Sie versprechen mir, dass das Foto nirgendwo veröffentlicht wird«, forderte Lisbeth. Versprochen. Tags darauf: Foto erhalten.
»Paula, du bist ...« - »Ich weiß«, sagte sie. »Und du lass dir ein gutes Werbegeschenk für Lisbeth einfallen.« - Max schwieg. »Und morgen Abend kommst du zu mir und wir studieren das Foto.« - Max schluckte. »Samuel fährt morgen nämlich wieder auf Dienstreise.« - Max schwieg. »Wir beide sind also allein.« - Max schluckte.
20. Dezember
In der Früh lag Max nicht neben Katrin. Das war eine große Enttäuschung. (Auch Kurt lag nicht neben ihr, das war eine kleine bis keine Enttäuschung.) Sie hätte schwören können, dass Max neben ihr lag. Sie hatte es ... nein, das war mehr als ein Traum. Das war eines der nächtlichen Erlebnisse, an denen man festhielt, weil sie logisch, vernünftig, in sich geschlossen waren. Aber zum dauerhaften Festhalten fehlte neben ihr jetzt Max.
Der Wecker hatte getan, was er tun musste. Er erlaubte ja keine Übergänge, er duldete keine Fristen. Es war sieben Uhr. Katrin konnte noch nicht denken. Sie konnte daher noch nicht wissen, warum Max nicht neben ihr lag. Sie musste ihn persönlich fragen, warum er es nicht tat. Vielleicht hatte er eine einleuchtende Erklärung. Sie konnte sich noch nicht die Zähne putzen. Sie konnte sich noch nicht den Schlaf aus den Augen reiben. Sie nahm das Telefon und wählte seine Nummer. (Die kannte sie selbst im noch nicht aus den Augen geriebenen Schlaf.) Als er abhob, wachte sie auf und ließ vor Schreck den Hörer fallen. Es war Donnerstag vor Weihnachten, ihr letzter Arbeitstag. Ihr ging es nicht besonders gut. Ihr fehlte die Balance. Sie fühlte zu viel und spürte zu wenig.
Kurt lag unter seinem Sessel und schlief, als das Telefon läutete. Max ging normalerweise nicht hin, wenn der Tag noch nicht angebrochen war. Aber die Anruferin konnte Katrin sein. Und obwohl sich niemand meldete, obwohl das Gespräch beendet war, bevor es anfing, war es Katrin. Die Technik der Kommunikation war ja so weit fortgeschritten, dass man in Zahlen ablesen konnte, wer gerade nicht (oder nur beinahe) mit einem sprechen wollte.
Max rief sofort zurück und sagte: »Guten Morgen.« Schlagfertig wie sie war, erwiderte sie: »Guten Morgen.« Danach entstand eine Pause. Die Standpunkte waren abgeklärt.
Telefonieren lernt man von klein auf oder nie. Max hatte diesbezüglich eine raue Kindheit hinter sich. Die Großeltern lebten in Helsinki. Das hieß: Telefonieren mit oder aus Finnland war an sich zu teuer, aber es war die einzige Verbindung zwischen Eltern und Großeltern, die innerhalb eines Tages hergestellt werden konnte.
Max musste drei Millimeter neben dem Hörer stehen, um ihn auch einmal zum Ohr zu kriegen, wenn Helsinki in der Leitung lag. Und er durfte nicht länger als drei Zehntelsekunden brauchen, um »Hallo Oma, hallo Opa« zu sagen. Um Zeit (und Geld) zu sparen, sagte er »Hallomahallopa!« Bei jedem dritten dieser Gespräche kam noch ein Rauschen, das »Hallo Maxiburli« heißen sollte, zurück. Dann war die Verbindung unterbrochen. Oder der Hörer war ihm entrissen worden.
Andere Telefonkontakte als mit Oma und Opa in Helsinki gab es nicht. Die Rechnung war nach Ansicht der Vaters zu hoch für die Perversion, mit jemandem fernmündlich zu korrespondieren, der in der gleichen Stadt lebte; den konnte man ja auch besuchen. Strengstens untersagt war Max die ganz besondere Perversion, am Nachmittag mit Schulfreunden zu telefonieren, die er noch wenige Stunden zuvor persönlich hatte antreffen und ansprechen können. Da Max praktisch nie telefonieren durfte, wurde er auch fast nie angerufen. Und wenn ihn einmal ein Gespräch erwischte, dann verfiel er in die »Hallomahallopa«-Hektik und konnte weder Gedanken fassen noch Worte finden.
Mit den Jahren lernte er, die Verbindung länger als ein paar Sekunden aufrecht zu halten. Mit geübten Partnern konnte er mitunter sogar hübsch ein paar Worte wechseln. Zum Plaudern reichte es nie. Und wenn einmal eine Sprechpause eingekehrt war, hörte er die Zahluhr ticken und brachte kein vernünftiges Wort mehr heraus.
So gesehen war sein: »Hast du mich gerade angerufen?«, mit dem er die Schweigeminute beendete, gar nicht schlecht. Leider antwortete Katrin schlaftrunken: »Nein, wieso?« - »Weil deine Nummer aufgeschienen ist«, erwiderte er recht spontan. »Ah so«, sagte sie. »Verzeihung, da muss ich mich dann verwählt haben.« Er überhörte ihren notlügnerischen Akzent. Er war stolz, dass sie sich gerade ihn zum Verwählen ausgesucht hatte. Er fragte - und das war wirklich mutig und darüber freute er sich sehr: »Was ich dich eigentlich fragen wollte: Willst du nicht vor der Arbeit noch zu mir auf einen Kaffee kommen?« - »Ja, gerne.« Ihre Antwort langte gleichzeitig mit dem Ende seiner Frage ein. »Um acht?« - »Um acht!« - »Bis dann.« - »Bis gleich.« - »Ich freu mich.« - »Ich mich auch.« - »Ich mich sehr.« - »Ich mich auch sehr.« - »Also bis dann.« - »Bis gleich.«
Das war ein verdammt gutes Telefongespräch, dachte Max danach und behielt den Hörer als Andenken noch eine Weile in der Hand.
Im Esterhazypark wurde ihr bewusst, dass sie ihm geschrieben hatte, dass sie mit ihm schlafen wolle. (Und dass es stimmte.) Und dass er geantwortet hatte: »Ich will es auch.« Und dass sie jetzt auf dem Weg zu ihm war. Und dass er hoffentlich nicht glaubte, dass sie erwarte, dass ihrer beider Wunsch jetzt eingelöst werden sollte. Und dass er hoffentlich nichts dergleichen unternahm. Sie hatte eine halbe Stunde Zeit. Sie wollte ihn nur sehen. Nur »Guten Tag« sagen. Nur einen Kaffee trinken und ihre Verwirrtheit auf ein erträgliches Maß reduzieren.
Immerhin musste sie noch ein Dutzend Patienten empfangen, bevor sie dreißig Jahre alt werden durfte.
Im Stiegenhaus legte sie sich einen groben Verhaltenskatalog für die Türszene zurecht: Wenn er ihr im Pyjama öffnete, würde sie schreien. Wenn er ihr im Morgenmantel öffnete, würde sie davonlaufen. Wenn er ihr nackt öffnete, würde sie schreien und davonlaufen.
Er war angezogen. Sie fiel ihm um den Hals. Er drückte sie an sich. Sie spürte seine heiße Wange an ihrer kalten. So standen sie etwa eine halbe Stunde. Dann musste sie gehen. Nein: So standen sie ein paar Sekunden, die ihr wie eine halbe Stunde vorkamen. Danach gab es keinen Kaffee. Keiner machte einen. Es gab auch sonst nichts. Keiner dachte daran. Nichts lenkte sie voneinander ab. Das war schön.
Sie saßen auf der Couch. Sie saßen eng nebeneinander. Er hielt ihre Hand. Sie erzählten einander belanglose Geschichten, wahrscheinlich aus der Kindheit. Es war egal, was sie sich erzählten. Keiner bemerkte es und keiner merkte sich ein Wort davon. Es galt, sich an die Stimme des anderen zu gewöhnen und Vertraulichkeitspunkte zu sammeln.