Es waren Geschichten, bei denen man einander in die Augen schauen konnte, bei denen man einander zunickte, bei denen man ständig lächelte, obwohl es keine lustigen Geschichten waren. Wenn man verliebt war, erzählte man sich keine lustigen Geschichten, sondern Geschichten, bei denen man sich und dem anderen die Möglichkeit gab, Verliebtheit zu leben, ohne dabei schweigen zu müssen. Es waren Geschichten, bei denen man in die Hände hineinhorchen konnte, die man einander hielt.
Dazwischen hätte man einander eigentlich küssen müssen, dachte sie. Es waren Geschichten, bei denen dies nicht nur gegangen wäre. Es waren Geschichten, die dafür bestimmt waren. Geschichten, die man an jeder Stelle bequem hätte unterbrechen können. Geschichten, die man nachher gar nicht mehr hätte fortsetzen müssen. »Worüber haben wir vorhin geredet?«, hätte einer dann gefragt. Keiner hätte es mehr gewusst. Dann hätte man einander wieder geküsst. Und dann hätte man nicht mehr damit aufgehört. So endeten solche Geschichten. Es waren in Worte gefasste Küsse.
»Ich muss gehen«, sagte Katrin stattdessen und verlor seine Hand. Sie hätte ihn jetzt doch noch küssen können, aber es war ihr zu riskant. Er hätte zumindest »Wann sehen wir uns wieder?« fragen müssen. Er hatte dazu bereits den Kopf leicht schräg gestellt und das Gesicht nach vorgezogener Sehnsucht aussehen lassen. Aber er fragte nicht. Sie umarmten sich. Das war schön. Ihr war nach »Hast du heute Abend Zeit?« zumute. Aber da schlich gerade Kurt vorbei. Er war müde. Er war nicht der Hund, der vor ein paar Tagen neben ihr erwacht war.
»Darf ich ihn mitnehmen?«, fragte Katrin, um eine interessante Frage zu stellen und aus tiefem Mitleid mit sich selbst, ohne Kuss und ohne Max und ohne Kaffee gleich einem Rudel sehwütiger Augenarztpatienten vor die verkrümmten Linsen gesetzt zu werden. Sie brauchte plötzlich einen Beschützer und ein Bindeglied. - Max war überrascht, aber großzügig. Natürlich durfte sie Kurt haben. Kurt durfte sie immer haben. »Mein Hund ist dein Hund«, sagte er und gab ihr statt eines Kusses auf den Mund die Leine in die Hand, an deren anderem Ende Kurt gegen das Wachsein und für den gesunden Morgenschlaf kämpfte.
»Und wann willst du ihn wieder zurückhaben?«, fragte Katrin. Ihre unausgesprochene Frage dahinter hieß: »Wann sehen wir uns wieder?« Seine Antwort hätte lauten müssen: »Wenn es dir recht ist, dann komm doch heute Abend mit ihm zu mir.« Seine Antwort lautete: »Wenn es dir recht ist, dann hol ich ihn morgen zu Mittag bei dir ab.« Nein, das war ihr nicht recht. »Ja, das passt«, sagte sie.
Im Stiegenhaus wusste Kurt, dass er sich nicht den kleinsten Quietscher seiner Leberkäsesemmel und nicht den leisesten Schritt entgegen die Marschrichtung von Katrin leisten konnte. Sie war nicht gut aufgelegt und er wäre der Erste und Einzige gewesen, der dies zu spüren bekommen hätte.
Zu Mittag, am frühen und am späten Nachmittag rief Max bei Katrin an, um zu fragen, wie es Kurt ging - und um zu erfahren, wie es ihr ging. Kurt schlief jeweils im Zentrum des Wartesaals. Manchmal stolperte ein besonders schlechtsichtiger Patient über ihn, aber Kurt schlief angeblich zu tief, um ihm deswegen ins Bein zu beißen. Katrin gab knappe, freundliche, verbindliche Stellungnahmen ab. So ähnlich redete sie vermutlich mit ihren Augenarztkunden. Wäre sie zu ihm weniger knapp, dafür unfreundlicher und unverbindlicher gewesen, hätte er sich besser gefühlt.
Am Abend begann es wieder zu schneien. Max war auf dem Weg zu Paula, um das alte Lied von der Aufarbeitung der Vergangenheit neu anzustimmen. Er fand lächerlich, was er gerade tat. Was suchte er bei Paula? Was hatte er dort verloren? Warum ging er nicht zu Katrin, die er liebte? Warum sagte er ihr nicht, dass keine Minute mehr ohne Gedanken an sie verginge und dass er für sie alles tun würde, zum Beispiel würde er für sie Rom in einem Tag abreißen und wieder aufbauen - unter der Bedingung, dass ihm schlecht werden durfte, wenn er sie küsste?
Als er bei Paula an der Tür läutete, schwor er sich, dass das »Unternehmen fette Sissi« sein letzter Versuch sein sollte, den natürlichen Abläufen mit selbsttherapeutischen Kunstgriffen eine Wendung zu geben.
In Paulas Wohnung waren alle Räucherstäbchen der arabischen Welt versammelt, um gemeinsam einen biologisch abbaubaren Mega-Joint abzurauchen. Ein Dutzend Duftkerzen, falsch: Heilkerzen färbten den Geruch medizinisch-psychedelisch und beleuchteten die Rauchschwaden. Aus dem überhitzten Dunst trat, ziemlich schulter-, bauch- und beinfrei, Paula hervor. Sie gab eine scharf kontrastierend geschminkte Frau indianischen Blutes, die man sofort haben wollte und wohl auch durfte, beides war man ihrem perfekt inszenierten LSD-Rausch-Auftritt schuldig. Weil überreizte Klischees bei Paula ungern unvollständig vorkamen, spielten Pink Floyd dazu »Dark Side of the Moon«.
»Was soll das?«, fragte Max. »Holst du deine Pubertät nach?« - »Nein, deine«, erwiderte Paula. Sie hatte diesmal besonders kräftige Lippen, oder waren sie ihm nur schon so nahe zu Leibe gerückt? Die Eingangstür war zu, der Schlüssel steckte zum Glück, bemerkte Max. Schlimm genug, dass er an solche Dinge denken musste.
Paula nahm ihn wie einen Patienten am Arm und führte ihn in den beräucherten und von brennenden Armleuchtern bewachten Arbeits- und Meditationsraum. Dort drückte sie ihn sanft auf den mit Polstern und Decken ausgelegten Parkettboden und hockte sich dazu. »Was hast du mit mir vor, willst du mich verführen?«, fragte er bemüht unerschrocken. »Nein, nur küssen«, sagte sie. »Aber nicht im Ernst«, erwiderte er vergeblich bemüht unerschrocken. »Einmal musst du es ja lernen«, meinte sie und begann, ihre Lippen mit Dehnungsübungen in Fahrt zu bringen.
Max wollte aufstehen und gehen, als ein weißes Lichtquadrat mit abgerundeten Ecken auf die Wand fiel. Paula hatte den Diaprojektor angeworfen, klickte einmal, und da war sie nun vor ihm - lebensgroß, mächtig, schicksalsträchtig: eine klassische junge Frau von nebenan, die man täglich hundert Mal sah und sehen konnte, ohne sie beim hundertersten Mal wieder zu erkennen. Sympathisch, aber nicht zu sehr. Mit ehrlichem »Ich-habe-meine-Tage- aber-es-stört-mich-nicht«-Blick. Dazu ein frisches »Ich-mache-die-beste-Marillenmarmelade-der-Welt«- Lächeln. Darüber eine kräftige »Wem-sie-nicht- passt-der-hat-Pech-gehabt«-Nase, Marke: Großschanze. Darüber eine schmale »Denken-heißt- Gehirn-verrenken«-Stirn. Darauf eine raffiniert blond gemeschte, steifgegelte »Mode-ist-wenn-man- vergisst«-Kurzhaarfrisur. Eine Hand zur Faust geballt und in die Hüfte gebohrt. Ein Bein unter dem Kostümsaum vorgestreckt, um der maßlos unterschätzten Erotik der heimischen Natur-Wade zum Durchbruch zu verhelfen. - Ein Frauenbild wie ein Geständnis. Sie war es. Sie hatte einst den kleinen Max in die Ohnmacht geküsst: Lisbeth »Sissi, die Fette« Willinger.
»Und? Erinnerst du dich?«, fragte Paula. »Flüchtig«, sagte Max, um irgendetwas Kurzes mit »Flucht« zu sagen, und hielt sich beide Hände vor die Brust, um die ersten Donner- und Grollgeräusche einer herannahenden Gewitterfront zu erfassen. »Sieht doch recht süß aus«, meinte Paula und klickte weiter. Der Projektor schob Sissis Ganzkörperaufnahme zur Seite und hob den ausschnittsweise vergrößerten Kopf hinein. Mit einem Leuchtstab zeichnete Paula Sissis Mund nach und meinte: »Tadellos symmetrisch, nicht aufgeblasen, keine Ecken, darunter saubere schöne weiße Zähne. Sag bloß, dir graust noch immer davor?« Max holte tief Luft und sparte sich eine Antwort. Wenn sich beide nicht bewegten (weder er noch der Mund auf der Wand), konnte er es noch einige Zeit hier aushalten.
»So«, sagte Paula. Das klang gefährlich. »Wir machen jetzt genau fünf Übungen.« - Nein Paula, wir machen jetzt genau nicht einmal eine Übung!, dachte Max. Über das Denken ging sein Widerstand aber nicht mehr hinaus. »Wenn dir übel wird, dann klopfe dreimal mit der Faust auf den Boden, dann höre ich sofort auf«, versprach Paula. - Max klopfte dreimal mit der Faust so heftig auf den Boden, dass die Wände arabischen Rauch husteten. Aber Paula blieb gnadenlos bei der Sache.