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Übung eins: Der Kuss mit geschlossenen Augen. Max spürte, wie Paulas Lippen sich wie eine drückende tropische Regenfront über seine legten - und klopfte dreimal. Sie warf ihm einen hässlich funkelnden Indianerblick zu und machte weiter. Er spürte ihre Zunge in seinem Mund. Sie war spitz, rau und erfreulich sparsam im Umgang mit Speichel. Er wollte an Katrin denken, aber er war zu verschämt. Stattdessen fiel ihm die stöhnende Natalie im feuchtfröhlichen Liebesrausch ein. Und hinter ihr lauerte schon die fette Sissi. Sie sprang vor, hielt seine Wangen zwischen je zwei ihrer Wurstfinger fest, sagte »Na, du Schlimmer« und hauchte ihm ihr »Best of Mundgeruch, Junior-Edition« ins Gesicht. Max klopfte dreimal. »Fünf Sekunden«, stoppte Paula, die Schinderin. »Eindeutig zu kurz.«

Übung zwei: Der Kuss mit geöffneten Augen. Der ließ sich gut an. Paulas Pupillen waren groß und leuchteten wie Tautropfen im gelbgrünen Moos. Ihr Gesicht spannte sich anmutig verklärt, wie das einer südamerikanischen Vollblutturnlehrerin, die sich ihrem untrainierten europäischen Lieblingsschüler hingab. Max fühlte im unteren Körperbereich Kräfte aufkommen. Da fiel ihm Samuel, ihr Freund, ein. Was, wenn er sie so sehen würde? Was, wenn er jetzt hereinkäme? Bei dieser Vorstellung hob sich ihm der Magen, darunter kam das Schweinsgesicht der fetten Sissi zum Vorschein. Sie strich sich mit der Zunge über die Oberlippe und wünschte ihm guten Appetit. Max klopfte dreimal. »Elf Sekunden«, sagte Paula. »Besser mit offenen Augen als mit geschlossenen küssen, mein Guter.« - »Besser, DICH so zu küssen«, erwiderte Max. Sie hatte sich ein Kompliment verdient, dachte er und atmete kräftig durch.

»Jetzt kommt die schönste Übung«, versprach Paula. »Du darfst deine Hände benützen.« Max lächelte in gespielter Vorfreude. »Aber nur bis hierher«, ergänzte sie und hielt ihre Hand wie eine Bauchtänzerin vor den Nabel. Diesmal schaffte er beeindruckende zwanzig Sekunden. So lange brauchte er, um zu wissen, wo er seine Hände hintun sollte, ohne Paulas Schönheit zu beleidigen, ohne die Freundschaft zu sprengen, ohne die Prüfungssituation für libidinöse Zwecke zu missbrauchen, ohne das Gefühl zu haben, Samuel mit ihr zu betrügen. An Katrin war gar nicht zu denken. Sie wartete in einem anderen Sonnensystem - und wahrscheinlich nicht einmal mehr auf ihn.

Natürlich hätte er Paula gerne auf den Busen gegriffen und wäre dort länger verweilt. Wer hätte das nicht? Er war wahrscheinlich der einzige volljährige Mann der westlichen Welt, der ihren Busen berühren durfte und es nicht tat. Es war allerdings gar nicht leicht, auf ihrem Oberkörper eine Stelle zu finden, die von der Dominanz und Ausbreitung des Busens ausgespart war. Er wusste, er ließ hier eine Jahrhunderteinladung platzen. Aber er war ja nicht zum Vergnügen da.

Bei solchen Überlegungen flossen die Sekunden bei hoher Pulsfrequenz dahin und er vergaß ganz auf die beiden kampfsportartig ineinander verkeilten Zungen. Endlich fand er auch Halt für seine Hände. Auf Brusthöhe in der Nähe ihrer Schulterblätter gab es warme, muskulös gewölbte Flächen, die er ohne schlechtes Gewissen massieren konnte. - Da nun sinnliche Ruhe eingekehrt war, blendete sich die fette Sissi in das Geschehen ein und warf ihm einen lebertranigen Kussmund zu. Max klopfte dreimal. Paula war enttäuscht. Sie hätte ihm einen vollen Erfolg mit sich gewünscht.

Nun blieb ihm Übung vier nicht erspart: Der Kuss mit gleichzeitigem Blick auf das projizierte Ganzkörperbild von Lisbeth Willinger. Sieben Sekunden benötigte er, um von der adretten Lisbeth zu ihrem fetten Ursprung zurückzugelangen. Dann klopfte er dreimal und brauchte bei geöffneten Fenstern eine längere Pause.

Übung fünf: Der Kuss mit gleichzeitigem Blick auf den projizierten Bildausschnitt des Gesichts von Lisbeth Willinger. Er sah also beim Küssen über Paulas quergestellten Kopf hinweg direkt auf Sissis Mund an der Wand. - Vierzig Sekunden, dann wollte Paula nicht mehr. »Was ist los mit dir, geheilt?«, fragte sie nachher.

Es war seltsam: Sissis Mund, bei dem nur die Zähne zum Vorschein kamen, beruhigte ihn. Der Blick darauf nahm dem Trauma den verfaulten Geschmack. Max fühlte sich wie ein (küssender) Marathonläufer. Er sah sich mit den Augen Dutzende Kreise um Sissis Lippen ziehen. Er lief dabei nie Gefahr, abzurutschen und hineinzugleiten. Die ersten Runden kosteten noch die übliche Überwindung und Anstrengung. Doch von Sekunde zu Sekunde fühlte er sich leichter auf seiner Bahn. Schließlich trat er mit seinen Augen in eine Art aerobe Mund-Umrundungs-Phase ein. Er verspürte dabei ein angenehmes Schwindelgefühl, das ihn wie ferngesteuert weitermachen ließ.

Gleichzeitig hatte er sich an Paulas Zunge in seinem Mund gewöhnt. Sie drang ja doch nie weiter vor als bis zu seinem hinteren Gaumen. Das Glitschige verlor seine üble Schärfe. Die Gedanken trugen ihn bis zur Mutprobe der »Dreckigen Toten- kopfpiraten« zurück. Er hörte, wie ihn die Kinder anfeuerten: »Bravo-Max-der-Küsser-König-der-Max-der-kann's-der-Max-der-hat's.« Er rechnete mit heftigen Schüben von Übelkeit und seine größte Angst war es, dass Paula die drei Klopfgeräusche im Kussrausch überhören könnte. Aber es passierte nichts, der Magen blieb ruhig. Die Augen zogen unermüdlich ihre Runden um Sissis Lippen auf der Projektionswand. Max fühlte sich stark genug, damit über jede volle Distanz zu gehen. Er hätte noch Stunden weiterküssen können.

»Gratuliere«, sagte Paula und rüttelte an seiner Schulter. »Danke«, flüsterte Max erschöpft. »Dann haben wir's also«, meinte sie und richtete sich auf. »Was?« - »Die Lösung deines Problems. Du brauchst ein Foto von ihren Lippen. Das trägst du von nun an immer bei dir. Und das verwendest du mir bei jedem Kuss!« - Jetzt war sie die strenge Apothekerin. »Vielleicht war es nur Zufall, nur ein einmaliger Erfolg«, gab Max zu bedenken. - »Das musst du ausprobieren, mein Guter«, sagte sie, ging zum Schreibtisch (Meditationstisch) und kam mit einem Stoß Fotos zurück: Lisbeth Willinger in allen Größen und von allen Seiten, darunter drei herrlich ausgearbeitete Lippenbilder.

»Paula, ich ...« - »Ich weiß, dass das großartig von mir war«, sagte sie. »Wie kann ich mich revanchieren? Was kann ich dir dafür geben?«, fragte Max. - »Einen Kuss«, erwiderte Paula. »Muss aber nicht heute sein.«

21. Dezember

Kurt hatte zwei Seelen in seiner drahtbehaarten Brust, eine bekannte und eine ungeahnte. Die eine schlief. Die andere wachte neben Katrin auf. Was war passiert? Lange Zeit gar nichts. In der Ordination am Vortag: Seele eins. Beim Auftritt von Doktor Harrlich (»Was ist das da am Boden?« - »Ach nichts, nur ein Teppich.« - »Der ist zu dick, schönes Fräulein, da stolpern unsere Kunden darüber.« - »Ich werde ihn noch heute austauschen.«): Seele eins.

Beim abendlichen Schneespaziergang im Esterhazypark: Seele eins. (Katrin war knapp davor, die Tierseelsorge anzurufen und ihr mitzuteilen, dass unter der vierten Gebüschzeile ein fremder Hund mit zugefrorenem Schnauzbart lag, der offenbar Probleme mit sich hatte. Dann zerrte sie ihn aber doch zu sich nach Hause.) Daheim, bei Help TV, Doris Dörrie, Mailänder Mode, »Kurt erzählt eine Bettgeschichte«, Debussy, Internet und Telefon: Seele eins. Wildbeuschel? - Danke, später: Seele eins. Zeit für die Nachtruhe? - Jawohl, sofort: Seele eins.

Als sie einschlief, lag er neben ihr auf einem hundgerecht derangierten und mit Tramperidyllischem Bahnhofsgrind einbalsamierten roten Uralt-Schlafsack und ließ seine Seele eins baumeln.

Als sie aufwachte, stand er auf der anderen Seite neben ihr, rieb sich die Nase an ihrem Kinn, hechelte wie drei Schlittenhunde im Kanon nach der Arbeit und erzählte ihr die Geschichte vom Hund, um den sich in der Früh keiner gekümmert hatte und der deshalb begonnen hatte, aus den Holzmöbeln Zahnstocher herzustellen. Dazu quietschte er abwechselnd mit seiner Leberkäsesemmel und bellte wie einer, der innerhalb von ein paar Minuten eine lautlose Woche ungeschehen machen wollte. - Das war seine verschüttet geglaubte Seele zwei.