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Sie hatte ihn erwischt. Er hatte ein Foto »dazu« gebraucht. Darauf waren die Lippen einer Frau abgebildet. Vermutlich war es seine Ex-Freundin. (Wenn nicht gar seine Mutter.) Das war nicht normal. Oder war das normal? Sie dankte Gott, nein, nicht Gott, sie dankte sich selbst, dass sie so viel Körperbeherrschung gehabt hatte, sich noch nicht vollständig ausgezogen zu haben.

Sie waren schon auf seiner orangeroten rauledernen Sitzgarnitur gelegen. Sie waren im Küssen umgekippt. Er küsste nicht gut, er küsste wie ein Gymnasiast, der zum ersten Mal eine andere Zunge berührte. Aber das störte sie nicht. Er war gierig und darin war er selbstsicher. Das riss sie mit. Das riss sie nieder. Er wollte sie haben. Und sie war dabei, sich hinzugeben. Sie wollte es so sehr wie schon seit Jahren nicht. Hatte sie es überhaupt schon so sehr gewollt? »Haben« und »hingeben«, wie das schon klang! Aber es kam ja ohnehin nicht dazu.

Er hatte den linken Arm hinter dem Rücken eingeklemmt. Sie drehte seinen Körper zur Seite, um den Arm zu befreien. Er wehrte sich. Er drückte dagegen. Das war nicht normal. Das ergab keinen sexuellen Sinn. Man brauchte doch seine Hände. Oder brauchte man sie nicht?

Es kam ihr vor, als hüte er ein Geheimnis. Als hielt er etwas in der Hand. Als verstecke er etwas vor ihr. Und sie hatte Recht. Irgendwann ließ er es fallen: ein Foto. Sie hob es auf, sah es an: Lippen. Pfui! Nein, sie konnte ihn nicht fragen, was das Bild hier zu suchen hatte, was er damit vorhatte. Sie hatte Angst vor einer Erklärung, vor einem perversen Lippen-Bekenntnis, noch mehr Angst vor einer faulen Ausrede, einem fluchtartigen Ausbruch der Banalität. »Es ist ganz anders, als du denkst«, flüsterte er. Aber sie dachte weder so noch anders. Er hatte ein Foto mit Lippen in der Hand. Da gab es nichts zu denken. Das war krank.

Beim Zuknöpfen ihrer Bluse kam sie sich gedemütigt vor. Gleichzeitig spürte sie, dass sie den Mann, der mit dem gesenkten Blick eines schlimmen Buben auf der Couch saß, nicht aufgeben konnte. Sie erwischte sich dabei, etwas zu suchen, das ihr die notwendige Trennung erträglich machte: einen Teil von ihm, ein Bindeglied, ein Mittelding. Sie suchte nicht lange. Er lag unter seinem Sessel und schlief. Sie fragte keinen von beiden. Sie sagte: »Komm, Kurt!« Und er gehorchte nur deshalb nicht sofort, weil er noch nicht aufgewacht war. Aber danach ging er widerstandslos mit.

»Ich glaube, es ist besser so«, sagte sie zu Max beim Abschied. Es ging daraus nicht hervor, was besser so war. Sie wusste es selbst nicht. Aber sie hatte sehr viele Filme gesehen, die ähnlich schlecht ausgingen. Sie hatte stets die Tapferkeit der Menschen bewundert, die in beschissenen AbschlussSituationen »Ich glaube, es ist besser so« sagen konnten. Sie war stolz auf sich, die Wohnung mit Würde (und Hund) zu verlassen. Der Stolz zerfiel beim Haustor. Dahinter ging er in gefrierenden Nieselregen über.

Max war nicht traurig. Er dachte nur: »Schade.« Vielleicht sprach er es sogar aus. Es war ein knappes, achselzuckendes »Schade«. Er dachte auch: »Pech.« Das war noch knapper. Es bewies ihm, dass man Schicksalsschläge, welcher Härte auch immer, so locker hinnehmen konnte, wie man wollte. Natürlich hätte er sich jetzt auch den Korkenzieher in den Bauch drehen und ein paar Darmschlingen herausziehen können. Damit wäre er dem Anlass mindestens genauso gerecht geworden wie mit »Schade« oder »Pech«. Denn wenn er vor einigen Stunden gefragt worden wäre, was das Schlimmste sei, das ihm mit Katrin passieren konnte, so hätte er geantwortet: »Ich küsse sie und sie entdeckt dabei das Foto.« - Das war passiert. Schade. Pech.

Das war also das Ende der Geschichte. Er saß auf der Couch und wartete, bis die restlichen beiden Tage bis zu seiner Abreise vergingen, eine Abreise, die ihm keine Freude mehr bereitete.

Er hatte keine Lust auf einen Tauchurlaub. Er hatte allerdings auch keine Lust auf keinen Tauchurlaub. Er hatte ausschließlich Lust auf Katrin. Doch die hatte er soeben verloren. Schade. Eine andere Frau interessierte ihn nicht. Pech. Er musste jetzt einsam alt werden, ohne Lust auf Tauchen oder sonst irgendwas. Schade. Pech. Er war zu arm, um sich leid zu tun. Er hatte nicht einmal mehr seinen Hund. (Und er würde nie mehr wagen, ihn zurückzuverlangen. Er würde überhaupt nichts mehr wagen, was Katrin betraf.) Wenn er jetzt sagte, dass ihm Kurt fehlte, hätte er es selbst nicht geglaubt. Aber es stimmte.

Kurt war ein Zyniker. Er hatte seine wiehernde Semmel daheim gelassen und das Lippenfoto mitgenommen, vermutlich als Andenken an sein perverses Herrl, dachte Katrin. Das Bild war bis zur Unkenntlichkeit zerknüllt und steckte, gut abgeschirmt von Schnauzbarthaaren, in seiner rechten Lefze. Dort schob er es wie eine kugelige Zahnradbahn den Kiefer vor und zurück. Das sah nach US- Baseball-mäßigem Kaugummikauen aus, welches ihm gut zu Gesichte stand und den debilen Blick der zugekniffenen Augen rechtfertigte. Es war zudem ein Spiel, das sich auch im Halbschlaf durchführen ließ. Kurt hatte nach seinen starken Auftritten am Vortag wieder zur Normalform, zu seiner Seele eins, gefunden. Auch er war psychisch gestört, wusste Katrin. Kein Wunder bei diesem Herrl.

Wie es Katrin ging? Danke, schlecht. So schlecht, dass sie es daheim nicht lange aushielt. Schlecht genug, um die letzten Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Kurt schlich mit. Er hatte das in seinen Besitz übergegangene zerknüllte Lippenfoto dabei. Katrin beschloss, ihm eine dazu passende BaseballKappe zu kaufen. Die fünfte, die sie probierten, gefiel ihm. Zumindest warf er sie nicht ab. Sie war schwarz und enthielt den giftgrünen Schriftzug »Hells Bells«. Entweder war Kurt ein geheimer Rocker oder er wollte einfach keine Kappe mehr probieren.

Für Mutter fand sich ein rosa Nachthemd. Sie besaß zwar bereits zwei rosa Nachthemden, aber das eine war zu altrosa, das andere zu neurosa. Und dieses hier traf exakt die rosa Mitte. Außerdem: Nachthemden konnte man gar nicht genug haben, dachte Katrin. Sie freute sich schon, diesen Satz aus dem Munde ihres Vaters zu hören.

Für Vater hatte sie an eine Wanduhr gedacht, an eine Kuckucksuhr für militante Tiergegner. Die Verkäuferin des größten Fachgeschäfts der Stadt stellte ihr drei Modelle tickender Holzkästen auf das Pult, aus denen, mit Horngebläse untermalt, zu jeder vollen Stunde mit Schrotgewehren bewaffnete Jäger ins Freie marschierten und Schüsse abfeuerten (um drei Uhr drei Schüsse, um sieben Uhr sieben und so weiter). Beim Gustieren merkte Katrin, dass ihr drei Dinge fehlten: erstens der Jagdinstinkt für Uhren, zweitens die Leine in der Hand, drittens der Hund an der Leine.

Die Suche, an der auch das Personal der Wanduhrenabteilung teilnahm, konnte nach einer halben Stunde eingestellt werden. Kurt nieste und verriet dadurch sein Versteck. Er hatte sich durch einen offenen Türspalt in einen dunklen Uhrenlagerraum zurückgezogen. Dort saß er, wie eigens dafür abgerichtet, in stiller Andacht vor einem finsteren Kasten. Seine Augen waren weit aufgerissen und fixierten in huldigender Weise einen auf der Kommode befindlichen Gegenstand. Katrin schaltete das Licht an und sah die Wanduhr. Sie kam ihr bekannt vor, sehr bekannt. Es war eine griechische Kuckucksuhr ohne Kuckuck, stattdessen gefüllt mit antiken Helden. Es war die gleiche Uhr, die bei Max an der Wand hing. Kurt musste sie wieder erkannt haben. So viel Klugheit im Umgang mit Einrichtungsgegenständen hätte sie ihm nicht zugetraut.

Beim Verlassen des Raumes passierte etwas Eigenartiges: Kurt wollte nicht. Er bestand darauf, hocken zu bleiben und auf die Uhr zu starren. Es war anders, als wenn er schlief und deshalb nicht zu bewegen war, seinen Platz zu verlassen. In so einem Fall ließ er sich zumindest wegzerren oder wegschleifen. Aber diesmaclass="underline" keine Chance. Er saß da wie festbetoniert. Er musste sämtliche seiner körperlichen und mentalen Kräfte zusammengelegt und mit hundert multipliziert haben - er rührte sich keinen Millimeter vom Fleck.