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Die Chefin tippte schon auf die fünfte Wanduhr, um aufzuzeigen, dass die Sperrstunde angebrochen war. Zur Bestätigung schnellten sämtliche Kuckucks und Jäger aus ihren Häusern und schrieen siebenmal Kuckuck oder schossen siebenmal dämlich mit ihren Gewehren. Auch die griechischen Helden der Wanduhr im Lagerraum traten nun heraus. Kurt saß steif davor, brachte seinen Kopf in leichte Schräglage und ließ ihn in dieser Stellung einrasten. Seine würfelförmigen Augen wirkten noch größer als sonst, die Pupillen hatten sich auf doppelten Umfang erweitert. Kurt war eine Hundesäule, sein eigenes, in perfektionierter Bettel-Stellung erstarrtes Denkmal.

Die Helden der Wanduhr summten nun eine griechische Melodie und schlugen mit ihren Trommeln die volle Stunde ein. Kurt schien auf diese Zeremonie gewartet zu haben. Er gab nun fast unhörbar leise liturgische Winsel-Geräusche von sich. Sein Kopf begann leichte Kreise zu drehen, ehe sich das Haupt andächtig zum Hundehimmel richtete. Hätte er nicht die anarchistische Hells-Bells-Kappe auf dem Kopf gehabt, hätte man ihn für tief religiös gehalten.

Die Figuren waren nun mit ihrem Programm am Ende und kehrten in ihr Häuschen zurück. Kurt erwies ihnen die letzte Ehre und verbeugte sich wie ein englischer Butler. Danach wandte er seinen Blick von der Uhr ab, schüttelte sich, lockerte seine Muskeln und machte Dehnungsübungen. Da erst bemerkte er, dass Katrin neben ihm stand und ihn beobachtete. Das war ihm peinlich. Er gähnte aus Verlegenheit und bemühte sich, so zu tun, als wäre nichts gewesen. In der Folge ließ er sich bequem aus dem Uhrengeschäft schleifen und kaute nun auch wieder an dem im Maul entdeckten Lippenfoto der Lisbeth Willinger. Dabei hob sich die Rocker-Kappe im Takt.

Beim Abgang war Katrin damit beschäftigt, Kurt zu begreifen. Auf die Jagduhr für den Vater hatte sie vergessen.

Im Esterhazypark kam ihr die Sehnsucht nach Max entgegen. Also machte sie kehrt. Doch die Sehnsucht ging mit. Und nur Kurt blieb stehen. Er war gegen Sehnsucht immun (nicht aber gegen öde weihnachtliche Fußmarschfleißaufgaben). Katrin drehte fünf schnelle Runden, um ihre Gedanken schwindelig zu machen und ihre Gefühle mit Fliehkräften abzuschütteln. Sinnlos. Der Esterhazypark war übersät mit Sehnsucht nach Max. Sie kroch aus dem Winterboden, steckte hinter Gebüschen, fiel aus kargen Baumwipfeln. Blieb Katrin stehen, wartete sie geduldig, lief Katrin davon, so holte sie sie rasch ein. Schließlich lasen sie Kurt auf und gingen zu dritt zu ihr nach Hause - Katrin, der Hund und die Sehnsucht nach Max.

Als Kurt tief genug schlief, holte sie ihm das Fotoknäuel aus dem Maul, duschte es, trocknete es ab, faltete es auf und betrachtete es, um daraus schlauer zu werden, als ihr schlecht davon war. Nach einer Stunde wusste sie: Diese Lippen enthielten keine Botschaft. Max war krank, aber sie liebte ihn. Ihr letzter Ehrgeiz dieses Tages sollte sein, das Foto in so kleine Teile zu zerreißen, dass von der Abartigkeit des Benutzers nichts mehr übrig blieb. Nach vollzogener Vierteilung bemerkte sie einen blassen Schriftzug auf der Rückseite. Das erste Wort begann mit »L«, war möglicherweise ein Vorname, war aber unleserlich. Das zweite hieß recht eindeutig: »Willinger.«

Als Katrin im Telefonbuch blätterte, ertappte sie sich dabei, der Sache der perversen Lippen auf den Grund zu gehen und freute sich über ihre Unerschrockenheit. Zwei weibliche Willingers der Stadt hatten Vornamen, die mit »L« begannen, eine Leopoldine und eine Lisbeth. Bei Leopoldine meldete sich ein Herr Hugo. Aus dem Telefonat ging hervor, dass Leopoldine gestürzt war, einen hinkenden Fuß hatte, was in ihrem Alter, 74, bedenklich sei, dass die Kinder und Enkelkinder zu Weihnachten zu Besuch kommen würden und dass keiner in der Familie Max hieß. Und wer sie eigentlich war, die Anruferin. Das war eine Frage.

Die zweite Willinger, Lisbeth, war selbst am Apparat. Ihre Stimme wirkte jung und lebendig. Sie war verheiratet, ihr Mann hatte gerade mit den Kindern einen zweiwöchigen Urlaub angetreten. Nein, ihr Mann hieß nicht Max, sondern Hubert. »Sind Sie auch von der Lotteriegesellschaft?«, fragte Frau Willinger. »Nein, äh, Meinungsforschung«, erwiderte Katrin. »Was wollen Sie forschen?«, fragte die Frau. »Wie unsere Frauen Weihnachten verbringen«, erwiderte Katrin. Sie selbst hätte nach so einer Ansage einer Meinungsforscherin grußlos aufgelegt.

»Wir sind eine Clique von Freundinnen, die alle froh sind, dass ihre Männer und Kinder einmal außer Haus sind, und da haben wir uns gedacht, wir wollen vielleicht ...« - »Also im Freundeskreis«, verkürzte Katrin. »Dann danke vielmals.« Das konnte nicht die Frau sein, deren Lippen ein psychisch kranker Max zum gesunden Beischlaf benötigte, dachte sie. Als der Hörer schon wieder so gut wie auf der Gabel lag, folgte: »Und Sie brauchen kein Foto von mir?« - »Wieso sollte ich?«, fragte Katrin und spürte zwei leichte Stromstöße an den Schläfen. - Frau Willinger erzählte, erst vor einigen Tagen unter sonderbaren Umständen ein Foto an die Lotteriegesellschaft geschickt zu haben. Jetzt wartete sie auf ein versprochenes Werbegeschenk. »Wissen Sie davon?«, fragte sie. (Vielleicht sollte man ihr einmal erklären, was Meinungsforscher gemeinhin wussten und was nicht.) »Nein, aber wir können gerne nachfragen«, erwiderte Katrin und ließ sich Name, Adresse und Telefonnummer der Kontaktperson geben, ehe sie das Gespräch beendete.

Es war zwar schon später Abend, aber die mysteriöse Lotteriedame namens Paula Stein war offensichtlich noch im Dienst. Zumindest meldete sie sich. »Bin ich hier bei der Lotteriegesellschaft?«, fragte Katrin. »Nein, bei Paula«, erwiderte die Frau, entschied sich dann aber anders und sagte: »Oh doch, gewissermaßen, Frau Willinger?« Nein, nicht Willinger, sagte Katrin. »Aber weil wir gerade bei Frau Willinger sind, haben Sie zufällig ein Foto von Frau Willinger?«, fragte Katrin. »Wieso fragen Sie?«, fragte die Frau. »Ein Foto vielleicht nur mit Lippen?«, fragte Katrin.

Die Dame auf der anderen Seite der Leitung schwieg. Zugegeben, die Frage war nicht gerade eine solche, auf die man eine Antwort erwarten durfte. Katrin war aufgeregt. Sie stand möglicherweise knapp vor der Sprengung eines Syndikat-, kartelloder sektenmäßig, aber bestimmt durch und durch mafiös aufgezogenen internationalen illegalen, schwer organisierten und mindestens genauso verbrecherischen Schwarzmarkt-Lippenfoto-Schmuggel- und-Geldwäsche-Ringes. Patin: Paula Stein, Pate: Max. Patenhund: Kurt. Er schlief gerade.

»Kennen Sie Max?«, fragte Katrin in die Stille der Telefonleitung. »Wenn wir den gleichen Max meinen, dann kenne ich ihn«, gestand die Frau und fragte: »Sind Sie Katrin?« - »Ja«, sagte Katrin und hielt sich mit beiden Händen am Telefonhörer fest. »Ich glaube, wir beide sollten miteinander reden«, meinte die Frau.

23. Dezember

Auf diesen Sonntag hatte Max nicht gewartet. Sie empfingen einander zu Mittag im Bett. Der Sonntag hatte sich weder in Form von Licht noch von Geräuschen noch von Gerüchen angekündigt. Er war so still und nichts sagend ins Schlafzimmer geschlichen und hatte es dort auf so verdächtig unauffällige Weise vermieden, erste Eindrücke zu hinterlassen, dass Max nicht mehr anders konnte, als aufzuwachen. Der Sonntag reagierte darauf betont gelassen: nicht. So blieben sie vorerst beide im Bett und taten, als würden sie einander nicht bemerken.

Max beschloss spontan, wieder einzuschlafen. Bedingung dafür war, dass er an nichts dachte, was ihn wach halten konnte. Nicht an Kurt, der nicht unter seinem Sessel lag und schlief. Nicht an Weihnachten, das gar nicht notwendig gewesen wäre, um Max das Gefühl zu geben, er würde nichts versäumen. Nicht an den Urlaub, der den Aufwand (des Kofferpackens, Zum-Flughafen- Fahrens, des Abhebens, Landens, Dunstens, Kofferauspackens, Mit-Sonnencreme-Einschmierens, Schwitzens, Abkühlens, Schwitzens, Koffereinpackens, Schwitzens, Dunstens, Abhebens, Landens, Frierens) nicht Wert sein konnte. Nicht an die ... nein, bitte nur nicht an Sissis Lippen! In welchen Wahnsinn hatte er sich da von Heilpraktikerin Paula treiben lassen!