Nicht an Katrin! Er durfte jetzt auf keinen Fall an sie denken. Er lag auf dem Rücken. Sie lag neben ihm, verschwand wieder, lag wieder neben ihm. Sie funkelte ihn vorwurfgeschossartig an und tippte mit dem rechten Nageleck des rechten kleinen Fingers auf das Foto. Nein, nicht daran denken! Sie legte sich auf ihn, sie erregte ihn. Nein. Er spürte jeden Punkt seines Körpers von ihrem berührt. Sie war mit ihm verschmolzen. Nein. Sie hob ihren Kopf. Ihre Haarspitzen streiften über seine Stirn und streuten elektrische Funken. Ihre mandelförmigen Augen waren weit offen. (Sie hatte doch mandelförmige Augen, oder?) Daraus sprühten Sternspritzer. Es waren Blicke, die sofort entschieden, was kommen musste. Nein. Sie küsste ihn. Er wehrte sich nicht. Er genoss es. Er öffnete die Augen. Sie küsste ihn mit ... nein, bitte nicht ... mit Sissis Lippen.
Er war hellwach. Es war der Sonntag vor seiner Abreise. Er musste sofort aufstehen. Er musste Katrin alles erklären.
Kurt legte seine Zunge auf Katrins Kinn und zog voll durch bis zu ihrem Haaransatz. Sie schrie zwar hysterisch: »Pfui, Kurt, du Sau!«, war aber wenigstens endlich bereit, seine Existenz wahrzunehmen und auf ihn einzugehen. Er war schon einige Zeit an ihrem Bett gestanden, hatte ihr mit seinem Drahthaarschnauzbart die Wangen gerieben und mit seinen Pfoten die Schultern massiert. Er hatte dazu eunuchenhafte sibirische Kojotengesänge geträllert. Alles vergeblich. Im Schlaf wunderten sich die Menschen offenbar über gar nichts. Erst die GesichtAbschleckaktion griff. Katrin wirkte erfrischt und aufgemuntert und rannte sofort unter die Dusche.
Es war also der dritte Morgen mit einem völlig veränderten Kurt. Nach Nächten, die er bei Katrin verbracht hatte, war er stets wie ausgewechselt. Er, der notorische Schläfer, war ... wie steigert man »hellwach«? Er ließ Katrin keine Sekunde Zeit darüber nachzudenken, warum er so war, wie er plötzlich war. Er gestaltete umgehend das Programm für die nächsten Stunden, Katrin war fest darin eingebunden.
Diesmal spielten sie: Zimmerpflanzen umtopfen. Küchengeräte ausräumen (Kurt) und wieder einräumen (Katrin). Sitzgarnitur überspringen und dabei am Überzug hängen bleiben (Kurt) beziehungsweise solche Sprünge gewaltsam zu verhindern versuchen (Katrin). Hells-Bells-Kappe unter dem Kasten verstecken, Szene vergessen, Hells-Bells-Kappe suchen, finden, anknurren und warten, bis sie freiwillig aus ihrem Versteck kommen würde. Das tat sie nicht: Knurren verstärken. Warten, bis Katrin die Nerven verlor und die Hells-Bells-Kappe aus dem Versteck hervorholte. Das war ein gutes Spiel, das spielten sie lange. Danach: »Nachbarn, wie weit kann ich bellen, damit ihr uns droht, die Polizei zu verständigen?« - Da spielte Katrin nicht mehr mit. Schließlich übersiedelten sie in den Esterhazypark. Dort wurden ein paar lahme Hunde weggeputzt, ein paar kleine Kinder umgeworfen und ein paar Parkbänke gedüngt. Dann konnte sich Kurt endlich einmal so richtig auslaufen.
Am Nachmittag war Frau Stein bei Katrin zu Besuch. Am frühen Abend war Paula mit ihr befreundet. Am späten Abend ging sie. Es war Katrins längstes, schönstes, intensivstes Treffen mit Max. Sie beschloss, es zu verlängern. Sie rief ihn an und sagte, sie würde jetzt mit Kurt zu ihm kommen. Er schien nicht zu wissen, wer Kurt war. Er war unfähig, »Ja« zu sagen. Er musste nicht »Ja« sagen. Er musste kein Wort mehr sagen. Katrin war glücklich mit ihm. Es konnte fast nichts mehr passieren.
Sie kamen knapp vor Mitternacht. Kurt war ein anderer. Er war noch munter, als er eintrat. Es handelte sich zwar eindeutig bereits um Katrins Hund, denn er klebte an ihrem rechten Bein, zappelte ungeduldig mit den Hinterbeinen und wartete auf ihre Impulse, Anregungen oder gar Befehle. Aber er schielte ein paar Mal höflich zu ihm hinüber, er schien sich zu freuen, den guten alten Max wieder einmal von der Nähe zu sehen und trotz später Stunde in brauchbar guter Verfassung anzutreffen.
Max hatte Tee und Kaffee gemacht. Er hatte Sekt und Bier eingekühlt und zwei Flaschen Rotwein geöffnet. Er hatte Kognak und Likör bereitgestellt. Die Wohnung war überflutet mit Mineralwasser, Apfel- und Orangensaft. Überall standen Gläser. Auf jeder noch so kleinen Abstellfläche lauerte Knabbergebäck. Alle Lichter in allen Zimmern waren aufgedreht und zusätzlich Dutzende Kerzen angezündet. Er hatte die Jalousien auf Halbmast gesetzt und jeden zweiten Vorhang zugezogen. Er hatte ein Klavierkonzert von Mozart aufgelegt, ein bekanntes, aber kein allzu berühmtes, eines im Zentrum der absoluten Unaufdringlichkeit. Es spielte in einer Lautstärke, in der Musik eine Woche lang spielen konnte, ohne dass auffiel, dass Musik spielte, sie aber sofort fehlte, wenn sie plötzlich verstummte.
Die Wohnung war in einem Zustand der gastgeberischen Perfektion, in der alle Vorbereitungen auf jemanden oder etwas getroffen waren, die getroffen werden konnten, wenn nicht klar war, wer oder was es war, der oder das eintreffen würde, und wie lange sie oder es bleiben würde, eine Minute, eine Nacht oder ein Leben lang.
Sie blieb schon einmal länger als eine Minute. Sie küsste ihn auf den Hals, legte ihren Kopf schräg unter sein Kinn und rastete in dieser Stellung ein. Er sagte: »Katrin, lass mich dir bitte etwas erklären.« Sie tastete mit ihrer rechten Hand nach seinem Mund und legte, als sie fündig geworden war, zwei oder drei Finger darauf. So verharrten sie, bis Kurt versuchte, seine Langeweile abzuschütteln. Sie mussten ihm klar machen, dass der Tag vorbei war. Sie bliesen alle Kerzen aus, drehten alle Lichter ab, brachten Mozart zum Verstummen und gingen ins Bett. Bis Mitternacht fiel kein Wort mehr. Und es gab keinen einzigen Kuss auf den Mund.
24. Dezember
Es war keine Nacht, in der man irgendwann wissen wollte, wie spät es war. Aber knapp vor vier Uhr früh dürfte er eingeschlafen sein. Katrins Kopf hob und senkte sich gleichmäßig. Zartes Grollen kribbelte in ihrem Ohr. Darüber zog und pfiff es einen ziemlich befreiten Atemweg hinauf und hinunter. Angenehm, dass Max nicht schnarchte. Aber auch das wäre kein Trennungsgrund gewesen. Es gab keinen Trennungsgrund mehr.
Katrin war übrigens soeben dreißig Jahre alt geworden, wenn wer danach fragte. Es war vermutlich ihr erster Geburtstag, an dem sie sich freute, dass er gerade begonnen hatte, und nicht erst froh war, wenn er endlich vorbei war. - »Sich freute« war eine schamlose Untertreibung und eine Geringschätzung ihres seelischen Ausnahmezustandes. Katrin fühlte sich so gut, dass sie einen Weihnachtsbaum ausreißen, mehr noch: einen bereits abgeschnittenen kaufen, mit nach Hause nehmen und mit Lebku- chenengerln hätte schmücken können. Warum eigentlich nicht? Im Glück war kein Klischee verboten.
Ihr Kopfpolster lebte, war hart und behaart und roch nach Max: sein Brustkorb. Man sollte ein Parfüm daraus machen, dachte sie, nicht aus dem Brustkorb, aus dem Geruch. »Max« war ein guter Name für ein Parfüm. Max war überhaupt ein guter Name. Sie liebte ihn. Nein, man durfte kein Parfüm daraus machen. Der Geruch gehörte jetzt ihr allein. Sie hielt ihn umklammert (den Brustkorb) und hatte auf der Unterseite, also hinter seinem Rücken, die Finger beider Hände ineinander verkeilt. Das war eine geeignete Stellung zum Nie-mehr-Los-lassen, wenn auch keine zum Einschlafen. Katrin brauchte keine Stellung zum Einschlafen. Sie musste nicht mehr schlafen. Sie wollte nicht mehr müde werden. Die Nacht war ihr zu wertvoll, um Wachsein und Bewusstsein zu vergeuden.
Um vier Uhr schlug die Wanduhr im Wohnzimmer vier Mal. Das löste eine Kurzserie von ferneren Gedanken aus: Sie hatte endgültig auf Vaters Waidmannsheil-Uhr vergessen. Sie hatte auf die Eltern insgesamt vergessen, vermutlich absichtlich. Waren sie noch böse? Hatten sie Aurelius adoptiert? Sollte sie sie einladen? Warum nicht heute? Warum nicht hierher? - Okay, wegen Max nicht hierher! Und vor allem wegen Kurt nicht hierher! - Kurt? Wo war eigentlich Kurt? Warum ließ er nichts von sich hören? Wohnte er nicht hier? Schlief er nicht hier?