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Katrin brauchte etwa zehn Minuten, um ihre Hände von Max loszukriegen. Sie hatte plötzlich den Verdacht ihres Lebens (was Scharfsinn und Kombinationseingebung betraf) und ging ihm auf Zehenspitzen nach. Sie tastete sich die Wände entlang bis in die hintere Ecke des Wohnzimmers, wo das immer lauter werdende Ticken in die griechische Wanduhr überging. Dort drehte sie sich um. Und ihr Blick fiel auf ... Ü-ber-ra-schung! Das musste Max selbst erleben. Katrin war mit sich zufrieden. Innerhalb weniger Stunden hatten sich für sie zwei existentielle Rätsel von selbst gelöst, ein Kuss- und ein Schlafrätsel.

»Katrin, ich muss dir die Sache mit dem Foto erklären«, flüsterte Max irgendwann am Morgen. Es war kein Morgen, an dem man wissen wollte, wann irgendwann war. »Wann geht dein Flug?«, erwiderte Katrin. Das war ihr viel wichtiger. »Wie lange kannst du bleiben?«, fragte Max. Das war ihm viel wichtiger. »Ich habe heute Geburtstag«, erwiderte Katrin. »Wirklich?«, fragte er. »Dreißig«, erwiderte sie rund. »Das gibt's nicht! Das müssen wir feiern«, sagte er. »Was wünschst du dir?« - »Dich«, erwiderte sie. »Nicht lieber etwas, was du noch nicht hast?«, fragte er. Sie lagen jetzt wie Zwiebelringe ineinander. Er war der äußere, sie der innere Zwiebelring.

»Ich habe ein Problem mit dem Küssen«, sagte Max. »Macht nichts«, erwiderte Katrin. »Küssen ist ohnehin langweilig, immer das Gleiche.« - »Mein Flug geht erst, wenn du weggegangen bist«, antwortete er. »Wann gehe ich weg?«, fragte sie. »Wann du willst«, erwiderte er. »Dann nie«, sagte sie. »Dann geht der Flug nie«, erwiderte er. »Heißt das . ?«, fragte sie. »Urlaube sind ohnehin langweilig, immer das Gleiche«, erwiderte Max. Dann schälte sich die innere Zwiebelschale von der äußeren, drehte sich um und schmiegte sich wieder an. Nun klebten sie Innenseite an Innenseite und ließen dabei ein paar Stunden vergehen.

Wenn man verliebt ist, macht man die irrsten Sachen. Man lässt zum Beispiel eine Flugreise auf die Malediven verfallen und kauft stattdessen einen Christbaum.

Es war ihre erste gemeinsame Anschaffung und sie freuten sich wie über ein schnellgeborenes Wunschkind. Kurt wählte. Die Bäume, die er markierte, schieden aus. Eine dänische Fichte blieb übrig. Kurt hatte übrigens wieder zu seiner Grundbefindlichkeit, zum gefestigten Halbschlaf, zurückgefunden. Katrin wusste, warum.

Dieser 24. Dezember war schon immer wieder ein sonderbarer Tag. Menschen, die das ganze Jahr über keinen Mund hatten, lachten plötzlich. Die keine Stimme hatten, wünschten »Frohe Weihnachten«. Die keine Hände hatten, schüttelten einander welche. Die keine Augen hatten, zwinkerten einander gütig zu. Die keine Ohren hatten, zogen sich aus dem nächstbesten Warenhaus-Lautsprecher »Last Christmas« hinein. Die das Haus nie verließen, weil ihnen die Umwelt zu eng und der Gestank zu groß war, standen verklärten Gemütes im dichten Gedränge übervölkerter Festtagsabteilungen, zogen glitschige Kabeljaufilets von muffigen Vitrinen an Land und liebten ihre Nächsten, die genauso taten wie sie.

Max stellte daheim den Baum auf und bewarf ihn mit Lametta. Katrin telefonierte inzwischen. Es waren wichtige, dringliche, geheime Telefonate. Sie schien etwas zu planen. Danach setzten sie sich auf die orangerote Ledercouch. Danach legten sie sich auf die orangerote Ledercouch. Danach kippten sie von der orangeroten Ledercouch auf den Parkettboden. Danach übersiedelten sie ins Bett. Es gab keinen Kuss. Es gab auch keine Nachfrage nach einem Kuss. Max war ein bisschen irritiert. So konnte die Geschichte nicht ausgehen. So kuss- und wortlos leider nicht.

Am Nachmittag waren die SchulmeisterHofmeisters zu Besuch geladen. Das kam für alle Beteiligten überraschend (außer für Kurt). Katrin wollte ihre Eltern spontan für immer glücklich machen. Max hatte Lust auf die Illusion von Schwiegersohn. Er hatte für die Glaubwürdigkeit dieser Rolle einen Birnenweihnachtsgeburtstagskuchen zubereitet und mit dreißig Kerzen ausgestattet. Kurt lag unter seinem Sessel und schlief. Sie nahmen ihn an den Beinen und trugen ihn unter den Weihnachtsbaum. Dort schlief er weiter. Das wirkte feierlich.

Katrins Eltern kamen pünktlich um drei. Hugo Boss junior war diesmal nicht dabei. Vermutlich fehlte ihm das passende Sakko. In Ernestine Schulmeisters Nasenlöchern steckte ein süßsaures Lächeln, als sie sich von Max die Hand überreichen ließ. »Das ist mein neuer Freund«, dolmetschte Katrin. - Das Säuerliche wich nun rasch aus Schulmeisters Nasenlöchern, ihre Tränensäcke vibrierten und ihre Stimmbänder erzitterten ein huldigendes »Goldschatz!« Vermutlich dachte sie an die bevorstehende Neujahrshochzeit und an fünf Enkelkinder, die der »neue Freund« schon so gut wie gezeugt haben musste.

Rudolf Hofmeister steuerte mit einem warmen »So- und-jetzt-reden-wir-beide-einmal-über-Sportautos«- Blick auf Max zu und klopfte eine seiner Schultern weich. »Ich muss mich für das Benehmen meines Hundes vor einigen Tagen bei Ihnen entschuldigen«, sagte Max im bemühten Oxford-Englisch mit deutschen Untertiteln. »Wissen Sie, normalerweise schläft er.« Zum Beweis deutete er auf das regungslose Drahthaarbündel unter dem Christbaum. Herr Hofmeister hielt sich sicherheitshalber die Hand vor die Augen.

Der Kuchen kam gut an. »Die Birnen haben einen sehr ... erfrischenden Geschmack«, meinte Katrins Mutter. »Ich finde, sie schmecken nach gar nichts«, meinte Katrin. »Ein Birnenkuchen soll ja auch nicht nach Birnen, sondern nach Kuchen schmecken, denn wer Obst essen will, der soll Obst essen, der braucht keinen Kuchen dazu«, verriet Max seine Philosophie. Alle gaben ihm Recht. »Der Mann macht Nägel mit Köpfen«, lobte Katrins Vater.

Danach gab es ein paar Geschenke. Der Vater wurde jagduhrenmäßig auf Jänner vertröstet. Max war noch nicht ins Programm aufgenommen worden. Mutter bekam das mittelrosa Nachthemd. »Goldschatz, ich hab doch schon zwei rosa Nachthemden«, sagte sie in Form einer kleinen Fußnote zu ihrer prächtig inszenierten Freude. »Nachthemden kann man gar nicht genug haben«, meinte der Vater.

Katrin bekam von ihren Eltern eine komplette Theaterausrüstung, bestehend aus Theaterhandtasche (umtauschen), Theaterhandschuhen (behalten), Theaterbluse (weiterschenken), Theaterkleid (spenden), Theaterschuhen (umtauschen) und Theater-inder-Josefstadt-Abonnement. Es waren die teuersten Plätze für die zehn besten Vorstellungen des kommenden Jahres. »Soll ich dort alleine hingehen?«, fragte Katrin. »Nein, Goldschatz, Aurelius hat die Plätze neben dir.« Es entstand eine unangenehme Sprechpause. »Vielleicht kann ihm der Herr Max die Karten abkaufen«, schlug der Vater vor. Max nickte.

»Ich will nicht unhöflich sein«, sagte Katrin. - Aber die Eltern mussten gehen, und zwar sofort. Sie flüsterte ihnen den Grund dafür ins Ohr. Max schrieb der Mutter das Rezept für den Birnenkuchen auf. Dafür hätte er von nun an vermutlich Mama zu ihr sagen dürfen. Vater Hofmeister, auch bereits zum Papa gereift, nahm ihn an beiden Schultern, rüttelte ihn kräftig durch und warf ihn einen abschließenden »Aber-das-nächste-Mal-reden-wir-beide-verlässlich- über-Sportautos«-Blick zu.

Zwei Überraschungen fehlten noch. Katrin bat Max, für zehn Minuten die Wohnung zu verlassen. Er durfte nicht fragen, warum. Und er sollte danach auf keinen Fall etwas Besonderes erwarten, hieß es. Kurt schloss sich ihm an, nicht, weil ihm langweilig war, sondern weil er musste. Sie machten das Beste daraus und gingen Gassi.

Als sie zurückkehrten, durfte sich Kurt wieder mit sich beschäftigen. Er durfte sich unter seinen Sessel legen. Es war ein guter Sessel. Er akupunktierte seinen Rücken nicht mit dänischen Fichtennadeln, wenn sie einander berührten.

Max musste im Vorraum die Augen schließen. Nein, das genügte nicht. Er musste sich die Augen mit einem Tuch verbinden lassen. Es gab einen guten Grund, warum er es tat, ohne nach dem Sinn zu fragen: Katrin. Wenn sie es gewünscht hätte, wäre er auch auf allen vieren durch den Esterhazypark gekrochen, ohne nach dem Sinn zu fragen. Katrin war für ihn Sinn genug.