Eines Abends erschien die Tonga nicht, um ihn abzuholen. Upanitsche mußte warten, während Naukaram sich um Ersatz bemühte. Obwohl er bequem auf dem Fauteuil saß, die Beine auf einem Hocker ausgestreckt, wurde er fahrig, er schnippte mit Daumen und Mittelfinger, während er Burtons Fragen über seinen Werdegang beantwortete. Alle paar Sätze horchte er auf, ob das Klappern der Räder endlich zu hören sei. Sorgen Sie sich um Ihre Ehefrau, Guruji? Ich werde mich sehr verspäten, das ist nicht gut. Ich kann es nicht ertragen. Wir sind Nachfolger einer exakten Zivilisation. In jeder unserer Sekunden spiegelt sich die kosmische Ordnung, und mit jeder vergeudeten Sekunde wird sie verhängnisvoll bedroht. Beachten Sie nicht das Gerede von den Zyklen von Kala, in denen wir angeblich so großzügig denken. Wir haben exakt zu sein. Als Naukaram unerledigter Dinge zurückkehrte, trommelte Upanitsche mit den Fingern auf der Lehne, rutschte auf dem Polster hin und her. Naukaram hatte im ganzen Cantonment keine Tonga finden können. Burton beschloß, den Lehrer selber nach Hause zu bringen, auf dem Rücken seines eigenen Pferdes. Der Amanuensis konnte zu Fuß gehen. Oh, mein Shishia, Sie muten mir zuviel zu. Wie soll ich auf dieses Pferd steigen? Wir werden Sie hochhieven. Nein, das gefällt mir nicht, ein Lehrer ist doch kein Möbelstück. Gut, dann wird Naukaram einen Stuhl herausbringen. Ich werde das Pferd stillhalten, Sie können hochsteigen und aufsitzen. Ich habe noch nie auf einem Pferd gesessen, nicht einmal auf einem Maulesel. Setzen Sie sich einfach in den Sattel, Guruji, etwas weiter nach hinten bitte, damit ich Platz habe vor Ihnen. Und wenn ich herunterfalle? Halten Sie sich an mir fest, Guruji. Ausnahmsweise sind Sie von mir abhängig. Oh, so werden wir durch die Nacht reiten? Wie junge Liebende. Und wenn uns jemand sieht? Nehmen Sie bitte nicht die Hauptstraße, es gibt unbeleuchtete Nebenwege, die ich vorziehe. Burton hielt das Pferd in einem sanften Trab, und Upanitsche beruhigte sich allmählich. Dies ist ein ungewöhnlicher Abend. Ich möchte mich erkenntlich zeigen. Oder anders gesagt, Ihnen etwas geben, was mir zu diesem Anlaß gebührend erscheint. Woran denken Sie, Guruji? An ein Mantra. Vielleicht das mächtigste aller Mantras. Betrachten Sie dieses Mantra als meinen Wegezoll an Sie. Er wird Ihnen nie ausgehen.
Purna-madaha
Purna-midam
Purnaat purnam uda-tschyate
Purnasya purnam-aadaaya
Purnameva ava-shishyate.
— Das klingt schön, Guruji. Mit solchen Mantras im Ohr bin ich bereit, die ganze Nacht mit Ihnen zu reiten.
— Oh, wir wollen nicht übertreiben. Was habe ich Ihnen beigebracht? Maßhalten. Sind Sie nicht neugierig auf die Übersetzung?
— Sie wird sich nicht so überzeugend anhören wie das Sanskrit.
— Sie haben recht, lernen Sie dieses Mantra einfach auswendig. Die Bedeutung kann später folgen. Sie wirkt, Sie werden es sehen, sie wirkt Welten.
— Sie wirkt Welten?
— Sie werden mich dort vorne absetzen, ich gehe den restlichen Weg zu Fuß, alleine. Morgen kommen Sie zu uns nach Hause, zu einem einfachen Essen.
— Ich danke für die Einladung.
— Danken Sie mir nicht. Dank ist wie Geld. Wenn man sich besser kennt, kann man sich Wertvolleres geben. Ich habe eine Bitte. Ich weiß nicht, wie die Nachbarn reagieren werden, wenn wir einen britischen Offizier zu Gast haben. Ich möchte sie schonen. Vielleicht könnten Sie sich etwas Einheimisches überziehen. Ich weiß, ich verlange viel, aber sehen Sie das als Teil Ihrer Sprachausbildung an. Sie werden mit den Leuten einfacher ins Gespräch kommen. Sie müssen nur irgendwo stehenbleiben, nach wenigen Minuten werden Sie erste Freundschaften geschlossen haben.
— Mein Gujarati ist doch nicht ausreichend.
— Wie sollte es auch. Sie sind ein Reisender. Sie stammen aus dem, lassen Sie mich überlegen, aus dem Kaschmir! Ja, Sie sind Brahmane aus dem Kaschmir. Und wenn jemand Sie fragt, was für ein Brahmane, dann sagen Sie Nandera-Brahmane.
— Nandera.
— Und wenn jemand Sie fragt, was für einer Gotra Sie angehören, dann sagen Sie Bharadwaj.
— Bharadwaj.
— Und wenn jemand Sie nach der Familie fragt, dann sagen Sie …
— Upanitsche!
— Wieso nicht, ein entfernter Verwandter, der von dem Ruhm dieses Guruji gehört hat und ihn deswegen aufzusuchen wünscht. Hervorragend.
— Und wenn ich einem Kaschmiri begegne?
— Dann geben Sie sich als hochrangiger Offizier der Jan Kampani Bahadur zu erkennen und drohen, den Mann ins Gefängnis werfen zu lassen, wenn er Sie verrät.
— Ist es denn nicht allgemein bekannt, daß Sie Umgang mit den Firengi pflegen?
— Früher, mein Shishia, früher. Die Zeiten ändern sich. Die Gleichgültigkeit weicht einer neuen Ablehnung. Ich höre Menschen mit viel Haß über die Briten sprechen.
— Sie übertreiben. Es kann nicht so schlimm sein.
— Vielleicht. In solchen Fragen ist die Übertreibung nützlich. Ich gebe zu, meine Absicht hat mehrere Väter. Ich würde dem Nachbarn gerne einen kleinen Streich spielen. Und dem Barbier auch. Ich möchte Sie als Gelehrten aus Kaschmir vorstellen, um das verdutzte Gesicht der beiden zu sehen, wenn ich ihnen später gestehe, mein Gast sei ein Angrezi gewesen, nachdem sie mir ausgiebig und blumig erklärt haben, was für ein typischer Kaschmiri Sie doch seien. Kommen Sie früh, wir essen nur einmal am Tag ein richtiges Mahl, wir werden uns ein spätes Mittagessen gönnen, und Sie können sich mit der Dämmerung auf dem Heimweg machen.
— Ao-jo, Guruji.
— Ao-jo. Ah, noch etwas. Bringen Sie bitte keine Bücher mit.
Burton hatte hinter dieser Bitte einen ihm unverständlichen Scherz vermutet. Doch kaum betrat er — verkleidet als Einheimischer, so bald hatte sich der ersehnte Anlaß ergeben — die Wohnung des Lehrers, sah er, daß Bücher wirklich das letzte waren, was dieser Haushalt benötigte. Die Ehefrau von Upanitsche, kleiner noch als ihr Ehemann und mit einem Gesicht gesegnet, auf dem ihre Gefühle offen in Erscheinung traten, begrüßte den Gast herzlich. Aus was für Gründen auch immer, sie vermutete in diesem Shishia einen Mitstreiter zu finden in ihrem offensichtlich aussichtslosen Kampf gegen die unzähligen Bücher ihres Mannes, die sich in schiefen Kolonnen neben den Sitzkissen erhoben. All diese verstaubten Bücher, sagte sie laut, den Gast im Visier, kannst du sie nicht wegwerfen? Du hast sie seit zehn Jahren nicht mehr angerührt. Na und? erwiderte Guruji. Dich habe ich auch seit zehn Jahren nicht mehr angerührt. Soll ich dich etwa wegwerfen? Burton war entsetzt, er wußte nicht, wohin er schauen sollte. In was war er hineingeraten? Wie sollte er sich aus der peinlichen Situation retten? Er hörte die beiden Alten lachen, rückhaltlos lachen, und als er aufblickte, zwinkerte Upanitsche ihm zu.