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— Hast du schon einmal einen Kaschmiri Gujarati sprechen hören?

— Nein.

— Woher willst du dann wissen, daß seine Aussprache zu der Verkleidung paßte?

— Wie ich es mir vorgestellt habe. So klang es. Einige Tage später sind wir zusammen über den Basar gegangen. Er wollte, daß ich den Herrn gebe und er den Diener. Er hat mir eingeschärft, bevor wir aufgebrochen sind, ihm gegenüber keinerlei Respekt an den Tag zu legen. Wir sollten glaubwürdig wirken. Er hat darauf bestanden, daß er die Einkäufe trägt. Ich war still, ich habe mitgespielt. Es hat ihm nicht ausgereicht. Auf englisch hat er in mein Ohr gezischt, ich solle ihn heruntermachen, laut, damit es alle hören. Ich habe begonnen, über seine Faulheit zu schimpfen. Zaghaft zuerst, dann begann ich, Gefallen daran zu finden. Ich habe über seine Unaufrichtigkeit geschimpft. Vielleicht habe ich ein wenig übertrieben. Da rief uns ein Mann zu sich, er stand vor einem Juweliergeschäft. Er kannte Burton Saheb anscheinend, er redete ihn mit dem Namen Upanitsche an. Er war sichtbar verstimmt darüber, daß Burton Saheb ein Diener war. Soweit ist es gekommen, lamentierte er, in unserem Bharat, daß die gebildeten Menschen sich an die Verräter verkaufen müssen, daß sie vor den Überläufern kuschen. Und er sah mich an, als wollte er mich vertilgen.

— Wirklich sehr komisch.

— Für mich war es nicht lustig. Nicht danach. Burton Saheb war böse auf mich. Obwohl ich genau das getan habe, was er gewünscht hat. Er hatte nicht damit gerechnet, diesen Bekannten zu treffen. Nun konnte er ihn nicht mehr aufsuchen, er hatte seine Hochachtung verloren. Wie hätte er ihm erklären sollen, daß er sich als stolzer Kaschmiri bei einem Gujarati-Kaufmann verdingt. Trotzdem, das Mißlingen war Teil des Erfolges. Von nun an war Burton Saheb besessen von der Idee des Verkleidens. Er bat mich, einen Schneider zu rufen, der seine Maße nehmen und eine Reihe von Kleidungsstücken nähen sollte. Für den täglichen Gebrauch sowie für besondere Anlässe. Zu Hause trug er eine einfache Kurta, bis sie ausgefranst und an einigen Stellen gerissen war. Er befahl mir, sie nicht zu waschen. Ein Kleidungsstück für jede Kaste, sagte er. Er machte sich einen Scherz daraus, vor der Regimentsmesse herumzulungern und die anderen Offiziere anzubetteln. Wenn sie ihn wegscheuchten, richtete er seine empörte Stimme zum Himmel und beschwerte sich im reinsten Englisch über die Herzlosigkeit seiner Landsleute.

— Was hat er sich erhofft von diesen Maskeraden? War es nur ein Spiel?

— Es war ein Spiel, gewiß. Aber es war mehr als das. Zuerst dachte er, er könnte der Langeweile seiner Arbeit entkommen. Doch es dauerte nicht lange und er erkannte den möglichen Wert seiner Ausflüge. Ich kann mich erinnern, er sagte mir einmal, der Resident sei genötigt, monatlich Hunderte von Rupien für geheime Berichte auszugeben, damit er über die Vorgänge am Hofe des Maharaja informiert sei. Er selbst könne an einem Abend in der Stadt Informationen im Gegenwert von fünfzig Rupien schürfen. Zu schade, sagte er, daß der Resident ein Idiot sei, der solche Unterstützung nicht verdiene. Er sah eine Möglichkeit zum schnelleren Aufstieg.

— Eine nützliche Leidenschaft.

— Sie haben recht. Er steigerte sich hinein. Bald bildete er sich ein, er könne denken, sehen, fühlen wie einer von uns. Er begann zu glauben, er verkleide sich nicht, sondern verwandle sich. Er nahm sie sehr ernst, diese Verwandlung. Sein Arbeitstag wurde noch länger. Stundenlang übte er den Schneidersitz. Bis seine Beine wie tot waren, und wir ihn aufheben und ins Bett tragen mußten. Er wollte lange still dasitzen können, um möglichst würdevoll zu erscheinen. Und wenn er nicht gerade mit Guruji lernte, forderte er mich auf, ihm etwas beizubringen.

— Was konntest du ihm beibringen?

— Vieles. Kleinigkeiten. Einzelheiten, an die ich nie gedacht hätte. Wie die Fingernägel geschnitten werden, wie man von seiner Mutter spricht, wie man mit dem Kopf wackelt, wie man auf seinen Fersen kauert, wie man seiner Begeisterung Ausdruck verleiht. Er wollte, daß ich mich zu ihm setze, während ich ihm etwas zeigte, etwas vorsagte. Das habe ich abgelehnt. Immer. Schreiben Sie das auf. Ich weiß der Vertrautheit Grenzen zu setzen. Ich habe seine Einladung stets abgelehnt, zusammen mit ihm am Tisch zu essen. Das hätte nicht gut ausgesehen vor den anderen Dienern. Ich war keineswegs überzeugt, im Gegensatz zu ihm, daß man seine Rolle im Leben wechseln kann.

20. EROBERER DES HERZENS

Einige Tage bevor sie plötzlich erkrankte, hielt er ihre Hand und versuchte ihr in Worten, die ihre wahre Bedeutung verbargen, seine Zuneigung zu erklären. Es war ein Desaster. Sie unterbrach ihn, sie befreite ihn mit einem Kuß, den sie ihm auf den Nacken tupfte. Sie entkleidete ihn, und entgegen dem bedächtigen Hergang, den sie ihm beigebracht hatte, führte sie — mit beinahe unziemlicher Eile — sein Glied in sich hinein. Er war bereit, seine Liebe ehrlicher zu erklären, als sie innehielt, sie bewegte sich nicht mehr, ließ ihre Hände auf seiner Brust liegen und begann zu sprechen, während sie auf seinem pulsierenden Staunen sitzen blieb, sprach in vollständigen Sätzen, in einem vertrauten Tonfall, der beiläufig erzählte und doch seine ganze Aufmerksamkeit einforderte. Er mußte seine Stöße besänftigen, um ihren Worten folgen zu können, die einen verliebten Mann beschrieben, verliebt in eine Unbekannte, die ihm wichtiger wird als alles andere auf der Welt. Er stellt ihr nach, wann immer sie ihr Haus verläßt, er verfällt ihr, läßt sie nicht mehr aus den Augen, er kann sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen, sie nistet sich in jeden seiner Gedanken ein. Eines Tages überwindet er sich, er rafft seinen gesamten Mut zusammen, er spricht sie auf der Straße an, erklärt ihr aufgeregt seine Liebe, mit einer Stimme, die sich überschlägt, seine ewige Liebe, in Worten, die kein Ende finden, bis sie ihn unterbricht. Sie lächelt, und er denkt, es wird nie wieder Nacht, und sie sagt zu ihm, mit einer Stimme, die noch bezaubernder ist, als er sie sich vorgestellt hat, deine Worte sind wundervoll, sagt sie, sie erfreuen mich, sie ehren mich, aber ich verdiene sie nicht, denn meine Schwester, die hinter mir hergeht, sie ist um so viel schöner, um so viel reizvoller als ich. Ich bin mir sicher, wenn du sie gleich siehst, wirst du ihr den Vorzug geben. Worauf der unsterblich verliebte Mann seine Augen von der Angebeteten abwendet, um einen Blick, einen kurzen, prüfenden Blick nur, auf die gepriesene Schwester zu werfen. Die Angebetete versetzt dem Mann einen kräftigen Schlag auf seinen Kopf: Das ist also deine ewige Liebe! Kaum erwähne ich eine schönere Frau, wendest du dich schon ab von mir, um einen Blick von ihr zu erhaschen. Was weißt du schon von der Liebe?

Was erlaubte sie sich? Wie konnte sie ihn so herausfordern? Burton wollte sich von ihr lösen. Sie widersetzte sich, mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers, das auf ihm lastete, mit ihren Hüften, sie umklammerte ihn, sie widersetzte sich jeder seiner Absichten, er wußte nicht mehr, ob er noch wütend war oder wieder erregt, sie trieb ihn mit ihren langen Fingern zur Kapitulation, sein Zorn umringte seine Lust, sie konnte nicht ausbrechen, sie konnte nicht abflauen, es war eine peinigende Erregung, die ihn so aufwühlte, er mußte um Erlösung bitten. Er schrie. Das war wenige Tage, bevor sie schwer erkrankte.

21.

NAUKARAM

II Aum Manomaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II

— Kaum hatte er gelernt, sich wie ein Kaschmiri zu geben, mußte er vergessen, daß er einer war. Er mußte eine neue Gestalt annehmen, und in dieser war es am besten, wenn er sich nicht einmal daran erinnerte, daß er einst ein Nandera-Brahmane war. Das war das Schwierige an der Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte. Er mußte sich umgewöhnen. Die Angrezi besetzen so viele Länder. Mit einer Verkleidung allein war es nicht getan. Die Wandlungen waren wie Jahreszeiten. So als würde ich im Frühling als Khelassy arbeiten, im Sommer als Kedmutgar, im Herbst als Bhisti und im Winter als Hajaum.