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Die Menschen dieser Öde kannten den General nur unter dem Namen Shaitan-Bhai, was soviel bedeutete wie ›Teufels Bruder‹. Unter seinen eigenen Leuten war er unter seinem bürgerlichen Namen — Charles Napier — bekannt, auch wenn dieser selten verwendet wurde. Der General verachtete all jene, die ihm widersprachen, unabhängig davon, ob sie Untergebene waren oder Vorgesetzte. Er ergötzte sich an der Eroberung und an dem schlechten Gewissen, das sie ihm bereitete. Er mißtraute jedem, und er erwartete von allen, daß sie über sich hinauswuchsen. Auch in ihren Verfehlungen. Weswegen er die Intrigen der einheimischen Prinzen überschätzte. Um sich vor ihnen zu schützen, entwickelte er eine Strategie, die seinen berüchtigten Ruhm weiter steigerte: Er rief zum Gegenschlag, noch bevor der Gegner sich zum Angriff entschlossen hatte. Er betrachtete diese Strategie als Kunst, und so scheute er nicht die Opfer, die jede Kunst fordert. Er hatte grandiose Erfolge errungen, in den Schlachten von Miani und Hyderabad. Tapfere Siege, bei denen der Artillerist, dem die einzige Kanone der Talpur-Armee unterstand, absichtlich weit über die Köpfe der angreifenden Briten zielte. Zudem der Kommandant der Kavallerie ein Verräter, der seine Männer abzog und zur Flucht antrieb. Selbst der Name dieser Schlacht war nicht von ehrlichen Eltern. Sie wurde eigentlich nahe des Dorfes Dubba geschlagen, was soviel wie Schmalzhaut bedeutete, und so ritt ein verwundeter Offizier durch die Gegend auf der Suche nach einem eleganteren Namen für den Schauplatz dieses glorreichen Sieges.

Die Zahlungen für den Hochverrat waren versteckt in den Bilanzen, aber wer den Hergang kannte, konnte entziffern, wie gut das Geheimdienstgeld angelegt worden war. Doch auch diese Kunst war wie jede andere verstrickt in ihre eigenen Abhängigkeiten. General Napier war angewiesen auf Informationen, die exakt genug waren, um der Zukunft stets einen Schritt voraus zu sein. Er war ein Meisterschütze, und so erklärte er, als Burton ihn einmal nach seiner Strategie fragte, es sei wie bei einem Schuß aus erheblicher Entfernung, der Schütze müsse sich ausrechnen, wo sich das Objekt in einem Bruchteil einer Sekunde befinden werde, er müsse die Bewegung voraussehen, um perfekt zielen zu können. Die ruhigste Hand nütze nichts, wenn das Objekt in dem Moment, in dem die Kugel den Lauf verläßt, über die Wurzeln einer Scheinzypresse stolpert. General Napier war ein Pedant, auch in seinen Gleichnissen. Zuständig für das Fördern von Informationen war Major McMurdo, der ein Netz von Zuträgern, Agenten, Spitzeln und Spionen rekrutiert hatte und einem jeden von ihnen solch einen Schrecken einjagte, daß sie ihn insgeheim Mac the Murder nannten. Major McMurdo schürfte den Reichtum, den General Napier zu ernten erhofft hatte, die Öde gab ihre Geheimnisse in unzähligen Hinweisen Aufschlüssen Hintergrundberichten preis, eine Einheit von Übersetzern übertrug sie aus der Sprache von Sand und Staub in die Sprache von Hecke und Rasen, denn die Informanten waren ausnahmslos Einheimische. So vermochte McMurdo dem General täglich ausgiebig Bericht zu erstatten. Aber ein Skeptiker wie der General sieht im blauesten Himmel die Drohung von Wolken, er mißtraut dem Frieden ebenso wie jedem einwandfrei funktionierenden System. Er war so paranoid wie Männer, die zuviel Bhang eingenommen haben. Er sicherte sich ab, er bestand darauf, stets einen zweiten Schuß im Lauf zu haben, sollte der erste wider aller Voraussicht den Gegner verfehlen.

Burton war einer seiner Zweitschüsse, ein weiterer Trumpf in seinem Ärmel. Burton war das scharfe Auge des Generals in der vermeintlich friedlichen Fremde außerhalb des Cantonment. Die Ruhe täuschte, davon war der General überzeugt. Burton sollte persönlich für Napier die Augen und Ohren offenhalten. Als er zurückkehrte von seinem ersten Hör-dich-um, erstattete er dem General einen so ungewöhnlichen Bericht, daß dieser sich in seiner Entscheidung bestätigt fühlte, diesen jungen Mann mit den unglaublichen Sprachkenntnissen und dem schwierigen Wesen mit der Reconnaissance beauftragt zu haben. Richard Francis Burton. Der Vater ebenfalls Offizier. Beide Großväter Pastoren. Ein Teil der Familie aus Irland. Was nicht erklärte, wieso er so dunkel war. Vielleicht stimmte das Gerücht, eine Zigeunerin habe sich in die Genealogie hineingedrängt. Dieser Burton hatte einen viel zu eigenen Kopf, um in der Armee voranzukommen. Er gehörte zu den Soldaten, die man sofort zum General befördern sollte. Oder entlassen. Er trug seinen Bericht mit der Verve eines Hauptdarstellers vor, der den wichtigsten Monolog eines Stückes deklamiert. Die Einführung des britischen Rechtssystems sei zwar formal weit vorangeschritten, die Umsetzung leide jedoch noch an Schluckauf. Der General selbst habe neulich einige Todesurteile unterschrieben, die ersten Mörder, die in einem ordentlichen Verfahren schuldig gesprochen worden waren, die Vollstreckung der Urteile sei ihm bekanntgegeben worden. Trotzdem seien die Verurteilten noch am Leben. Der General, der nicht ruhig hinter dem Schreibtisch sitzen konnte, der sich Rapport erstatten ließ, während er die Truppen inspizierte, während er ausritt, während er sich im Fechten übte, während er von einem Gebäude zum anderen hinkte, er blieb stehen und beäugte Burton durch seine Drahtbrille, mit der Nase eines Adlers und den Augen eines Falken. Wollen Sie Verwirrung stiften? Keineswegs. Die Verurteilten, Sir, waren reiche Männer. Sie haben Ersatz angeheuert, der an ihrer Stelle gehängt wurde. Sie wollen mich herausfordern, junger Mann! Nicht im geringsten, Sir, ich weise darauf hin, daß der Mensch sich alles mögliche einfallen läßt, um zu überleben. Das System hat sogar einen Namen: Badli. Wer läßt sich freiwillig für einen anderen hängen? Ich weiß es nicht, Sir. Dann finden Sie es heraus. Schleunigst. Burton wartete die nächste Hinrichtung ab. Er schritt dazwischen, bevor die Falltür wegfallen konnte. Halt. Ich habe Grund zur Annahme, daß dieser Mann nicht derselbe ist wie jener, der zum Tode verurteilt wurde. Tatsächlich? fragten die Umherstehenden mit unschuldiger Verwunderung. Das wißt ihr genau, sagte Burton. Ich will mit diesem Trottel reden, dann darf er unbehelligt nach Hause. Habt ihr mich verstanden? Der Mann, der dem Seil um einen Hauch entronnen war, überschüttete Burton mit wüsten Beschimpfungen. Möge deine Nase abfallen, du Schweinefresser, schrie er. Er wollte nichts davon hören, daß Burton ihm das Leben gerettet habe. Erst viel später, als er sich beruhigt und mit der Aussicht auf sein Weiterleben angefreundet hatte, beantwortete er die Frage, wieso er sich auf einen derartigen Tausch eingelassen habe. Ich war mein Leben lang arm, sagte er ruhig. So arm, ich wußte nicht, wann ich das nächste Mal wieder essen würde. Mein Magen war immer leer. Meine Frau und meine Kinder sind halb verhungert. Das ist mein Schicksal. Aber dieses Schicksal übersteigt meine Geduld. Ich habe zweihundertfünfzig Rupien erhalten. Mit einem kleinen Teil dieses Geldes habe ich mir den Bauch vollgeschlagen. Den Rest habe ich meiner Familie hinterlassen. Sie werden versorgt sein, für einige Zeit. Was könnte ich auf Erden mehr erreichen? Burton erstattete erneut Bericht. Die Augenbrauen des Generals sahen aus wie Schnüre.