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Kenneally schob den Ärmel zurück und sah auf die Uhr, konnte aber die Stellung der Zeiger in dem praktisch nicht vorhandenen Licht nicht richtig erkennen. Trotzdem eigentlich müßte schon langsam die Sonne aufgehen. Die Wolken, die offensichtlich aufgezogen waren, mußten tatsächlich sehr dicht sein. Allerdings spielte das Wetter seit einigen Tagen ohnehin verrückt.

Wieder hörte er ein leises Rascheln hinter sich, aber diesmal widerstand er dem Impuls, sich herumzudrehen. Er wußte, daß er allein war. Statt dessen klappte er dasTelefon auf, wählte nur mit dem Daumen die vielstellige Nummer, die er früher in dieser Nacht schon einmal gewählt hatte, und lauschte auf das Freizeichen.

Die Satellitenverbindung kam zustande, kaum daß er den Daumen von der letzten Taste gehoben hatte, und diesmal

wußte er, daß derTeilnehmer am anderen Ende der Leitung mit der Hand auf dem Telefonhörer auf seinen Anruf gewartet haben mußte.

»Ist es vorbei?«

Sein Gesprächspartner machte sich nicht die Mühe, sich mit einer Begrüßung oder irgendeiner anderen Floskel aufzuhalten. Kenneally hörte deutlich die Anspannung, die in der Stimme des anderen mitschwang. Er gab sich gar keine Mühe, sie zu verhehlen.

Er antwortete nicht gleich, sondern erst nach zwei oder drei Sekunden, und dieses Zögern allein machte seine Antwort schon beinahe überflüssig. »Nein. Es gab … Schwierigkeiten.« »Das heißt, sie leben noch.«

»Ja«, antwortete Kenneally.

»Sie haben versagt.« In der Stimme war nichts von dem Vorwurf, den die Worte beinhalteten. Sie klang eher resigniert. Trotzdem verteidigte sich Kenneally heftig. »Es war nicht meine Schuld! « sagte er. »Sie haben mir nicht gesagt, womit ich es zu tun habe. Ein halbes Dutzend meiner besten Männer sind tot, und … und ich weiß nicht einmal genau, was passiert ist.« »Was ist passiert?«

»Verdammt, ich weiß es nicht! « wiederholte Kenneally heftig. Es war die Wahrheit. Irgend etwas in ihm sperrte sich noch immer dagegen, die Erinnerungen zu Bildern zu machen. Er hatte ganz deutlich gesehen, was vor dem Haus geschehen war, aber er konnte es einfach nicht formulieren. Nicht in Worten, nicht einmal in Bildern für sich. »Irgend etwas ist aus dem Haus gekommen. Es war nicht Salid oder einer der anderen, aber … «

»Also sind sie am Leben und auf freiem Fuß. Sie müssen sie töten.«

»Das kann ich nicht«, erwiderte Kenneally.

»Sie müssen. Sie ahnen ja nicht, worum es geht.«

»Dann sagen Sie es mir!« verlangte Kenneally. »Verdammt noch mal, ich riskiere viel! Vielleicht mein Leben, auf jeden Fall aber meine Karriere. Und Sie sagen mir nicht einmal, warum?«

»Für Erklärungen bleibt keine Zeit«, antwortete die Stimme aus dernTelefon. »Aber Sie können mir glauben, daß weder Ihr Leben noch Ihre Karriere noch die geringste Rolle spielen, wenn es Ihnen nicht gelingt, sie aufzuhalten. Sie müssen diese Männer töten. Wenigstens einen von ihnen.«

»Einen?« wiederholte Kenneally überrascht. »Und es ist gleich, welchen?« Wenn diese Geschichte überhaupt jemals einen Sinn ergeben hatte – nun tat sie es ganz bestimmt nicht mehr. Er konnte verstehen, daß jemand Salids Tod verlangte. Möglicherweise gab es triftige Gründe dafür. Vielleicht sogar dafür, einen harmlosen Jesuitenpater und einen unbedarften Versicherungsvertreter mit zu liquidieren, denn sie mochten Zeugen von etwas sein, wofür es keine Zeugen geben durfte.

Aber der Befehl, einen der drei zu töten; wahllos? Das war … absurd!

»Ich habe Sie richtig verstanden?« vergewisserte er sich. »Es ist gleich, welchen ich erwische?«

»Töten Sie alle drei, wenn es Ihnen möglich ist«, antwortete die Stimme. Sie hatte nunmehr jeden Gleichmut verloren. Dieruhige Überle genheit, die Kenneally immer am meisten daran beeindruckt hatte, war etwas gewichen, das nichts anderes mehr als Panik war. »Wenn es nicht geht, versuchen Sie wenigstens, einen aufzuhalten. Vielleicht reicht es aus.«

»Wozu?« fragte Kenneally.

Diesmal bekam er keine Antwort. Nach einer Weile fuhr die Stimme etwas – nur etwas, nicht viel – ruhiger fort: »Wo sind Sie jetzt? Genau?«

Kenneally sagte es ihm, und diesmal verging mehr Zeit, ehe das leise statische Rauschen der Satellitenverbindung wieder vom Klang der Stimme unterbrochen wurde, die Kenneallys Leben seit anderthalb Jahrzehnten beherrschte.

»Gut. Ich kann in ungefähr anderthalb Stunden bei Ihnen sein. Gibt es einen Ort in der Nähe, wo ein Helikopter landen kann?«

»Das Krankenhausdach«, antwortete Kenneally. Er war ein wenig überrascht. Selbst ein wirklich schneller Helikopter würde in anderthalb Stunden kaum mehr als fünfhundert Meilen zurücklegen können, und irgendwie hatte er immer angenommen, daß sein geheimnisvoller Gesprächspartner sehr weit weg leben mußte; unabhängig davon, von welchem Ort der Welt aus er gerade mit ihm sprach.

»Dann erwarten Sie mich dort.«

Die Verbindung endete ohne ein Wort des Abschieds oder eine weitere Anweisung. Kenneally blieb vollkommen verstört zurück. Er starrte das Telefon an, und vielleicht zum erstenmal in seinem Leben fragte er sich, ob das, was er tat, auch wirklich richtig war. Er hatte niemals an der Stimme gezweifelt, obwohl sie ihm manchmal Aufgaben übertrug, die sinnlos – und in ein oder zwei Fällen seiner Meinung nach auch falsch-gewesen waren. Jetzt tat er es.

Aber zugleich spürte er auch, daß es zu spät war. Er hatte sich entschieden, schon vor langer Zeit, und wie immer der Preis für diese Entscheidung auch aussehen mochte, er würde ihn heute bekommen – oder bezahlen müssen.

Er klappte dasTelefon zu, stand eine Sekunde lang reglos vor der schwarzen Fensterscheibe, die seine Gestalt als sonderbar verzerrten Schemen widerspiegelte, und öffnete den Plastikdeckel dann erneut. Die Nummer, die er diesmal anwählte, war nicht wesentlich kürzer als die andere, und eigentlich war es nicht einmal eine richtige Telefonnummer. Das Gespräch wurde über mehrere Satelliten umgeleitet und umkreiste vermutlich einmal den Erdball, ehe es schließlich über ein Relais, von dessen Existenz nicht einmal seine unmittelbaren Vorgesetzten wußten, in das Funknetz der US-Army eingespeist wurde. Statt eines Freizeichens hörte er nur ein knisterndes Rauschen, dann meldete sich der Bordfunker des Helikopters, der den Angriff auf die Pension geflogen hatte. Kenneally ließ ihm nicht einmal hinlänglich Zeit, sich zu melden, ehe er ihn in scharfernTon unterbrach:

»Commander Kenneally hier. Ihre Position?«

Der Mann gab ihm die geforderten Daten, und Kenneally versuchte sie im Kopf nachzurechnen. Wenn er sich nicht kräftig verschätzte, war die Maschine noch nicht sehr weit entfernt. Zwei, drei Minuten, wenn sie mit Höchstgeschwindigkeit flog. »Ich habe neue Befehle für Sie«, sagte er. »Beidrehen und zurückkommen, so schnell wie möglich.«

»Aber Sir! « Er konnte die Überraschung in der Stimme des Offiziers trotz der schlechten Verbindung deutlich hören. »Vor zwei Minuten hat uns General Martin angerufen. Unser Befehl lautet eindeutig – «

»Er wird hiermit aufgehoben«, unterbrach ihn Kenneally. »Mein Autorisationscode lautet Alpha-Rot-Charlie. Bitte bestätigen.«

Die Antwort kam nicht sofort; zum Teil vermutlich, weil selbst die gut ausgebildeten Offiziere an Bord dieses Helikopters eine Sekunde brauchten, um ihre Überraschung zu überwinden; zum anderen vielleicht, weil sie wohl vorsichtshalber den versiegelten Briefumschlag öffneten, den die Maschine an Bord hatte, um sich von der Korrektheit des Codes zu überzeugen.

Kenneally betete, daß er stimmte. Er selbst hatte keine Ahnung. Noch vorTagesfrist hatte er nicht einmal gewußt, daß es diesen Code gab. Es gab nicht sehr viele Menschen auf der Welt, die von seiner Existenz wußten oder ihn gar kannten. Einer von ihnen war der Präsident der Vereinigten Staaten, und ein anderer sicherlich General Martin, unter dessen Oberbefehl die US-Luftstreitkräfte in Europa standen. Und wieder ein anderer eine namenlose Stimme am Telefon, irgendwo im Umkreis von fünfhundert Meilen.