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»Bestätigt«, sagte der Funker schließlich. Kenneally atmete innerlich auf. »Ihre Befehle, Sir?«

»Absolute Funkstille, sobald dieses Gespräch beendet ist«, sagte Kenneally. »Sie kehren zurück und eliminieren die Ziele. Unter allen Umständen. Opfer unter der Zivilbevölkerung müssen in Kauf genommen werden. «

»Sir?«

Kenneally verspürte Zorn. Er hielt es prinzipiell nicht für nötig, daß Soldaten einen Befehl verstanden oder ihn gar anzweifelten, und er war schon gar nicht in der momentanen Stimmung, zu diskutieren. Andererseits hatte er dem Mann gerade mehr oder weniger deutlich befohlen, auf Frauen und Kinder zu schießen, wenn es nötig sein sollte, und er sprach nicht mit einer Maschine. So schluckte er die scharfe Entgegnung herunter, die ihm auf der Zunge lag, und bemühte sich ganz im Gegenteil sogar, verständnisvoll zu klingen, als er antwortete:

»Es wird wahrscheinlich nicht notwendig sein. Versuchen Sie, möglichst wenig Schaden anzurichten – aber Sie müssen die Ziele eliminieren. Sie wissen, was zwanzig Meilen von hier entfernt geschehen ist. Salid hat dieses Teufelszeug immer noch bei sich. Nach unseren Informationen plant er, die städtische Wasserversorgung damit zu verseuchen. Wenn ihm das gelingt, müssen wir mit Zehntausenden von Opfern rechnen. Halten Sie ihn auf – um jeden Preis. Bestätigen.«

»Bestätigt, Sir.«

»Gut«, sagte Kenneally. »Ab sofort halten Sie Funkstille. Ende und aus. «

Die Lichter fielen nicht schlagartig aus, sondern nacheinander; mit einer winzigen Verzögerung nur, allerhöchstens eine Zehntelsekunde, aber doch spürbar, so daß es nicht schlagartig dunkel wurde, sondern sich die Schwärze wie eine lautlose schnelle Woge vor ihnen die Straße entlang bewegte. Und dieser ersten Düsternis folgte eine zweite, die beinahe noch erschreckender war: Kaum hatte die Schwärze das Ende der Straße erreicht – sie machte dort nicht Halt, wie Brenner erschrocken registrierte, sondern breitete sich immer weiter und weiter aus – , da erloschen auch die Lichter hinter den Fenstern. Die Gebäude auf der linken Straßenseite, die gerade noch fast taghell erleuchtet gewesen waren, wurden zu schwarzen Felsen in der Nacht.

Und nicht nur sie.

Brenner konnte nur einen kleinen Teil des nächsten Straßenzuges überblicken, aber er sah, daß auch dort nacheinander zuerst die Straßenbeleuchtung und dann alle anderen Lichter erloschen, und es dauerte nur noch Sekunden, bis sich auch der Himmel im Westen weiter verdunkelte. Der sanfte Schein, den das hellerleuchtete Stadtzentrum bisher ans Himmelsgewölbe gezaubert hatte, war nicht mehr da.

»Es hat begonnen«, flüsterte Johannes. »Harmageddon. Das letzte Gefecht.«

Salid fuhr auf dem Absatz herum und funkelte Brenner an. »Verdammt, bringen Sie ihn endlich zum Schweigen, oder ich tue es! « drohte er. Direkt an Johannes gewandt und fast brüllend, fügte er hinzu: »Das ist ein verdammter Stromausfall und sonst nichts! «

Johannes sah ihn nur an und schwieg, und auch Brenner zog es vor, nichts zu sagen. Salid wußte so gut wie sie, daß dies alles sein konnte, nur eines nicht: ein normaler Stromausfall. Aber er weigerte sich trotzdem noch immer, Johannes' Erklärung zu akzeptieren. Tatsache war, daß er nicht wissen wollte, was hier vorging.

»Aber ihr könnt doch nicht so blind sein«, sagte Johannes schließlich. »Ihr müßt doch – «

»Bitte.« Brenner legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. »Es ist besser, wenn Sie jetzt still sind.«

Johannes sah ihn verwirrt an, aber er schwieg gehorsam, und Salid knurrte: »Wir sollten diesen Spinner hierlassen. Verdammt, ich kann nicht mehr klar denken. Wir müssen … wir brauchen ein Fahrzeug. Irgendeinen Wagen! Los! «

Diesmal reagierte Brenner nicht schnell genug auf die Aufforderung. Vielleicht hatte er einfach auch angefangen, zu vergessen, wer Salid wirklich war. Er war so verblüfft, daß er den körperlichen Schmerz nicht einmal richtig registrierte, als Salid ihm ungeduldig den Lauf der MPi in die Seite stieß, um ihn zum Weitergehen zu bewegen – obwohl er so heftig war, daß er ihm die Tränen in die Augen trieb. Er stolperte weiter, wobei er Johannes ganz instinktiv hinter sich her zog, und fand nach einem halben Dutzend ungeschickter Schritte wieder in seinen normalen Rhythmus.

Die Straßensperre und die ausgehöhlten Autowracks blieben rasch hinter ihnen zurück, aber der Bereich kahlgefressener Erde begleitete sie noch eine Weile – zumindest nahm Brenner das an. Sehen konnte er den Erdboden kaum, denn die Insekten waren noch immer da. Der Großteil der kriechenden Finsternis war so spurlos wieder im Nichts verschwunden, wie er daraus aufgetaucht war, aber es mußten noch immer Millionen sein, die zurückgeblieben waren; eine jetzt nicht mehr knöchelhohe, aber noch immer fast geschlossene schimmernde Decke aus Horn und lebendem Fleisch, die die Straße bedeckte. Brenner hielt seinen Blick fast krampfhaft nicht auf die Straße gerichtet, aber er sah es trotzdem: Die Tiere wichen vor ihren Schritten beiseite, aber die Lücke schloß sich hinter ihnen sofort wieder.

Weiter vorne, ein Stück jenseits der Kreuzung jedoch, wurde der Straßenbelag etwas heller. Vielleicht hatte das kriechende Chaos es dabei bewenden lassen, nur diese Straße leerzufegen, um ihnen die Flucht zu ermöglichen. Er sah dort vorne auch wieder Fahrzeuge am Straßenrand stehen, die, zumindest aus der Entfernung betrachtet, unbeschädigt erschienen.

»Und es tat sich der Brunnen des Abgrundes auf«, flüsterte Johannes, »und es ging auf ein Rauch aus dem Brunnen, und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde. «

»Wir wissen, daß Sie bibelfest sind, Pater«, sagte Salid gepreßt.

Johannes ignorierte seine Worte. Mit leiser, bebender und zugleich auch wieder sehr fester Stimme fuhr er fort: »Und sie hatten Panzer wie eiserne Panzer und Schwänze gleich den Skorpionen, und es waren Stacheln an ihren Schwänzen. «

Salid blieb stehen. Etwas arbeitete hinter seiner Stirn, und Brenner konnte sehen, wie sich jeder Muskel in seinem Körper verhärtete. »Hören Sie auf«, sagte er, nicht laut, sondern gefährlich leise.

» Und Ihnen war die Macht gegeben, zu beschädigen die Menschen, die nicht das Zeichen des Herrn auf ihrer Stirn trugen«, fuhr Johannes fort. Er war sehr bleich, aber er hielt Salids Blick stand. Die Angst, die auf seinem Gesicht zu lesen war, war nicht die Angst vor dem Palästinenser. »Verstehen Sie denn immer noch nicht? Begreifen Sie denn nicht, was hier geschieht? Was – «

Salid schlug ihn nieder. Es ging so schnell, daß Brenner den Schlag nicht einmal sah, und der Jesuit vermutlich auch nicht. Eine blitzartige Bewegung, und Johannes krümmte sich, schlug die Arme um den Leib und fiel keuchend zuerst auf die Knie, dann gänzlich zu Boden.

»Sind Sie verrückt?« keuchte Brenner. Hastig kniete er neben Johannes nieder und streckte die Hände nach ihm aus, aber dieser schüttelte nur den Kopf. Er hatte große Mühe zu atmen, stemmte sich aber trotzdem aus eigener Kraft wieder in die Höhe.

»Es ist schon gut«, sagte er gepreßt. » Es war meine Schuld.« »Nichts ist gut!« antwortete Brenner zornig. Er funkelte Salid an. Eine innere Stimme riet ihm, vorsichtig zu sein. DerTerrorist war am Ende seiner Kraft angelangt, er würde ihn ebenso schlagen wie Johannes und vielleicht sogar schlimmer; aber das war ihm gleich.

»Sind Sie verrückt geworden?« fragte er. »Was ist in Sie gefahren?«

Salid begann am ganzen Leib zu zittern. Er ballte die Hände zu Fäusten und trat einen halben Schritt auf Brenner zu, und Brenner war jetzt davon überzeugt, daß er ihn niederschlagen würde. Aber dann entspannte er sich plötzlich.

»Entschuldigung«, murmelte er. »Ich … habe die Beherrschung verloren.«

Zum zweitenmal. Brenner sprach es nicht aus, aber die Worte schienen trotzdem fast hörbar in der Luft zu hängen. Das erste Mal hatte Salid ein paar Heuschrecken zertreten. Diesmal hatte er Johannes niedergeschlagen. Was würde das nächste Mal passieren? Würde er einen von ihnen töten?