»Bitte verzeihen Sie«, sagte Salid noch einmal. »Ich … muß mich zusammenreißen. Es wird Zeit, daß wir es zu Ende bringen. «
»Zu Ende?« Brenner hatte plötzlich Mühe, nicht hysterisch loszulachen. Zu Ende? Johannes hatte recht: Salid war blind. »Was denn zu Ende bringen?« murmelte er. »Sehen Sie sich doch um!« Er deutete heftig gestikulierend auf Johannes. »Er hat recht! Sehen Sie denn nicht, mit welchen Kräften wir es hier zu tun haben? Glauben Sie wirklich, Sie können das … dieses Ding mit Ihrer lächerlichen Waffe aufhalten?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Salid leise. »Aber ich habe es gesehen. Es lebt. Und was lebt, kann getötet werden.«
»Ja, und das macht Ihnen besonderen Spaß, nicht wahr?« fragte Brenner bitter.
Salid sah ihn auf eine Weise an, die Brenner seine Worte fast auf der Stelle bedauern ließ. Er war diesem Mann nichts schuldig, rein gar nichts, und trotzdem fühlte er sich miserabel dabei, ihn verletzt zu haben. Aber er kam nicht dazu, irgend etwas zu sagen.
Hinter Salid erschien ein gigantisches schwarzes Monstrum. Es fiel wie ein Stein vom Himmel und fing seinen Sturz erst im allerletzten Moment ab, so schnell, daß es buchstäblich aus dem Nichts aufzutauchen schien. Ein ungeheures Kreischen und Heulen schlug über Brenner und den anderen zusammen, und noch bevor sie der Lärm erreichte, traf sie eine Sturmböe mit der Wucht eines Faustschlages und schleuderte sie alle drei zu Boden.
Der Sturz rettete ihnen das Leben. Flammen stachen durch die Dunkelheit in ihre Richtung. Irgend etwas explodierte nur Zentimeter neben Brenners Gesicht auf dem Asphalt und überschüttete ihn mit einem Hagel winziger scharfkantiger Splitter und einem kurzen, heftigen Hauch glühendheißer Luft. Instinktiv rollte er sich zur Seite und schlug die Arme über dem Gesicht zusammen, während das Ungeheuer über ihn hinwegfauchte und eine Schleppe aus Sturm, Lärm und Flammen hinter sich herzog. Salid schrie irgend etwas, aber das Krachen der Explosionen hielt noch immer an und zerriß seine Worte.
Brenner rollte herum, nahm vorsichtig die Arme herunter und hob den Kopf. Ein brennender Schmerz über seinem linken Auge nahm ihm die Illusion, vollkommen unversehrt davongekommen zu sein, aber er war nicht so schlimm, daß er sein Denken beeinträchtigt hätte. Mühsam stemmte er sich auf Hände und Knie hoch, überzeugte sich mit einem raschen Blick davon, daß Johannes, der neben ihm niedergestürzt war, ebenfalls noch lebte und suchte dann nach Salid.
Der Palästinenser hatte sich mit einem gewaltigen Hechtsprung in die entgegengesetzte Richtung in Sicherheit gebracht, war aber bereits wieder auf den Knien und hatte seine Waffe in Anschlag gebracht, um auf das Ungeheuer zu feuern.
Es war nichts anderes als ein Helikopter. Obwohl seit ihrem Auftauchen kaum eine Sekunde vergangen sein konnte, hatte die Maschine bereits das Ende der Straße erreicht und zog steil in die Höhe, um nicht gegen die Häuserfront zu prallen. Ihre Bordwaffen hatten aufgehört zu feuern, aber über der Straße hing eine doppelte Spur rasch auseinanderwehender Staubfahnen, die die Einschläge der Geschosse markierte. Es war Brenner vollkommen rätselhaft, wieso sie den Hubschrauber weder gesehen noch gehört hatten, bis er wie ein biblischer Racheengel über sie hereingebrochen war.
»Lauft! « brüllte Salid. »Rennt weg! Vielleicht wollen sie nur mich! «
Das war ungefähr ebenso lächerlich wie seine Versuche, den Helikopter mit seiner MPi zu erwischen. Er gab Dauerfeuer, aber der Hubschrauber war längst über den Dächern verschwunden und zog dort eine nahezu grotesk enge Schleife, um zu einem neuen Angriff anzusetzen. Und selbst wenn er getroffen hätte, hätte er ihm wahrscheinlich kaum Schaden zufügen können. Brenner erkannte den Hubschrauber wieder: Es war die gleiche Maschine, die sie vorhin im Haus angegriffen hatte, und ihre Besatzung war offenbar noch genauso entschlossen, keine Gefangenen zu machen.
»Lauft endlich!« schrie Salid. »In verschiedene Richtungen! So kann er nur einen erwischen! «
Das war sicher ein vernünftiger Vorschlag. Trotzdem erhoben sich Johannes und Brenner wie auf ein gemeinsames Kommando hin gleichzeitig und rannten auch nebeneinander los. Salid fluchte, duckte sich tiefer und jagte einen weiteren, abgehackten Feuerstoß aus seiner MPi, als der Helikopter imTiefflug heranraste.
Brenner begann im Zickzack zu laufen, sah aber im Rennen über die Schulter zu Salid und dem heranrasenden Ungeheuer aus Stahl und Glas zurück. Salid feuerte mit unvorstellbarer Kaltblütigkeit – und erstaunlicher Präzision. Aus dem Rumpf des Hubschraubers schlugen Funken, und mindestens eines der Geschosse traf die Kanzel und durchschlug sie, schien aber keinen weiteren Schaden anzurichten, denn unmittelbar darauf erwiderte der Helikopter das Feuer. Unter seinem Rumpf züngelten kleine, orangegelbe Flammen hervor, und dann verschwand die Maschine und die Straße unter ihr hinter einer doppelten Spur zehnmeterhoher Feuer-und Staubgeysire, die mit unglaublicher Schnelligkeit auf Salid zujagte.
Und ihn verfehlte.
Salid kniete immer noch da, als der Helikopter über ihn hinwegraste und seine Geschoßspur weiter die Straße entlangtrieb. Er wirkte benommen, fassungslos, aber er war nicht nur am Leben, sondern augenscheinlich sogar unverletzt, obwohl einige der Explosionen in seiner unmittelbaren Nähe erfolgt waren.
Der Helikopter verringerte rasend schnell sein Tempo und begann sich, noch während er die Straße entlangraste, in der Luft zu drehen. Seine Maschinengewehre feuerten nicht mehr, aber Brenner zweifelte nicht daran, daß dies aus dem einzigen Grund geschah, um Munition zu sparen. Sobald die Männer hinter der gesprungenen Glaskanzel wieder ein lohnendes Ziel sahen, würden sie das Feuer zweifellos wieder eröffnen.
Die Maschine fegte so dicht über ihnen hinweg, daß Brenner und Johannes um ein Haar vom Luftzug der Rotoren von den Füßen gerissen worden wären. Mühsam stolpernd und mit rudernden Armen fand Brenner sein Gleichgewicht wieder und wich ganz instinktiv nach links aus, in die dem Helikopter abgewandte Richtung. Johannes folgte ihm, aber obwohl er jetzt um sein Leben lief, bewegte er sich noch immer mit mechanischen, steifen Schritten, die mehr Ähnlichkeit mit den Bewegungen eines Roboters hatten als mit denen eines lebenden Menschen. Brenner war sicher, daß er, hätte man es ihm befohlen, einfach stehengeblieben wäre und auf den Tod gewartet hätte.
»Schneller!« schrie Brenner ihm zu und griff gleichzeitig selbst noch mehr aus, als er sah, daß die Maschine ihre Drehung fast vollendet hatte.
Die Männer im Inneren des Hubschraubers taten genau das, was er erwartet hatte. Die Maschine schwankte durch das gewagte Manöver wie ein kleines Boot in hohem Wellengang, weshalb die erste MG-Salve Johannes und ihn hoffnungslos verfehlte und Meter über ihnen Steinbrocken und Putz aus der Fassade spritzen ließ. Aber der Pilot erlangte die Gewalt über seine Maschine rasch zurück. Der Hubschrauber stand für eine Sekunde nahezu still in der Luft, dann kippte sein Bug nach vorne, und die Maschine begann auf Johannes und ihn zuzurasen. Die Gatlin-Gun, deren Lauf wie der stumpfe Saugrüssel eines riesigen metallenen Insekts unter dem kantigen Bug hervorragte, begann mit einem hohen, an den Nerven reißenden Singen Geschosse in schneller Folge auszuspeien. Erneut explodierten Flammen und Steintrümmer aus der Straßendecke, aber diesmal bewegte sich die rasende Eruptionsspur direkt auf Johannes und ihn zu.
Nur drei oder vier Schritte von ihnen entfernt befand sich eine kurze Treppe, die zu einer Haustür hinaufführte. Wenn sie den Flur erreichten, hatten sie vielleicht noch eine winzige Chance. Brenner versetzte Johannes einen Stoß, der ihn schneller vorwärtstaumeln ließ, warf einen Blick über die Schulter zurück und schrie vor Entsetzen auf, als er sah, daß die MG-Salve weiter direkt auf ihn und den jungen Geistlichen zujagte. Sie war schnell. Unvorstellbar schnell. Mit einer verzweifelten Anstrengung warf er sich vor, überwand die beiden letzten Stufen mit einem einzigen Satz, warf sich mit weit ausgebreiteten Armen gegen Johannes und riß ihn so mit sich zu Boden.