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Und einen MG-Treffer in die Schulter, die Explosion eines kompletten Klosters, ein Hubschrauberduell und den Beschuß mit Bordraketen.

Der Gedanke blitzte so deutlich in seinem Kopf auf, daß er fast die Qualität einer Erinnerung hatte. Wäre er nicht einerseits so phantastisch und Brenner andererseits so von dem gebannt gewesen, was er auf dem Fernsehschirm sah, hätte er vielleicht sogar begriffen, daß er genau das war. So aber gestattete er ihm nicht, Realität zu werden, sondern konzentrierte sich ganz auf das, was ihm der Fernseher zeigte.

Das Kamerateam war nicht das einzige, das sich auf der überfüllten Straße drängte. Brenner identifizierte die Embleme von zwei, drei Privatsendern auf hochgehaltenen Kameras und Mikrophonen und fast am Rande des Aufnahmebereichs einen klobigen Übertragungswagen des ZDF. Die Menschen drängten sich auf dem Bürgersteig und in Hauseingängen, und sie wären wahrscheinlich auch auf die Straße selbst hinausgelaufen, hätten sie es gekonnt. Was sie daran hinderte, das war eine dicht geschlossene Reihe von Männern in grünen Uniformen, die er nicht genau identifizieren konnte, von denen er aber annahm, daß es sich um Einsatzkräfte der Polizei handelte.

Der Kommentator fuhr fort, von einer Katastrophe zu berichten, die er jedoch niemals beim Namen nannte. Wahrscheinlich, dachte Brenner säuerlich, beherrschte das Thema seit Stunden sämtliche Medien, und er war möglicherweise der einzige Mensch in diesem ganzen Land, der nicht wußte, was geschehen war. Immerhin bekam er mit, daß wohl nicht nur ein kleines Gebiet, sondern zwei komplette Ortschaften mit sämtlichen dazugehörigen Straßen und Feldwegen von Polizei-und Grenzschutzkräften abgeriegelt worden waren. Wenn es sich tatsächlich um einen Flugzeugabsturz handelte – wie er immer noch ganz instinktiv annahm – , was um alles in der Welt hatten sie dann an Bord gehabt? Eine scharfe Atombombe?

Er wollte sich schon abwenden, um entweder in sein Zimmer zurückzugehen oder die Intensivstation doch zu verlassen ganz sicher war er noch nicht – , als in das ohnehin unruhige Bild auf dem Monitor noch mehr Bewegung kam. Im allerersten Moment sah er praktisch nichts, nur ein allgemeines, quirlendes Gewusel, aus dem sein lädiertes Sehvermögen keine klaren Informationen herauszufiltern imstande war. Aber dann geschah dasselbe wie vorhin schon einmal, und diesmal war es beinahe unheimlich, vielleicht, weil er jetzt nicht mehr einfach zu überrascht war, um wirklich zu begreifen, was geschah: Von einer Sekunde auf die andere fügten sich die Informationsfetzen vor seinen Augen zu Bildern zusammen, so schnell und präzise, als hätte jemand einen Schalter in seinem Kopf umgelegt oder mit geübten Bewegungen eine letzte Feinjustierung vorgenommen. Das Unheimlichste war, daß der Effekt nur den Bildschirm betraf. Seine Augen fokussierten sich auf den Fernseher; alles, was ringsum war, blieb verschwommen und nebelhaft.

Die Absperrkette auf der Straße teilte sich, um einem kleinen Lastwagenkonvoi Platz zu machen. Zwei, drei, schließlich vier NATO-oliv lackierte klobige LKWs rumpelten zwischen den Männern hindurch. Ihre Ladeflächen waren unter gefleckten Planen verborgen, aber die des letzten war nicht ganz geschlossen, so daß die Kamera einen kurzen Blick darunter erhaschte. Die Männer, die darauf saßen, trugen keine Uniformen, wie er erwartet hatte. Sie sahen aus, als kämen sie direkt aus der Requisitenkammer von Industrial Light & Magic. Sie trugen weiße, den ganzen Körper umhüllende Anzüge, die nahtlos in Handschuhe, Stiefel und einen klobigen Helm übergingen. Ihre Gesichter verbargen sich hinter dunklen Scheiben. Die Männer trugen ABC-Schutzanzüge.

Sein eigener Gedanke von gerade schoß ihm noch einmal durch den Kopf, und plötzlich fand er ihn gar nicht mehr lustig. Mit ziemlicher Sicherheit befand sich in dem Gebiet, aus dem die Männer kamen, keine Atombombe, aber es mußte wohl etwas in dieser Preisklasse sein; vielleicht nicht ganz so groß, aber für die, die es betraf, von ebenso dramatischer Wirkung.

Die Bilder schlugen Brenner so sehr in ihren Bann, daß er die Stimme des Kommentators kaum noch hörte. Hin und her gerissen zwischen Furcht und einer nie gekannten, morbiden Faszination sah er zu, wie sich die kleine Kolonne im Schritttempo ihren Weg durch die Menschenmenge bahnte, wobei sie nicht besonders gut voran kam und zwei-oder dreimal sogar anhalten mußte, bis die Polizeibeamten die Menge wieder einigermaßen zurückgetrieben hatte. Er versuchte vergeblich, das zu deuten, was er sah. Die Menschenmenge am Straßenrand wirkte aufgebracht, aber nicht wirklich zornig. Irgend etwas sehr Beunruhigendes ging dort vor. Etwas, das

– vielleicht gar nicht real war.

Brenner blinzelte, fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und sah noch einmal auf den Monitor, auf dem die LKW-Kolonne mittlerweile vollends zum Stillstand gekommen war, belagert von Dutzenden von Männern und Frauen, die den Fahrern und den Männern auf den Ladeflächen etwas zuriefen. Einen Augenblick lang fragte er sich allen Ernstes, ob er noch alle Tassen im Schrank hatte. Die Bilder waren faszinierend, und sie wirkten auf eine schwer greifbare Weise echt und bedrohlich, aber gerade das hätte ihn eigentlich warnen sollen.

Sie wirkten ein bißchen zu bedrohlich und fast ein bißchen zu echt. Die Wirklichkeit gehorchte selten der Dramaturgie eines Spielfilms – aber diese Bilder hier taten es.

Das war die Erklärung. Kein Hundert-Megatonnen-Sprengsatz im Bayerischen Wald, sondern ein Katastrophenfilm auf irgendeinem Privatsender, dem er in seiner Gier nach Informationen von jenseits der grauen Barriere, hinter der er die letzten dreiTage und Nächte verbracht hatte, einfach aufgesessen war. Und er hatte sogar die Möglichkeit, diese Theorie ziemlich schnell zu überprüfen. Er mußte nur umschalten.

Theoretisch. Praktisch verfügte der Fernseher über keinerlei sichtbare Bedienungselemente, an denen er auf einen anderen Kanal umschalten konnte, und die Fernbedienung fand er nicht. Wahrscheinlich hatte die Schwester sie mitgenommen, als sie ihren Posten verließ. Trotzdem, das war die Erklärung. Ein Film. Eine Fiktion, mehr nicht.

Brenner atmete erleichtert auf und trat einen halben Schritt von der Tischplatte zurück. Und hätte ihm jemand in diesem Moment einen Eimer mit eiskaltem Wasser ins Gesicht geschüttet, dann wäre er kaum schlimmer schockiert gewesen.

Eine der Gestalten, die die Wagenkolonne umringten, hatte sich herumgedreht und das Gesicht der Kamera zugewandt, aber das war nur das, wonach es aussah. In Wirklichkeit blickte sie nicht in die Kamera, sondern direkt in Brenners Augen.

Er wußte einfach, daß es so war, mit der gleichen, ebenso grundlosen wie unerschütterlichen Sicherheit, mit der er das Gesicht wiedererkannte.

Es war Astrid.

Brenner schwankte. Es war nicht einfach nur ein Erinnern. Der Name und die Erinnerung tauchten gleichzeitig in seinen Gedanken auf, und beides traf ihn mit der gleichen Wucht; ein geradezu körperlich fühlbarer Faustschlag, der ihn von innen zwischen die Augen traf.

Astrid. Das Mädchen aus seinem Traum. Das Mädchen, nach dem der Pater ihn gefragt hatte. Das Mädchen, das vor seinen Augen zu Asche verbrannt war. Es war unmöglich. Sie war

nur eine Gestalt aus einem Traum, und wenn nicht das, dann war sie tot; und doch stand sie da, und sie sah nicht einfach nur in die Kamera, sondern sah ihn an. Sie wußte ganz genau, daß er hier war, hier in diesem Zimmer, in diesem Krankenhaus, von dem er selbst nicht einmal genau wußte, wo es war, vor diesem einen bestimmten Bildschirm.