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Brenner spürte, wie die Hysterie sich wie dünnflüssigeTinte in seinen Gedanken auszubreiten begann. Sein Herz raste plötzlich; von einer Sekunde zur anderen war er in Schweiß gebadet. Er wartete vergeblich darauf, daß sich das Bild abermals änderte; ein neues Zucken, ein weiteres Sich-neu-Ordnen, und aus dem Gesicht des totenTraum-Mädchens würde das Gesicht irgendeines Mädchens werden, das nur eine zufällige Ähnlichkeit mit der Anhalterin hatte. Aber nichts dergleichen geschah. Astrids Gesicht blieb Astrids Gesicht, und ganz im Gegenteil, sie drehte sich in diesem Moment weiter herum, lächelte in die Kamera und winkte mit der linken Hand; für Millionen von Zuschauern nichts als ein Mädchen, das sich für zwei Sekunden als Fernsehstar fühlte und über das man die Stirn runzelte, lächelte oder das man auch insgeheim dafür verachtete, aber Brenner wußte es besser. Dieses Lächeln galt niemand anderem als ihm, und das Winken war kein Winken, sondern ein Zeichen, das nichts anderes sagte als: Ich bin real. Du täuschst dich nicht. Ich bin hier und warte auf dich.

Brenner schloß für einen Moment die Augen und preßte die Lider so fest zusammen, bis bunte Sterne auf seinen Netzhäuten zu tanzen begannen. Als er wieder hinsah, hatte sich das Bild nicht verändert. Es war immer noch da, und Astrids Lächeln war jetzt eindeutig spöttisch geworden. Sie hatte ihn gesehen und amüsierte sich über sein Erschrecken. Und warum auch nicht? Als wandelnde Ausgeburt eines Alptraums hatte man schließlich ein Recht, sich zu freuen, wenn es einem gelang, jemandem einen gehörigen Schrecken einzujagen.

Wahrscheinlich war es dieser Gedanke, der Brenner schließlich in die Wirklichkeit zurückholte. Er war einfach einenTick zu albern, um aus irgend etwas anderem als purer Hysterie geboren zu sein. Er war hysterisch. EinTeil seines Bewußtseins hatte die Grenze zur Panik eindeutig überschritten, und er sah Dinge, die es nicht gab. Das Mädchen war nicht auf dem Bildschirm. Er sah sie noch immer, aber er wußte jetzt, warum: weil er sie sehen wollte. Vielleicht gab es diesen ganzen verrückten Film nicht, und wer weiß, vielleicht stand nicht einmal er wirklich hier, sondern lag in seinem Bett und phantasierte sich wirres Zeug zusammen.

Die Vorstellung half. Ob sie nun der Wahrheit entsprach oder nicht, Panik gehörte offensichtlich zu den Feinden, die heimtückisch waren, ihren Schrecken aber im gleichen Moment zu verlieren begannen, in dem man sich ihrer Gegenwart bewußt wurde. Es gab dieses Mädchen nicht. Es gab diesen Film nicht – nun gut, ihn vielleicht – , und es gab auch die Erinnerung an sie nicht.

Und wenn er noch lange hier herumstand und blödes Zeug dachte, dann würde es vielleicht auch ihn bald nicht mehr geben, und wenn, dann allenfalls als sabbernden Idioten in einer Gummizelle.

Astrids Gesicht war noch immer auf dem Bildschirm zu sehen, und hätte es noch eines zusätzlichen Beweises für seine Theorie bedurft, wäre es der Ausdruck darauf gewesen. Sie hatte aufgehört zu lächeln und wirkte ein bißchen verwirrt, aber auch verärgert. Eindeutig hatte sie seine Gedanken gelesen.

»Nein«, sagte Brenner. »So einfach mache ich es dir nicht.« Natürlich glaubte er nicht wirklich daran, daß sie die Worte verstand, aber er mußte einfach mit ihr reden, und sei es nur aus dem gleichen Grund, aus dem er als Kind ein Lied gepfiffen hatte, wenn er in den Keller ging. Und es half, zumindest teilweise. Ihr Gesicht verschwand immer noch nicht. Sie sah ihn immer noch vorwurfsvoll an, aber beides hatte nun seinen Schrecken verloren. Möglicherweise nicht auf Dauer, denn hinter dieser ersten, fast besiegten Angst lauerte eine zweite, die vielleicht noch schlimmer war: nämlich die, daß er vielleicht wirklich auf dem Wege war, den Verstand zu verlieren.

Aber er gestattete dieser Furcht nicht, Gestalt anzunehmen. Nicht jetzt. Nach einem letzten Blick auf den Bildschirm verließ er das Schwesternzimmer und tastete sich durch den verlassenen Korridor zu seinem Zimmer zurück.

Hatte er gerade geglaubt, seine Furcht im Zaum zu haben? Lächerlich. Sie war da, und sie flüsterte mittlerweile so laut, daß sie in seinen Ohren dröhnte. Er vermied es krampfhaft, durch die offenstehenden Türen der anderen Zimmer zu blicken, obwohl er wußte, daß dahinter nichts war. Aber er hätte dieses Nichts jetzt deutlicher gesehen, und vielleicht auch noch mehr. Wenn er Dinge sah, die nicht da waren, warum dann nicht umgekehrt Dinge nicht sehen, die da waren? Er hätte es nicht ertragen, in eines der Zimmer zu sehen und im Bett einen schlafenden Patienten vorzufinden.

Es waren nur wenige Schritte. Obwohl er sehr langsam ging, dauerte es bestenfalls eine Minute; aber sie kam ihm vor wie ein Jahr. Noch vor zehn Minuten hätte er es für unmöglich gehalten, aber jetzt war er erleichtert, wieder in dem Zimmer zu sein, das ihm in den letztenTagen wie ein Kerker vorgekommen war. Es war kein Kerker. Es war seine Zuflucht. Die Dunkelheit war nicht sein Feind, sondern ein Schutz vor dem Wahnsinn, der dahinter lauerte, die blinkenden Apparate neben seinem Bett waren seine Wächter, und die Nadel, die in seinem Handrücken steckte und sich jetzt mit pochenden Schmerzen wieder in Erinnerung brachte, war seine einzige Waffe. Er war hier nicht gefangen, sondern sicher. Er hätte niemals aufstehen und schon gar nicht sein Zimmer verlassen dürfen.

Brenner schloß sorgsam die Tür hinter sich, ging zu seinem Bett zurück und ließ sich behutsam auf die Kante nieder. Aber statt sich vollends zurückzulehnen und die Bettdecke wie in Kindertagen über den Kopf zu ziehen – und nach nichts anderem war ihm zumute – , saß er einfach da und starrte ins Leere. Er sah das Gesicht noch immer, und das Wissen, daß es nur Einbildung gewesen war, nutzte überhaupt nichts. Vielleicht, weil er sich in einem Dilemma befand, aus dem es keinen Ausweg zu geben schien. Er konnte glauben, daß er das alles gerade wirklich erlebt hatte, aber das hätte bedeutet, daß er die Treppe weitaus mehr als fünfunddreißig Stufen hinuntergestürzt war, nämlich nicht nur bis auf den Kellerboden, sondern bis in eineTiefe, in der Begriffe wie Realität und Logik nicht mehr viel galten. Oder er konnte glauben, es sich wirklich nur eingebildet zu haben. Aber er wußte nicht, ob ihm diese Erklärung tatsächlich besser gefiel. Was war besser? In einem fremden Kontinuum gestrandet zu sein oder den Verstand verloren zu haben?

Er brauchte Gewißheit. Aber wie? Er wußte ja noch nicht einmal, ob es dieses Mädchen überhaupt gegeben hatte, und nicht nur sie, sondern diese ganze verrückte Geschichte, die beim Anblick ihres Gesichts wieder in seiner Erinnerung aufgetaucht war. Da war der Priester gewesen, der gesagt hatte, sie sei wichtig; aber vielleicht hatte er ja nur geblufft, um mehr aus ihm herauszukriegen? Ein Journalist, der sich als Jesuit ausgab und über ein Mädchen sprach, das er gar nicht kennen konnte – das klang nicht besonders überzeugend.

Frage: Wie konnte man entscheiden, was wirklich war und was nicht, wenn man keinerlei Vergleichsmöglichkeiten hatte?Antwort: Überhaupt nicht.

Der Gedanke war eher ernüchternd als erschreckend. Und so ganz nebenbei war er nicht richtig. Er hatte eine Möglichkeit. Sie gehörte zu all den Erinnerungen, die so plötzlich in seinem Gedächtnis aufgetaucht waren. Er war nur nicht ganz sicher, ob er sie nutzen wollte.

Trotzdem blieb er nur noch einen Moment reglos sitzen, dann stemmte er sich wieder hoch und ging mit schleppenden Schritten zur Tür und dem schmalen Einbauschrank in der Wand daneben. Seine Beine fühlten sich mit einem Male an wie mit Blei gefüllt. Seine gerade erst zurückgekehrten Kräfte ließen bereits wieder nach, aber nach dem Raubbau, den er damit betrieben hatte, war das wohl auch kein Wunder.

Mit zitternden Fingern öffnete er die Schranktür und gewann einige weitere Sekunden, indem er seine Kleider betrachtete. In jeder anderen Situation hätte er sich gefragt, warum man sich überhaupt die Mühe gemacht hatte, sie aufzuhängen.