Da war wieder jenes bärtige, grauhaarige Gesicht, das er schon einmal gesehen hatte, diesmal aber allein. Die anderen Stimmen waren fort, und obwohl er die Schwärze jenseits des pulsierenden Halbkreises aus rotem Fackellicht nicht mit Blicken durchdringen konnte, spürte er, daß sie allein waren. Ein Blick in die grauen, trotz des Ausdruckes grimmiger Entschlossenheit im Grunde noch immer gütigen Augen seines Gegenübers sagte es ihm. Was sie zu besprechen hatten, das ging nur sie etwas an.
»Du verstehst mich«, sagte der andere.
Er antwortete nicht. Er wollte antworten, aber er hatte keine Möglichkeit, den Körper, dessen Gast er war, dazu zu bewegen. Jegliehe Initiative war ihm genommen. Vielleicht war er mehr Gefangener als Gast. Sein unfreiwilliger Wirt wiederum wollte nicht antworten. Er hätte es gekonnt, trotz der fürchterlichen Verletzungen, die man ihm zugefügt hatte, denn seine Kräfte gingen weit über die eines sterblichen Menschen hinaus.
Obwohl er sich immer mehr des Umstandes bewußt wurde, daß er nur ein Beobachter in einem streng abgegrenzten Bereich jenes fremden Bewußtseins war, begriff er doch auf der anderen Seite immer mehr vom wirklichen Wesen seines Gastgebers. Die Mauern, die ihn umgaben, waren in seine Richtung hin durchlässig. Nicht einmal sehr: Er wußte noch immer nichts über die Identität des anderen – falls er überhaupt so etwas wie eine persönliche Identität hatte – noch über seine wahre Natur, geschweige denn über den Grund seines Hierseins. Jeglicher Zugang zu seinen Gedanken und Erinnerungen war ihm verwehrt. Aber er spürte, daß es etwas Gewaltiges war, etwas so Mächtiges und Altes, etwas so Wissendes, daß er plötzlich sicher war, nicht wirklich ein Gefangener zu sein. Vielmehr waren die Mauern, die ihn umgaben, zu seinem Schutz errichtet worden, denn eine einzige Berührung jenes lodernden Geistes hätte ihn verglühen lassen wie eine Motte, die dem Feuer zu nahe gekommen war.
Und er spürte noch etwas: eine Enttäuschung, die unvorstellbar tief war. Wer oder was immer dieses Wesen war, es hatte den Kampf seines Lebens gekämpft; einen Kampf, der ebenso urgewaltig war wie seine Existenz selbst – und verloren.
»Ich weiß, daß du mich verstehst«, sagte der Bärtige nach einer Weile. Er lächelte, aber es war ein bitteres Lächeln, das Brenner angst gemacht hätte, wäre er in der Lage gewesen, eigene Gefühle zu empfinden. »Du konntest dich nie vor mir verstellen, das weißt du doch. Vor allen anderen vielleicht, aber nicht vor mir. «
Er wechselte die Fackel von der rechten in die linke Hand, so daß ihr blutroter Schein nun auf die andere Hälfte seines Gesichtes fiel. Der Effekt war erstaunlich. Es schien plötzlich ein vollkommen anderes Gesicht zu sein; eines, das keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem hatte, in das er bisher blickte. Ein anderer Mensch. Selbst seine Stimme war die eines anderen.
»Du hast es gewußt, nicht wahr? Das war der Grund, aus dem du mich niemals wirklich anerkannt hast. Du hast mich stets nur geduldet, und selbst das wolltest du eigentlich nicht. Und ich weiß sogar, warum. Du hast gewußt, daß ich dich am Ende besiegen würde. Nicht die anderen. Vor ihnen hast du dich nie gefürchtet. Nicht vor ihren Waffen, nicht vor ihren Legionen und Heerscharen, vor ihren Schwertern und Rüstungen. Du wußtest stets, daß sie dir nichts anhaben konnten. «
Jetzt schwangTriumph in seiner Stimme, ein böser, fast höhnischerTriumph, und zugleich spürte Brenner, wie die Enttäuschung seines Gastgebers zu entsetztem Begreifen wurde
–und dann zu Zorn, einem unvorstellbaren, brodelnden Zorn, der die Kraft hatte, Welten zu zerstören. Er bäumte sich mit aller Macht gegen die unsichtbaren Ketten auf, die ihn hielten und prallte zurück. Was immer es war, das ihn hielt, es war so alt und so stark wie er selbst; und vielleicht stärker.
»Kämpfe ruhig«, sagte der andere. »Wehr dich ruhig. Verbrauche deine Kräfte. Es wird dir nichts nutzen. Ich kenne dein Geheimnis. Ich weiß, wer du wirklich bist. Ich weiß, wozu du geschickt wurdest. Deshalb konnte ich dich besiegen. «
Er beugte sich vor; gleichzeitig näherte sich die Fackel seinem Gesicht und Brenner spürte die Hitze der Flammen auf der Haut. Sie kam näher. Näher. Näher. Aus dem Brennen wurde Schmerz. Seine Augen füllten sich mit Tränen, aber das Feuer kam immer noch näher, und dann berührte etwas grausam Heißes seine Wange. Brenner schrie auf, warf den Kopf zurück – und blickte in ein bärtiges Gesicht, das sich erneut verändert hatte. Die Hitze war noch immer da, aber die Fackel war verschwunden, und die Augen, die besorgt auf ihn herabblickten, waren nun schwarz, nicht länger grau.
»Sind Sie wieder okay?« fragte Salid.
Brenner benötigte eine geschlagene Sekunde, um zu begreifen, daß das unbekannte Gesicht aus dem Traum wiederdem Salids gewichen war. Diesmal war der Übergang so fließend gewesen, daß er ihn fast nicht bemerkt hatte. Statt in einer dunklen Felsenhöhle befand er sich wieder in einem Haus, und er lag nicht auf hartem Stein, sondern auf den Stufen einer Treppe, deren Kanten schmerzhaft in seinen Rücken schnitten. Das heftige Brennen auf seiner Wange stammte von der Ohrfeige, die Salid ihm verabreicht hatte, um ihn aufzuwecken.
»Alles … in Ordnung«, antwortete Brenner mühsam. Er versuchte sich in die Höhe zu stemmen, glitt aus und kam erst beim zweiten Versuch hoch. Mit einer Mischung aus Verwirrung und Schrecken sah er sich um.
Für den Moment hatten sie Ruhe. Die Haustür und ein vielleicht meterbreiter Bereich davor brannten noch immer, aber die Angreifer hatten sich zurückgezogen. Möglicherweise hatte die unerwartet heftige Gegenwehr sie überrascht; vielleicht gab es aber auch einen anderen Grund.
»Was ist mit ihm?« Brenner deutete auf Johannes, der in einer schon fast absurd verkrümmten Haltung am Fuße der Treppe hockte und aus leeren Augen vor sich hin starrte.
Salid zuckte mit den Schultern, aber er tat es auf eine Art, die Brenner erahnen ließ, daß er die Antwort auf diese Frage sehr wohl wußte. Brenner wußte sie auch – aber etwas in ihm wollte sich nicht daran erinnern. Er wollte auf Johannes zugehen, aber Salid hielt ihn mit einer Handbewegung zurück.
»Sind Sie wirklich okay?« fragte er. »Warum?«
»Das ist keine Antwort«, sagte Salid. Er streckte die Hand aus, um Brenner an der Schulter zu berühren, aber Brenner schlug seinen Arm beiseite; mit einer Entschlossenheit und Kraft, die ihn selbst mindestens ebensosehr verblüffte wie Salid.
»Kümmern Sie sich nicht um mich«, sagte er scharf. »Was ist hier überhaupt los? Wieso sind sie weg?«
Salid wirkte irritiert, zuckte aber dann nur mit den Schultern und machte eine wedelnde Handbewegung, die die Tür und den gesamten Bereich davor einschloß. »Sie kommen wieder, keine Sorge«, sagte er spöttisch. »Wahrscheinlich schneller, als Ihnen lieb ist. Wir müssen raus hier.«
Das wiederum war keine Antwort auf seine Frage, dachte Brenner. Aber er kannte Salid mittlerweile gut genug, um sie nicht zu wiederholen. Außerdem hatte er recht: Welchem neuerlichen Wunder sie ihre Rettung auch zu verdanken hatten, es würde nicht lange anhalten. Und irgendwann mußte ihr Kredit beim Glück einfach aufgebraucht sein. Realistisch betrachtet, hatten sie ihn bereits gehörig überzogen.
Er rappelte sich mühsam hoch und schlug linkisch in Salids Richtung. Der Palästinenser sah ihn nur verwirrt an, zuckte aber dann mit den Schultern und war mit einem Schritt neben Johannes. Er sagte etwas zu ihm, das Brenner nicht verstand, aber Johannes reagierte nicht; weder auf die Worte noch auf den Klang der Stimme.
»Was ist mit ihm?« fragte Brenner erneut.
Salid wollte antworten, legte aber dann plötzlich den Kopf auf die Seite und lauschte einen Moment mit angespanntem Gesichtsausdruck. »Sie kommen zurück«, sagte er.