»Stehenbleiben! «
Ein grelles Licht stach in seine Augen, und er hörte Lärm: Schreie, Sirenen, durcheinanderhastende Schritte und Gepolter. Irgendwo, weit entfernt, aber noch hörbar, brüllte eine Lautsprecherstimme etwas auf deutsch, das er nicht verstand, und von noch weiter her näherten sich zahlreiche Sirenen; anders als die, die er gewohnt war, aber in ihrer Botschaft unmißverständlich. Er stolperte noch einen Schritt weiter, blieb schließlich stehen und kam endlich – nachdem sich der Aufruf ein drittes Mal wiederholt hatte – auf die Idee, die Hände in die Luft zu strecken.
Vielleicht rettete ihm das das Leben. Das grelle Licht blieb auf sein Gesicht gerichtet und trieb ihm weiter dieTränen in die Augen, aber er konnte trotzdem verschwommen sehen; gut genug jedenfalls, um zu erkennen, daß er von mindestens einem Dutzend deutscher Polizeibeamter umringt war, die ihre Waffen auf ihn angelegt hatten. Die meisten sahen sehr nervös aus; nervös genug jedenfalls, um bei der ersten verdächtigen Bewegung mit dem Zeigefinger zu zucken. Kenneally schickte ein Stoßgebet zum Himmel, daß die Männer wenigstens annähernd so diszipliniert waren wie die, die Smith und er befehligten. Befehligt hatten …
Unendlich vorsichtig senkte er die Hände und trat einen weiteren Schritt nach vorne. Der Scheinwerferkegel, der auf ihn gerichtet war, folgte der Bewegung unerbittlich, aber das Licht war jetzt wenigstens nicht mehr direkt auf sein Gesicht gerichtet. Vorsichtig hob er die Linke und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen.
Eine Gestalt in grauem Trenchcoat und dazu passender Haarund Gesichtsfarbe näherte sich ihm und wedelte dabei hektisch mit beiden Händen; die eine Hälfte der Geste galt den Polizeibeamten, die noch immer auf Kenneally angelegt hatten, die zweite ihm. Kenneally konnte sein Gesicht noch immer nicht deutlich erkennen, aber er spürte die Erregung des anderen regelrecht. Nicht, daß er nicht gewußt hätte, wie mit Männern in solchen Situationen umzugehen war.
Entschlossen trat er dem Mann imTrenchcoat entgegen und fuhr ihn an: »Wer zum Teufel sind Sie? Was soll dieser Scheiß hier? Wir – «
Er hatte sich verrechnet. Der andere ließ sich von seinem naßforschen Ton nicht im mindesten beeindrucken, sondern brachte Kenneally ganz im Gegenteil mit einer einzigen, fast nur angedeuteten Bewegung zum Verstummen. »Ich«, antwortete er betont, »bin der stellvertretende Bürgermeister dieser Stadt – genauer gesagt dem, was noch davon steht. Mein Name ist Dessler. Aber wer sind Sie? Und Ihre zweite Frage gebe ich zurück: Was soll der Scheiß da hinten? Wo sind Heidmann und seine Leute?«
»Tot«, antwortete Kenneally. Er ließ eine Sekunde verstreichen und fügte dann hinzu: »Jedenfalls nehme ich das an. Ebenso wie Agent Smith und die meisten meiner Leute.«
Desslers Gesicht wurde noch eine Spur bleicher. »Tot?« Kenneally zuckte mit den Schultern. »Vermutlich. Es sollte mich wundern, wenn einer das überlebt hat. Ich bin froh, daß ich davongekommen bin.«
»Das?« Dessler sah ihn scharf an. »Was ist das?« Eine Spur neuen Mißtrauens erschien in seinen Augen, und Kenneally gemahnte sich innerlich zur Vorsicht. Er durfte diesen Mann nicht noch einmal unterschätzen. Das Eis, auf dem er sich bewegte, war ohnehin dünn genug. Er konnte sich keinen Fehler leisten.
Das Schlimme war, daß er Desslers Frage nicht einmal dann wirklich hätte beantworten können, wenn er es gewollt hätte. Er wußte nicht, was geschehen war. Etwas war aus dem Haus herausgekommen, aber es war nicht Salid gewesen. Hinter Kenneallys Stirn überschlugen sich die Bilder, aber nichts davon schien irgendeinen Sinn zu ergeben. Da war etwas Dunkles gewesen, etwas Kriechendes und trotzdem irrsinnig Schnelles, das den Männern gefolgt und über sie hergefallen war, und dann … Er erinnerte sich nicht. Nicht wirklich. Jemand hatte ihn gepackt und in den Wagen gezerrt, und sie waren mit kreischenden Reifen davongerast, das war alles, woran er sich erinnerte. Alles woran zu erinnern er sich gestattete.
Er hob die Schultern. »Ich habe nicht die mindeste Ahnung«, sagte er. »Ich schätze, Ihre Leute haben Mist gebaut.« »Unsere …?« Dessler sah einen Moment lang aus zu Schlitzen zusammengezogenen Augen in die Dunkelheit hinter Kenneally. Er sah sehr nervös aus; aber nicht annähernd so verunsichert oder gar hilflos, wie es Kenneally recht gewesen wäre. »Was soll das heißen, unsere Leute?«
»Ich hatte die Information – von Ihnen – , daß Salid zusammen mit zwei Geiseln in einem Hotelzimmer festsitzt«, antwortete Kenneally, wobei er sich bemühte, eine ganz genau bemessene Spur von Aggressivität in seine Stimme zu legen. »Unbewaffnet, oder wenigstens so gut wie.« Er lachte bitter. »Ich weiß nicht, was er hat, aber es sah nach einer tragbarenTaschen-Armee aus. Mindestens ein Dutzend meiner Leute sind tot, und ich fürchte, Ihre Beamten auch.«
»Aber das … das ist … « Letztendlich war es Kenneally doch gelungen, ihn aus der Fassung zu bringen. Es war nur die Frage, wie lange dieser Zustand anhalten würde. Vermutlich nicht lange genug. »… unmöglich! Unsere Informationen waren zuverlässig. Ein Dutzend Beamte haben ihn gesehen.«
»Ich weiß nicht, was sie gesehen haben«, antwortete Kenneally scharf. »Ich weiß nur, was dieser Kerl getan hat.« Er ließ eine ganz genau bemessene Zeitspanne verstreichen, ehe er in etwas versöhnlicherem, aber noch immer besorgtem Tonfall fortfuhr: »Hören Sie, Mister Dessler – ich will Ihnen oder Ihren Leuten nicht zu nahe treten, aber dieses Dreckschwein ist ein anderes Kaliber als das, womit Sie es normalerweise zu tun haben. Der Kerl ist kein normaler Verbrecher. Er ist nicht einmal ein normaler Mörder. Er hat Dutzende von Menschen auf dem Gewissen, sofern er so etwas überhaupt besitzt. Und er ist immer für eine Überraschung gut. Verdammt, bei diesem Kerl würde es mich nicht einmal wundern, wenn er eine taktische Atomwaffe im linken Schuh versteckt hätte.«
Dessler sah ihn mit eindeutigem Entsetzen in den Augen an, aber genau das hatte Kenneally ja erreichen wollen. Außerdem war er nicht einmal mehr sicher, ob er damit wirklich so sehr übertrieben hatte.
»Ich muß telefonieren«, fuhr er fort. »Wo kann ich hier – ?« Er wollte in die Tasche greifen, um sein Handy herauszuholen, aber er führte die Bewegung nicht zu Ende, als zwei, drei Polizeibeamte nervös ihre Waffen hoben und wieder auf ihn anlegten. Dessler machte eine beruhigende Geste in die Runde, aber er hatte sich auch bereits wieder gefangen.
»Überhaupt nicht«, sagte er entschlossen. Kenneally fuhr auf. »Was soll das hei-?«
»Das soll heißen«, fiel ihm Dessler ins Wort, »daß Sie sich als verhaftet betrachten dürfen, Herr Kenneally. Sie werden mit niemandem mehr telefonieren oder sonst irgend etwas tun. Ab sofort kümmern wir uns um die Sache. Das hätten wir von Anfang an tun sollen. «
»Sie wissen ja nicht, worauf Sie sich da einlassen«, sagte Kenneally. »Dieser Kerl ist – «
»Genug! « Diesmal war etwas in Desslers Stimme, was selbst Kenneally klarmachte, daß es vielleicht besser war, jetzt nicht mehr zu widersprechen. Dieser Mann sah vielleicht aus wie ein unbedarfter deutscher Kleinstadt-Bürgermeister, aber er hatte Courage. »Ich werde jedenfalls nicht weiter tatenlos zusehen, wie Sie hier Krieg spielen. Wo ist Ihr verdammter Hubschrauber?«
Kenneally zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung«, sagte er. Es war die Wahrheit. Seit sie geflüchtet waren, hatte er jeden Kontakt zu der Maschine verloren. Er drehte sich nervös auf der Stelle herum, starrte drei, vier Sekunden lang konzentriert in die Dunkelheit hinter sich und wandte sich dann wieder an Dessler.