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Und es wurde schlimmer, mit jedem Schritt, den sie sich vom Haus entfernten. Jemand hatte einen Eimer geschmolzenes Pech genommen und über der Welt ausgegossen. Die einzige Farbe, die er sah, war schwarz. Der Himmel war leergefegt; es gab keine Wolken, keine Sterne, nichts mehr, nur eine einheitliche schwarze Fläche, die mit rauchigen Fäden aus Dunkelheit mit der Erdoberfläche verbunden schien.

Sein Fuß stieß gegen ein Metallteil, das scheppernd davonrollte. Brenner sah ihm nach. Er hatte das Gefühl, es eigentlich erkennen zu müssen, aber es dauerte eine Sekunde, ehe aus diesem Gefühl auch tatsächlich Wis sen wurde: es war eine Gürtelschnalle. Die Metallteile einer Gürtelschnalle. Der dazugehörige Lederriemen fehlte. So, wie der hölzerne Schaft des Gewehres, dessen Lauf, Abzug und Schußmechanismus er daneben entdeckte. Wie das Lederarmband der Uhr, die vor ihm lag. Der Kinnriemen des Helmes. Die Kunststoffteile des Handfunkgerätes, dessen Metallskelett vor ihm glitzerte – die Straße war voller Trümmer. Waffen, Kleidungs-und Ausrüstungsstücke, vielleicht auch Dinge des alltäglichen Gebrauchs, die die Männer bei sich gehabt hatten, die das Haus stürmten. Aber alles, was nicht aus Metall oder Glas bestand, war verschwunden.

Und als hätte diese Erkenntnis einen Schleier von seinen Augen gezogen, sah er nun auch, was mit der Silhouette der Baumreihe auf der anderen Straßenseite nicht stimmte.

Sie war skelettiert. Die Bäume hatten sich in nackte, abgenagte Stämme verwandelt, an deren Ästen nichts mehr war. Aus den Büschen waren bizarre Skulpturen aus gebogenem Draht geworden, und die Erde dazwischen war so tot wie schwarze Lava. Alles Lebende war von diesem Ort entfernt worden, so spurlos und gründlich, als hätte es niemals existiert. Das kriechende Inferno hatte nicht nur das Haus und die Männer, die darin eingedrungen waren, verschlungen, sondern auch alles, was hier draußen existiert hatte.

Von einem Gefühl plötzlich neu aufkommender Panik erfüllt, sah Brenner sich wild auf der Straße um, aber er entdeckte nicht, wonach seine entsetzt aufgerissenen Augen suchten. Der Straßenbelag war übersät mitTrümmerstücken, deren ursprüngliches Aussehen er zum Großteil nicht einmal erraten konnte, aber er sah weder Leichen noch Reste von Kleidung, abgesehen von jener ersten Gürtelschnalle und etwas, das eineungute Ähnlichkeit mit Brillengläsern hatte; Dinge, die man verlieren konnte – zum Beispiel, wenn man auf der Flucht vor jemandem war. Oder Etwas.

»Was zum Teufel tut ihr hier?« Salid kam mit zwei, drei gewaltigen Sätzen herangestürmt und fuchtelte dabei mit beiden Armen. Seine Hände waren jetzt nicht mehr leer, und Brenner begriff, warum er noch einmal ins Haus zurückgelaufen war, obwohl das Gebäude jeden Moment über ihm hätte zusammenbrechen können. Der Palästinenser war jetzt wieder bewaffnet: Er hielt eine Maschinenpistole in der rechten und drei oder vier Reservemagazine in der linken Hand.

»Lauft weiter! Verdammt!« Er versetzte Johannes einen Stoß, der ihn haltlos taumeln ließ. Brenner stolperte von sich aus weiter, auch wenn er das Gefühl hatte, sich bei jedem Schritt übergeben zu müssen. Unter seinen Schuhen knirschten Glas und Metall, und leise, ganz weit entfernt, aber trotzdem gerade noch an der Grenze des Wahrnehmbaren, war da noch immer dieses unheimliche Rascheln und Wispern.

Salid erreichte den Wagen als erster, riß die Tür auf und sprang mit einem Fluch zurück. Eine schwarze, glitzernde Schlammwoge schwappte ihm entgegen und zerspellte auf der Straße vor seinen Füßen in hunderttausend Einzelteile, die auf emsig huschenden Beinchen davonwirbelten. Salid stieß einen Laut aus, der irgendwo zwischen einem Keuchen und einem Schrei lag und sprang einen weiteren Schritt zurück, und auch Brenner und Johannes blieben wieder stehen.

Dieser Wagen würde sie nirgendwo mehr hinbringen. Er war nur noch ein Skelett, pures Metall und Glas, das auf blankgefressenen Felgen schräg wie ein gestrandetes Schiff dastand. Aus dem Armaturenbrett hingen halb aufgelöste Instrumente wie metallene Eingeweide, die nur noch von glitzernden, ihrer Kunststoffisolation beraubten Kupfer-und Messingdrähten gehalten wurden. Lenkrad und Sitze waren vollkommen verschwunden. Der Wagen hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit den ausgebrannten Wracks, die Brenner in seiner Funktion als Versicherungsvertreter dann und wann zu Gesicht bekommen hatte. Nur daß er nicht gebrannt hatte. Etwas hatte ihn regelrecht aufgelöst.

Salid verzog angeekelt das Gesicht und begann nach den winzigen Insekten zu treten, die vor ihm davonhuschten. Sie zerplatzten mit einem sonderbar hellen, weithin hörbaren Geräusch, und Brenners Phantasie hatte sich weit genug von ihren Zügeln losgerissen, um daraus dünne, nach Vergeltung verlangende Schmerzensschreie zu machen.

Die Tiere griffen Salid nicht an. Wer immer sie geschickt was immer sie geschickt – hatte, hatte sie nicht gesandt, um sie zu vernichten. Trotzdem hielt Salid nicht inne, sondern trat immer wilder und mit immer größerer Kraft zu. Seine Schuhe stampften die winzigen Tierchen in den Boden, als zertrete er keine fingernagelgroße Insekten, sondern ein gefährliches Untier, von dem er fürchtete, daß es ihm seine Fänge ins Fleisch trieb, wenn er es nicht mit dem ersten Angriff unschädlich machte. Er stieß immer noch diese sonderbaren, keuchenden kleinen Schreie aus. Und er hörte auch nicht auf, als vor ihm längst nichts mehr war, sondern steigerte sich in eine regelrechte Raserei.

Schließlich hob Brenner die Hand und berührte Salid an der Schulter. »Es ist gut«, sagte er. »Hören Sie auf, Salid. Es ist vorbei.«

Nichts war vorbei, und das wußten sie beide, und es war erst recht nichts gut. Aber wenn schon nicht seine Worte, so war es vielleicht das Gewicht seiner Hand, das den unseligen Bann brach. Salid fuhr herum und schlug seinen Arm so heftig zur Seite, daß Brenner beinahe aus dem Gleichgewicht geraten wäre und ein betäubender Schmerz bis in seine Schulter hinaufschoß. Aber er blickte dabei auch in Salids Augen, und er sah, daß das Feuer des Wahnsinns darin erlosch und einer noch immer tobenden, aber trotzdem anderen Furcht Platz machte. Was Salid jetzt spürte, war Angst; ein gutes Gefühl, gegen das, was zuvor von ihm Besitz ergriffen hatte.

»Es ist vorbei«, sagte Brenner noch einmal.

Salid atmete hörbar ein. Nervös fuhr er sich mit der Zungenspitze über die Lippen. »Ich … es tut mir leid.«

»Was?« fragte Brenner. »Daß Sie ein menschliches Gefühl gezeigt haben?«

»Ich habe die Kontrolle verloren«, sagte Salid. »Bitte verzeihen Sie.« Er zögerte einen kurzen, aber spürbaren Moment, dann fügte er hinzu: »Ich hasse Spinnen. Es ist albern, aber … Es wird nicht wieder passieren.«

Brenner schwieg. Es waren keine Spinnen gewesen. Nicht nur. Nicht einmal zu einem Großteil. Und drinnen im Haus waren sie zu Millionen über sie hergefallen. Wieso hatte Salid dort nicht so reagiert, wenn er tatsächlich nur an einer Arachnophobie litt?

Er wußte die Antwort, kaum daß er die Frage in Gedanken formuliert hatte, und – was vielleicht schlimmer war – Salid las es deutlich in seinen Augen. Der Palästinenser fürchtete Spinnen ebensowenig wie Maschinengewehre und Kampfhubschrauber oder irgend etwas auf dieser Welt. Das einzige, was er fürchtete, war die Angst. Und für einen Moment hatte sie ihn überwältigt. Er hatte die Kontrolle verloren; über die Situation, über das Geschehen und vor allem über sich selbst, und das war es, was ihm angst machte.

Dann, von einer Sekunde auf die andere, war er wieder er selbst. Er fuhr mit einem Ruck herum, starrte den ausgehöhlten Wagen eine halbe Sekunde lang fast haßerfüllt an und versetzte derTür schließlich einen wuchtigenTritt.

»Damit kommen wir jedenfalls nicht weiter«, sagte er zornig. Er starrte einen Moment ins Leere, drehte sich dann nach rechts, nach links und wieder nach rechts. Brenner konnte regelrecht sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Zugleich fand er mehr und mehr zu seinem gewohnten Selbst zurück. Auch wenn er vor dem Gedanken zurückschreckte: Brenner war sicher, daß Salid diese Situation begrüßte. Es war eine Herausforderung. Eine Aufgabe, die zu lösen war; etwas, wogegen er kämpfen konnte.