Schließlich drehte sich Salid erneut herum und deutete in westlicher Richtung die Straße hinab. »Dort entlang. Schaffen Sie es noch?«
Brenner nickte, blieb aber trotzdem reglos stehen. Die Straße verlor sich nach vielleicht dreißig, vierzig Metern in vollkommener Finsternis – ihm fiel erst jetzt auf, daß nicht nur sämtliche Straßenlaternen, sondern jede Beleuchtung ausgefallen war – , aber er war davon überzeugt, daß hinter dieser Dunkelheit etwas auf sie wartete. Die Männer, die gekommen waren, um sie zu töten. Oder etwas anderes. Schlimmeres.
»Warum gehen wir nicht dort entlang?« Brenner deutete auf die Baumreihe hinter dem Wagen. Er konnte nicht erkennen, was dahinter lag, vermutete aber, daß es sich um eine kleine Grünanlage oder einen Park handelte; vielleicht schon einTeil des Krankenhausgeländes. Salid hatte ja gesagt, daß sie nur einen Block davon entfernt waren.
»Weil sie damit ganz bestimmt rechnen«, antwortete Salid. »Ich habe keine Lust, einem Dutzend Scharfschützen vor die Zielfernrohre zu laufen.«
Nach allem, was sie in den letzten Minuten gesehen hatten, mußte das selbst in seinen eigenen Ohren lächerlich klingen, aber Brenner widersprach nicht. Tief in sich hatte er längst resigniert. Es war gar nicht Salids Suggestivkraft, die ihn zwang, Dinge zu tun, die er gar nicht tun wollte. Er hatte nicht mehr den Willen, irgend etwas zu tun. Vorhin hatte er Johannes mit einer Marionette verglichen, aber nun begriff er, daß er selbst es war, der an unsichtbaren Fäden hing, ja, sich mit dem letzten bißchen Kraft daran klammerte.
Sie gingen ein Stückweit schweigend die Straße hinunter, wobei Salid sich unentwegt nervös umsah; und noch nervöser mit der Waffe spielte, die er noch immer in der Rechten trug. Die Dunkelheit begleitete sie für eine Weile, aber sie war jetzt nicht mehr so vollkommen wie vorhin, als sie sie nur von außen gesehen hatten. Brenner vermied es am Anfang fast krampfhaft, zu den Häusern hinaufzublicken, an denen sie vorbeigingen. Er hatte Angst, leere Fensterhöhlen zu erblicken, Häuser ohne Türen, ohne Treppengeländer und Stufen, ohne Leben. Doch diese schlimmste aller Vorstellungen zumindest erwies sich als falsch. Schließlich sah er, fast gegen seinen Willen, doch zu der Fassade zur Linken hoch, und sie sah ganz normal aus: ein Haus ohne Licht zwar, aber unversehrt. Die Plage, die die Straße leergefegt hatte, hatte die Gebäude hier und, großer Gott, betete er, das Leben in ihnen – unberührt gelassen.
Plötzlich blieb Salid stehen und hob warnend die Hand. »Dort vorne! « flüsterte er.
Nicht weit vor ihnen begann sich die biblische Finsternis zu lichten; und nicht nur im übertragenen Sinne. Es kam Brenner tatsächlich so vor, als befänden sie sich im Inneren einer schwarzgrauen Nebelbank, die wenige Schritte vor ihnen aufhörte. Dahinter waren flackernde rote und blaue Lichter zu erkennen, und auch die Geräusche waren wieder in die Welt zurückgekehrt. Er hörte Stimmen, Schreie, Sirenen und Rufe, den Lärm von Menschen – sehr vielen Menschen – die aufgeregt durcheinanderliefen. Wie das Licht waren auch die Laute sonderbar gedämpft, als drängen sie durch eine Nebelwand zu ihnen. Oder kämpften darum, Wirklichkeit zu werden.
»Bleibt hier!« befahl Salid. Er huschte geduckt davon und wurde schon nach zwei Schritten zu einem Teil der Schwärze, der sich nur durch seine Bewegung von ihr unterschied. Aber diesmal gehorchte Brenner nicht. Der Gedanke, allein hier zurückzubleiben, war schlimmer als alles, was ihn dort vorne erwarten konnte. Salid warf einen Blick über die Schulter zurück und runzelte mißbilligend die Stirn, aber er unternahm nichts, um Brenner zurückzuhalten.
Sie erreichten das Ende des dunklen Bereiches, das auch nahezu mit dem der Straße identisch war. Salid wedelte warnend mit der Hand – diesmal gehorchte Brenner dem Befehl und blieb stehen, wenn auch nur einen knappen Schritt hinter ihm – preßte sich mit dem Rücken gegen die Backsteinwand des Gebäudes, das die Straßenkreuzung markierte, und ließ sich vorsichtig in die Hocke sinken.
Unendlich langsam schob er sich vor und spähte um die Ecke. Brenner folgte ihm, wobei er sich Mühe gab, Salids Bewegungen zu kopieren.
Was er sah, war eine andere Szene, die er aus zahllosen Filmen und Geschichten kannte und die doch vollkommen anders war: Vor ihnen, allerhöchstens noch fünfzehn oder zwanzig Meter von der Kreuzung entfernt, war eine Straßensperre errichtet worden. Drei Streifenwagen standen mit rotierenden Blaulichtern quer über der Fahrbahn und blockierten sie in ganzer Breite, dahinter waren die ebenfalls von rotierenden Lichtsignalen gekrönten Dächer mehrerer Feuerwehr– und Krankenwagen zu erkennen. Brenner zählte auf Anhieb mindestens ein Dutzend Polizeibeamte, dazu eine ungleich größere Anzahl von Zivilisten – wahrscheinlich Schaulustige – , die sich nur noch widerwillig davon abzubringen zu halten schienen, die Straßensperre einfach zu überrennen. Von weitem näherten sich weitere heulende Sirenen, und er glaubte auch das gefürchtete Hubschraubergeräusch wieder zu hören, war aber nicht ganz sicher.
Salid deutete auf einen Punkt auf der linken Straßenseite. Im ersten Augenblick dachte Brenner, er wollte ihn auf den Wagen aufmerksam machen, der offenbar in die Flanke eines der Streifenwagen hineingefahren war. Dann sah er, was Salid wirklich meinte: Ein Stück hinter den ineinandergekeilten Fahrzeugen standen fünf oder sechs Polizeibeamte, die mit gezogenen Waffen zwei Zivilisten umringten. Sie waren viel zu weit entfernt, um zu hören, was dort drüben gesprochen wurde, aber die Bedeutung der Gesten, die sie beobachteten, war klar. Der Wagen mußte versucht haben, die Straßensperre zu durchbrechen. Es war ein sehr großer, sehr amerikanischer Wagen. Etwas in Brenner löste sich; ein Druck, von dem er erst jetzt, als er nicht mehr da war, überhaupt spürte, daß es ihn gegeben hatte. Wenigstens hatten einige überlebt.
»Sie sind abgelenkt«, flüsterte Salid. »Vielleicht haben wir eine Chance.« Er überlegte zwei, drei Sekunden lang angestrengt und wies dann mit einer Kopfbewegung nach vorne. »Ziemlich viele Schaulustige, wie?«
»Wie meinen Sie das?« erwiderte Brenner. Die Frage gefiel ihm nicht. Etwas an der Art, wie Salid sie stellte, gefiel ihm nicht.
»Gaffer sind eine Pest«, antwortete Salid. Er klang beinahe fröhlich. »Jedenfalls für eine Seite.«
Brenner blickte fragend. Salid hob seine Waffe, überprüfte das Magazin und sah grinsend zu Brenner auf. »Für die andere …«
»Sie wollen doch nicht etwa – ?«
Salid machte eine beruhigende Handbewegung, aber das Grinsen verschwand trotzdem nicht vollkommen von seinem Gesicht. »Keine Angst. Ich habe nicht vor, jemanden zu verletzen. Ich schätze, ich werde auf eines dieser hübschen blauen Blinklichter dort drüben schießen. Vielleicht kann ich für eine kleine Panik sorgen.«
»Und dabei kann niemand zu Schaden kommen, wie?« Salid zuckte mit den Schultern. »Bei dem, worum es hier geht, könnten eine ganze Menge Menschen zu Schaden kommen, meinen Sie nicht?«
Brenner antwortete nicht mehr – was hätte er auch sagen sollen? Salid hatte recht. Davon abgesehen war er ziemlich sicher, daß nichts, was er tun oder sagen würde, den Palästinenser in irgendeiner Weise beeindrucken oder gar von etwas abbringen konnte, wozu er sich entschlossen hatte. Trotzdem spürte er, daß dieses Argument falsch war. Mathematik und Ethik waren nun einmal nicht kompatibel.
Salid ließ sich auf das linke Knie herabsinken, stützte den Ellbogen auf den Oberschenkel und legte die Waffe an. Brenner beobachtete ihn nervös. Salids Vorhaben gefiel ihm immer weniger. Fünfzehn Meter waren keine nennenswerte Entfernung für einen so guten Schützen, wie Salid es zweifelsohne war, aber dort drüben standen so viele Menschen, daß auch eine geringe Abweichung schon zu einer Katastrophe führen mußte. Brenner verstand nichts von Waffen, aber er bezweifelte, daß man mit einer Maschinenpistole so präzise schießen konnte, wie Salid es vorhatte.