Salid hob die Waffe um eine Winzigkeit, zielte lange, und Brenner legte ihm die Hand auf die Schulter. »Warten Sie! « Vor ihnen bewegte sich etwas. Die Schatten zwischen der Straßensperre und ihnen schienen lebendig geworden zu sein, ohne daß Brenner die Bewegung genau definieren konnte. Etwas wogte, wie schwarze Tinte, die sich wolkig in bewegtem Wasser auflöste. Er hörte wieder das Rascheln und Knistern, aber diesmal klang es eher wie Stimmen, die mit dem Wind herangetragen wurden. Die Schreie verlorener Seelen.
Salid ließ die Maschinenpistole sinken und deutete nach rechts. Der bizarre Effekt war auch dort sichtbar, und durch die größere Entfernung wirkte er fast noch unheimlicher. Es war, als wäre die Straße selbst zum Leben erwacht.
Etwas berührte Brenners Fuß; ein flüchtiges Zupfen, das er durch das Leder des Schuhs hindurch eigentlich gar nicht spüren konnte. Trotzdem fuhr er wie elektrisiert zusammen, als er die winzige spinnenbeinige Kreatur erblickte, die über seine Schuhspitze kroch. Hastig schüttelte er sie ab und setzte ganz instinktiv dazu an, sie zu zertreten, ganz wie Salid es vorhin getan hatte.
Dann erstarrte er mitten in der Bewegung.
Das Insekt war nicht allein gekommen. Es waren Millionen, und sie waren überall. Die Schwärze, die die Straße zum Leben erweckt hatte, kam nicht aus dem Nirgendwo, sondern aus der Dunkelheit, die ringsum herrschte. Sie waren überalclass="underline" auf dem Boden, den Wänden, zwischen ihren Füßen, auf ihren Schuhen, krochen an ihren Hosenbeinen empor und tauchten lautlos aus der Dunkelheit hinter ihnen auf, eine kriechende, krabbelnde, klickende Flut winziger gepanzerter Ungeheuer, keines größer als der kleine Finger eines Kindes, aber endlos in ihrer Zahl.
Brenner schwindelte. Sein Herz begann immer heftiger zu klopfen, und er spürte, wie ihm am ganzen Leib kalter Schweiß ausbrach. Für einen Moment drohte ihn die gleiche Panik zu übermannen wie vorhin im Haus. Seine Knie zitterten so heftig, daß er die Hand ausstreckte und an der Mauer nach Halt suchte. Aber er zog den Arm hastig wieder zurück, als etwas Kleines, Hartes seine Finger berührte.
Auch die Mauer war voller krabbelnder Kreaturen. Aber es waren keine Spinnen, wie Salid gesagt hatte. Es waren auch keine Käfer oder Ameisen oder irgend etwas, das Brenner jemals gesehen hätte. Der Anblick war so bizarr, daß Brenner für einen Moment sogar sein Entsetzen vergaß und sich vorbeugte, um die winzigen Wesen genauer in Augenschein zu nehmen.
Am ehesten ähnelten sie vielleicht noch etwas zu klein geratenen Heuschrecken, nur daß ihre Glieder etwas kräftiger waren und wie die Körper mit winzigen schwarzbraunen Schuppen gepanzert. Aus den dreieckigen Schädeln, die über beunruhigend große und wissende Augen verfügten, wuchsen kräftige Beißzangen, und der hintereTeil des Körpers war nach oben gebogen und endeten in einem nadelspitzen Stachel, was den Geschöpfen eine gewisse Ähnlichkeit mit kleinen gepanzerten Skorpionen verlieh.
»Dort! « Salid deutete nach vorne. »Sehen Sie doch! « Brenner riß seinen Blick mühsam von der Wand los und sah in die Richtung, in die Salids ausgestreckte Hand wies. Die Woge lebendig gewordener Dunkelheit näherte sich der Straßensperre, und die Bewegung war mittlerweile so heftig geworden, daß sie auch von dort aus sichtbar war. Einige Polizeibeamte bewegten sich zögernd auf die kriechenden Schatten zu, blieben aber fast sofort wieder stehen.
Die Bewegung der Insektenarmee hielt hingegen nicht inne. Sie glitt lautlos auf sie zu und schien dabei noch schneller zu werden. Brenner sah, wie einer der Polizeibeamten zusammenfuhr und plötzlich einen irren Veitstanz aufzuführen begann; ein anderer schrie auf und torkelte rückwärts gehend davon. »Großer Gott, nein!« flüsterte Brenner. »Bitte, nicht!«
Das letzte Wort ging im Peitschen eines Schusses unter, den einer der Beamten auf die heranwogende Insektenarmee abfeuerte. Die Kugel schlug Funken aus dem Asphalt, ohne die Geschöpfe nur im geringsten aufhalten zu können. Die Schwärze überflutete die Füße der Männer, schickte sich für einen Moment an, an ihren Beinen emporzukriechen, und Brenners Herz schien für die gleiche, unendlich kurze Zeitspanne auszusetzen. Ein furchtbares Bild stieg aus seiner Erinnerung empor: ein Gesicht, das sich in Schatten auflöste und dann einfach nicht mehr da war; Hände, deren Finger zu Skelettklauen wurden, ihres Fleisches und allen Lebens beraubt, im Bruchteil einer Sekunde. Es geschah wieder. Und diesmal waren keine barmherzigen Schatten da, die die Wahrheit vor ihm verbargen. Es geschah wieder, hier und jetzt, vor seinen Augen.
Dann zog sich die Dunkelheit zurück. Sein allerschlimmster Alptraum wurde nicht wahr. Die Männer schrien vor Furcht und Ekel, und auf der anderen Seite der Straßensperre brach im Bruchteil eines Augenblickes Panik aus, aber die Geschöpfe waren diesmal nicht gekommen, um zu töten. Brenner sah, wie einer der Beamten ausglitt und mit wild rudernden Armen in die brodelnde Masse zu seinen Füßen hineinfiel, aber er verschwand nicht darin, wie die Männer im Haus, sondern taumelte wieder auf die Füße und rannte schreiend weiter.
»Los! « brüllte Salid. »Lauft! «
Er sprang in die Höhe und rannte los, dicht gefolgt von Brenner und Johannes, die einfach blindlings hinter ihm herstürmten.
Brenner keuchte vor Ekel und Widerwillen, als er spürte, wie unter seinen Schritten zahllose winzige harte Körper auseinanderbarsten. DieTiere machten keine Anstalten, vor ihnen zu fliehen – und wohin auch? Was auf den ersten Blick wie der Straßenasphalt ausgesehen hatte, war in Wirklichkeit eine wabernde, kriechende Masse, in die sie bei jedem Schritt fast bis an die Knöchel einsanken und die sich in Wellen auf die Straßensperre und die fliehende Menschenmenge dahinter zubewegte – aber sie griffen Johannes, Salid und auch ihn nicht an. Trotzdem wäre es ihm fast lieber gewesen, sie hätten es getan. Der Gedanke, von diesen scheußlichen Geschöpfen attackiert zu werden, war entsetzlich, aber der, daß sie – warum auch immer – auf ihrer Seite standen, war noch hundertmal schlimmer. »Die Wagen!« schrie Salid. »Lauft zu den Wagen!«
Offenbar hatte er vor, einen der Streifenwagen zu stehlen, deren Besitzer sich der in kopfloser Panik davonstürmenden Menge angeschlossen hatte, aber die schwarze Woge erreichte sie lange vor ihnen, und was sich vorhin nur in Brenners Phantasie abgespielt hatte, das sah er jetzt wirklich. Es war viel undramatischer, als er erwartet hätte, und gerade deshalb noch viel schlimmer: Für nicht viel mehr als eine Sekunde war es, als ob die Fahrzeuge unter einer schwarzen, sacht vibrierenden Decke verborgen würden, eine zuckende Masse, die ihre Formen abgerundet und diffus nachbildete und dann weiterglitt. Was zurückblieb, das waren ausgehöhlte Wracks ohne Reifen, Polsterung und Armaturenbretter; ja, selbst ohne Lack. Die Metallkarossen schimmerten matt, als wären sie mit einem Sandstrahlgebläse behandelt worden. Bei zwei, drei Wagen lösten sich die Front-und Heckscheiben, als sie ihrer Gummidichtungen beraubt wurden, und zerbarsten auf der Straße.
»Verflucht!« Salid blieb stehen und sah sich wild um. Die wogende Insektenarmee floß um seine Füße wie glitzerndes hartes Wasser, aber er nahm sie jetzt gar nicht mehr zur Kenntnis; ein weiterer Beweis dafür, daß seine Rede vorhin nichts als eine Schutzbehauptung gewesen war. Er machte einen Schritt zur Seite, blieb wieder stehen und drehte sich einmal im Kreis. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt, vor der Brenner erschrak. Schließlich rannte er weiter, flankte nahezu ansatzlos über einen der quergestellten Polizeiwagen hinweg und gestikulierte Brenner und Johannes ungeduldig zu, dasselbe zu tun.
Brenner folgte ihm, wesentlich weniger elegant, trotzdem aber fast ebenso schnell, während Johannes nicht einmal den Versuch machte, das Hindernis zu überwinden. Er stand einfach da und starrte ihn an. Seine Augen waren leer.