Erst nach einigen Sekunden fiel ihm auf, daß Nehrig keine Anstalten machte, ebenfalls zu gehen, sondern gemächlich an der Wand neben derTür lehnte und auf seiner Zigarette kaute. In dem fast schattenlosen weißen Neonlicht glich sein Gesicht selbst ein bißchen dem eines Zombies. Seine Haut wirkte unnatürlich bleich, und je nachdem, aus welchem Blickwinkel man sie betrachtete, schien sie einen bläulich-grünen Schimmer zu haben. Das einzige, was nicht zu diesem toten Aussehen paßte, waren die Augen. Ihr Blick irrte fast unstet durch den Raum, verharrte hier, verweilte einen Moment dort, tastete über dieses und jenes, als würde er etwas ganz Bestimmtes suchen … vielleicht befürchten?
Weichsler schüttelte den Gedanken ab. Nehrig war müde, körperlich erschöpft und im Innersten genauso fertig wie er und alle anderen hier, und das war alles, und das war auch schon schlimm genug, basta.
»Ganz schön unheimlich hier, wie?« sagte Nehrig unvermittelt. Er lächelte nervös, paffte an seiner Zigarette und stieß sich von der Wand ab. »Fängt man da nicht allmählich an, Gespenster zu sehen?«
Einen Moment lang überlegte Weichsler ernsthaft, worauf Nehrig mit dieser Frage hinauswollte. Vermutlich auf nichts. Andererseits …
»Nein«, sagte er. »Nur die Langeweile setzt einem zu. Und die Kälte.«
»ja, ist ein bißchen wie im Kühlhaus hier«, bestätigte Nehrig. »Aber ich fürchte, es muß sein. Wenn wir die Heizung aufdrehen, fangen unsere Freunde hier in ihren Ganzkörperparisern an zu stinken. Das würde Ihnen bestimmt noch weniger gefallen.«
Weichsler schluckte die scharfe Antwort, die ihm auf der Zunge lag, im letzten Moment herunter. Die Respektlosigkeit, mit der Nehrig über die Toten sprach, machte ihn wütend, weil sie so banal war und so unnötig.
Aber er sagte nichts von alldem, sondern fragte nur: »Warum bringt man sie nicht weg?« Eine Frage, die er sich ohnehin seit zweiTagen fast ununterbrochen stellte.
»Seit wann fragt ein Soldat nach dem Sinn seiner Befehle?« sagte Nehrig anstelle einer Antwort. Er grinste dabei, aber irgend etwas in seinen Augen strafte dieses Grinsen Lügen. Einen Moment später erlosch es dann auch, und er fuhr fort: »Ist schon alles organisiert. Morgen abend beginnt der Abtransport. Und bis dahin passen Sie gut auf, daß hier keiner aufsteht und wegläuft, ja?«
Weichsler blieb sehr ernst. Nehrigs Bemerkung amüsierte ihn nicht im geringsten, sondern gab dem bohrenden Schrecken in seinen Gedanken noch neue Nahrung. »Worauf wollen Sie hinaus?« fragte er geradeheraus. Geräusche. Da waren die Geräusche gewesen, ein beständiges Knistern und Rascheln, als bewege sich in den schwarzen Plastiksäcken etwas, ununterbrochen und kriechend. Sie hatten ihm erklärt, warum das so war: Tote waren nicht still. Es gab Fäulnisprozesse, Gärung. Sie konnten Blähungen haben und rülpsen, und manchmal konnten sie sich tatsächlich bewegen, selbst nach Tagen noch. Aber das war die wissenschaftliche Erklärung, und die nutzte ihm im Moment herzlich wenig. Die Geräusche waren dagewesen, und sie waren noch da, selbst jetzt, auch in diesem Moment, auch wenn er sie im Augenblick nicht zu hören glaubte.
»Was?« Nehrig sah ihn mit wenig überzeugt gespieltem Unverständnis an.
»Fürchten Sie, es könnte tatsächlich passieren?« fragte Weichsler. »Ich meine, daß sie aufstehen und weglaufen?« Nehrig starrte ihn einen weiteren Moment lang mit diesmalnicht gespielter Überraschung an, dann begann er zu lachen. Nach kurzem Zögern stimmte Weichsler in dieses Lachen ein, aber es hatte ungefähr die Qualität eines Liedes, das man lauthals pfeift, während man nachts über einen Friedhof geht. Es hielt auch nicht sehr lange an.
»Nein, im Ernst«, sagte Nehrig. »Passen Sie auf. Erst vor einer Stunde haben sie ganz in der Nähe zwei Reporter aufgegriffen, die sich irgendwie durch die Absperrung gemogelt haben. Halten Sie also die Augen offen – und melden Sie alles Ungewöhnliche.«
Wenn es etwas gab, das hier und jetzt überflüssig war, dachte Weichsler, dann war es diese Bemerkung. Er hatte ohnehin Befehl, sich alle dreißig Minuten bei der Kommandostelle zu melden – die fünfzig Meter entfernt auf der anderen Seite des Schulhofes lag – , und er kam diesem Befehl peinlich genau nach.
»Und was soll ich tun, wenn hier ein … Journalist auftaucht?« fragte er betont. »Ihn erschießen?«
»Halten Sie nur die Augen offen«, antwortete Nehrig. »Das ist alles. Gute Nacht.«
Er zertrat seine Zigarette unter dem Stiefelabsatz und ging. Weichsler schloß dieTür hinter ihm, aber nicht ganz. Durch einen schmalen Spalt, der eine ebenso schmale, aber sehr unangenehme Linie eisiger Kälte auf seinem Gesicht und dem linken Auge hinterließ, sah er zu, wie Nehrig gebückt durch den Regen lief und in einen der beiden Laster einstieg, die noch immer mit laufendem Motor vor derTurnhalle standen.
Der Anblick hatte etwas sonderbar Bizarres. Die schweren Maschinen und die Welt, durch die sie sich bewegten, schienen plötzlich nicht mehr zusammenzupassen. Das Universum ringsum war erloschen. Es war die schwärzeste Stunde der
Nacht, und die Dunkelheit hatte sich wie ein Deckel über das Gelände der ehemaligen Grundschule gestülpt. Der Regen war so dicht, daß selbst die erleuchteten Fenster des Schulgebäudes drüben verschwunden waren. Das einzige Licht kam von den Scheinwerfern der beiden Wagen, die jetzt langsam zurücksetzten, um auf möglichst engem Raum zu wenden obwohl es auf dem Schulhof weiß Gott genug Platz gab. Mit ihren klobigen Formen, den gewaltigen Reifen und den beschlagenen rechteckigen Scheiben wirkten sie wie seltsame Stahltiere; und sie sahen uralt aus, wie die letzten Vertreter einer längst ausgestorbenen Spezies. Der Anblick hatte etwas Endgültiges. Als die beiden Wagen in den wehenden Regenschleiern verschwanden, schienen sich gleichsam auch die Tore der Zeit hinter ihnen zu schließen.
Verrückt. Und trotzdem war nichts Komisches oder gar Lächerliches an diesem Gedanken – ganz im Gegenteil. Er erschreckte ihn, heftiger und tiefer, als er sich selbst eingestehen wollte; als hätte er eine Art verborgener Wahrheit in ihm berührt, von deren Existenz er bisher nicht einmal etwas geahnt hatte.
Er wollte den Gedanken verjagen und sich gerade von der Tür abwenden, als er draußen eine Bewegung wahrzunehmen glaubte. Er war nicht ganz sicher – es ging zu schnell, und die Sicht war zu schlecht, um überhaupt etwas sicher erkennen zu können – , aber für einen kleinen Moment hatte er den Eindruck, eine … Gestalt inmitten der silbernen Regenschleier zu erkennen. Sie stand einfach da, ein hochgewachsener, schlanker Umriß in einem irgendwie sonderbaren Gewand, und blickte zu ihm herüber. Dann blinzelte er, und als er die Augen wieder öffnete, war die Erscheinung verschwunden.
Nein, dachte Weichsler. Niemand wäre so verrückt, bei diesem Wetter dort draußen zu stehen und ihn anzustarren; nicht einmal ein Reporter auf der Jagd nach einer Story. Er begann allmählich Gespenster zu sehen – kein Wunder nach den letzten beiden zurückliegenden Nächten.
Weichsler begriff, daß er dabei war, sich die sonderbarste Erfrierung aller Zeiten zuzuziehen, drückte dieTür ins Schloß und drehte sich herum. Sein Gesicht war taub vor Kälte, und das linke Auge tränte heftig. Er streckte die Hand nach dem Lichtschalter aus und zog sie wieder zurück, ohne ihn berührt zu haben. Für die Zeit von Mitternacht bis zu Nehrigs Eintreffen hatte ihm die Notbeleuchtung ausgereicht, aber die beiden verbleibenden Stunden würde er die Lampen brennen lassen, auch wenn das weiße Neonlicht ihm normalerweise unangenehm war.
Weichsler griff in die Tasche, zog seine vorletzte Zigarette heraus und setzte sie in Brand. Der Rauch schmeckte noch schlechter als bisher, aber er sog ihn so tief in die Lungen, daß ihm schwindelig wurde.