Auch der zweite Pfleger setzte sich in Bewegung und trat in angespannter Haltung an die Seite seines Kollegen, als dieser die Tür öffnete, und im gleichen Moment begriff Brenner seinen Irrtum: Nicht Salid war es, der einen Fehler beging.
Die Tür wurde mit solcher Wucht aufgestoßen, daß alles gleichzeitig zu passieren schien: Der eiserneTürrahmen krachte gegen Gesicht und Stirn des Pflegers und schleuderte ihn zu Boden, und die Wucht reichte auch noch aus, den anderen zurückstolpern zu lassen. Praktisch in der gleichen Sekunde erschien Salid selbst unter der Öffnung, setzte dem Mann nach und fegte ihm mit einem blitzartigen Tritt die Beine unter dem Leib weg. Der Pfleger stürzte, rollte sich mit erstaunlicher Behendigkeit auf den Rücken und stemmte sich halb in die Höhe. Salid hob den Arm und deutete mit der ausgestreckten Hand wie mit einer Waffe auf ihn, und der Mann erstarrte zur Salzsäule. Der Anblick war ebenso bizarr wie lächerlich, und trotzdem wirkte die Geste zugleich fast bedrohlicher, als hätte er tatsächlich eine Waffe in der Hand gehalten.
»Was um alles in der Welt – ?« begann Schneider.
Salid fuhr mit einer abgehackten Bewegung herum und brachte Schneider mit einem einzigen Blick zum Schweigen. Dann nickte er in Brenners Richtung. »Gut gemacht«, sagte er. »Und jetzt nichts wie weg von hier. Ich fürchte, die guten Leute hier haben die Polizei verständigt.«
»Worauf Sie sich verlassen können! « sagte Schneider. Brenner hätte seinen Mut bewundert, wäre er nicht voll und ganz damit beschäftigt gewesen, Salid anzustarren und sich wie vor den Kopf geschlagen zu fühlen. Warum hatte er das gesagt? »Schnell jetzt!« Salid eilte mit raschen Schritten los und versuchte, Johannes quasi im Vorbeigehen mitzuziehen, aber der Geistliche riß sich mit einer raschen Bewegung los und sprang regelrecht zur Seite.
»Nein! «
Salid wirkte ehrlich verblüfft. »Aber ich dachte, wir wären uns einig.«
»Ich halte keine Vereinbarungen mit einem Mörder.« »Mörder? Was reden Sie? Ich habe niemanden – «
»Sie haben Alexander umgebracht«, fiel ihm Johannes ins Wort.
»Umgebracht? Er ist tot?« Salid wirkte ungefähr so betroffen wie ein Mann, der eine Delle in den Kotflügel eines zwölf Jahre alten Wagens gefahren hat. Nach einer Sekunde zuckte er mit den Schultern. »Das wollte ich nicht. Es tut mir leid.«
»Ja, genau so sehen Sie aus«, sagte Schneider. Salid würdigte ihn nicht einmal eines Blickes.
Zwei oder drei Sekunden lang sah er Johannes kopfschüttelnd und mit einem Ausdruck ehrlichen Bedauerns an, dann trat er einen halben Schritt zurück und versenkte die rechte Hand in die Jackentasche.
»Schade«, sagte er. »Aber wenn es nicht anders geht …« Die aus tausend Kriminalfilmen bekannte Geste verfehlte ihre Wirkung auch auf den Geistlichen nicht. Er fuhr sichtbar zusammen, und Brenner nahm an, daß er auch blaß wurde. Trotzdem schüttelte er nach einem Moment den Kopf.
»Sie schießen nicht«, sagte er – wobei seine Stimme allerdings so heftig zitterte, daß sie ihm den angestrebten Effekt gründlich verdarb. »Tot nutze ich Ihnen nichts.«
Salid zog die Hand nicht aus derTasche, aber er bewegte sie entsprechend nach vorne, so daß sich der dünne Stoff ausbeulte. »Würden Sie Ihr Leben darauf verwetten?«
Brenner wußte, daß Salid keine Waffe besaß. Es war eine fremde Jacke, in die Salid seine Schultern – die übrigens tatsächlich so breit waren, wie Brenner vermutet hatte gezwängt hatte, und in der Jackentasche hatte sich keine Waffe befunden. Salid hatte auch nichts aus dem Morgenmantel
genom-men, sondern diesen achtlos zu Boden geworfen. Brenner war sicher, daß er keine Waffe hatte.
Johannes offenbar nicht, denn er zögerte nur noch die eine Sekunde, die er seinem Stolz schuldig war, dann nickte er. »Also gut, ich beuge mich der Gewalt. Aber nur unter Protest. Ich betrachte Ihr Verhalten als Freiheitsberaubung! «
»Genaugenommen ist es Kidnapping«, antwortete Salid gelassen. »Aber darüber sollten wir später reden – es sei denn, Sie legen Wert darauf, auch noch eine ausgewachsene Schießerei zu erleben.« Er deutete mit der freien Hand zum Ausgang und legte den Kopf auf die Seite. »Hören Sie? Die Polizei kommt.«
Auch Brenner hörte in diesem Moment ein noch dünnes, aber rasch deutlicher werdendes Heulen: den unverwechselbarenTon einer Polizeisirene. Salid mußte über ein mindestens ebenso scharfes Gehör verfügen wie er. Obwohl er sehen konnte.
Salid wedelte ungeduldig mit der freien Hand und richtete gleichzeitig seine imaginäre Waffe auf Brenner. Er hatte keine Waffe. Er konnte keine Waffe haben. Andererseits … Salid war zwischenzeitlich allein gewesen; lange genug, um eine Waffe zu holen, die er irgendwo deponiert hatte? Kaum. Nicht einmal annähernd lange genug. Es gab nur eine winzige Chance, daß mehr in der Jackentasche war als eine leere Hand. Dummerweise war auch eine Ein-Prozent-Chance, zu sterben, möglicherweise tödlich. Und Salid machte nicht den Eindruck eines Mannes, der noch viel zu verlieren hatte.
Das Heulen der Polizeisirene wurde lauter, als sie die Klinik verließen und sich nach rechts wandten.
Zumindest seine innere Uhr schien wieder zu funktionieren, denn als Weichsler erwachte, spürte er genau, daß mindestens eine halbe Stunde vergangen war. Eine unheimliche Stille umgab ihn, so intensiv, daß er im allerersten Moment fürchtete, taub zu sein. Dann reagierte sein Körper auf das Erwachen. Er bewegte sich unbewußt, und Weichsler hörte die beinahe
unmerklichen Geräusche, die er dabei verursachte. Er öffnete die Augen, drehte sich auf die Seite und setzte sich umständlich auf.
Er sah nicht sehr viel. Das Licht war ausgegangen, und die einzige Helligkeit war ein mattgrauer Schein, der durch die zerbrochenen Fenster hereindrang und sich auf Glassplittern und kleinen Schneeverwehungen brach, die sich überall gebildet hatten. Der Sturm selbst hatte jedoch aufgehört. Durch die Fenster wirbelten keine Eiskristalle mehr herein, und das war auch der Grund für die unheimliche Stille, die er gespürt hatte. Es war gar nicht so ruhig, aber die letzte Erinnerung, die er mit in die Bewußtlosigkeit hinübergenommen hatte, war das Heulen des Orkans gewesen.
Weichsler vermied es, sich zum Fenster herumzudrehen; denn außer dem Sturm gab es noch eine Erinnerung: die an den toten Wachoffizier, der über der Fensterbrüstung hing. Er hatte das Gefühl, daß es nicht der einzige Tote sein würde, den er fand.
Weichsler ging mit staksigen Schritten zurTür und betätigte den Lichtschalter, aber die Lampen blieben tot. Vielleicht waren sie zerschossen, mit größerer Wahrscheinlichkeit aber war die Hauptsicherung herausgeflogen. Auch draußen auf dem Flur herrschte fast vollkommene Dunkelheit.
Er hatte Angst, in diese Schwärze hinauszutreten, und es zeigte sich, daß diese Angst berechtigt war. Der Schulkorridor war so still wie das Klassenzimmer und wahrscheinlich das gesamte Gebäude, aber Weichsler erkannte trotz des praktisch nicht vorhandenen Lichtes, daß er voller Toter war. Die erste Leiche lag nur wenige Schritte links neben der Tür, aber die zweite bereits unmittelbar auf der anderen Seite, und es wurden mehr, je weiter sich die schreckliche Spur der Treppe näherte. Die Stufen selbst waren übersät mit reglosen Körpern; zwanzig, dreißig, vielleicht noch viel mehr. Die Klassenräume dort oben waren zu Schlafsälen umfunktioniert worden, um die fünfzig Männer des Einsatzkommandos aufzunehmen, und auf dem Weg dorthin mußte eine regelrechte Schlacht getobt haben. Weichsler wollte es nicht. Im Gegenteil, er wehrte sich mit aller Kraft dagegen, aber seine Phantasie machte sich selbständig und zeigte ihm in Farbe und dreidimensional, was geschehen sein mußte: Die Schüsse und der Lärm aus dem Erdgeschoß hatten die Männer geweckt, und das erste, was sie gesehen hatten, als sie ebenso erschrocken wie schlaftrunken aus ihren Räumen torkelten, war eine Armee lebender Toter gewesen. Wahrscheinlich hatten sie sofort das Feuer eröffnet.