Ein bitterer Geschmack breitete sich auf Weichslers Zunge aus, während er langsam die Treppe hinaufstieg, wobei er manchmal im wahrsten Sinne des Wortes über die Toten hinwegklettern mußte, um überhaupt noch von der Stelle zu kommen. Er korrigierte seine Schätzung noch einmal nach oben, als er den ersten Stock erreichte, denn auch der Korridor hier oben war voller Leichen. Einige von ihnen trugen gefleckte Uniformen oder zumindest Teile davon, und manche umklammerten noch im Tode die Waffen, mit denen sie sich gewehrt hatten – gegen einen Feind, der nichts von ihnen gewollt hatte. Weichsler blieb neben jedem seiner toten Kameraden stehen und untersuchte ihn, und er fand genau das, was er erwartet hatte: Die Männer waren ausnahmslos erschossen worden, und die tödlichen Kugeln hatten die meisten in den Rücken getroffen. Nicht die Toten hatten den Tod gebracht, sondern die Lebenden. Aber war das nicht eigentlich immer so?
Weichsler durchsuchte das Obergeschoß der Schule von einem Ende zum anderen. Es war in allen fünf Klassenräumen das gleiche: DieTüren standen offen, und auch die Räume dahinter waren voller Toter. Die meisten Fenster waren eingeschlagen. Wahrscheinlich hatten sie es am Schluß aufgegeben, sich ihren Weg nach draußen freischießen zu wollen, und waren durch die Fenster geflohen.
Es war so sinnlos. Schlimmer. Es war nicht sinnlos, es war ein Verbrechen: Sie waren Zeuge eines Wunders geworden, vielleicht des ersten wirklichen Wunders in der aufgezeichneten Geschichte der Menschheit. Die Toten waren auferstanden. Und die Soldaten hatten darauf reagiert, wie Menschen überall und zu allen Zeiten auf das reagierten, was sie nicht verstanden.
Weichsler versuchte, die Anzahl derToten zu schätzen, aber er kam zu keinem Ergebnis – vielleicht, weil er Angst davor hatte, vielleicht auch, weil eine so logische Tätigkeit nicht mehr auf die dunklen Pfade paßte, auf denen seine Gedanken wandelten. Tief in sich war er gewiß, daß keiner von denen, die aus derTurnhalle herübergekommen waren, noch lebte, aber er hatte Angst davor, aus dieser Gewißheit Wissen zu machen. Aber zugleich betete er auch fast, daß dem so war. Er ertrug weder den Gedanken, daß sie dieses Wunder zerstört hatten, noch den, daß dieToten tatsächlich zurückgekehrt waren. Vielleicht war dies eine von den Situationen, von denen er bisher nur gelesen hatte, ohne wirklich daran zu glauben, daß es sie gab: Jeder mögliche Ausgang war falsch.
Am Ende des letzten Zimmers angekommen, trat er ans Fenster und sah auf den Hof hinaus. Der Sturm war so spurlos verschwunden, als hätte es ihn niemals gegeben, und die Temperaturen schienen ebenso schlagartig wieder gestiegen zu sein, wie sie vorhin ins Bodenlose gefallen waren. Der Asphalt glänzte feucht, aber er sah nirgendwo Schnee. Fünf Meter unter ihm lag eine reglose Gestalt in geflecktenTarnhosen und mit nacktem Oberkörper; ansonsten war der Hof leer.
Weichsler wandte sich vom Fenster ab und ging, noch immer von dem gleichen leeren Gefühl erfüllt, zurTür zurück – im Grunde, ohne zu wissen, warum. Ein sonderbares Gefühl von Endgültigkeit hatte ihn erfaßt. Er hatte keine Angst mehr, und selbst das Entsetzen war einem dumpfen Druck gewichen, der nach den Erlebnissen der vergangenen Stunden fast wie eine Erleichterung war; aber er konnte sich einfach nicht vorstellen,daß er als einziger Überlebender einfach hier weggehen konnte, und noch viel weniger, daß er sein Leben so weiterführen würde, als wäre nichts geschehen.
Als er den Klassenraum verlassen wollte, fiel sein Blick in das Gesicht einer toten Frau, die quer vor der Tür lag. Vorhin war er einfach über sie hinweggestiegen, fast ohne sie zur Kenntnis zu nehmen, nur eine weitere Leiche unter vielen. Jetzt sah er ihr Gesicht, und er erkannte es wieder.
Eigentlich hätte er es nicht erkennen dürfen, denn es hatte sich radikal verändert. Als er es das letzte Mal gesehen hatte, war ihr Gesicht entstellt gewesen, grau und schaumgummiartig, beherrscht von zwei blauvioletten toten Augen, die ihn voller verzweifeltem Flehen anblickten. Wenn das Schicksal tatsächlich mehr war als ein abstrakter Begriff, sondern eine lenkende Macht, dann mußte es über einen wahrlich rabenschwarzen Humor verfügen. Es war das Mädchen, das unter seinen Händen aufgewacht war. Aber nun war ihr Antlitz unversehrt.
Weichsler stand minutenlang einfach da und starrte auf das Mädchen hinab, und er brauchte all diese Zeit, um einen einzigen Gedanken zu denken. Er war nicht klar formuliert, denn dazu war er zu schrecklich, und er lief auf eine Erkenntnis hinaus, die noch entsetzlicher war; so schlimm, daß er dieses Begreifen nur ganz langsam in sein Bewußtsein tröpfeln lassen konnte. DieToten waren nicht einfach aufgestanden. Sie waren geheilt. Was aus derTurnhalle herausgekommen war, das waren nicht George Romeros Zombies gewesen, sondern Brüder und Schwestern des Lazarus. Das Wunder, das das Leben zu ihnen zurückgebracht hatte, hatte auch die Spuren des Giftes getilgt.
Weichsler ließ sich neben dem toten Mädchen zu Boden sinken und streckte die Hand nach ihrem Gesicht aus, aber er wagte es nicht, sie zu berühren. Vorhin war ihr Gesicht nichts als eine Zombie-Fratze gewesen. Jetzt war es wunderschön, erfüllt von einem Zauber, den die geringste Berührung zerstören würde. Statt dessen ließ er seine Fingerspitzen einen Zentimeter über ihrer Haut entlangwandern und zeichnete so die Konturen ihres Gesichtes nach, dann auch die ihres Körpers. Über den beiden großen Blutflecken in ihrem Leib stockte er. Der zweite Tod war endgültiger gewesen als der erste, aber vielleicht auch gnädiger; auf jeden Fall aber schneller. Er hatte sich geirrt, als er vorhin geglaubt hatte, nur seine eigenen Kameraden wären Opfer der modernen Vernichtungsmaschinen geworden. Er hatte sich auch geirrt, was die Zerstörungskraft der Waffen anging, an denen er und seine Kameraden jahrelang ausgebildet worden waren. Daß sie Leben auslöschen konnten, hatte er gewußt.
Daß sie sich am Ende selbst mächtiger als die Kraft eines Wunders erweisen konnten, nicht. Der Gedanke erschreckte ihn nicht einmal, aber er überraschte ihn.
Er stand auf und untersuchte noch zwei oder drei weitere Tote, aber es blieb dabei: Die einzigen Verletzungen, die sie hatten, waren die tödlichen Schußwunden großkalibriger automatischer Waffen.
Weichsler ging in den Klassenraum zurück, trat ans Fenster und sah die Gestalt auf der anderen Seite des Schulhofes. Sie stand reglos da und sah zu ihm hinauf, und obwohl sie viel zu weit entfernt war, um ein Gesicht zu haben, spürte Weichsler den Blick ihrer dunklen Augen wie die Berührung einer warmen, sehr starken Hand. Das Gefühl war ungleich intensiver als zuvor in der Halle, obwohl er den Augen da viel näher gewesen war, aber es war keine Drohung darin, kein Zorn, nicht einmal ein Vorwurf. Aber vielleicht so etwas wie ein Urteil, das noch nicht gefällt, geschweige denn ausgesprochen war. Nur der Weg dorthin war bereits vorgezeichnet.
Zum drittenmal in dieser Nacht hatte Weichsler jenes seltsame Gefühl von Endgültigkeit, aber nun wußte er, was es bedeutete. Er trat vom Fenster zurück und sah noch einmal zu dem toten Mädchen an derTür. Dann zog er seine Pistole und schoß sich eine Kugel in den Kopf.
Das Heulen der Polizeisirene war lauter geworden, kaum daß sie die Klinik verlassen hatten, und sie waren noch keine zehn Meter weit gekommen, da gesellte sich ein zweiter, gleichartiger Ton hinzu, der aus der entgegengesetzten Richtung kam. Brenner erwartete spätestens jetzt, daß Salid anfangen würde zu laufen, aber der Palästinenser tat nichts dergleichen, sondern machte im Gegenteil eine knappe, aber äußerst bestimmte Geste, als Johannes zusammenfuhr und sich erschrocken umsehen wollte.
»Ganz ruhig«, sagte er. »Gehen Sie ganz ruhig weiter. Keine Panik. «
Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen – Brenner konnte ihn mittlerweile tatsächlich sehen, obwohl es hier draußen weitaus dunkler war als in der hellerleuchteten Eingangshalle der Klinik – , war er längst in Panik, aber er gehorchte trotzdem. Wahrscheinlich hatte er einfach nur Angst vor Salid – obwohl Brenner sich dies im Grunde gar nicht vorstellen konnte. Im nächsten Moment schon fragte er sich, wieso eigentlich. Daß Johannes Geistlicher war, bedeutete schließlich noch lange nicht, daß er nicht das Recht hatte, um sein Leben zu fürchten. Brenner selbst widerstand der Versuchung zwar, sich immer wieder nervös umzusehen, aber das lag wohl mehr daran, daß er sowieso nicht viel gesehen hätte.