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Sie gingen in raschem Tempo weiter, allerdings nicht so schnell, daß sie Aufsehen erregt hätten, hätte sie jemand beobachtet, obwohl das Heulen der aus entgegengesetzten Richtungen näherkommenden Sirenen immer rascher anzuschwellen schien. Brenner begann sich zu fragen, ob Salid tatsächlich so gute Nerven hatte, wie es schien – oder vielleicht einfach nur lebensmüde war. Irgend etwas im Klang der Sirene hinter ihnen änderte sich. Sie wurde nicht wirklich lauter, aber sie klang jetzt irgendwie präsenter. Der Wagen war in die Straße eingebogen und näherte sich ihnen nun in direkter Linie. Spätestens jetzt, dachte Brenner, wäre eigentlich der Zeitpunkt gekommen, zu rennen.

Statt dessen blieb Salid stehen, warf einen raschen Blick nach rechts und links und deutete dann auf die Ecke des Klinikgebäudes, von der sie noch fünf oder sechs Meter entfernt waren. Die Klinik grenzte nicht unmittelbar an ein weiteres Gebäude, sondern an einen kleinen Park, der von einer gut zwei Meter hohen, weißgestrichenen Mauer umgeben war.

»Können Sie klettern?«

Die Frage galt Brenner, der sie mit einem energischen Kopfschütteln beantwortete. Die anstrengendste Sportart, zu der er sich in den letzten fünf oder sechs Jahren durchgerungen hatte, war Computerschach. Unter normalen Umständen hätte er sich vielleicht trotzdem zugetraut, das Hindernis zu überwinden, aber das hier war schließlich nicht normaclass="underline" Er war noch immer halb blind und – da machte er sich nichts vor – am Ende seiner Kräfte. Im Augenblick war er schon heilfroh, wenn er ohne fremde Hilfe eineTürschwelle überwinden konnte.

»Dann wird es Zeit, daß Sie es lernen«, antwortete Salid. »Aber – «

Salid nahm seinen Protest nicht einmal zur Kenntnis, sondern versetzte ihm einen Stoß, der ihn gegen seinen Willen auf die Mauer zustolpern ließ, so daß er ganz instinktiv die Arme ausstreckte, um irgendwo Halt zu finden. Seine rechte Hand protestierte mit wütend pochenden Schmerzen, als sie unsanft über den weißgestrichenen Zement schrammte, aber Salid war bereits neben ihm, umschlang mit erstaunlicher Kraft seine Hüften und hob ihn einfach in die Höhe. Brenner griff ganz instinktiv nach der Oberkante der Mauer, und Salid machte das Kunststück komplett, indem er ihm einen weiteren Stoß versetzte, der ihn regelrecht über das Hindernis hinwegkatapultierte. Vermutlich war alles, was ihn vor einer ernsthaften Verletzung rettete, der weiche Grasboden auf der anderen Seite. Nur einen Augenblick später folgte ihm Johannes – auf weit elegantere Weise, aber offensichtlich auch nicht ganz aus freien Stücken – , und praktisch im gleichen Moment landete Salid mit einem federnden Satz zwischen ihnen. Wortlos beugte er sich zu Brenner herab und zog ihn auf die Füße.

»Geht es noch?«

Brenner nickte benommen mit dem Kopf – obwohl er in Wahrheit nicht einmal sicher war, auch nur noch einen einzigen weiteren Schritt tun zu können. Salid hätte sowieso keine Rücksicht darauf genommen.

»Sie müssen verrückt sein, wenn Sie glauben, daß die tatsächlich darauf hereinfallen«, sagte Johannes. »Jedes Kind kann sich denken, was Sie vorhaben. Ihr Fluchtwagen steht auf der anderen Seite der Klinik, stimmt's?«

»Wahrscheinlich haben sie uns sogar dabei beobachtet, wie wir über die Mauer gestiegen sind«, sagte Salid fröhlich. »Und was den Fluchtwagen angeht … ich hoffe doch, daß er bald kommt.« Er deutete nach rechts.

»Weiter.«

Brenner versuchte erst gar nicht, den Sinn dieser Worte zu

verstehen. Er hatte längst begriffen, daß Salid sicherlich

hochintelligent und in noch größerem Maße gefährlich war,

zugleich aber auch vollkommen verrückt.

Salid trieb sie unerbittlich weiter. So schnell, wie Brenner gerade noch konnte, entfernten sie sich vom Klinikgebäude, hielten sich aber nahe der Mauer. Brenner schätzte, daß sie allerhöchstens zwanzig Meter zurückgelegt hatten, als vor ihnen ein zuckender blauer Lichtblitz aufflammte und dann wieder erlosch: das Blaulicht eines der beiden Streifenwagen, das unweit vor ihnen durch die Gitterstäbe einesTores fiel. Das Heulen der Sirenen war mittlerweile so nahe gekommen, daß die beiden Laute ineinander übergingen und er sie nicht mehr richtig orten konnte. Auf der Mauerkrone tanzte ein blauer Schimmer entlang und verlor sich hinter ihnen wieder.

Salid deutete auf dasTor, legte selbst einen kurzen Sprint ein und blieb unmittelbar vor dem Gittertor stehen. Brenner konnte nicht genau erkennen, was er tat, aber das Schloß hielt seinen Manipulationen nicht einmal so lange stand, wie Johannes und er brauchten, um Salid zu erreichen.

»Sehen Sie.« Salid deutete durch die Gitterstäbe auf die Straße hinaus. »Da kommt unser Fluchtfahrzeug.«

Johannes riß ungläubig die Augen auf. »Sind Sie verrückt?« »Komplett«, bestätigte Salid. »Das ist mein Erfolgsrezept. Der Grund, weshalb ich noch am Leben bin.« Er wurde übergangslos wieder ernst. »Sie warten hier, bis ich Ihnen ein Zeichen gebe. Wenn Sie zu fliehen versuchen, töte ich Sie.«

Für jemanden, der angeblich auf ihrer Seite stand, drohte er ziemlich oft damit, einen von ihnen umzubringen, fand Brenner. Er glaubte auch nicht, daß diese Drohung ernst gemeint war, aber seltsamerweise nutzte ihm diese Überzeugung nichts. Sie machte es nicht besser. Vielleicht war der Grund, aus dem er selbst Salid ebenso widerspruchslos gehorchte wie Johannes, weniger die Angst vor dem, was er ihnen androhte, als vielmehr davor, wozu er imstande war.

Und es kam noch etwas dazu: Im Grunde wußte er es schon die ganze Zeit über, aber er hatte es sich bisher noch nicht eingestanden, und er schrak auch jetzt noch vor dem Gedanken zurück – aber die Wahrheit war, daß Salid ihn faszinierte. Was er tat – nein, nicht was er tat, sondern weit mehr der Umstand, daß er all diese Dinge tat, daß er den Mut, die Kraft oder auch nur die Gewissenlosigkeit besaß, all diese Dinge zu tun, das berührte etwas tief in Brenner. Nicht den Abscheu, die Furcht und die gerechte Empörung, die er Menschen wie ihm gegenüber empfand, sondern etwas ganz anderes, etwas Dunkles und Uraltes, das in jedem Menschen schlummerte und das in Salid einen Bruder erkannte; die Bestie in ihm, welche die Bestie, die Salid vielleicht war, willkommen hieß.

Der Gedanke erschreckte ihn, aber er enthielt auch eine Wahrheit, der er sich nicht verschließen konnte. Nach allem, was er über Salid gehört hatte, war dieser ein Mörder, ein Mensch ohne Gewissen oder Skrupel, für den Gewalt etwas Normales war und der Widerstand brach, statt ihn zu umgehen. Nichts von alledem hatte Brenner je getan – aber manchmal hatte er sich gewünscht, es zu können. Nicht, daß er es wirklich getan hätte – die Tatsache allein, dazu imstande zu sein, hätte ihm vollends gereicht. Er war es nicht, und nun ertappte er sich dabei, Salid um diese Fähigkeit zu beneiden.

Und vielleicht nicht nur darum.

Das Heulen der ersten Polizeisirene war mittlerweile verstummt; der Wagen hatte vermutlich sein Ziel erreicht und vor der Klinik angehalten, aber das Geräusch des zweiten Streifenwagens kam immer näher, und irgendwo in der Ferne wimmerte noch ein drittes Martinshorn. Was immer Schneider mit seinem Anruf ausgelöst hatte, war weit mehr als ein normaler Polizeieinsatz und auf jeden Fall wohl mehr, als er selbst erwartet hatte. Salid schien dieser Gedanke jedoch nicht zu stören – er wartete in aller Seelenruhe, bis das an-und abschwellende Heulen herankam, dann riß er dieTür auf und stolperte mit wild rudernden Armen einen Schritt auf den Bürgersteig hinaus. Brenner beobachtete vollkommen verständnislos, wie er auf die Knie sank, seinen Sturz im letzten Moment mit den Händen ab fing und sofort wieder die Arme in die Höhe riß, um wild damit zu gestikulieren. Das Heulen der Sirene schwoll mittlerweile weiter an, und als Salid sich mit hastig-ungeschickten Bewegungen in die Höhe stemmte, wurde er von einem grellen Scheinwerferstrahl erfaßt. Salid riß schützend den linken Unterarm vor das Gesicht und torkelte weiter auf die Straße hinaus.