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»Er ist hier! « schrie er. »Hierher! Schnell! «

Bremsen kreischten. Für eine oder zwei Zehntelsekunden war Brenner felsenfest davon überzeugt, daß der Streifenwagen Salid erfassen und einfach niederwalzen würde, aber der Fahrer reagierte im letzten Moment. Der grünweiße Passat schleuderte zur Seite, verfehlte Salid um kaum einen halben Meter und kam quer zur Fahrtrichtung zum Stehen.

» Er ist hier! « schrie Salid erneut. »Im Park! Schnell! «

Die Türen des Streifenwagens wurden gleichzeitig aufgerissen, und zwei Beamte stürzten heraus. Der eine hatte seine Waffe bereits gezogen, der andere tat es, während er ins Freie sprang.

»Sind Sie lebensmüde, Mann?« schrie er. »Was ist los?« Salid taumelte auf den Beamten zu, wobei er sich weit nach vorne beugte und zugleich noch immer den Arm vor das Gesicht hielt, als blende ihn das grelle Scheinwerferlicht. In Wirklichkeit konnten die beiden so nicht genau erkennen, wen sie eigentlich vor sich hatten – und genau das war schließlich der Sinn dieses perfekt inszenierten Auftritts. »Er ist im Park!« keuchte er. »Seien Sie vorsichtig! Er hat eine Waffe! Er hat den Priester erschossen! «

Auch der zweite Beamte war mittlerweile um den Wagen herumgeeilt. Seine Waffe war dabei auf Salid gerichtet gewesen, aber nun schwenkte er sie herum und richtete sie ganz instinktiv auf das offenstehende Gittertor – und damit auf Brenner, dem jäh zu Bewußtsein kam, daß er von der Straße aus deutlich als dunkler Umriß hinter demTor zu sehen sein mußte. Und daß die beiden Polizisten ihn nach Salids Worten zweifellos für den Mörder hielten, den sie jagten. Vielleicht erlagen sie diesem Irrtum nur eine Sekunde, aber das war mehr, als Salid brauchte. In einer einzigen blitzschnellen Bewegung richtete er sich auf, schlug einem der beiden Beamten die Waffe aus der Hand und schmetterte dem anderen den Unterarm gegen die Kehle. Der Polizist sank keuchend in die Knie, schlug die Hände gegen den Hals und rang verzweifelt nach Luft, während sein Kollege die Arme in die Höhe riß, um Salid anzugreifen.

Er hatte nicht einmal die Spur einer Chance. Salid blockte seinen Hieb mit dem Ellbogen ab, tänzelte zur Seite und versetzte ihm einen Faustschlag, der ihn rücklings über die Motorhaube des Streifenwagens schleuderte. Blitzschnell setzte er ihm nach, riß ihn in die Höhe und versetzte ihm einen zweiten, noch härteren Schlag. Der Mann erschlaffte in seinen Armen. Salid warf ihn achtlos zu Boden und drehte sich herum.

»Los! «

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß etwas in ihm Salid gehorchen wollte, dann hätte er ihn jetzt gehabt. Brenners Füße setzten sich wie von selbst in Bewegung. Er stürmte aus demTor und auf Salid und den Streifenwagen zu, so schnell er konnte, obwohl in seinem Kopf eine immer lauter werdende Stimme war, die ihm zuschrie, daß das, was er tat, nicht nur an Wahnsinn grenzte, sondern diese Grenze eindeutig überschritten hatte. Er hatte seine Chance gehabt. Salid war nur wenige Sekunden fort gewesen, aber diese Zeit hätte Johannes und ihm trotzdem gereicht, in der Dunkelheit des Parks zu verschwinden. Warum hatten sie es eigentlich nicht getan? Warum, um alles in der Welt, hatten sie es nicht getan?

Wahrscheinlich gab es keine Erklärung; und wenn, dann keine, die er im Moment ertragen hätte. Salids unheimlicher Bann über ihn hielt auf jeden Fall noch immer an – und ganz offensichtlich wirkte er genauso auf Johannes; denn auch er hatte sich – wenn auch nach einem winzigen Zögern – in Bewegung gesetzt.

Salid riß die hintere Tür des Streifenwagens auf und stieß Brenner kurzerhand hinein, ehe er auch nur irgend etwas sagen konnte. Danach wandte er sich an Johannes. »Können Sie Auto fahren?«

»Nicht besonders gut«, antwortete Johannes. »Und ne nnen Sie mich nicht – «

»Dann wird es Zeit, daß Sie es lernen«, unterbrach ihn Salid. Er versetzte Johannes einen Stoß, der ihn unsanft hinter das Steuer beförderte, und eilte hastig um den Wagen herum. Bevor er einstieg, beugte er sich zu dem bewußtlosen Polizeibeamten hinab und nahm dessen Waffe an sich. Brenner war nicht besonders überrascht, aber Johannes starrte die Waffe mit einem Ausdruck an, der unter allen anderen vorstellbaren Umständen einfach nur komisch gewesen wäre.

Und für Salid offenbar sogar unter diesen, denn er grinste plötzlich breit, nahm die Pistole in die linke Hand und versenkte die andere in die Jackentasche. Als er sie wieder herauszog, war sie immer noch leer, aber er streckte den Zeigefinger aus, hob den Daumen nach oben und sagte: »Reingelegt.«

»Sie hatten gar keine Waffe«, sagte Johannes.

Stimmt, antwortete Salids Blick. Aber ich hätte dich trotzdem schneller umbringen können, als du es dir auch nur vorstellen kannst. Laut sagte er: »Sie sind zu leichtgläubig, mein Freund. Und jetzt fahren Sie los – bitte.«

Johannes starrte ihn noch einen winzigen Moment lang zornig an, aber er mußte wohl auch den Teil von Salids Antwort verstanden haben, den er nicht laut ausgesprochen hatte, denn er widersprach nicht mehr, sondern legte den Gang ein und fuhr behutsam an. Salid streckte die Hand aus und schaltete mit einer raschen Bewegung Sirene und Blaulicht des Streifenwagens ab.

Es konnte nicht gutgehen. Brenner wußte es. Er war mitten in einer verrückten Geschichte, die nicht funktionieren konnte. Die Zeit arbeitete gegen sie, und alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit und Logik ebenso. Trotz allem waren zwar erst wenige Sekunden vergangen, seit Salid den Streifenwagen angehalten und die beiden Polizisten überwältigt hatte, auch wenn es ihm vorgekommen war wie eine Ewigkeit. Aber

Schneider und die anderen würden auch nur wenige Sekunden brauchen, um den Polizisten zu sagen, in welcher Richtung sie geflohen waren. Brenner hielt instinktiv den Atem an, als sie den Klinikeingang passierten. Der zweite Streifenwagen stand schräg auf dem Bürgersteig, und von seinen beiden Insassen war keine Spur zu sehen.

Trotzdem: Es konnte nicht gutgehen.

Aber es ging gut. Sie passierten das Krankenhaus unbehelligt, und während hinter ihnen das Heulen einer weiteren Polizeisirene anschwoll, erreichten sie das Ende der Straße und bogen nach rechts ab.

Auf der Gardinenleiste saß eine Spinne. Sie war nicht besonders groß, noch benahm sie sich in irgendeiner Weise auffällig, sondern hockte ganz im Gegenteil seit mindestens einer halben Stunde mucksmäuschenstill da, als spüre sie ganz genau, daß mißtrauische Augen sie in jeder Sekunde beobachteten und nur auf das geringste Lebenszeichen warteten.

Natürlich würde es ihr nichts nutzen. Charlotte hatte das kleine Miststück mit dem ihr angeborenen untrüglichen Instinkt für Schädlinge und Schmutz entdeckt, kaum daß es aus seinem Versteck herausgekrochen war, und der einzige Grund, aus dem es überhaupt noch am Leben war, war der, daß Charlotte bisher einfach nicht die Zeit gefunden hatte, ihm den Garaus zu machen. Nebst einer Trittleiter oder einem passenden Stuhl, mittels dessen sie ihre mit einhundertdreiundsechzig Zentimetern Körpergröße gepaarten neunzig Kilogramm auf das Niveau des achtbeinigen Scheusals dort oben hinaufbefördern konnte, hieß das.

Was die Zeit anging, die würde sie sich jetzt nehmen, ganz gleich, was passierte, und das passende Kletterwerkzeug hielt sie in der rechten Hand. Sie war ganz außer Atem, denn sie war eigens in den Keller hinuntergegangen, um die dreistufige Aluminiumleiter zu holen, und so verlängerte sich die Lebenserwartung dieses schmutzigen kleinen Mistviehs dort oben noch einmal um etliche Sekunden, die sie brauchte, um ihre Last abzusetzen und Luft zu holen. In letzter Zeit bereitete es ihr immer größere Mühe, Treppen zu steigen, und das lag nicht nur an ihrem Zigarettenkonsum, wie ihr wohlmeinende Leute immer wieder einzureden versuchten, sondern wohl eher an der Tatsache, daß sie in wenigenTagen ihren sechzigsten Geburtstag feiern würde. Sie war eindeutig nicht mehr in dem Alter, die steile Treppe ins Kellergeschoß hinunter-und mit einer sperrigen Last in der Hand wieder hinaufzuspringen. Sie spürte jede einzelne Stufe, die sie genommen hatte, schon jetzt schmerzhaft in den Knochen, und morgen früh würde sie sie doppelt schmerzhaft spüren.