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Aber was sein mußte, mußte sein.

Dabei hatte sie im Grunde gar nichts gegen Spinnen. Nicht im Besonderen, hieß das. Ebensowenig wie sie irgend etwas gegen Ratten, Mäuse, Wanzen, Hunde, Kakerlaken, Katzen oder anderes Getier hatte – solange es nur dem Hotel fernblieb. Haustiere waren hier nicht erlaubt, und das galt für jegliche Art von Getier, unabhängig von seiner Größe, Aussehen oder der Anzahl seiner Beine. Charlotte leitete die Pension seit vierzig Jahren, und sie war stolz darauf, daß sich in diesen Jahren nicht ein einziger Gast über irgendwelches Ungeziefer beschwert hatte.

Möglicherweise lag das allerdings daran, daß der Unterschied zwischen den meisten ihrer Gäste und dem, was Charlotte als Ungeziefer bezeichnete, nicht allzu gravierend war. Vielleicht bestand er tatsächlich nur in der Größe und der Anzahl ihrer Extremitäten …

Sie wollte weitergehen, aber ihr Herz klopfte noch immer wild, und sie spürte erst jetzt richtig, wie sehr sie der Weg in den Keller und zurück erschöpft hatte: Ihre Knie zitterten, und die Luft in ihrer Kehle schmeckte scharf; ein wenig nach Kupfer. Sie maß die kaum kleinfingernagelgroße Spinne über der Gardinenleiste mit einem mißtrauischen Blick, kam zu dem Schluß, daß sie sich in den nächsten zwei Minuten wahrscheinlich ebensowenig bewegen würde wie in der halben Stunde zuvor, und klappte dieTrittleiter kurzerhand auf, um sich für einen Moment darauf niederzusetzen. Nur bis sie wieder einigermaßen zu Atem gekommen war. Es kam selten vor, aber in Momenten wie diesen machte ihr ihr Übergewicht doch zu schaffen, sowohl das an Körpermasse als auch das an Jahren. In letzter Zeit waren diese Momente häufiger geworden, und Charlotte mutmaßte nicht zu Unrecht, daß sie sich bald noch mehr häufen würden. Sie hatte nicht mehr sehr lange zu leben, das wußte sie.

Dieses Wissen hatte nichts mit irgendwelchen medizinischen Gründen zu tun, noch erschreckte es sie. Sie rauchte zuviel, sie schlief zu wenig, und sie aß zuviel und hatte entsprechendes Übergewicht, aber sie ließ sich zweimal im Jahr gründlich untersuchen, und das unwillige Kopfschütteln ihres Arztes, jedesmal wenn er die Untersuchungsergebnisse vor sich auf dem Tisch liegen hatte, hatte nichts mit irgendwelchen Krankheiten zu tun, sondern einzig damit, daß sie – Zitat: – in Anbetracht ihres Lebenswandels schon geradezu kriminell gesund war.

Trotzdem änderte das nichts daran, daß ihre Lebensuhr zum größtenTeil abgelaufen war. Sie war sechzig – oder würde es jedenfalls in einigen Tagen werden – , und sie hatte den größten Teil der ihr zugedachten Spanne hinter sich. Sie hatte vielleicht noch zehn Jahre, möglicherweise auch fünfzehn, aber kaum mehr. Das war in Ordnung. Sie hielt nichts davon, neunzig zu werden und als seniles Wrack in einem Rollstuhl zu enden. Sie hatte ein ziemlich gutes Leben gehabt – über weite Strecken hinweg zumindest – , und sie wollte sich nicht beschweren. Bei wem auch?

Sie war mittlerweile weit genug zu Atem gekommen, um den zweiten Teil ihrer Expedition in Angriff nehmen zu können. Sie streckte den rechten Arm aus, zog sich am Türgriff in die Höhe und wollte in der gleichen Bewegung nach derTrittleiter greifen, als es klingelte.

Charlotte verharrte für einen Moment mitten in der Bewegung; überrascht, und aus einem ihr selbst nicht ganz einsichtigen Grund auch ein wenig beunruhigt. Es war nahezu vier; selbst für sie eine ungewöhnliche Zeit. Auf der anderen Seite aber auch nicht so ungewöhnlich, daß sie übermäßig erstaunt oder gar erschrocken hätte sein dürfen. Die Zeiten, in denen ihr Hotel vornehmlich Gäste aufgenommen hatte, die sich anmeldeten und zu halbwegs normalen Zeiten an-und abreisten, waren längst vorbei, falls es sie überhaupt jemals wirklich gegeben hatte.

Die Gäste, die heutzutage kamen, pflegten sich nicht anzumelden, und die meisten hatten nicht einmal Gepäck. Die meisten blieben auch nicht lange: zwei, manchmal drei Stunden, selten eine ganze Nacht.

Trotzdem war sie beunruhigt und auf eine schwer greifbare Weise alarmiert. Vielleicht lag es an den Polizeisirenen, die sie vorhin gehört hatte, als sie auf der Kellertreppe gewesen war. Ziemlich viele Sirenen, die zwar nicht in unmittelbarer Nähe erschollen, aber auch nicht sehr weit entfernt.

Es klingelte zum zweitenmal, und Charlotte gemahnte sich selbst daran, daß dieses nächtliche Klingeln zumindest eine potentielle Einnahme bedeutete – und sie jeden Pfennig bitter nötig hatte. Die Gäste ihres Etablissements kamen nicht nur unangemeldet und zu manchmal unmöglichen Zeiten, sie kamen in letzter Zeit auch immer seltener.

Sie warf der kleinen Spinne über dem Fenster einen Blick zu, der sehr deutlich machte, daß die Sache zwischen ihnen nur aufgeschoben war, nicht vergessen, dann wandte sie sich rasch um und verließ das Zimmer. Als sie den Korridor betrat und sich der halb verglasten Eingangstür näherte, klingelte es zum drittenmal; und diesmal hielt der Ton länger an, und er klang irgendwie … ungeduldig. Wer immer dort draußen stand, hatte es eilig. Aber vermutlich galt das für jeden, der nachts um vier ein Hotelzimmer brauchte. Durch das bunte Tiffany-Glas hindurch konnte sie einen hochgewachsenen, schwarzen Schatten erkennen, der genau in diesem Moment den Arm hob, um zum viertenmal den Klingelknopf zu drücken.

»Schon gut, schon gut!« rief Charlotte. »Ich komme. Kein Grund, das ganze Haus wachzuklingeln! «

Tatsächlich senkte der Schatten den Arm wieder, bewegte sich aber ansonsten nicht. Von dem höflichen halben Schritt zurück von der Tür schien der nächtliche Besucher nichts zu halten – falls er jemals davon gehört hatte. Charlotte bezweifelte es.

Sie erreichte deeTür, drückte die Klinke aber nicht herunter, sondern öffnete das kleine Fenster in Form eines Kolibris, das in die Mitte derTiffany-Arbeit eingelassen war. »ja, verdammt

– was gibt es denn?«

Sie war selbst ein wenig erstaunt über den scharfen Ton in ihrer Stimme. Normalerweise war es nicht ihre Art, so mit Gästen zu reden; nicht einmal, wenn sie um diese Zeit kamen. Aber normalerweise erschrak sie auch nicht, wenn es morgens um vier an derTür klingelte.

Vor ihr stand ein sehr groß gewachsener, dunkelhaariger Mann, dessen Gesicht sie im blassen Schimmer des Mondlichtes nicht richtig erkennen konnte, obwohl er nahe genug gewesen wäre, um ihn zu berühren. Aber sie sah zumindest, daß es scharf geschnitten war und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit einem Ausländer gehörte. Nicht, daß Charlotte etwas gegen Ausländer hatte – ebensowenig wie gegen Spinnen, Hunde oder Katzen. Solange sie blieben, wo sie hingehörten, störten sie sie nicht.

Die Worte, die der Fremde an sie richtete, bestätigten ihren ersten Eindruck. Er sprach perfekt Deutsch; schnell und so akzentfrei, daß es schon fast wieder auffiel. Trotzdem spürte man irgendwie, daß er sich nicht in seiner Muttersprache ausdrückte.

»Bitte entschuldigen Sie die späte Störung«, begann er. »Aber wir haben das Schild gesehen, und unten brannte noch Licht.«

Er trat nun doch einen Schritt zurück und deutete mit einer komplizierten Geste nacheinander auf das kleine Neonschild neben derTür, das »ZIMMER FREI« verkündete, das erleuchtete Fenster daneben und dann auf eine weitere Gestalt, die ein paar Schritte hinter ihm im Dunkeln stand. Etwas an ihr war seltsam, aber Charlotte konnte im ersten Moment nicht genau sagen, was. Irgendwie stimmten ihre Umrisse nicht.

»Wissen Sie, wie spät es ist?« fragte Charlotte mißtrauisch. Der Ausländer nickte und zwang ein Lächeln auf sein Gesicht, das so falsch war, daß Charlotte fast davor erschrak. »ja. Ich entschuldige mich noch einmal für die Störung. Wir wollten Sie nicht wecken, aber … wir können heute nacht nicht weiter, und wir sind fremd hier und kennen uns nicht aus.«

Charlotte winkte ab. Sie versuchte, möglichst unauffällig an dem Ausländer vorbeizusehen, um dahinterzukommen, was mit dem Umriß seines Begleiters nicht in Ordnung war. Er wirkte irgendwie … zu breit. Aber das Licht draußen war sehr schwach. Der Himmel hatte sich wieder zugezogen, und er war nicht nahe genug, um ihn im Lichtschein zu erkennen, der aus dem Fenster fiel. Charlotte fragte sich, ob das Absicht war.