Das war nicht immer so gewesen, aber sie konnte sich einfach nicht daran erinnern, wann dieses Haus aufgehört hatte, ein Haus zu sein, und zum Grab ihrerTräume und dem Kerker ihres Gewissens zu werden begann. Vor zehn Jahren? Vor zwanzig? Oder schon damals, als sie dieses Haus übernommen hatte, selbst noch fast ein Kind, das am Grab seiner Eltern ein Geschenk entgegennahm, ohne zu ahnen, was es sich selbst und seiner Seele damit antat?
Charlotte machte einen Schritt, blieb wieder stehen und sah sich aus weit aufgerissenen Augen um, deren Ausdruck, hätte sie ihn sehen können, sie selbst mehr als alles andere erschreckt hätte. Zumindest hier unten und in den drei kleinen Räumen, die sie selbst bewohnte, blitzte alles vor Sauberkeit, aber das änderte nichts daran, daß sie plötzlich das Gefühl hatte, im Schmutz zu ersticken. Wann hatte es angefangen? Wann, um Gottes willen, hatte sie aufgehört, sich um Dinge zu kümmern, die sie nichts angingen, und wann hatte sie angefangen, tatsächlich an all die Lügen zu glauben, mit denen sie seither lebte?
Sie wußte es nicht, und vielleicht war das das Schlimmste überhaupt. Sie konnte nicht einmal mehr sagen, wann sie sich selbst verraten hatte. Sie
Der Vorhang wurde so abrupt wieder zugezogen, wie er sich gehoben hatte, und von einer Sekunde auf die andere erschienen ihr ihre Gedanken ebenso bizarr und dumm, wie sie der Anblick ihres eigenen Hauses erschreckt hatte.
Was für ein Unsinn!
Sie schüttelte übertrieben heftig den Kopf, lächelte nervös und warf noch einmal einen Blick in die Richtung, in der das sonderbareTrio verschwunden war. Was war los mit ihr? Wurde sie allmählich senil, oder hatten die drei sie nur in einem ungünstigen Moment erwischt? Es konnte ihr nicht nur egal sein, was diese drei dort oben trieben, es war ihr egal, verdammt noch mal, sogar scheißegal. Es ging sie nichts an. Jeder hatte das Recht, sein eigenes Leben zu leben und zu tun und zu lassen, was immer er wollte. Wenn sie ihnen das Zimmer nicht vermietete, würden sie es eben auf dem Rücksitz eines Autos treiben oder in irgendeinem Park. Es änderte nichts. Und es ging sie nichts an.
Charlotte straffte die mageren Schultern, drehte sich endgültig herum und machte sich auf den Rückweg in die Küche. Dort gab es Ungeziefer, das sie wirklich beseitigen sollte.
Gegen jede Erwartung war er noch im Wagen wieder eingeschlafen. Vielleicht war es nichts als eine verspätete Reaktion auf irgendeine der Drogen, mit denen er noch immer bis zum Stehkragen vollgestopft war, vielleicht auch eine ganz natürliche Abwehrreaktion seines Körpers, mit dem dieser auf den Streß und die Angst reagierte; möglicherweise war es auch nur seine Art, wie eine hysterische Jungfer in Ohnmacht zu fallen – so oder so, als Brenner erwachte, konnte er sich weder erinnern, wo er war, noch, wie er hierhergekommen war. Er lag wieder einmal auf einem Bett, er hatte wieder einmal Kopfschmerzen, und er erwachte wieder einmal mit der quälenden Erinnerung an einen völlig konfusen Alptraum.
Aber damit hörte jede Ähnlichkeit mit den vergangenen dreiTagen auch schlagartig auf.
Die Decke über seinem Kopf war nicht weiß, sondern hatte eine undefinierbare, schmuddelige Färbung und ein unregelmäßiges Muster aus Wasserflecken. Sie schien einmal einen Stuckrand gehabt zu haben, der jetzt aber fast bis zur Unkenntlichkeit weggebrochen war. In der Luft lag ein leichter, aber sehr unangenehmer Geruch: eine Mischung aus kaltem Zigarettenrauch, zu lange nicht gewechselter Bettwäsche, verschiedenen Essensdünsten. Und das Bett, auf dem er lag, war hart. Er spürte die Federn der durchgelegenen Matratze schmerzhaft irn Rücken. Außerdem war es kalt.
Und er war nicht allein. Statt des leisen Summens seiner elektronischen Wachhunde hörte er Stimmen, die zwar kaum lauter – und übrigens auch kaum besser verständlich – waren, aber es waren menschliche Stimmen, die sich unterhielten, und er mußte wohl trotz allem zumindest unbewußt einen Teil der Worte identifiziert haben, denn er begriff immerhin, daß es sich bei dieser Unterhaltung um ihn drehte.
Langsam wandte er den Kopf, wobei der Anblick der schmuddeligen Zimmerdecke über ihm in einer allmählichen Drehbewegung dem einer kaum besser erhaltenen Wand mit billigen Tapeten und einem lieblos gerahmten Kaufhausgemälde wich, bis er die beiden Männer sah, die auf der anderen Seite des Zimmers an einem kleinenTisch saßen und leise, aber trotzdem sehr heftig miteinander diskutierten. Ihre Worte wollten noch immer keinen Sinn ergeben, aber die sie begleitende Gestik tat es sehr wohl. Er wurde Zeuge von etwas, das vielleicht noch nicht ganz ein Streit war, es aber bald werden würde.
Erst dann wurde ihm klar, wie ungewöhnlich diese Beobachtung war. Nicht was er sah, sondern daß er es sah. Vor seinen Augen war kein grauer Nebel mehr. Er bemerkte noch einige wenige trübe Flecken, die aber nach und nach verschwanden und vielleicht nur Reste der Müdigkeit waren, die er noch nicht ganz abgeschüttelt hatte, aber er konnte sehen. Fast hundertprozentig.
Seine Bewegung war den beiden Männern am Tisch nicht entgangen. Sie unterbrachen ihr Gespräch und drehten sich in seine Richtung, und als Brenner in ihre Gesichter sah, erinnerte er sich zuerst an ihre Namen und dann, schlagartig, an alles andere.
Nicht, daß er besonders wild auf diese Erinnerung gewesen wäre …
»Sie sind wach«, sagte Salid. »Das ist gut.« Johannes fügte hinzu: »Wie fühlen Sie sich?«
»Hm«, antwortete Brenner – was seiner Meinung nach eine durchaus angemessene Antwort auf beides darstellte. Er war auch nicht ganz sicher, ob es wirklich gut war, wach zu sein. Und wie er sich fühlte.
»Was ist passiert?« fragte er. »Wo sind wir?«
» In Sicherheit«, antwortete Salid. »Aber ich fürchte, nicht für sehr lange.«
Johannes stand wortlos auf und durchquerte mit wenigen Schritten das kleine Zimmer, um zu einem Waschbecken neben derTür zu treten. Brenner konnte hören, wie er ein Glas Wasser einlaufen ließ, und allein das Geräusch weckte seinen Durst. Zumindest wußte er jetzt, wo sie waren: ein billiges Bett, ein ebenso einfacher Schrank, seit einem Jahrzehnt nicht mehr gestrichene Tapeten und das obligate Waschbecken an der Wand neben der Tür: Brenner kannte Zimmer wie diese zur Genüge. In den letzten Jahren hatte er es vermeiden können, in Hotels dieser Kategorie zu nächtigen, aber er kannte sie.
»Halten Sie das für klug?« fragte er, während er sich vorsichtig aufsetzte und auf den gewohnten Schwindelanfall wartete. Er kam nicht.
»Was?« fragte Salid.
»Das hier ist ein Hotel, nicht?« Brenner machte eine ausholende Handbewegung und fuhr fort, ohne Salids Antwort abzuwarten. »Hier werden sie uns wahrscheinlich zuallererst suchen. « Gleichzeitig fragte er sich, warum um alles in der Welt er das eigentlich sagte. Das einzige, was ihn interessieren sollte war, daß sie sie fanden – wer immer sie sein mochten.
Johannes kam zurück und reichte ihm mit der einen Hand ein Glas Wasser, mit der anderen zwei kleine, in der Mitte eingekerbte Tabletten. Brenner griff dankbar nach dem Glas, zögerte aber spürbar, nach den Pillen zu greifen.
»Was ist das?«
Johannes lächelte. »Aspirin«, antwortete er. »Ehrenwort, sonst nichts. Ich dachte mir, Sie könnten sie vielleicht gebrauchen.«
Damit hatte er nur zu recht. Brenner hatte Kopfschmerzen;
nicht erst jetzt, sondern schon seit er erwacht war, aber sie bisher aus irgendeinem Grunde noch gar nicht richtig zur Kenntnis genommen. Johannes' Worte änderten das schlagartig. Er spürte nicht nur das dröhnende Hämmern hinter seiner Stirn, er erinnerte sich auch plötzlich daran, daß es die ganze Zeit über dagewesen war. Mit zitternden Fingern griff er nach den beiden Tabletten, legte sie auf seine Zunge und spülte sie mit einem großen Schluck Wasser herunter. Die Tabletten waren geschmacklos, aber das Wasser schmeckte scheußlich: viel zu warm und nach den alten Bleirohren, durch die es geflossen war.
»Wie geht es Ihnen?« fragte Johannes noch einmal, nachdem Brenner ihm das Glas zurückgegeben und er es achtlos neben sich auf den Boden gestellt hatte. »Was machen Ihre Augen?«