»Wenn ich das wüßte«, murmelte Salid. »Alles ist plötzlich so … anders. Vor ein paarTagen hätte ich Ihnen diese Frage beantworten können, aber jetzt … «
»Sie meinen, Sie wissen nicht, warum Sie mich entführt haben?« fragte Brenner, zögerte einen Moment und fügte mit einer Kopfbewegung auf Johannes hinzu: »Und ihn?« Sein Zögern hatte einen Grund. Er war mittlerweile nicht mehr sicher, ob Salid Johannes tatsächlich entführt hatte.
»Wissen?« Salid lächelte erneut dieses sonderbar schmerzliche Lächeln, das Brenner jetzt aber eindeutig unheimlich vorkam. Vielleicht war es gar das Lächeln eines Wahnsinnigen. »Was heißt schon wissen? Die meisten Menschen verwechseln wissen mit glauben, ist Ihnen das eigentlich klar?« Er deutete auf Johannes, dann auf sich. »Sehen Sie ihn an und mich. Vor ein paarTagen noch hätte ich diesen Mann für meinen Erzfeind gehalten. Die Inkarnation von allem, was ich hasse und verabscheue. Ein Christ.«
»Dabei beten wir beide zu dem gleichen Gott«, sagte Johannes.
»Und allein für diese Bemerkung hätte ich Sie wahrscheinlich getötet«, fügte Salid hinzu.
»Sie sprechen sehr viel vomTöten«, sagte Johannes. Er gab sich Mühe, ruhig zu klingen, aber es gelang ihm nicht völlig. »Es ist alles, was ich kann«, antwortete Salid leise. »Der Grund, aus dem wir hier sind. «
Brenner fuhr ein ganz kleines bißchen zusammen, und er sah aus den Augenwinkeln, daß auch Johannes' zur Schau getragene Selbstbeherrschung ein wenig mehr abbröckelte. Welches Angebot Salid Johannes auch immer gemacht zu haben behauptete – sie hatten offensichtlich nicht über alles gesprochen. Und ebenso offensichtlich kam jetzt der unangenehme Teil. Seine Hände wurden feucht.
Zwei, drei Sekunden verstrichen, dann ging abermals eine deutliche Veränderung mit Salid vonstatten, diesmal aber in umgekehrter Richtung. Brenner konnte regelrecht sehen, wie der Palästinenser die Kontrolle über seine Gefühle zurückerlangte. Die erschreckende Kraft, die für ein paar Sekunden aus seinem Blick gewichen war, kehrte wieder zurück, und er straffte sich auch körperlich. Mit einem Ausdruck deutlicher Verblüffung sah er Johannes und ihn an, als würde ihm erst in diesem Moment klar, wie seine Worte auf die beiden wirken mußten.
»O nein«, sagte er, »Sie täuschen sich. Ich bin nicht hier, um Sie zu töten. Im Gegenteil.«
Er setzte sich weiter auf und griff in die Jackentasche – nach Brenners fester Überzeugung aus keinem anderen Grund als dem, die Pistole hervorzuziehen und dieser Farce endlich ein Ende zu machen. Statt dessen zog er nur eine Packung Zigaretten hervor und riß ein Streichholz an. Seine Hände zitterten noch immer leicht.
Brenner und Johannes tauschten einen raschen Blick. Vielleicht hatte sich Brenner in dem Geistlichen doch getäuscht, zumindest was sein Verhältnis zu Salid anging. Er sah nicht die Spur von Verstehen in seinen Augen; nur Verwirrung und eine tief eingegrabene, bohrende Furcht, die einen vollkommen an deren Grund zu haben schien als die, die Brenner selbst verspürte.
»Warum erzählen Sie uns nicht einfach, warum wir hier sind?« fragte Johannes.
Salid stieß eine Rauchwolke durch die Nase aus, wedelte mit der flachen Hand vor dem Gesicht und sagte: »Weil ich Ihre Hilfe brauche.«
Der einzige Grund, aus dem Brenner dieses Eingeständnis nicht überraschte, war vermutlich der, daß ihn gar nichts mehr überraschen konnte, was Salid sagte oder tat. Wenigstens redete er sich das ein. »Wobei?«
»Bei dem einzigen, was ich kann«, antwortete Salid. »Ich muß jemanden töten.«
»Und dazu brauchen Sie unsere Hilfe?« Brenner riß ungläubig die Augen auf. »Wie kommen Sie auf die Idee, daß wir das könnten? Oder es gar wollten? «
»Es hat mit dem Kloster zu tun«, antwortete Salid. »Mit dem, was ich darin entdeckt habe. Ich erkläre es Ihnen, aber zuerst möchte ich, daß Sie mir ein paar Fragen beantworten. Was wollten Sie dort? Wieso waren Sie und das Mädchen da?«
»Woher wissen Sie von dem Mädchen?« fragte Brenner scharf. Er konnte nicht sagen, warum, aber es war ihm unangenehm, daß Salid von Astrid sprach. Er rührte damit an eine Erinnerung, die er lieber vergessen hätte.
»Ich weiß es«, sagte Salid. »Woher, spielt keine Rolle. Wieso waren Sie da?«
»Wenn Sie so gut informiert sind, sollten Sie das auch wissen«, antwortete Brenner feindselig. »Es gab keinen Grund. Es war ein Zufall.«
»Ich habe schon vor Jahren aufgehört, an Zufälle zu glauben.«
»Aber es war so«, verteidigte sich Brenner. »Wir wußten nicht einmal, daß dieser Ort existiert. Ich bin in der Nähe mit dem Wagen liegengeblieben, und wir sind losgelaufen, um irgendwo zu telefonieren. Das ist alles.«
»Und Sie?« Salid wandte sich mit einer ruckhaften Bewegung an Johannes, der ganz instinktiv eine leicht gespannte Verteidigungshaltung annahm. Etwas an ihrem Gespräch änderte sich, ganz plötzlich und so nachhaltig, daß weder Johannes noch er eine Chance hatten, darauf zu reagieren. Aus Salids Erklärung wurde jählings ein Verhör, bei dem sie antworteten, statt Antworten zu bekommen.
»Ich weiß noch viel weniger«, sagte er. »Ich habe erst aus den Nachrichten überhaupt von seiner Existenz erfahren.« »Das glaube ich Ihnen sogar«, sagte Salid. »Aber ich glaube Ihnen nicht, daß Sie weniger wissen als Brenner. Dieser andere Mann, mit dem Sie gesprochen haben – «
»Alexander?« fragte Johannes. »Den Sie umgebracht haben?«
Salid starrte ihn an. Er schwieg eine volle Sekunde, dann führte er den begonnenen Satz in unverändertem Tonfall weiter: »– wer war er? Er gehörte zum Kloster, nicht wahr?«
»Nein«, antwortete Johannes. »Niemand von dort hat überlebt. «
»Erzählen Sie mir von diesem Alexander. Wer war er? Was war er?«
Johannes schwieg, aber sein Gesichtsausdruck änderte sich abermals, und Brenner begriff, daß er nicht der einzige hier im Raum war, der Erinnerungen hatte, die ihm unangenehm waren.
»Ich werde es Ihnen leichter machen«, fuhr Salid fort. »Ich sage Ihnen einfach, was ich weiß, und Sie antworten mit ja oder nein, einverstanden?« Er nahm einen letzten Zug aus seiner Zigarette, sah sich vergeblich nach einem Aschenbecher um und drückte sie schließlich kurzerhand auf derTischplatte aus. Der Anzahl der Brandflecke nach zu schließen, war er nicht der erste, der das tat.
»Ich nehme an, es gibt eine Art … Geheimbund in Ihrer Kirche. Er nennt sich natürlich nicht so, aber es läuft darauf hinaus. Eine kleine Gruppe weißhaariger alter Männer, die ein gewaltiges Geheimnis hüten und über erstaunliche Macht verfügen. Richtig?«
»Woher wissen Sie das?« fragte Johannes verblüfft.
Salid lächelte. »Weil es so etwas überall gibt, in jeder Religion«, antwortete er. »Auch bei uns. Man weiß von ihnen, man redet hinter vorgehaltener Hand über sie und hütet sich, ihnen zu nahe zu kommen, aber im Grunde nimmt man sie nicht besonders ernst. Wie viele solcher Organisationen gibt es in Ihrer christlichen Kirche? Zwanzig? Fünfzig?«
»Wahrscheinlich mehr«, antwortete Johannes. »Aber Alexanders Leute – «
»– sind anders«, fiel ihm Salid ins Wort. »Irgend etwas unterscheidet sie von den anderen. Sie sind unauffälliger. Sie sind nicht wie die anderen, die ihr Geheimnis gerade weit genug lüften, um alle Welt wissen zu lassen, daß sie ein Geheimnis haben. Und es gibt sie schon sehr lange. Seit Jahrhunderten.« »Woher wissen Sie das?« fragte Johannes noch einmal. Brenner konnte sehen, wie langsam das Blut aus seinem Gesicht wich. Er verstand diesen Schrecken nicht wirklich. Was Salid erzählte, war nicht gerade sensationell.
»Weil ich ihr Geheimnis kenne«, antwortete Salid. »Und ich denke, Sie kennen es auch. Sie beide.«
Johannes schwieg verbissen, aber Brenner sagte voller ehrlicher Überzeugung: »Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Sie überhaupt reden. Was … was soll denn dieser ganze Unsinn überhaupt? Haben Sie uns beide wirklich entführt, um uns … irgend etwas über Geheimbünde zu erzählen?«