Trotzdem, sie zögerte. Jetzt von der Leiter herunterzusteigen und anzurufen bedeutete nicht nur, das Richtige zu tun, sondern auch, mit ihrer eisernen und vielleicht einzigen Regel zu brechen, und davor hatte sie beinahe noch mehr Angst als vor dem Ausländer und den beiden anderen Mördern.
Natürlich würde sie es trotzdem tun. Sobald sie die Spinne erledigt hatte. Unvorstellbar, wenn hier gleich ein ganzes Polizeiaufgebot hereinstürmte und das Ungeziefer sah, von dem ihr Haus befallen war! Man konnte ihr nachsagen, was man wollte, aber ihr Haus war sauber, und das würde es bleiben, Mörder hin oder her. Die wenigen Augenblicke machten keinen Unterschied. Entschlossen richtete sie sich wieder auf und streckte zum zweitenmal die Hand nach der Spinne aus.
Das Tier folgte jeder ihrer Bewegungen aufmerksam – sie war ihm jetzt tatsächlich nahe genug, um seine Augen erkennen zu können, mikroskopisch feine Kristallsplitter in einem schwarzen Pelz – , rührte sich aber immer noch nicht. Wenn es überhaupt verstand, daß etwas sich ihm näherte, reichte dieses Verstehen auf jeden Fall nicht aus, um einen Fluchtreflex auszulösen.
Und dann, ganz plötzlich, begriff Charlotte, daß es gar nicht fliehen wollte.
Es war, als hätte sie etwas Unsichtbares, sehr Kaltes berührt. Ihre Fingerspitzen verharrten zehn Zentimeter vor demTier in der Luft, und die Kälte war immer noch da. Sie spürte, wie sie langsam ihre Hand hinaufkroch, sich in ihrem Unterarm ausbreitete und kurz darauf die Schulter erreichte. Was geschah mit ihr? Was, um Gottes willen, geschah mit ihr?
Charlotte sah jetzt, daß die Spinne gar nicht so reglos dahockte, wie sie bisher angenommen hatte. Sie bewegte sich, allerdings nicht oft und nur ganz sacht: Von Zeit zu Zeit hob sie ein Bein, streckte es aus und zog es wieder zurück; fast wie ein Mensch, der zu lange reglos in einer Haltung ausgeharrt hatte und nun seine Glieder streckte, damit sie nicht einschliefen.
Aber das war doch verrückt. Sie schloß für eine Sekunde die Augen, ballte die Hand ruckartig zur Faust und öffnete sie
ebenso ruckartig wieder. Während sie dies tat, redete sie sich mit aller Gewalt ein, daß es nichts als Einbildung gewesen sein konnte. Wenn sie die Lider wieder hob, war die Spinne verschwunden, ganz zweifellos durch die schnelle Bewegung aufgeschreckt und in die Flucht getrieben. Es konnte gar nicht anders sein.
Aber als sie es schließlich tat, war das Tier noch da. Und diesmal gab es gar keinen Zweifeclass="underline" sie saß nicht einfach nur da, lauerte auf Beute oder tat, was Spinnen auch immer tun mögen, wenn sie manchmal stundenlang reglos auf der Stelle verharren. Sie saß ganz eindeutig da und starrte sie an. Der Blick ihrer winzigen Augen war direkt in den Charlottes gerichtet, und das war noch nicht einmal das Schlimmste. Schlimmer – geradezu grauenerregend – war das, was Charlotte in diesem halben Dutzend mikroskopischer Kristallsplitter sah. Erkennen. Begreifen. Ein Verstehen der Dinge, das vielleicht anders war als das Charlottes und das aller anderen Menschen, so radikal anders, daß es keinerlei Bezugspunkt zwischen ihnen geben konnte, aber trotzdem vorhanden. Dieses winzige Etwas war alles, nur kein vernunftloses Tier. Es lebte. Es dachte. Und im Moment dachte es ganz eindeutig über sie nach.
Die Erkenntnis sickerte nur ganz langsam in Charlottes Bewußtsein; wie ein zähflüssiges Gift, das sich seinen Weg mühsam durch einen trockenen Schwamm bahnen mußte, bevor es seine Wirkung entfalten konnte. Doch als es dies schließlich tat, geschah es mit fast explosiver Wucht.
Charlotte schrie auf und riß die Hand, deren Finger noch immer zehn Zentimeter über der Spinne verharrten, mit solcher Kraft zurück, daß sie sich allein dadurch selbst aus dem Gleichgewicht brachte. Diesmal gab es kein sekundenlanges Balancieren auf der Trittleiter, keinen armwedelnden Kampf um ihr Gleichgewicht, und nichts, woran sie sich hätte festhalten können. Sie fiel, sofort und so schwer, als wäre sie aus fünf Metern Höhe herabgestürzt, nicht aus fünfzig Zentimetern.
Der Aufprall war grauenhaft. Er kam viel schneller, als sie erwartet hatte, und er war grausam hart. Sie konnte hören, wie ihr linker Oberschenkel brach, und alles, was sie über Unfälle wie diese zu wissen geglaubt hatte, stellte sich als falsch heraus: Es war weder so, daß sie gar nicht verstand, was ihr widerfuhr, noch, daß sie keine Schmerzen gehabt hätte.
Sie begriff sehr wohl, daß diese winzige schwarze Spinne dort oben gekommen war, um sie für alles bezahlen zu lassen, was sie ihren Brüdern und Schwestern in den vergangenen Jahrzehnten angetan hatte, und daß es mit diesem Sturz keineswegs vorbei war. Und was den Schmerz anging: Charlotte hatte in ihrem Leben niemals schwere Unfälle oder Krankheiten erlitten, so daß größere Schmerzen ihr bisher erspart geblieben waren und ihr jede Vergleichsmöglichkeit fehlte. Aber sie glaubte nicht, daß es noch viel schlimmer werden konnte. Sie hätte geschrien, aber der Aufprall hatte ihr die Luft aus den Lungen gepreßt, und außer ihrem Oberschenkelknochen mußte wohl noch mehr zu Bruch gegangen sein, denn sie konnte kaum atmen. Sie bekam Luft, aber es war gerade genug, um am Leben und bei Bewußtsein zu bleiben, aber nicht, um zu schreien oder sich irgendwie zu rühren.
Mühsam öffnete sie die Augen. Selbst diese kleine Anstrengung kostete sie bereits Kraft, und die Schmerzen in ihrem Bein wurden noch schlimmer, als hätte der Befehl an ihre Lider, sich zu heben, einen Impuls in ihrem gesamten Nervensystem ausgelöst, der in einer Explosion dicht unterhalb ihrer Hüfte endete. Diese neuerliche Welle der Pein ließ sie die Kontrolle über ihre Blase verlieren, und die klebrige Nässe des Blutes an ihrem Oberschenkel vermischte sich mit einer anderen Wärme, die aus ihrem Körper herausfloß. Charlotte wimmerte leise; nicht vor Schmerz, sondern aus einem anderen Gefühl heraus, das noch viel schlimmer als der körperliche Schmerz war. Scham, Erniedrigung und Ekel vor sich selbst.
Für eine geraume Weile lag sie mit wieder geschlossenen Augen so da, mit verdrehten Gliedern, in einer allmählich größer werdenden Lache aus Blut und Urin und leise winselnd. Der Gestank war überwältigend, und sie empfand ihn noch hundertmal intensiver, als er wirklich war. Sie betete darum, das Bewußtsein zu verlieren und lange genug ohnmächtig zu bleiben, um sich dabei halbwegs zu erholen, so daß sie sich zum Schrank schleppen und einen Aufnehmer herausholen konnte, um hinter sich sauberzumachen, ehe sie den Krankenwagen rief – oder zu sterben. Sie wollte nicht, daß man sie so fand. Nicht so hilflos und so schmutzig. Es war nicht ihre Schuld. Ein Unfall. Jeder würde ihr versichern, daß sie absolut keinen Grund hätte, sich zu schämen. Aber das stimmte nicht. Was immer man ihr vorwerfen wollte – sie hatte ihr ganzes Leben lang gegen Ungeziefer, Unrat und Schmutz gekämpft, und sie wollte nicht so schmutzig gefunden werden. Dann lieber tot.
Aber ihre Gebete wurden nicht erhört. Sie blieb bei Bewußtsein, aber die Kraft kehrte nicht in ihren Körper zurück, und auch die Schmerzen nahmen nicht ab. Und als sie endlich die Augen wieder öffnete, sah sie die Spinne.
Sie hockte zehn Zentimeter vor ihrem Gesicht auf dem Boden und starrte sie an, und in ihren Augen war noch immer dieses beunruhigende Erkennen, das weit über bloßes tierisches Verständnis hinausging und das Charlotte auf seine Art mehr angst machte als der Gedanke an ihr gebrochenes Bein oder die Schande, die es bedeuten würde, so gefunden zu werden. Da war etwas wie Triumph im Blick dieser winzigen Augen; nein, kein Triumph: die Zufriedenheit beim Anblick einer langen, schweren, aber bewältigten Arbeit. DiesesTier war gekommen, um sie zu töten, und es hatte sein Werk fast vollbracht.