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Sie mußte aus diesem Alptraum erwachen. Sie durfte sich nicht unterkriegen lassen. Jeder mußte für sich selbst entscheiden, was er tat, und niemand hatte das Recht, sich in diese Entscheidung einzumischen. Wenn ihr Krieg gegen den Schmutz und die Schädlinge nichts als ein Krieg gegen sich selbst gewesen war, dann war das ihre Sache. Und sie würde diesen Krieg weiterführen, gleich morgen, wenn sie wieder auf den Beinen war.

Doch zuerst mußte sie hier raus.

»Es … es tut mir so leid«, log sie. »Ich werde dafür büßen.« O ja, antwortete die Spinne mit einem Seufzen, in dem zugleich eine tiefeTraurigkeit und eine chitinklare Härte lag. Das wirst du.

Sie machte einen Satz und sprang Charlotte ins Gesicht, und mit einer Verzögerung von vielleicht einer halben Sekunde rückte die gesamte restliche Insektenarmee näher, und Charlotte begriff zu spät, daß sie sich getäuscht hatte. Es war keine Halluzination. Die Kreaturen waren da. Sie waren gekommen, um sie für alles bezahlen zu lassen, was sie ihnen angetan hatte. Sie krochen in ihre Haare, ihre Ohren, den Mund und die Nase, sie huschten über ihre Haut und suchten sich ihren Weg unter ihre Kleider, stechend, beißend, kratzend. Einige wenige dieser Stiche und Bisse taten spürbar weh, die meisten aber vermochten sie nicht wirklich zu verletzten. Es war allenfalls wie das Scheuern von feinem Sandpapier auf der Haut, das im ersten Moment nicht einmal wirklich unangenehm, geschweige denn schmerzhaft war.

Aber nur im ersten Moment. Zwanzig Jahre waren lang. Sie hatte viele unschuldige Leben ausgelöscht in dieser Zeit, und sie waren alle gekommen.

Ausnahmslos.

»Das ist … lächerlich«, sagte Johannes. Er sagte es ohnesonderliche Überzeugung und auch nicht besonders laut, dafür aber mit um so größerer Nervosität. Sein Blick war scheinbar auf Salids Gesicht gerichtet, aber das stimmte nicht. In Wahrheit starrte er einen Punkt fünf Zentimeter vor Salids Augen an.

Und Brenner … empfand eigentlich gar nichts. Salids Behauptung war einfach grotesk. Lächerlich. Völlig verrückt. Aber er war weder überrascht noch erstaunt oder gar amüsiert. Er kam sich vor wie der Zuschauer in einem Film, der von seinem bequemen Kinosessel aus die Handlung oben auf der Leinwand verfolgte, ohne wirklich daran beteiligt zu sein; im Grunde auch ohne, daß sie ihn wirklich interessierte. Abwechselnd betrachtete er Salids und Johannes' Gesicht, und ihm fiel zum erstenmal auf, wie unnatürlich ihr Mienenspiel wirkte: Sie beide kämpften offenbar mit aller Kraft um ihre Fassung, und bei beiden schien nicht sicher, daß sie diesen Kampf gewinnen würden.

Draußen, weit entfernt, heulte eine Polizeisirene, und das Geräusch ließ den Hauch von Irrealität verschwinden, der sich wie ein unsichtbarer Nebel im Raum ausgebreitet hatte. Obwohl Salid noch vor einigen Augenblicken behauptet hatte, daß sie hier vollkommen sicher wären, fuhr er doch hoch und stand auf und ging mit schnellen Schritten zum Fenster. Mit Daumen und Zeigefinger zog er die Gardinen einen Spalt breit auseinander und blickte auf die Straße hinab. Das Geräusch der Polizeisirene kam näher und veränderte zugleich seineTonlage; der Wagen wurde langsamer. Ein vertikaler Streifen flackernder blauer Helligkeit erschien auf Salids Gesicht und spaltete es in zwei ungleiche Hälften, von denen die eine immer, die andere in regelmäßigem, schnellem Wechsel im Dunkel lag und wieder daraus auftauchte. Trotzdem blieb es vollkommen unbewegt. Das Mienenspiel, das Brenner zu beobachten glaubte, war nur eine Illusion aus Licht und Schatten. Salid wirkte angespannt und sehr aufmerksam; obwohl das enervierende Heulen und das flackernde blaue Licht das Gegenteil zu beweisen schienen, fühlte er sich offenbar sehr sicher. Auf welchen Schutz vertraute er, dachte Brenner.

Das Geräusch der Sirene wurde allmählich wieder leiser, und lange, bevor es endgültig verklang, erlosch das blaue Flackern auf Salids Gesicht. Trotzdem blieb er am Fenster stehen und blickte weiter auf die Straße hinab, und auch der Ausdruck auf seinen Zügen änderte sich nicht. Vielleicht konnte er das gar nicht mehr, überlegte Brenner. Er kannte diesen Mann kaum, aber nach allem, was er über ihn gehört hatte, mußte er die letzten zehn Jahre seines Lebens wie ein gejagtes Tier verbracht haben: ununterbrochen auf der Flucht, unentwegt auf der Hut, immer angespannt, jederzeit bereit, zuzuschlagen oder davonzulaufen. Vielleicht konnte er schon gar nicht mehr an ders. Brenner fragte sich, ob dieser Mann überhaupt noch wußte, was das Wort Sicherheit bedeutete, was es hieß, keine Angst zu haben, und er kam zu dem Schluß, daß dem wahrscheinlich nicht so war.

»Finden Sie es auch lächerlich?« fragte Salid nach einer Weile und ohne den Blick vom Fenster zu wenden, so daß Brenner fast eine Sekunde benötigte, um überhaupt zu begreifen, daß die Worte ihm galten.

Brenner wollte antworten, aber er konnte es gar nicht. Salids direkte Frage machte ihm klar, daß er sich bisher mit Erfolg darum herumgemogelt hatte, tatsächlich über das nachzudenken, was der Palästinenser gesagt hatte. Er fühlte sich hilflos. Das überzeugte »Natürlich! «, das die logische Antwort – die einzige Antwort – gewesen wäre, wollte nicht kommen. Er hatte sich etwas vorgemacht, als er glaubte, bei Salids Worten nichts zu empfinden. Die Stumpfheit in ihm war keine Leere. Sie war etwas Fremdes und Erschreckendes, das von den natürlichen Schutzmechanismen seines Bewußtseins nur zur Leere deklariert worden war, damit er sich nicht mit dem Problem auseinandersetzen mußte.

Salid drehte sich nun doch vom Fenster herum und sah ihn direkt an. Er wiederholte seine Frage nicht, aber sein Blick war zwingender als alles, was er hätte sagen können. Brenner hielt diesem Blick nicht einmal eine Sekunde lang stand, ehe er wegsah und unbehaglich die Hände bewegte; vielleicht nur, um Zeit zu gewinnen.

»Ich glaube nicht an … so etwas«, sagte er schließlich. Salid legte fragend den Kopf auf die Seite.

»An den Teufel«, sagte Brenner widerwillig. Salids Blick wurde noch eine Spur härter, und fast gegen seinen Willen hörte Brenner sich hinzufügen: »Oder Gott.«

Das Eingeständnis fiel ihm erstaunlich schwer. Er hatte nie zu jenen aktiven Gegenchristen gehört, die ihren Standpunkt bei jeder sich bietenden Gelegenheit offenbarten und fast ebenso fanatisch verteidigten wie die, deren Glauben sie angeblich nicht teilten, den ihren. Er hatte irgendwann einmal, schon vor langer Zeit, darüber nachgedacht, ob es so etwas wie eine höhere Gerechtigkeit im Universum gab, und war zu dem Schluß gekommen, daß sie nicht existierte und das Schicksal nicht einmal willkürlich war, sondern nicht vorhanden: eine Aneinanderreihung von Zufällen und naturwissenschaftlich zwingenden Abläufen, die nichts mit einer göttlichen Gerechtigkeit oder gar einem lenkenden Willen zu tun hatte. Er behielt diesen Standpunkt zumeist für sich, aber es war ihm doch nie schwergefallen, ihn zu vertreten, geschweige denn, ihn laut auszusprechen. Jetzt fiel es ihm schwer, und er wußte auch, warum. Es war die Anwesenheit des Geistlichen. Für einen ganz kurzen Moment, in dieser Zeit aber sehr intensiv, haßte er Salid dafür, daß er ihn zwang, in Johannes' Gegenwart über sein Verhältnis zu Gott und dem Schicksal zu reden.

»Danach habe ich nicht gefragt«, sagte Salid.

»Aber das ist meine Antwort.« Brenner hörte selbst, daß er einfach nur trotzig klang. Trotzdem fuhr er fort: »Man kann schlecht an den Teufel glauben, wenn man nicht an Gott glaubt, oder?«

Er sah sich bei diesen Worten kurz nach Johannes um, fast, als erwarte er Beistand von ihm, aber alles, was er in den Augen des jungen Jesuitenpaters las, war ein schwaches Echo des Entsetzens von gerade und vielleicht ein Ausdruck, über den er lieber nicht nachdenken wollte. Wie oft mochte Johannes so etwas schon gehört haben? Sicher schon zu oft, um sich wirklich darüber zu empören, und wahrscheinlich auch zu oft, um noch immer mit missionarischem Eifer gegen diesen Standpunkt anzugehen. Mit großer Sicherheit hatte er hundert geschliffene Antworten darauf parat, von denen jede einzelne gut genug war, Ketzer wie Brenner zum Verstummen zu bringen; aber er lächelte nur kurz und traurig und starrte dann wieder auf einen imaginären Punkt irgendwo im Nichts vor sich.