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»Zehn Jahre?« Brenner sah ihn zweifelnd an. »Dann müssen Sie noch ein halbes Kind gewesen sein, als Sie mit Ihrer Suche angefangen haben.«

Johannes ignorierte seine Frage. Er wollte nicht über den Grund sprechen, aus dem er sich für dieses Kloster und sein Geheimnis interessiert hatte, und wahrscheinlich war es besser, wenn sie das zumindest im Moment akzeptierten. »Ich weiß nicht, wer diese Leute sind, aber ich glaube, der Orden ist so alt wie die katholische Kirche, vielleicht sogar älter.«

Vielleicht wurde ihm selbst in diesem Moment klar, welche Wirkung seine Worte auf Salid und Brenner haben mußten, denn er schrak sichtbar zusammen, löste seinen Blick von jenem imaginären Punkt im Nichts oder der Vergangenheit und sah Salid herausfordernd an. »Es gibt ein Geheimnis dort, aber ich weigere mich zu glauben, daß sie denTeufel dort eingesperrt haben.«

»Warum sind Sie dann hier?« fragte Salid.

»Weil Sie mich dazu gezwungen haben«, antwortete Johannes. Salid machte sich nicht einmal die Mühe, darauf zu reagieren. Johannes schien einen Moment lang regelrecht auf Widerspruch zu warten, doch als er merkte, daß nichts kam, fuhr er in ruhigeremTon fort: »Ich kenne das Geheimnis nicht wirklich. Ich nehme an, daß es außerhalb der Mauern dieses Klosters nur zwei oder drei Menschen gibt, die es kennen. Vielleicht gab es nur einen einzigen – und den haben Sie getötet.«

» Es war ein Unfall«, sagte Salid. »Ich wollte das nicht. Und ich bedaure es.«

Der Einwurf überraschte Brenner. Nach allem, was er über Salid gehört hatte, schien er ein Mann zu sein, der zahllose Menschen getötet hatte und dem ein Leben nichts galt. Auf jeden Fall ein Mensch, zu dem es nicht paßte, sich auf diese Weise zu verteidigen.

Wenn Johannes den Einwurf überhaupt gehört hatte, so ignorierte er ihn. »Ich kenne ihr Geheimnis nicht«, sagte er noch einmal. »Aber ich glaube, ich weiß, womit es zu tun hat. Ich weiß, worauf sie sich vorbereiten.«

»Worauf?« wollte Brenner wissen.

Johannes sah ihn offen an, und die latente Furcht in seinen Augen war nun zu einer sichtbaren Glut geworden; ein Schwelbrand, der nicht erlosch, sondern kurz davorstand, in Flammen auszubrechen.

»Auch wenn Sie behaupten, kein Christ zu sein«, sagte er. »Kennen Sie die Bibel? Die Offenbarungen des Johannes?«

Brenner mußte in der Tat einen Moment überlegen, aber nicht sehr lange. »Johannes?« fragte er. »Sie meinen, das Jüngste Gericht? Den Weltuntergang und all das?«

»Die Apokalypse«, bestätigte Johannes ernst.

Brenner blickte ihn zwei, drei Sekunden lang fassungslos an, dann begann er schrill und unecht zu lachen. »Das wird ja immer verrückter! « sagte er. Er deutete auf Salid und dann auf Johannes. »Zuerst behauptet er, daß in diesem Kloster der Satan persönlich gefangengehalten worden wäre, und jetzt wollen Sie mir erzählen, der Weltuntergang stünde bevor?«

»Nein«, sagte Johannes ruhig. »Er steht nicht bevor. Er hat bereits begonnen.«

Es war sehr still im Inneren des Einsatzwagens. Die einzigen Geräusche, die zu hören waren, waren das von statischem Rauschen untermalte Brabbeln des Funkverkehrs und ein regelmäßiges metallisches Klicken, das daher kam, daß der junge Streifenpolizist neben Heidmann nervös an seiner Waffe herumspielte. Heidmann hatte ihn deshalb schon ein halbes dutzendmal angesehen – und sich bei dieser Gelegenheit jedesmal davon überzeugt, daß die Pistole gesichert war – , und der Junge hatte seine nervösen Fingerübungen auch jedesmal eingestellt, aber nie für sehr lange. Heidmann konnte ihn verstehen. Der junge Streifenpolizist – Heidmann schätzte ihn auf allerhöchstens zwei-, dreiundzwanzig, und wenn er Pech hatte, war dies sogar sein erster richtiger Einsatz – war nicht der einzige hier, der nervös war und vermutlich Angst hatte. Außer ihm, Heidmann selbst und den beiden Abhörspezialisten, hielten sich noch fünf weitere uniformierte Beamte im Inneren des rundum geschlossenen Ford Transit auf, der fünfzig Meter entfernt von der Pension geparkt auf dem Bürgersteig stand, und sie alle waren nervös und hatten auf die eine oder andere Weise Angst. Einige mehr, einige weniger. Aber vermutlich hatte er von allen hier die größte Angst vor dem, was auf sie zukommen mochte – ganz einfach, weil er sich vermutlich am besten vorstellen konnte, was wirklich möglich war.

Unglückseligerweise war er auch der Leiter dieser kleinen Einsatzgruppe und durfte seine Furcht nicht zeigen, aber vielleicht konnte er sie als Vorsicht tarnen.

»Sie kommen.«

Heidmann warf dem Mann hinter dem Steuer einen bösen Blick zu, ehe er dessen ausgestreckter Hand folgte. Es dauerte einen Moment, bis er die beiden dunkel gekleideten Gestalten identifizierte, die sich dem Wagen näherten. Sie gaben sich nicht einmal Mühe, zu schleichen oder besonders unauffällig zu sein, aber allein die Farbe ihrer Kleidung ließ sie beinahe mit der Nacht verschmelzen. Heidmann stand auf, ging gebückt nach hinten und öffnete eine Hälfte der hinteren Wagentür, gerade als einer der beiden die Hand nach dem Griff ausstreckte.

»Kommissar Heidmann?« Der amerikanische Akzent war unüberhörbar, und zumindest den, der ihn angesprochen hatte, hätte He idmann auch so auf den ersten Blick als CIA-Agent erkannt, denn er entsprach so genau dem Klischee, als wäre er eigens nach diesen Kriterien ausgesucht worden: Er war mindestens eins neunzig groß und hatte eine entsprechende Schulterbreite, die Hände und das Gesicht eines Preisboxers und einen blonden Bürstenhaarschnitt. Er mußte sich bücken, um zu Heidmann in den Wagen hinaufzusteigen.

Sein Begleiter schien das genaue Gegenteiclass="underline" ein kleiner, drahtiger Bursche in einem zerknitterten Anzug, der jedoch den gleichen Friseur zu haben schien und sich auf eine schwer zu beschreibende Art ähnlich bewegte wie der erste.

Heidmann ließ die beiden Männer einsteigen, schloß die Tür hinter ihnen und wandte sich dann mit einer betont langsamen Bewegung um. Sein Blick glitt dabei unauffällig über die Gesichter der Polizeibeamten, die auf der harten Bank auf der rechten Seite des Wagens Platz genommen hatten, und er sah überall den gleichen Ausdruck: eine Mischung aus Nervosität, Anspannung und zumindest bei zweien oder dreien eine ungesunde Bewunderung, die wahrscheinlich weniger den beiden Amerikanern galt als vielmehr dem, was sie waren.

»Ich bin Kommissar Heidmann«, sagte er überflüssigerweise und ganz instinktiv an den größeren der beiden gewandt, der, der ihn gerade angesprochen hatte. »Und Sie sind – ?« »Smith, CIA«, antwortete der blonde Riese. Er ignorierte Heidmanns ausgestreckte Hand, lächelte aber für einen Moment durchaus freundlich und deutete dann mit einer Kopfbewegung auf seinen Begleiter. »Das ist Agent Kenneally. Und ehe Sie fragen: Ich heiße wirklich Smith.«

Heidmann lachte, aber Smith wurde sofort wieder ernst, wandte sich mit einem fragenden Blick an die beiden Männer auf der linken Seite des Wagens. Anstelle einer Sitzbank gab es dort einen schmalen Tisch, auf dem sich Dutzende kompliziert aussehender elektronischer Apparaturen um den Platz stritten. Einer von beiden lauschte gebannt in seine Kopfhörer und beobachtete dabei scheinbar konzentriert das langsame Drehen der überdimensionalen Spulen eines Tonbandgeräts. Auch der andere trug einen Kopfhörer, hatte ihn aber so aufgesetzt, daß das linke Ohr frei blieb. »Wie sieht es aus?«

Der Beamte warf Heidmann einen fragenden Blick zu, auf den dieser mit einem angedeuteten Kopfnicken reagierte, bevor er antwortete. »Sie sind es, gar kein Zweifel.«

Smith tauschte einen bezeichnenden Blick mit Kenneally, dann wandte er sich an Heidmann, während er gleichzeitig ein kaum zigarettenschachtelgroßes Funkgerät aus der Tasche seines Maßanzuges zog. »Sie haben nichts unternommen?«

Heidmann begriff erst mit ein oder zwei Sekunden Verzögerung, daß diese Frage eine zumindest versteckte Beleidigung beinhaltete, denn seine Befehle waren in dieser Richtung eindeutig gewesen. Smith schien sein Schweigen jedoch schon als Antwort angenommen zu haben, denn er drückte die Taste seines Funkgerätes und begann leise und so schnell in seiner Muttersprache hineinzusprechen, daß Heidmann kaum ein Wort verstand, obwohl er sich eigentlich einbildete, ganz gut Englisch zu können. Zumindest bekam er genug mit, um zu begreifen, daß Smith einigen anderen Männern Anweisungen gab, sich bereitzuhalten.