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Heidmann fragte sich, wie viele dort draußen in der Dunkelheit wohl warten mochten. Nach allem, was er über Salid gehört hatte, wahrscheinlich die halbe CIA. Und jeder Polizeibeamte aus zwanzig Kilometern Umkreis, egal ob er Dienst hatte oder nicht. Abu el Mot konnte sich im Moment mit großer Wahrscheinlichkeit der zweifelhaften Ehre rühmen, der meistgesuchte Mann der Welt zu sein.

Smith steckte sein Funkgerät wieder ein und wandte sich an den Mann amTonband. »Worüber reden sie?«

Der Mann zog den Kopfhörer ganz herunter und sah für einenMoment fast hilflos aus. »Über … Gott«, sagte er. »Wie?« fragte Heidmann.

»Über Gott und das Jüngste Gericht«, bestätigte der Beamte.

»Er hat einen Priester dabei«, sagte Kenneally.

»Den Jesuitenpater, den er entführt hat«, fügte Heidmann hinzu.

»Es steht nicht fest, ob er ihn wirklich entführt hat«, erwiderte Kenneally. »Und selbst wenn – das ändert nichts daran, daß der Mann gefährlich ist. Sind Sie sicher, daß sie keinen Verdacht geschöpft haben?«

Der Mann am Tonband schüttelte überzeugt den Kopf und strich fast liebkosend mit der Hand über seine Geräte. »Wir sind nicht einmal in die Nähe des Hauses gekommen«, sagte er. »Das ist auch nicht nötig. Sie können jedes Wort hören, das sie sprechen, über fünfzig Meter hinweg und durch eine geschlossene Glasscheibe. So deutlich, als stünden sie hier im Raum.« Er hob die Hand und streichelte seine Geräte, und er sah Kenneally dabei auffordernd an, als warte er nur auf eine entsprechende Frage, um die Vorzüge seiner technischen Wunderwerke rühmen zu können. Als diese nicht kam, wirkte er ein wenig enttäuscht, sagte aber nichts mehr.

»Okay«, sagte Smith. Er wandte sich direkt an Heidmann: »Das war gute Arbeit, Herr Kommissar. Ab jetzt übernehmen wir den Fall.« Er wollte unverzüglich an Heidmann vorbei und wieder zurTür gehen, aber Heidmann hielt ihn rasch am Arm zurück.

»Einen Moment«, sagte er.

Smith blickte stirnrunzelnd auf Heidmanns Hand, die auf seinem Unterarm lag, und Heidmann löste beinahe hastig seinen Griff. Trotzdem fuhr er ruhig, aber mit großem Nachdruck in der Stimme fort: »Ich habe andere Befehle, Agent Smith.«

Smith' Blick zeigte nicht die mindeste Regung; seine Augen waren kalt wie bemalte Glaskugeln. »Und wie lauten diese Befehle?«

»Ich soll Sie in jeder erdenklichen Form unterstützen«, antwortete Heidmann. »Aber das bedeutet nicht, daß ich die Hände in den Schoß lege und zusehe.«

»Sie unterstützen uns genug, wenn Sie uns unsere Arbeit tun lassen«, sagte Smith. »Salid ist unser Problem. Wir sind seit zehn Jahren hinter ihm her.«

»Das war er vielleicht«, antwortete Heidmann. »Jetzt ist er es nicht mehr. Er hat einige hundert Bürger unseres Landes umgebracht, Mr. Smith. Wir werden diese Geschichte gemeinsam durchziehen.«

Smith' Augen blieben weiter so ausdruckslos und kalt wie bisher, aber Heidmann konnte regelrecht sehen, wie es dahinter arbeitete. »Seien Sie vernünftig, Herr Kommissar«, sagte er. »Es ist – «

»Ich bin vernünftig«, unterbrach ihn Heidmann, eine Spur lauter und eine Spur schärfer. »Ich befolge nur meinen Auftrag. «

»Ich könnte Sie zwingen«, sagte Smith.

»Tun Sie das«, erwiderte Heidmann ruhig. »Aber solange mir niemand das Gegenteil befiehlt, werde ich tun, wozu ich hergeschickt wurde: Ihnen dabei helfen, diesen Terroristen zu fangen. « Und dafür sorgen, daß er diese Nacht überlebt, fügte er in Gedanken hinzu. Vielleicht tat er Smith und seinem Kollegen damit ja unrecht, aber er hatte das Gefühl, daß der Auftrag der beiden CIA-Agenten diesen Umstand nicht unbedingt einschloß.

»Wir stehen auf derselben Seite, Agent Smith«, fuhr er fort. Smith blickte ihn noch einen Moment lang nun fast wütend an, aber dann zuckte er mit den gewaltigen Schultern. »Ganz wie Sie meinen«, sagte er.

Heidmann lauschte einen Moment lang angespannt auf irgendeinen Unterton von Drohung oder Verrat, schalt sich dann aber in Gedanken selbst einen Narren. Offenbar hatte er zu viele schlechte Kriminalfilme gesehen. Smith hatte es versucht und begriffen, daß sie tatsächlich im selben Boot saßen und nur verlieren konnten, wenn sie sich jetzt um Kompetenzen stritten.

»Wie wollen Sie vorgehen?« fragte er.

Smith machte eine Kopfbewegung; nicht zum Hotel, sondern auf die geschlossene Hecktür des Wagens. »Ich habe eine Einheit zur Hintertür geschickt«, sagte er, »und eine zweite auf das Dach. Sobald die Männer Stellung bezogen haben, schlagen wir zu.« Er schwieg einen Moment, in dem er die beiden Männer an den Überwachungsgeräten und ihre Apparaturen aufmerksam musterte, dann fuhr er fort: »Es wäre vielleicht gut zu wissen, wie viele Personen sich sonst noch im Haus aufhalten. Können Sie das herausfinden?«

»Wenn sie laut genug schnarchen, ja«, antwortete der Mann, der zuvor schon mit ihm gesprochen hatte. Heidmann zog strafend die Augenbrauen hoch, und er rettete sich in ein verlegenes Grinsen und sagte: »Ich werde es versuchen.«

»Gut.« Smith klopfte mit der flachen Hand auf die Tasche, in der er sein Walkie-Talkie hatte verschwinden lassen. »Dann geben Sie mir Bescheid, sobald Sie etwas herausgefunden haben.« Er wandte sich wieder direkt an Heidmann. »Sie und Ihre Männer sichern die Vordertür. Aber Sie unternehmen nichts, solange ich nicht das Kommando gebe.«

Es lag Heidmann auf der Zunge, zu widersprechen – niemand hatte diesem Amerikaner das Kommando über die Aktion erteilt, und möglicherweise war Smith' so plötzliches Nachgeben gerade gar kein Nachgeben gewesen, sondern nur eine andereTaktik. Aber dann fielen ihm gerade noch rechtzeitig seine eigenen Worte ein: Sie standen auf derselben Seite. Sie gewannen nichts, wenn sie sich stritten.

Smith schien seine Gedanken zu lesen, denn er sah ihn ungefähr zwei Sekunden lang stumm und sehr durchdringend an, ehe er in sehr viel leiserem, aber fast beschwörendem Tonfall fortfuhr. »Sie dürfen diesen Mann auf gar keinen Fall unterschätzen, Kommissar Heidmann. Es ist gefährlicher, als Sie es sich auch nur vorstellen können.«

»Ich weiß«, sagte Heidmann, aber Smith schüttelte erneut den Kopf.

»Nein, das wissen Sie nicht«, behauptete er. »Salid ist kein Mensch. Nicht in dem Sinne, in dem Sie das Wort benutzen. Er ist eine Maschine. Eine tödliche, präzise arbeitende Mordmaschine, die kein Gewissen, kein Zögern und keine Skrupel kennt. Halten Sie sich das in jeder Sekunde vor Augen. Er ist schon aus Situationen entkommen, die aussichtsloser erschienen als diese hier, und jedesmal hat er Tote zurückgelassen; meine Männer, seine eigenen Männer, Unbeteiligte, die einfach das Pech hatten, ihm im Weg zu stehen. Salid tötet, wie Sie eineTür öffnen oder einen Wagen starten. Vergessen Sie das niemals! «

Hätte er auch nur zwei Sekunden weitergeredet, hätte Heidmann ihn unterbrochen. Smith' Worte, so übertrieben sie auch klingen mochten, jagten ihm einen Schauer über den Rücken, und viel schlimmer war vermutlich noch die Wirkung, die sie auf die anderen Männer im Wagen hatten. Er war froh, als Smith sich herumdrehte und die Tür öffnete.

Trotzdem hielt er ihn noch einmal zurück. »Wie lange sind Sie schon hinter ihm her?« fragte er.

»Hinter Salid?« Smith' Gesicht verdüsterte sich, und etwas Ungutes erschien in seinen Augen. »Zu lange.«

Er ging, aber seine Worte hinterließen etwas in Heidmann; ein Wissen, auf das er lieber verzichtet hätte. Der Ausdruck, den er in den Augen des Amerikaners gesehen hatte, hatte ihn zutiefst erschreckt, denn er hatte ihm klargemacht, daß Smith mehr war als ein durchschnittlicher CIA-Agent, der einenTerroristen jagte, und Salid für ihn mehr als irgendein Verbrecher, den er zur Strecke zu bringen hatte. Er wußte nicht, was zwischen diesen beiden Männern vorgefallen war, und er würde es vermutlich auch niemals erfahren, aber eines wußte er plötzlich mit Sicherheit: Was immer heute nacht geschehen würde, was immer er tat oder versuchte, da waren Smith und Salid, und nur einer von diesen beiden würde die Nacht überleben.