»Das ist lächerlich«, sagte Brenner. Er hielt sich mit der linken Hand am Waschbecken fest und deutete mit der anderen auf Salid. »Von ihm hätte ich so etwas vielleicht noch erwartet, aber ich dachte, daß Sie etwas vernünftiger wären. Der Weltuntergang? Apokalypse Now? Nehmen Sie es mir nicht übel, Johannes, aber das ist einfach albern.«
»Aber es paßt alles zusammen«, protestierte Johannes. »Sehen Sie es denn nicht? Sind Sie denn blind? Es ist alles in den Offenbarungen aufgeschrieben, und sie erfüllen sich, eine nach der anderen! Wir haben nicht mehr viel Zeit! Die Welt steuert unaufhaltsam auf den Abgrund zu! «
»Das tut sie seit fünfzig Jahren«, erwiderte Brenner.
»Aber niemals so! « Johannes hob die Hand, wie um sie zur Faust zu ballen und auf denTisch zu schlagen, führte die Bewegung aber nicht zu Ende. »Begreifen Sie denn nicht? Es ist alles wahr, was in der Bibel steht. Johannes hat es uns offenbart, und seine Worte erfüllen sich! Lesen Sie es nach! Und es fiel vom Himmel ein großer Stern, brennend wie eine Fackel. Er fiel auf den drittenTeil der Flüsse und auf die Wasserquellen … und viele Menschen starben an den Wassern, weil sie bitter geworden waren. Die Engel haben begonnen, die sieben Siegel zu brechen. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Und Alexander und seine Brüder wußten es. Sie haben sich darauf vorbereitet. Seit Jahrhunderten schon. «
»Es hat ihnen nur nicht viel genutzt«, antwortete Brenner. Johannes ignorierte seinen Einwurf. »Ich kann Sie vermutlich nicht von etwas überzeugen, woran Sie nicht glauben wollen«, sagte er. »Aber wenn Sie ehrlich zu sich selbst wären, würden Sie zugeben, daß ich recht habe. Machen Sie die Augen auf. Sagen Sie mir, was in der Welt geschieht, und ich sage
Ihnen, wo in den Offenbarungen des Johannes die passende Vorhersage steht. Wort für Wort.«
»Ich kenne die Bibel nicht so gut wie Sie«, antwortete Brenner, »aber ich vermute, daß für jede Situation irgendwo die passende Prophezeiung zu finden ist.«
Johannes wirkte nun eindeutig wütend, zugleich aber auch sehr enttäuscht. »Was ist los mit Ihnen, Brenner?« fragte er. »Haben Sie Angst, daß ich Sie überzeugen könnte, oder – «
»Hört auf!« sagte Salid. Er hatte nicht einmal besonders laut gesprochen, aber wieder in jenem scharfen, alarmierten Ton, der sowohl Brenner als auch Johannes auf der Stelle verstummen ließ. Brenner wandte den Kopf und sah erst jetzt, daß Salid die Tür erneut einen Fingerbreit geöffnet hatte und offenbar angespannt auf den Flur hinauslauschte.
»Was ist los?« fragte er.
Salid brachte ihn mit einer nur angedeuteten Geste zum Verstummen, verharrte drei, vier weitere Sekunden lang reglos an der Tür und schloß sie dann wieder. Rasch drehte er sich herum, eilte zum Fenster und zog die Gardinen einen Spaltbreit auseinander.
»Was haben Sie?« fragte Brenner erneut. »Ist irgend etwas nicht in Ordnung?«
Salid lugte angespannt auf die Straße hinaus, und obwohl Brenner sein Gesicht deutlich im Profil erkennen konnte, war ihm keine Regung anzumerken. Nach einigen weiteren Augenblicken trat Salid wieder vom Fenster zurück.
»Nichts«, sagte er. »Ich habe mich wo hl getäuscht. Es ist alles ruhig.«
Aber das war nur das, was er sagte. Sein Gesichtsausdruck und seine Gesten bewiesen das genaue Gegenteil. Er schüttelte heftig den Kopf, legte den Zeigefinger über die Lippen und wies mit der anderen Hand über die Schulter zurück auf das Fenster. Brenner setzte dazu an, eine verwirrte Frage zu stellen, aber Salid brachte ihn mit einem hastigen Wink zum Schweigen und fuhr laut fort:
»Ich bin nervös. Offenbar sehe ich bereits Gespenster. Aber das ist ja kein Wunder.« Gleichzeitig ging er zumTisch, zog ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber aus der Tasche und begann mit hastigen, ineinanderfließenden Großbuchstaben darauf zu schreiben.
SIE SIND DA. EIN WAGEN AUF DER STRASSE. VIELLEICHT MEHR.
Brenner sog erschrocken die Luft zwischen den Zähnen ein, was Salid zu einem neuerlichen, erschrockenen Gestikulieren veranlaßte. »Wir sollten ein paar Stunden schlafen«, sagte er. »Sobald es hell wird, besorge ich uns einen Wagen, und wir verlassen die Stadt.«
Gleichzeitig schrieb er:
ES KANN SEIN, DASS WIR ABGEHÖRT WERDEN. SEID VORSICHTIG!
»Und wohin?« fragte Brenner. Die Worte überraschten ihn fast selbst, und sie veranlaßten auch Salid zu einem erstaunten Stirnrunzeln. Brenner hätte selbst nicht sagen können, warum er das gesagt hatte. Er spielte Salids Spiel mit, aber daß er es tat – daß er es überhaupt konnte – , überraschte ihn von allen hier vielleicht am meisten.
»Darüber denke ich nach, sobald wir aus der Stadt heraus sind«, sagte Salid und schrieb gleichzeitig:
ZWEI ODER DREI SIND AUF DEM DACH. KOMMT MIT! LEISE!
»Legt euch hin und schlaft«, fuhr er fort. »Ich passe eine Stunde auf und wecke dann den ersten.« Er richtete sich wieder auf, ging langsam zur Tür und gab Johannes und Brenner mit Gesten zu verstehen, daß sie ihm folgen sollten. Während er die Klinke herunterdrückte, sagte er:
»Ich gehe noch einmal hinunter. Vielleicht kann ich unserer Zimmerwirtin noch eine Tasse Kaffee abschwatzen. Laßt niemanden herein. Ich klopfe dreimal. «
Er öffnete die Tür, trat auf den Korridor hinaus und zog gleichzeitig seine Waffe. Plötzlich war er ein völlig anderer Mensch, und die Veränderung geschah so schnell und war so radikal, daß sie Brenner fast mehr erschreckte als das, was er
gerade gesagt und geschrieben hatte. Er konnte sein Gesicht nicht einmal sehen, aber Salid, der gerade noch in dem zu kleinen Anzug und mit übermüdetem Gesicht einfach nur bemitleidenswert ausgesehen hatte, war plötzlich der Mann, als den ihn die ganze Welt kannte und fürchtete. Er duckte sich leicht und drehte sich dabei in einem Halbkreis nach links und rechts und wieder zurück, und jede noch so winzige Bewegung strahlte eine Kraft und Schnelligkeit aus, die Brenner erschauern ließ. Es war nichts, was wirklich zu sehen gewesen wäre, aber dafür um so deutlicher zu spüren. Brenner wußte plötzlich einfach, daß er niemals einem Menschen gegenübergestanden hatte, der gefährlicher gewesen wäre als dieser Palästinenser, und er mußte mit einem Male wieder an ihre Flucht aus dem Krankenhaus denken. Er hatte miterlebt, wie Salid zu kämpfen verstand, aber sein noch getrübtes Sehvermögen, vielleicht auch der Schock, hatten dafür gesorgt, daß er gar nicht wirklich begriffen hatte, was geschah. Erst jetzt, im nachhinein, wurde ihm klar, wie nahe die beiden Pfleger und der Arzt dem Tod gewesen waren. Plötzlich, und vielleicht zum erstenmal wirklich, hatte er Angst vor Salid.
Salid hob die linke Hand, legte den Daumen über die Lippen und bedeutete ihnen mit der anderen, nachzukommen. Johannes stand gehorsam auf, aber Brenner zögerte. Seine Gedanken rasten. Wenn er überhaupt noch eine Chance hatte, irgendwie halbwegs unbeschadet aus dieser Geschichte herauszukommen, dann jetzt. Salid würde nicht auf ihn schießen. Er konnte hierbleiben und ihn und diesen verrückten Priester einfach ihrem Schicksal überlassen; oder er konnte mitgehen und mit ziemlicher Sicherheit erschossen werden, wenn sie versuchten, aus dem Hotel zu fliehen. Es war gar keine Entscheidung. Es war so klar, daß er sich fragte, warum er auch nur eine Sekunde darüber nachdachte. Er mußte hierbleiben, wenn er am Leben bleiben wollte.
Seine Knie zitterten noch immer – jetzt allerdings wohl mehr vor Furcht – , aber sie hatten trotzdem die Kraft, seinen Körper zu tragen, und sein Herz hämmerte so laut, daß er glaubte, man müsse es durch das ganze Haus hören, als er dieTür erreichte. Salid war zwei, drei Schritte weit auf den Korridor hinausgetreten und wieder stehengeblieben, und die schlechte Beleuchtung sorgte dafür, daß er nun vollends zu einem drohenden tiefenlosen Schatten geworden war. Er hatte die linke Hand auf das Treppengeländer gelegt und lauschte mit schräggehaltenem Kopf ins Erdgeschoß hinab; die Pistole in seiner Rechten deutete auf das Ende des Korridors und dieTreppe, die hinauf ins Dachgeschoß führte.