»KeinenTon mehr jetzt«, flüsterte Salid. »Wenn wir draußen sind, lauft ihr mir nach. Ganz egal, was passiert, rennt einfach.« Johannes nickte nervös. So deutlich, wie Brenner die Gefahr spürte, die Salid umgab, konnte er die Furcht spüren, die Johannes ausstrahlte; und er spürte auch, daß es eine gänzlich andere Art von Angst war als die, die er empfand. Er hatte Angst um sein Leben, Angst davor, verletzt oder getötet zu werden, und all das empfand Johannes sicherlich auch. Aber da war noch mehr. Da war eine Furcht vor etwas, dessen wahres Ausmaß Brenner nicht einmal erahnte. Ob der Priester nun verrückt war oder nicht, er glaubte das, was er gerade erzählt hatte.
Salid hob den Fuß, um ihn auf die oberste Treppenstufe zu setzen, und im gleichen Sekundenbruchteil erscholl aus dem Erdgeschoß ein gedämpfter, abrupt wieder abbrechender Schrei. Salid erstarrte mitten in der Bewegung. Seine rechte Hand mit der Pistole schwenkte herum und in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war, und im gleichen Sekundenbruchteil, in dem sie nicht mehr auf das hintere Ende des Korridors zielte, flog dort eineTür auf, und ein geduckter Schatten sprang auf den Flur hinaus. Ein einzelner, peitschender Schuß fiel.
Salid ließ sich nach hinten fallen, hielt sic h aber weiter mit der linken Hand amTreppengeländer fest und nutzte die Hebelwirkung, um aus seinem Sturz einen komplizierten Drehschwung zu machen, bei dem seine Waffe sich wieder der Dunkelheit am Ende des Flures zuwandte. Er schoß, prallte schwer auf den Rücken und feuerte noch einmal, während er bereits herumrollte und den Schwung seiner eigenen Bewegung nutzte, um wieder auf die Füße zu kommen.
Noch während er aufsprang, feuerte er ein zweites Mal. Die Gestalt, die aus der Tür herausgesprungen war, wurde zurückund in die Höhe gerissen und prallte hilflos gegen die Wand, und noch während sie nach vorne kippte und schließlich zu Boden fiel, erschienen ein zweiter und dritter Schatten unter derTüröffnung.
Salid schrie irgend etwas, aber die Worte gingen im hämmernden Stakkato einer MPi-Salve unter. Alles geschah gleichzeitig, praktisch im selben Bruchteil einer Sekunde, aber zugleich schien die Zeit auch stehenzubleiben, als hätte sie sich auf magischem Wege geteilt, so daß Brenner auf der einen Seite überhaupt keine Zeit fand, auch nur richtig zu begreifen, was geschah, geschweige denn, irgendwie darauf zu reagieren, gleichzeitig aber auch mit brutaler Klarheit sah, was geschehen würde. Die MPi-Salve stanzte eine schnurgerade Reihe ovaler, rauchender Löcher in den Holzfußboden, verfehlte Salid um eine knappe Handbreite und raste mit phantastischer Geschwindigkeit weiter, Flammen und Rauch und Millionen winziger qualmender Holzsplitter wie eine bizarre Kielspur hinter sich herziehend. Sie lief mit tödlicher Präzision auf Brenner zu.
»Irgendwas stimmt nicht«, sagte Heidmann. Er schüttelte den Jackenärmel hoch und sah auf die Uhr. Vor gut fünf Minuten hatten sie Smith durchgegeben, daß das Hotel mit ziemlicher Sicherheit keine anderen Gäste hatte; zumindest nicht in den Zimmern, die sie mit dem Richtmikrofon erreichen konnten. Seither hatten sie nichts mehr von dem CIA-Mann und seiner Truppe gehört.
Und das würden sie auch nicht. Wenigstens nicht über Funk. Heidmann war noch nicht soweit, es auszusprechen, aber der Verdacht war nicht von der Hand zu weisen, daß er sich doch hatte täuschen lassen. Smith hatte niemals vorgehabt, ihn und seine Leute wirklich an dieser Aktion zu beteiligen.
»Soll ich sie noch einmal rufen?« fragte der Mann am Funkgerät.
Heidmann sah ihn eine Sekunde lang nachdenklich an, dann schüttelte er den Kopf. »Nein«, sagte er. »Wir gehen raus. Sie, Sie und Sie« – er deutete nacheinander auf drei der fünf uniformierten Beamten, die auf der schmalen Bank auf der anderen Seite des Wagens saßen, wobei er den jungen Polizisten, der so nervös an seiner Waffe herumgespielt hatte, bewußt ausließ – »kommen mit. Die anderen bleiben hier und warten auf den Einsatzbefehl.«
Während er die hintere Wagentür öffnete und in die Nacht hinaustrat, zog er seine Waffe. Es war kein angenehmes Gefühl. In mehr als fünfundzwanzig Dienstjahren hatte er die Pistole nur dreimal ziehen müssen, und nur einziges Mal, um wirklich zu schießen. Er hatte nicht einmal getroffen, aber es war trotzdem der entsetzlichste Moment in seinem Leben gewesen, sowohl vor-als auch hinterher, und er hatte nichts mehr gehofft, als es nie wieder tun zu müssen. Allein dafür, daß er nun gezwungen war, die Waffe wieder benutzen zu müssen und möglicherweise auf einen Menschen zu schießen und ihn zu töten! – , haßte er Smith.
Die drei Beamten verließen hinter ihm den Wagen und entsicherten ebenfalls ihre Waffen. Sie wirkten nervös; mehr, als Heidmann lieb war, aber er konnte sie verstehen. Ein weiterer Posten auf der länger werdenden Minusliste, die er für Agent Smith angelegt hatte: Seine Worte mochten als Warnung gedacht gewesen sein, aber alles, was er erreicht hatte, war, die Männer noch nervöser zu machen, als sie es ohnehin waren.
Heidmann sah sich aufmerksam um. Es war noch eine gute Stunde bis Sonnenaufgang, aber die Nacht war trotzdem nicht mehr so dunkel wie noch vorhin, als Smith und sein Kollege gekommen waren. Das Schwarz des Himmels war einem stumpfen Asphaltgrau gewichen, und wie oft in der Dämmerung war die Sicht jetzt schlechter als bei richtiger Dunkelheit. Das Hotel ragte als bedrohlicher Schatten auf der anderen Straßenseite in den Himmel, massiger, schwärzer und dunkler, als es aus dem Wageninneren heraus ausgesehen hatte. Nur hinter zwei Fenstern brannte Licht: hinter dem in der ersten Etage, auf die das Richtmikrofon und die Videokamera zielten, und einem schmalen Fenster im Erdgeschoß, gleich neben der Tür. Ihre Spionagetechnik – und eine entsprechende Anfrage auf dem Revier – hatte ihnen verraten, daß dort die Inhaberin des Hotels wohnte. Heidmann hoffte, daß sie tief und fest schlief. Er war mittlerweile ziemlich sicher, daß es in dieser NachtTote geben würde.
Er hatte seine Leute vorher instruiert, so daß keine weiteren Befehle notwendig waren. Sie bewegten sich ein gutes Stück in der entgegengesetzten Richtung vom Wagen und dem Hotel fort, ehe sie die Straße überquerten und sich dem Gebäude wieder näherten. Der tote Winkel aus dem Fenster im ersten Stock war nicht groß genug, um sie wirklich zu verbergen, aber vielleicht entgingen sie so doch einer zufälligen Entdeckung, falls Salid oder einer der beiden anderen einen beiläufigen Blick auf die Straße werfen sollten.
Die Kälte fiel Heidmann auf. Trotz der Jahreszeit war es in den letzten Tagen immer empfindlich kalt gewesen, aber nun war der Wind, der ihnen in die Gesichter schlug, geradezu eisig und zudem sehr viel heftiger als noch vor einer Stunde, als sie hier Stellung bezogen hatten. Obwohl die Straße auf der rechten Seite unbebaut war und es dort nur einige Bäume und spätwinterlich-blattloses Buschwerk gab, brach sich der Wind wimmernd an der Häuserfront zur Linken; ein Geräusch wie von Wölfen, die in der Nacht heulten.
Während sie sich dem Stundenhotel näherten, dachte Heidmann fast krampfhaft über sein weiteres Vorgehen nach. Er war mittlerweile davon überzeugt, daß Smith niemals vorgehabt hatte, mit ihm zu kooperieren, und das scheinbare Eingehen auf seine Forderung nur dem Zweck diente, einen unnötigen Streit zu vermeiden und ihn zu beruhigen, bis alles gelaufen war. Wahrscheinlich waren die CIA-Leute längst in Stellung gegangen, und vielleicht griffen sie in genau diesem Moment bereits zu.
Aber das war nur das, was Heidmann glaubte. Er war sich durchaus der Möglichkeit bewußt, daß er sich irrte. Wenn er vorschnell handelte und dadurch die ganze Aktion in Gefahr brachte …
Nein, darüber dachte er lieber nicht nach. Sein Instinkt sagte ihm, daß er recht hatte, und dieser Instinkt hatte ihn in dem vergangenen Vierteljahrhundert eigentlich nur sehr selten getrogen.
Sie erreichten das Hotel. Heidmann näherte sich mit klopfendem Herzen der Tür und versuchte, durch das buntfarbene Bleiglas des kleinen Fensters einen Blick nach drinnen zu werfen, sah aber nichts außer einer verzerrten Spiegelung seines eigenen Gesichts. Er preßte das Ohr gegen das Glas, lauschte. Stille.