Seine linke Hand glitt in die Manteltasche und zog das Funkgerät heraus. »Irgendwas von den Amerikanern?« fragte er, ohne sich zu melden oder Zeit mit irgendwelchem anderen Schnickschnack zu vertrödeln.
»Nichts«, dröhnte es aus dem Gerät. Heidmann fuhr erschrocken zusammen und drehte am Lautstärkeregler, so daß die nächsten Worte nur noch als rauschendes Flüstern zu vernehmen waren. »Soll ich sie noch einmal rufen?«
»Nein«, sagte Heidmann grimmig, verbesserte sich aber dann hastig. »Oder doch. Versuchen Sie es. Aber melden Sie sich nur, wenn sie sich melden.«
Er schaltete ab, steckte das Gerät wieder ein und sah sich nervös um. Die Straße war menschenleer und so verlassen, wie eine Straße in einem Gebiet nur sein konnte, das im Umkreis von drei Blocks abgeriegelt war. Nirgends rührte sich etwas. Selbst das Heulen des Windes hatte nachgelassen, und obwohl sich der Himmel jetzt zusehends aufhellte, schien es eher noch dunkler geworden zu sein. Und trotzdem hatte er das Gefühl, daß irgend etwas da war; eine Bewegung, die er nicht im einzelnen erkennen konnte, die es aber trotzdem gab. Etwas … Lebendiges war hier. Etwas, das nicht gut war. »Unsinn«, murmelte er. Ihm fiel zu spät auf, daß er das Wort laut ausgesprochen
hatte. Zwei der drei Beamten hinter ihm sahen ihn verwirrt und fragend an, während der Blick des dritten fast verbissen auf der Tür verharrte. Heidmann hinderte sich gerade noch im letzten Augenblick selbst daran, es noch schlimmer zu machen, indem er sich in ein verlegenes Lächeln flüchtete oder irgendeine entsprechende Bemerkung machte. Die Frage, was er als nächstes tun sollte, wurde allmählich brennend. Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, hierherzukommen. Indem er von sich aus die Initiative ergriff, zwang er sich auch, sie zu behalten. Er hatte einmal angefangen und konnte nun ohne triftigen Grund nicht mehr aufhören.
Heidmann legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. Der Himmel hing wie eine Decke aus geschmolzenem Blei über der Straße, tiefer und stumpfer, als er sein durfte, und trotzdem hatte Heidmann erneut dieses unheimliche Gefühl von Präsenz. Irgend etwas war hier, das nicht hier sein sollte. Diesmal sprach er den Gedanken nicht laut aus.
Heidmann wechselte die Pistole von der rechten in die linke Hand, streckte die Finger nach der Türklinke aus und drückte sie herunter. Sie bewegte sich nicht. Obwohl ihn dieser Umstand einerseits erleichterte, verschlimmerte er seine Bredouille eher noch. Sie kamen nicht ins Haus, ohne anzuklopfen oder gleich die Tür einzuschlagen – und beides würde diesen verrückten Massenmörder dort oben wahrscheinlich gleichermaßen alarmieren. Es war ein Fehler gewesen, herzukommen. Wo blieb Smith?
Er drehte sich halb herum und suchte die Straße ab. Der Wagen der Amerikaner stand dreißig oder vierzig Meter entfernt; vor einer halben Stunde noch weit genug, um vollkommen in der Dunkelheit zu verschwinden und unsichtbar zu bleiben. jetzt konnte er ihn als verschwommenen farblosen Schemen erkennen. Etwas bewegte sich dahinter. Smith?
Heidmann blinzelte. Die Bewegung war aber immer noch da, aber sie wurde nicht deutlicher. Auf jeden Fall war es kein Mensch. Es war überhaupt nichts, was er wirklich erkennen konnte, sondern etwas wie reine Bewegung, ohne den dazugehörigen Körper, der sie verursachte. Es war ein unheimlicher, bizarrer Anblick. Für einen ganz kurzen Moment glaubte er wirklich, eine Gestalt zu erkennen, aber wahrscheinlich sah er sie nur, weil er sie sehe n wollte. Er blinzelte erneut, und als er die Lider wieder hob, war die Gestalt verschwunden. Nur die Bewegung war noch da, und jetzt sogar sehr viel deutlicher – als wäre die Nacht selbst zu grauem quirlendem Leben erwacht, das sich rings um den Wagen herum konzentrierte. Etwas wie eine körperlose Woge aus Schwärze schien über dem Fahrzeug zusammenzuschlagen und es zu verschlingen.
Heidmann schloß noch einmal die Augen, preßte die Lider so fest zusammen, daß winzige bunte Lichtblitze auf seinen Netzhäuten erschienen, und als er sie wieder hob, waren die Schatten verschwunden. Natürlich. Sie waren niemals dagewesen. Nichts als Einbildung. Sein Nervenkostüm war wirklich nicht mehr das beste.
Er drehte sich wieder zurTür herum, und als er die Hand zum zweitenmal nach der Klinke ausstreckte, geschahen mehrere Dinge gleichzeitig: das Funkgerät in seiner Manteltasche gab ein raschelndes elektronisches Husten von sich. Die Dunkelheit rings um sie herum bekam auf unheimliche Weise Substanz und schien zu einer Mauer zu werden, die sie nun auch körperlich einschloß. Und aus dem Haus selbst erklang ein Schuß, fast unmittelbar gefolgt von einem Schrei und dem dumpfen Poltern eines Körpers, der zu Boden fiel.
Heidmann fluchte lauthals, warf sich mit aller Kraft gegen die Tür und fluchte gleich darauf noch viel lauter, als er vom Schwung seiner eigenen Bewegung zurückgeworfen wurde und um ein Haar das Gleichgewicht verlor. Der Schmerz trieb ihm dieTränen in die Augen. Seine Schulter fühlte sich an, als wäre sie gebrochen, aber die Tür hatte nicht einmal gezittert. Es war eine sehr alte, trotzdem aber sehr massive Tür, die vermutlich auch dem Ansturm von drei oder vier Männern zugleich standgehalten hätte.
Während Heidmann nun mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder näher humpelte und sich dabei die geprellte Schulter rieb, fielen im Haus erneut Schüsse; diesmal war es das härnmernde Stakkato einer Maschinenpistole, in das sich ein entsetzter Schrei mischte, der dann so plötzlich abbrach, daß dieses jähe Schweigen nur eine einzige Deutung zuließ.
Die MPi-Salve jagte mit unvorstellbarer Schnelligkeit auf ihn zu und würde ihn treffen, noch ehe er auch nur vollends den Entschluß fassen konnte, sich zur Seite zu werfen, aber auf einer zweiten, subjektiven Ebene hatte Brenner auch das Gefühl, die Zeit wäre stehengeblieben. Er konnte regelrecht spüren, wie die Befehle seines Gehirns durch sein Nervensystem rasten, ohne die geringste Chance, die Muskeln und Sehnen, an die sie gerichtet waren, jemals zu erreichen; geschweige denn, diese Befehle in Bewegung umzuwandeln, mit der er dem heraneilenden Tod ausweichen konnte. Ihm blieb sogar genügend Zeit, die Anzahl der rauchenden Krater zu schätzen, welche die Geschoßsalve in den Boden stanzen würde, bevor die vorletzte Kugel vermutlich seine Kniescheibe und die letzte seinen Brustkorb zerschmettern mußte: vier, allerhöchstens fünf.
Zwei, dann drei der großkalibrigen Geschosse rissen ovale, rauchende Löcher in den Holzfußboden, das vierte grub sich unmittelbar zwischen seinen Füßen ein. Der fünfte Schuß kam nicht.
Brenner registrierte gar nicht, daß die Zeit wieder zu ihrem normalen Ablauf zurückgefunden hatte. Er stand mit angehaltenem Atem da und wartete auf den entsetzlichen Schmerz, mit dem das dreitausend Stundenkilometer schnelle Projektil seinen Brustkorb zerschmettern würde, aber es fiel kein Schuß mehr. Statt dessen erscholl ein dumpfes Poltern, und einen Moment später ein reißendes Geräusch, wie es Brenner noch nie zuvor gehört hatte, das aber so entsetzlich war, daß er innerlich aufstöhnte. Es klang wie lebendiges Fleisch, das vom Knochen gerissen wurde.
» Brenner! Vorsicht! « Der Schrei und der kraftvolle Stoß, mit dem Johannes ihn zur Seite schleuderte, erfolgten gleichzeitig. Er wäre zu spät gekommen, um ihn aus der Bahn der MPi-Salve zu befördern, aber er ließ ihn nicht nur gegen die Wand taumeln, sondern riß ihn auch endgültig aus seiner Erstarrung. Noch während er fast verzweifelt um sein Gleichgewicht kämpfte, erfaßte er mit einem Blick die bizarre Szene am anderen Ende des Flures, aber er verstand nicht, was er sah.
Der Mann, der auf ihn geschossen hatte, hatte seine Waffe fallenlassen. Das war das Poltern gewesen, das er gehört hatte. Brenner hatte instinktiv angenommen, daß Salid auf den Angreifer geschossen und ihm so das Leben gerettet hätte, aber Salid wälzte sich am Boden und kämpfte gleichzeitig mit zwei Männern, wie es aussah, und seine eigene Waffe war davongeflogen und lag meterweit entfernt. Der Angreifer, der auf Brenner gefeuert hatte, stand noch unter der Tür des angrenzenden Zimmers und war nur als Schatten zu erkennen, aber Brenner konnte immerhin sehen, daß er die Hände vor das Gesicht geschlagen hatte. Etwas bewegte sich zwischen und unter seinen Fingern, und er hörte noch einmal jenes grauenhafte reißende Geräusch, nicht sehr laut, aber unablässig wie eineTonbandaufnahme von einer halben Sekunde Dauer, die sich ständig wiederholte. Plötzlich stieß der Mann einen gurgelnden Schrei aus und verschwand rückwärts taumelnd unter derTür. Aber bevor die Schatten ihn verschlangen, machte Brenner eine fürchterliche Beobachtung. Sie ergab keinen Sinn, aber etwas in ihm stellte eine Verbindung zu jenem fürchterlichen, reißenden Geräusch her, und er war nicht in der Lage, sich gegen diese Schlußfolgerung zu wehren. Etwas geschah mit den Händen des Mannes. Sie färbten sich von den Handgelenken zu den Fingerspitzen aufsteigend braun und einen Sekundenbruchteil später schwarz, und noch eine Winzigkeit später, gerade in jenem Sekundenbruchteil, in dem die Schatten des unbeleuchteten Zimmers den Mann verschlangen, vollzog sich der unheimliche Wechsel in umgekehrter Reihenfolge: die dunkle Farbe floß wieder in die hochgerissenen Ärmel zurück, aber sie schien das Fleisch mitzunehmen. Für einen unendlich kurzen Moment, gerade lange genug, um es zu erkennen, aber nicht sicher sein zu können, es wirklich zu sehen, hatte Brenner die schreckliche Vision, einen grinsenden Totenschädel zu erblicken, der von zwei hochgerissenen Skeletthänden bedeckt wurde.