»Zurück! Brenner – kommen Sie zurück! Verdammt, wollen Sie umgebracht werden?! «
Brenner war von dem Gesehenen viel zu schockiert, um auf die Worte zu reagieren. Hilflos stand er da und starrte die Tür an, hinter der jetzt wieder nichts als barmherzige Dunkelheit herrschte, aber zugleich sah er das schreckliche Bild noch immer, ein Anblick, der nichts anderes als eine fürchterliche Halluzination gewesen sein konnte, ohne daß ihm dieses Wissen irgend etwas von seiner entsetzlichen Wirkung nahm. Er hörte, daß Johannes abermals seinen Namen schrie, aber er war unfähig, darauf zu reagieren, auch nur irgend etwas zu tun. Schließlich packte ihn Johannes kurzerhand am Arm und zerrte ihn grob in das Zimmer zurück, aus dem sie gerade herausgekommen waren. Mit der linken Hand versetzte er Brenner einen Stoß, der ihn haltlos durch den winzigen Raum stolpern und wieder auf das Bett zurückfallen ließ, mit der anderen warf er die Tür ins Schloß.
Brenner rappelte sich mühsam hoch. Für einen Moment begann sich das Hotelzimmer vor seinen Augen zu drehen, so daß er sich hastig mit beiden Händen abstützte, um nicht gleich wieder nach vorne zu sinken. Er war nicht sicher, ob es sich bei diesem Schwindelanfall wirklich um eine neuerliche Nachwirkung der Medikamente handelte, oder vielleicht um etwas viel Schlimmeres. Er sah das furchtbare Bild noch immer. Er konnte tun, was er wollte, es blieb vor seinen Augen, als hätte es sich unauslöschlich in seine Netzhäute eingebrannt. Aber er konnte es nicht wirklich gesehen haben!
»Großer Gott!« stammelte Johannes. »Jesus Christus, was tun wir nur? Was. .. was geschieht hier nur?«
Brenner sah auf und blickte in das schreckensbleiche Gesicht des jungen Jesuiten. Johannes lehnte schweratmend an der Tür, wie um sie mit seinem Körpergewicht zu blockieren. Daß die papierdünne Spanplatte einer Pistolenkugel ungefähr so viel Widerstand entgegensetzen würde wie der Anzug, den er trug, schien er sich nicht vor Augen zu halten. Aber wahrscheinlich war das auch egal. Es spielte keine Rolle, ob jemand Johannes durch die Tür hindurch erschoß oder hereinkam, um es zu tun. Brenner begriff plötzlich, daß die vage Furcht, die er die ganze Zeit über gehabt hatte, nur zu berechtigt gewesen war. Salids Nähe allein reichte, um sie zum Tode zu verurteilen. Trotzdem sagte er müde:
»Gehen Sie von derTür weg.«
Johannes sah ihn eine halbe Sekunde lang verständnislos an, aber dann fuhr er erschrocken zusammen und trat hastig zwei Schritte weit ins Zimmer hinein. In seinen Augen flackerte noch immer die gleiche, kaum mit Worten zu beschreibende Furcht, die Brenner schon einmal darin gesehen hatte. Aber es war mit dieser Furcht wie mit seinem eigenen Schwindelgefühclass="underline" Er war nicht sicher, ob es wirklich die Angst vor dem Tod war, die er in Johannes' Blick las, oder vielleicht etwas viel Schlimmeres.
»Sie … sie haben auf Sie geschossen! « stammelte Johannes. »Großer Gott, beinahe … beinahe hätten sie Sie umgebracht! « »Falsch«, antwortete Brenner ruhig. »Sie haben auf uns geschossen, Johannes.« Er richtete sich behutsam auf und wartete auf einen neuerlichen Schwindelanfall, während er die Beine vom Bett schwang. Dann fügte er hinzu: »Und keineswegs aus Versehen.«
»Nicht aus …« Johannes riß ungläubig die Augen auf. »Wie meinen Sie das?«
Wenn man bedachte, daß Johannes gerade eben noch viel schneller und besser reagiert hatte als er selbst, dachte Brenner, stellte er sich jetzt ziemlich begriffsstutzig an. Vielleicht wollte er die Wahrheit nicht sehen. Er stand auf, ging an Johannes vorbei und streckte die Hand nach der Türklinke aus, hatte aber nicht den Mut, sie herunterzudrücken.
»Diese Männer sind nicht hier, um irgend jemanden zu verhaften«, sagte er. »Muß ich noch deutlicher werden?«
Bevor Johannes antworten konnte, wurde die Tür aufgerissen, und Salid stürmte herein. Er blutete aus einem fast finger
langen Riß auf der Stirn und hatte einige üble Prellungen im Gesicht, schien aber nicht ernsthaft verletzt zu sein. Er hatte seine Pistole wieder aufgehoben und in den Gürtel geschoben. In den Händen hielt er die MPi, die der Mann fallengelassen hatte, der auf Brenner geschossen hatte. Er schloß die Tür nicht hinter sich, so daß Brenner den Korridor bis zur Treppe hin deutlich überblicken konnte. Auf dem Boden lagen drei reglose Gestalten. Sämtliche Türen standen offen; wahrscheinlich hatte Salid die dahinterliegenden Zimmer kontrolliert, ehe er zurückkam.
»Das war knapp«, sagte er. »Ist einer von euch verletzt?« Brenner und Johannes schüttelten gleichzeitig die Köpfe, und Johannes fragte: »Was ist mit den Polizisten?«
»Das waren keine Polizisten«, antwortete Salid.
»Sie haben sie umgebracht«, behauptete Johannes. Seltsam aber Brenner hatte das ganz sichere Gefühl, daß die Empörung in seiner Stimme nur gespielt war; bestenfalls Gewohnheit.
»Den einen, der zuerst geschossen hat«, antwortete Salid zögernd. »Jedenfalls nehme ich es an. Die beiden anderen sind bewußtlos. Wir haben nicht viel Zeit.« Er sah sich hastig im Zimmer um. Obwohl er von allen hier vermutlich am besten wußte, wie aussichtslos ihre Situation war, war seinem Gesicht nicht die geringste Regung anzusehen.
»Worauf warten wir dann noch?« fragte Johannes. »Wir müssen hier raus! «
»Eine gute Idee, Hochwürden«, antwortete Salid spöttisch. »Wenn Sie uns jetzt auch noch verraten, wie …« Er machte eine Kopfbewegung zum Fenster hin. »Da draußen wimmelt es garantiert von Scharfschützen. «
Ein sonderbares Geräusch, das von draußen hereindrang und rasch an Lautstärke zunahm, hinderte ihn daran, weiterzureden. Brenner drehte sich stirnrunzelnd herum, sah einen Moment zum Fenster und ging dann an Johannes vorbei. Das Geräusch schwoll rasch weiter an und wurde jetzt so laut, daß es selbst hier drinnen fast jede Unterhaltung unmöglich machte, und Brenner erkannte es, noch ehe er die Gardinen zurückzog und den kantigen Schatten sah, der sich vor die Wolken geschoben hatte. Ein Helikopter. Sie fuhren schweres Geschütz auf. Offenbar war die Polizei – oder wer immer es war entschlossen, Salid kein weiteres Mal entkommen zu lassen.
»Gehen Sie vom Fenster weg! « schrie Salid über das Heulen des Hubschraubers hinweg. Brenner wollte dem Befehl nachkommen, aber in diesem Moment flammte unter dem Rumpf des Helikopters ein greller Scheinwerferstrahl auf, der jedoch nicht auf das Fenster zielte. Als Brenner sich ein Stück weit vorbeugte und das Gesicht gegen das Glas preßte, konnte er erkennen, daß er auf den Hauseingang gerichtet war.
»Aufbrechen!« befahl Heidmann.
Einer der drei Polizisten machte Anstalten, Heidmanns Beispiel zu folgen und sich gegen dieTür zu werfen, aber die beiden anderen hatten aus seinem Fehler gelernt; während der eine seinen Kollegen zurückhielt, visierte der zweite aus kaum einem Meter Abstand das Schloß an und drückte dreimal rasch hintereinander ab. Die Kugeln ließen Funken und rauchende Holzsplitter aus derTür fliegen. Wie durch ein kleines Wunder hielt sie selbst diesem Angriff stand, aber ein abschließender Fußtritt des Polizeibeamten sprengte sie endgültig auf. Sie flog krachend gegen die Wand und gab den Blick auf das Innere des Gebäudes frei.