Die Dunkelheit dahinter war fast vollkommen, aber was Heidmann nicht sah, das verriet ihm sein Gehör, und seine Phantasie erschuf die dazu passenden Bilder – lebhafter und sehr viel eindringlicher, als ihm lieb war. Aus dem oberen Stockwerk des Hotels drangen noch immer Schüsse, Schreie und der unverkennbare Lärm eines Kampfes, aber da waren noch andere Geräusche – Geräusche, die näher waren und nicht eindeutig zu identifizieren, aber dafür um so unheimlicher. Heidmann hörte ein seidiges Rascheln und Schleifen, ein Geräusch wie von Millionen winziger Knochensplitter, die auf eine Tischplatte aus Marmor fielen. Ein Wispern und Flüstern wie von fernen Stimmen im Wind und etwas, das wie ein Stöhnen klang. Nichts davon war laut. Die Geräusche hätten im Höllenlärm des Kampfes, der ein Stockwerk über ihnen tobte, einfach untergehen müssen, und trotzdem hörte er sie ganz deutlich; beinahe deutlicher als die Schüsse und Schreie von oben.
Einer der uniformierten Beamten wollte das Haus betreten, aber Heidmann hielt ihn mit einer hastigen Geste zurück. »Warten Sie! « sagte er. Zugleich bewegte er sich behutsam einen Schritt vor, ließ sich neben dem zersplittertenTürrahmen in die Hocke sinken und suchte die Dunkelheit jenseits des Durchgangs mit Blicken zu durchdringen. Er sah kaum etwas; nur Schatten und Umrisse, die vielleicht gar nicht da waren, aber es war der gleiche, unheimliche Effekt wie gerade draußen auf der Straße: Die Schwärze selbst schien lebendig geworden zu sein. Der Boden, die Wände, die Decke, ja, selbst die Dunkelheit dazwischen bewegten sich.
Was war los mit ihm? So sehr der unheimliche Effekt Heidmann auch erschreckte, war er sich doch die ganze Zeit über der Tatsache bewußt, daß er ihn nicht wirklich sah. Seine Nerven spielten ihm einen Streich. Aber das hätten sie nicht gedurft. Heidmann war im Laufe seiner fünfundzwanzig Dienstjahre mehr als einmal in Lebensgefahr gewesen – oder hatte es zumindest geglaubt – , oft genug jedenfalls, um Angst und Nervosität in allen Spielarten zu kennen. Etwas wie dies hatte er nie erlebt. Er war niemals in Panik geraten. Jetzt stand er kurz davor, und das nur, weil er ein paar Schatten sah, die er nicht deutlich erkennen konnte.
Die Schüsse aus dem Obergeschoß hielten immer noch an. Dort oben mußte eine regelrechte Schlacht im Gange sein. Heidmann begriff plötzlich, daß er schon zwei oder drei Sekunden reglos hier saß und in die Dunkelheit hineinstarrte und daß nicht nur die drei Männer in seiner Begleitung, sondern auch die drüben im Wagen sein Benehmen deutlich beobachten konnten. Er richtete sich wieder auf, streckte den Arm mit der Waffe in die Dunkelheit wie ein Blinder seinen Taststock und trat einen Schritt weit in den Flur hinein. Unter seinen Füßen knisterte es; ein Gefühl, als liefe er auf Erbsen
oder Popcorn, das unter dem Gewicht seinerTritte zerbrach.
»Smith! « rief er laut. »Sind Sie hier?«
Keine Antwort. Das Hämmern der Schüsse aus dem Obergeschoß hielt für einen Moment inne und schien dann doppelt laut weiterzugehen, aber seine Augen hatten sich nun auch an die veränderten Lichtverhältnisse hier drinnen gewöhnt. Er konnte seine Umgebung zumindest in Umrissen erkennen – ein schmaler Flur, der zu einer ebenso schmalen, steilen Treppe führte und hier unten drei Türen hatte, von denen eine offenstand. Dahinter brannte Licht. Sonderbarerweise erhellte der Schein nur den Türrahmen und fiel nicht in den Flur hinaus, aber Heidmann war nicht in dem Zustand, über dieses Phänomen nachzudenken. Er warf einen raschen Blick zurTreppe hinauf und kam zu dem Schluß, daß es glatter Selbstmord wäre, jetzt dort hinaufzugehen; die Frage war nicht ob, sondern von welcher Seite er erschossen wurde, wenn er das tat.
Er bedeutete seinen Männern mit einer wortlosen Geste, ihm zu folgen, wies dann auf die beiden geschlossenen und als letztes auf die offenstehende Tür. Sein unausgesprochener Befehl wurde präzise befolgt. Zwei der Polizeibeamten öffneten die Türen und verschwanden mit angeschlagenen Waffen in den dahinter liegenden Räumen, während der dritte an seine Seite trat.
Mit klopfendem Herzen näherte sich Heidmann der erleuchteten Tür. Er konnte einen schmalen Ausschnitt des dahinterliegenden Raumes erkennen; eine kleine, schäbige Küche mit billigen Möbeln und alten Tapeten, deren Muster sich vor seinen Augen zu bewegen schien. Auf dem Boden lag ein zerschlissener braunerTeppich.
Irgend etwas sagte ihm, daß er diesen Raum besser nicht betrat, und das Gefühl war so deutlich, daß er tatsächlich noch einmal zögerte, ehe er die Schwelle überschritt. Wäre er allein gewesen, hätte er vermutlich auf diese Warnung gehört.
»Smith?« rief er laut. »Smith – sind Sie hier? Kenneally?«
Er bekam keine Antwort, und diesmal hatte ihn sein Gefühl nicht getrogen. Heidmann trat mit einem entschlossenen Schritt vollends in den Raum hinein und sah zwei reglose Gestalten auf dem Boden liegen. Er erkannte sofort, daß sie tot waren, und er wußte auch sofort, um wen es sich handelte: Neben einer umgestürzten Aluminiumleiter unter dem Fenster lag eine grauhaarige Frau von vielleicht fünfzig oder sechzig Jahren, die in einen zerschlissenen Kittel gehüllt war und bei der es sich offensichtlich um die Besitzerin dieses Etablissements handelte. Der zweiteTote war Smith. Er lag unmittelbar hinter derTür auf dem Rücken und starrte aus weit aufgerissenen Augen gegen die Decke. Etwas stimmte nicht mit seinem Gesicht, aber Heidmann konnte im allerersten Moment nicht sagen, was.
Er verschwendete auch keinen zweiten Gedanken an diese Frage, sondern trat mit einem raschen Schritt über den Leichnam des Amerikaners weg und drehte sich zugleich einmal im Kreis. Die Waffe, die er nun mit beiden Händen hielt, machte die Bewegung getreulich mit, und sein Zeigefinger hatte den Abzug nun fast bis zum Druckpunkt durchgezogen. Ganz gleich, was er noch vor ein paar Minuten selbst gedacht hatte, er hätte geschossen, hätte sich Smith' Mörder noch im Raum aufgehalten.
Aber er war allein. Das Zimmer hatte keinen zweiten Ausgang, und die spärlichen Möbel boten kein Versteck, das groß genug gewesen wäre, einen Menschen zu verbergen. Wer immer den CIA-Mann umgebracht hatte, war nicht mehr da.
Heidmann ließ mit einem erleichterten Seufzer die Waffe sinken und drehte sich wieder zu Smith' reglosem Körper herum. Sein Blick streifte dabei das Gesicht des Polizeibeamten, der ihm gefolgt war. Der Mann stand in einer fast grotesken, mitten in der Bewegung erstarrten Haltung unter der Tür und starrte Smith an. Sein Gesicht hatte jede Farbe verloren, und die Augen quollen vor Entsetzen weit aus den Höhlen. Er zitterte am ganzen Leib.
Selbst angesichts ihrer prekären Situation erschien Heidmann dieses Verhalten zumindest ungewöhnlich. Anders als in amerikanischen Serienkrimis sahen echte Polizisten nicht jedenTagTote, aber sie sahen sie, und die meisten Unfallopfer boten einen weit schlimmeren Anblick als ein Ermordeter.
Heidmann wollte eine entsprechende Bemerkung machen, aber dann fiel sein Blick wieder auf Smith, und im gleichen Moment begriff er sowohl den Grund für das Entsetzen in den Augen des Polizeibeamten, als auch den für das vage Gefühl von Unrichtigkeit, das ihn quälte. Was nicht richtig war, war Smith' Gesicht.
Es war gar kein Gesicht. Es sah aus wie ein Gesicht, es ähnelte den kantigen Zügen des CIA-Beamten bis ins Detail, aber es war das dritte Mal, daß Heidmann das unheimliche Gefühl hatte, etwas wie reine Bewegung ohne den dazugehörigen Körper zu sehen. Diesmal hielt die Illusion nur einen Sekundenbruchteil an, ehe er erkannte, was sich da bewegte.
Smith Gesicht brodelte. Es wimmelte. Seine vierschrötige Physiognomie schien in Hunderte und Aberhunderte winziger, asymmetrischerTeile zerbrochen zu sein, die perfekt ineinander paßten, von denen sich aber jedes einzelne unabhängig von allen anderen ständig bewegte, so daß das ganze Gesicht zu kochen und sich unentwegt zugleich aufzulösen als auch wieder neu zu formen schien.