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Aber Insekten töteten auch normalerweise keine Menschen und nahmen dann die Stelle des Fleisches ein, das sie aufgefressen hatten …

Unendlich behutsam bewegte sich Heidmann weiter. Er hatte Angst, das Wunder selbst zu zerstören und die Tiere vielleicht durch eine unbedachte Bewegung zum Angriff zu reizen, aber seine schreckliche Eskorte rückte nicht näher. Der Kreis vollzog jede seiner Bewegungen getreulich nach, überflutete Smith' Skelett und eskortierte ihn zurTür und weiter hinaus auf den Flur.

Von den drei Polizeibeamten war keine Spur mehr zu sehen, aber Heidmann entdeckte auch keine Uniformfetzen oder Knochen. Dafür sah er etwas, das ihn fast noch mehr entsetzte: Aus irgendeinem Grund war es heller geworden, so daß er erkennen konnte, daß es auch hier draußen von Insekten wimmelte. Boden, Decke und Wände waren von einer brodelnden schwarzbraunen Schicht bedeckt, die mit jeder Sekunde noch weiter anzuwachsen schien.

Etwas berührte seinen Fuß; ein kaum spürbares, zaghaftes Zupfen, das er unter normalen Umständen kaum registriert

hätte. Jetzt aber waren alle seine Nerven bis zum Zerreißen angespannt, und er sah, hörte und fühlte zehnmal besser als sonst. Erschrocken senkte er den Blick – und prallte mit einem keuchenden Schrei zurück.

Er war stehengeblieben, nachdem er das Zimmer verlassen hatte, das zu Smith' Grab geworden war, aber der Kreis aus Insekten bewegte sich weiter; nicht einmal sehr schnell, aber unerbittlich. Die Bedeutung dieser Geste war klar: VERSCHWINDE! Sie war so deutlich, daß er das Wort regelrecht zu hören glaubte.

Heidmann fuhr herum und rannte schreiend auf den Ausgang zu. Der lebende Teppich teilte sich vor ihm aber nicht schnell genug, unter seinen Füßen wurden Hunderte der winzigenTiere zermalmt, so daß sich schon nach wenigen Schritten eine schmierige Schicht unter seinen Schuhsohlen bildete, auf der er auszugleiten drohte. Mehr taumelnd als rennend erreichte er die Tür, prallte ungeschickt dagegen und schaffte es erst beim zweiten Versuch, sie zu öffnen.

Als er auf die Straße hinauslief, fiel ein greller Scheinwerferstrahl in sein Gesicht. Eine Lautsprecherstimme schrie etwas, das er nicht verstand, denn unmittelbar über dem Haus kreiste mittlerweile ein Helikopter, dessen wirbelnde Rotoren einen heulenden Miniaturorkan entfachten. Das Licht war so grell, daß Heidmann instinktiv stehenblieb, sich duckte und schützend die rechte Hand vor die Augen riß. Er hatte vergessen, daß er noch immer die Pistole darin trug.

Eine ganze Salve von Schüssen fiel. Das Heulen der Hubschrauberturbine verschlang jedes Geräusch, aber zwischen den Büschen auf der anderen Straßenseite stachen plötzlich mehr als ein Dutzend winziger, orange-weißer Flämmchen hervor. Praktisch im gleichen Augenblick zerplatzte die Fensterscheibe neben ihm und aus dem Mauerwerk zu beiden Seiten der Tür stoben Funken.

Mehrere Dinge geschahen gleichzeitig: In der Fensterscheibe unmittelbar neben Brenners Gesicht erschien ein daumen

nagelgroßes, rundes Loch mit milchig zersplitterten Rändern, dann fiel die gesamte Scheibe wie in Zeitlupe zusammen, und ein heulender, unglaublich kalter Wind schlug Brenner ins Gesicht. Er hatte den Schuß nicht einmal gehört, ebensowenig wie den zweiten, aber er konnte die Kugel deutlich spüren, die ihn um wenige Zentimeter verfehlte, ehe sie sich auf der anderen Seite des Zimmers in die Wand grub. Salid schrie ihm eine weitere Warnung zu, aber er stand noch immer wie gelähmt da. Genau wie gerade eben draußen auf dem Flur wußte er genau, daß er sterben würde, wenn er sich nicht bewegte, und genau wie gerade konnte er es einfach nicht.

Vielleicht war es auch gut so, denn sonst hätten weder er noch Salid gesehen, was sich in diesem Augenblick unten auf der Straße abspielte. Noch während Salid auf ihn zusprang, um ihn vom Fenster wegzuzerren, wurde die Tür unter ihnen aufgerissen, und eine Gestalt in einem hellen Trenchcoat stolperte aus dem Haus. Sofort richtete sich der Scheinwerferstrahl direkt auf den Mann, der noch zwei, drei Schritte weitertaumelte und instinktiv die Hände vor das Gesicht riß.

Aus den Schatten auf der anderen Straßenseite stach grelles Mündungsfeuer. Die Gestalt wurde getroffen und zurückgeworfen, und im gleichen Moment fühlte sich auch Brenner von starken Händen gepackt und so wuchtig zu Boden geschleudert, daß ihm die Luft wegblieb. Dort, wo er gerade noch gestanden hatte, stoben plötzlich Holzsplitter und grauer Qualm aus dem Fensterrahmen.

»Untenbleiben! « Salid zerrte ihn grob an der Schulter mit sich, bis sie das Bett zwischen sich und das Fenster gebracht hatten, erst dann richtete er sich auf Hände und Knie hoch und gestattete auch Brenner, sich aufzusetzen.

»Sind Sie verrückt geworden?« schrie er. »Was sollte das? Wollen Sie sterben?«

»Sie … sie haben ihn einfach erschossen! « murmelte Brenner. »Es war einer von ihnen! Sie haben nicht einmal abgewartet, bis sie ihn erkennen konnten! «

Plötzlich erstrahlte das Zimmer in grellweißer Helligkeit, und gleichzeitig steigerte sich der Sturm, der durch das zerborstene Fenster hereinfauchte, zu einem tobenden Orkan. Der Helikopter näherte sich dem Haus.

»Raus hier!« schrie Salid. »Schnell!«

Brenner las die Worte nur von seinen Lippen ab; das Heulen der Rotorblätter verschlang jedes andere Geräusch. Aber er sah, wie die dem Fenster gegenüber liegende Wand plötzlich in einer weißgrauen Staubexplosion verschwand. Etwas traf das Bett hinter ihm und ließ es wie unter Faustschlägen erzittern, und wirbelnde weiße Federn mischten sich in die Staubwolke. Salid versetzte ihm einen Stoß, der ihn fast bis auf den Flur hinaus schlittern ließ, folgte ihm mit einem regelrechten Hechtsprung und robbte auf Händen und Knien bis zur nächsten Tür auf der gegenüber liegenden Seite. Erst dort richtete er sich wieder auf und gestikulierte Johannes und ihm hastig zu, ihm nachzukommen. Als Brenner ihm folgte und dabei einen Blick über die Schulter zurückwarf, sah er, wie die lautlose Zerstörung sich über das gesamte Zimmer ausbreitete, in dem sie gerade noch gewesen waren: das Waschbecken neben der Tür explodierte in Millionen Bruchstücke, dann zerbarsten das Bett und die übrigen Möbelstücke. So völlig absurd der Gedanke auch Brenner selbst erschien, es gab nur eine einzige Erklärung dafür: Irgend jemand feuerte mit einem Maschinengewehr durch das Fenster herein; wahrscheinlich aus dem Helikopter, der nun unmittelbar vor dem Haus schwebte.

Salid mußte ihn erneut am Arm packen und unsanft zu sich heranzerren, ersparte sich aber diesmal jeden Kommentar, sondern warf nur die Tür ins Schloß und eilte dann mit zwei gewaltigen Schritten zum Fenster. Nachdem er sich mit einem raschen Blick davon überzeugt hatte, daß von dort keine unmittelbare Gefahr drohte, drehte er sich wieder zu Brenner und Johannes herum und sah sie nacheinander und kopfschüttelnd an. »Hört mir zu«, sagte er. »Ich bringe euch hier heraus, aber das geht nur, wenn ihr tut, was ich sage. Keine Extratouren und keine Fragen. Die Jungs da draußen meinen es ernst! «

Brenner hatte das unangenehme Gefühl, daß diese Worte im Grunde nur ihm galten, aber es war Johannes, der antwortete:

»Aber das ist doch … Wahnsinn! « stammelte er. »Sie können nicht einfach auf uns schießen. Wir haben nichts getan! « »Ich fürchte, das interessiert die Männer dort draußen nicht«, erwiderte Salid ernst.

»Aber das kann nicht sein! « antwortete Johannes. Seine Stimme zitterte und war schrill und mißtönend. Er war kurz davor, in Panik auszubrechen. »Wir haben nichts damit zu tun! Wir sind nur – «

»Unschuldige?« Salid lachte hart. »Gerade Sie sollten doch wissen, daß es so etwas wie Unschuld nicht gibt. «

»Hören Sie auf! « keuchte Johannes. Er trat auf Salid zu und hob die Hände, als wolle er sich auf ihn stürzen. »Wir haben mit dem Ganzen nichts zu tun! Sie jagen Sie, aber nicht uns! «

»Sind Sie sicher?« fragte Salid leise.

Johannes starrte ihn an. »Was … was meinen Sie damit?« »Vielleicht wissen wir alle drei schon zuviel«, erwiderte Salid. Er schwieg einen Moment, und als er weitersprach, war seine Stimme hörbar leiser geworden. »Verzeihen Sie. Ich … rede wahrscheinlich Unsinn. Es tut mir leid, daß ich Sie in diese Situation gebracht habe. Ich würde mich stellen, wenn ich genau wüßte, daß ich Sie und Brenner damit rette, aber ich fürchte, das würde nichts nutzen.« Er machte eine Handbewegung zurTür hin. »Sie haben gesehen, was passiert ist.« Johannes' Lippen begannen zu beben. Seine Augen wurden noch größer. Sie waren jetzt fast schwarz vor Furcht. »Sie … Sie meinen – «