»Er meint, daß die Männer dort draußen dafür sorgen werden, daß keiner von uns das Haus lebend verläßt«, unterbrach ihn Brenner. Er hatte nicht die Kraft, Johannes bei diesen Worten direkt anzusehen, aber er las in Salids Augen, daß er der Wahrheit damit wohl ziemlich nahe gekommen war.
»Warum?« fragte er.
Salid sah ihn für die Dauer eines langen Atemzuges schweigend und mit einer Mischung ausTrauer und Ernst an.
Er drehte sich zum Fenster und warf einen sichernden Blick nach draußen, ehe er antwortete.
»Ein amerikanischer CIA-Agent, der mir seit langem auf der Spur ist. Ich kenne nicht einmal seinen Namen. Er hat die Leute aufgehetzt.«
»Unsinn!« sagte Brenner. Er gestikulierte fast wütend in Richtung des Fensters. »Was geht dort draußen vor, Salid? Wer sind diese Männer? Warum jagen sie Sie wirklich?«
»Haben Sie keine Nachrichten gehört?« fragte Salid. »Die Katastrophe vor drei Tagen war meine Schuld. Wenigstens ist das die offizielle Version.«
»Und was war es?«
»Ein harmloses Glasröhrchen mit einer farblosen Flüssigkeit in einem angeblich drucksicheren Behälter, aus dem Safe einer geheimen amerikanischen Airforce-Basis«, erklärte Salid. »Der Behälter muß mit dem Kloster in die Luft gegangen sein. Ein Zeug, wie es die Amerikaner nach eigenen Angaben überhaupt nicht besitzen.«
»Das ist kein Grund, hier einen Krieg vom Zaun zu brechen«, behauptete Brenner. »Mein Gott, wir sind hier nicht im Wilden Westen! Sie schießen mit Maschinengewehren! Sie … sie fliegen einen Hubschrauberangriff auf ein Wohnhaus, mitten in einer Großstadt! «
Zu seiner Verblüffung lächelte Salid. »Oh, ich verstehe«, sagte er. »Sie meinen, nicht einmal die CIA würde es wagen, so etwas zu tun? Aus Angst vor diplomatischen Verwicklungen?« Er lachte. Umständlich legte er die Maschinenpistole auf das Bett, griff in die Innentasche seiner Jacke und zog drei eng zusammengefaltete, schreibmaschinenbeschriftete Blätter heraus, die offensichtlich roh aus einem Hefter herausgerissen worden waren, denn ihre linke Kante war ausgefranst. Brenner konnte den Text nicht identifizieren, aber er hätte schon so gut wie blind sein müssen, um den leuchtendroten diagonalen Streifen und den grellen Aufdruck TOP SECRET darin zu übersehen.
»Sie würden noch ganz andere Dinge riskieren als ein paar diplomatische Konsequenzen, um zu verhindern, daß das hier an die Öffentlichkeit dringt«, sagte Salid.
»Wieso?« fragte Johannes. Er wollte nach den Blättern greifen, aber Salid zog rasch die Hand zurück und griff erneut in die Jackentasche. Diesmal zog er ein Feuerzeug hervor.
»Der Beweis«, antwortete er. »Der Grund, aus dem ich in Ihr kaltes Land gekommen bin. Diese drei harmlosen Blätter würden ausreichen, um einen Krieg auszulösen, glauben Sie mir.«
»Was steht darauf?« fragte Johannes.
Salid schüttelte den Kopf. »Es ist besser, wenn Sie das nicht zu genau wissen.« Und damit ließ er das Feuerzeug aufschnappen und hielt die Flamme an die Blätter. Das Papier kräuselte sich und wurde braun, fing aber nicht sofort Feuer, so daß Salid seinen Versuch insgesamt dreimal wiederholen mußte, ehe die Blätter mit gelben, heftig rußenden Flämmchen zu brennen begannen. Ein beißender Gestank nach schmorendem Kunststoff begann sich im Zimmer auszubreiten.
»Warum tun Sie das?« fragte Brenner verblüfft.
Salid wedelte mit den brennenden Papieren, um den Flammen mehr Sauerstoff zuzuführen. »Weil es keine Rolle mehr spielt«, sagte er. »Nichts spielt mehr eine Rolle, wenn wir das nicht aufhalten, was aus dem Kloster entkommen ist. «
Er wartete, bis die Flammen fast seine Finger versengten, dann ging er zum Waschbecken und ließ die brennenden Papierstücke hineinfallen. Der Gestank nach brennendem Kunststoff war so intensiv geworden, daß Brenner husten mußte.
»Es wird nichts nutzen«, sagte Brenner leise. »Wenn diese Papiere wirklich so brisant sind, wie Sie behaupten, dann – « »reicht allein der Verdacht aus, Sie könnten ihren Inhalt kennen, um Sie auch aus dem Weg zu räumen«, fiel ihm Salid ins Wort. »Ich weiß. Und es tut mir leid. Aber ich kann es nicht ändern. Ich kann nur versuchen, Sie einigermaßen heil hier herauszubringen. «
»Hier herausbringen?« Johannes schrie fast. »Da draußen wartet eine ganze Armee auf uns! Sie haben gesehen, was passiert ist. Sie schießen auf ihre eigenen Leute! Wir sind tot, sobald wir das Haus verlassen! «
»Ich weiß«, antwortete Salid. »Aber ich habe auch nicht vor, etwas so Dummes zu tun. «
»Sondern?« fragte Johannes verblüfft.
Salid nahm seine Waffe wieder vom Bett auf. Mit einer routinierten Bewegung zog er das Magazin heraus, kontrollierte es und schob es wieder an seinen Platz. »Wir werden auf sie warten«, sagte er. »Hier.«
Heidmann erwachte, als sie die Trage in den Krankenwagen hoben. Er hatte entsetzliche Schmerzen, aber obwohl sein erster Gedanke pures Entsetzen über den Umstand war, aus der barmherzigen dunklen Umarmung der Bewußtlosigkeit wieder zurück in diese Hölle aus Qual und Pein geschleudert worden zu sein, begriff er fast im gleichen Moment doch noch etwas anderes, viel Schlimmeres: Jeder einzelne Nerv in seinem Körper schien in Flammen zu stehen. Er verspürte eine Qual, die er sich bisher nicht einmal hatte vorstellen können, aber nur bis zur Brust hinab. Der Schmerz hörte unmittelbar unterhalb seines Herzens schlagartig auf – nein, nicht schlagartig: wie abgeschnitten.
Er wußte sofort, was das bedeutete.
Obwohl er Höllenqualen litt, arbeiteten seine Gedanken doch mit einer selten gekannten Schärfe. Zwei der Kugeln hatten ihn getroffen: Die erste hatte ihm die Waffe aus der Hand geprellt und gleich noch das letzte Glied des kleinen Fingers mitgenommen. Die zweite hatte seinen Brustkorb dicht unterhalb des Herzens durchschlagen und war in seinem Rückgrat steckengeblieben.
Er erinnerte sich auch an alles, jedes noch so winzige Detail, jeden einzelnen Gedanken, der ihm durch den Kopf geschossen war, während er sich drüben im Haus aufgehalten hatte, und er wußte mit unerschütterlicher Sicherheit, daß dies alles wirklich geschehen war; der Gedanke, es als Halluzination abzutun, war verlockend, aber er wollte sich nicht einstellen. Auch wenn es gegen jede Logik war, gegen alles, was er jemals zu wissen geglaubt und gelernt hatte – es war geschehen.
Er öffnete die Augen. Im ersten Moment sah er nichts als rote Nebel, dann gerannen sie zu einem verschwommenen Bild, das nach einer weiteren Sekunde etwas klarer wurde, wenn auch nicht richtig. Er blickte in ein blasses Gesicht unter schweißverklebtem dunklem Haar, das sich tief über ihn beugte. Die signalrote Jacke und die geschickten, kundigen Bewegungen, mit denen sich der Mann an ihm zu schaffen machte, identifizierten ihn als Arzt. Er wirkte fast erschrocken, als Heidmann die Augen öffnete und ihn ansah, aber der Ausdruck machte schon nach einer Sekunde dem vorsichtiger Erleichterung Platz.
»Sie sind wach«, sagte er. »Das ist sehr gut. Sie dürfen sich nicht bewegen, haben Sie das verstanden?«
Heidmann wollte antworten, aber der Arzt hob rasch die Hand und machte eine verneinende, warnende Geste. Wersuchen Sie nicht, zu reden. Geben Sie mir ein Zeichen mit den Augen, wenn Sie mir antworten wollen.«
Heidmann senkte die Lider, und ein flüchtiges, rasch vergängliches Lächeln huschte über die Züge des Arztes. »Haben Sie Schmerzen?« fragte er.
Heidmann blinzelte zur Antwort. Der Arzt drehte den Kopf und sagte etwas zu jemandem, den Heidmann von seiner Position auf der Liege aus nicht sehen konnte, dann nahm er eine Schere und begann zuerst, Heidmanns Mantel, dann seine Jackenärmel aufzuschneiden. »Ich werde Ihnen etwas gegen die Schmerzen geben«, sagte er. »Aber es ist wichtig, daß Sie wach bleiben. Und Sie dürfen sich nicht bewegen, unter gar keinen Umständen. Haben Sie das verstanden.«